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Lesenlernen fängt nicht erst in der Schule an

Die richtige Förderung für kleine Lesemuffel

Die sechsjährige Paula geht seit fünf Wochen in die erste Klasse einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Sie kann nach dieser Zeit bereits ihre ersten Wörter lesen. Der fast achtjährige Tom geht seit Schuljahresbeginn in die zweite Klasse einer Hamburger Grundschule und zieht beim Lesen noch immer mühsam die Silben zu Wörtern zusammen. Am Ende des Satzes weiß er nicht, was dieser ihm eigentlich sagen wollte. Der sogenannte Schrift-Spracherwerb verläuft bei Grundschulkindern in ganz unterschiedlichem Tempo.

Grundschülerin an der Tafel

Warum das so ist? Um diese Frage zu beantworten, da sind sich die Experten für Erstlesedidaktik weitgehend einig, müsse man einen Blick zurück werfen. Denn das Lesen- und Schreibenlernen beginnt lange vor dem Erlesen erster Wörter. Hat ein Kind in seiner Entwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter ein grundlegendes Symbolverständnis erworben, so die Hamburger Professorin für Grundschulpädagogik Claudia Osburg, könne es später auch begreifen, dass Buchstaben Symbole für Sprache sind. Für Kinder ohne diese Fertigkeit ist Lesen- und Schreibenlernen zwar möglich, aber sehr mühsam.

Doch nicht nur fehlende kognitive Fähigkeiten können einem Kind das Lesen- und Schreibenlernen zur Qual machen. Häufig, so Osburg, fehle betroffenen Kindern schlicht und ergreifend ein ausreichender Wortschatz. So ist der Satz „Der Strauß lebt in der Sahara“ für einige Leseanfänger deshalb so schwer zu lesen, weil sie den Sinn der Wörter in diesem Zusammenhang nicht kennen. Die Lesetechnik, also das Zusammenziehen der Buchstaben zu Wörtern und der Wörter zu Sätzen, kann schon vorhanden sein. Sie hilft aber denjenigen Kindern nicht, die noch nie gehört haben, dass der „Strauß“ nicht nur ein Blumengebinde, sondern auch ein Vogel aus Afrika ist, und die auch noch nie von einem Ort namens "Sahara" gehört haben.

Lesen muss Sinn machen

„Lesen ist Sinnerwartung“, so Osburg. Wird diese Erwartung besonders bei Erstlesern, in deren Familien es keine Bücher gibt, immer wieder enttäuscht, sei die Motivation schnell dahin. Leseförderung, davon ist auch die Grundschullehrerin Christina Prinz überzeugt, beginnt beim Vorlesen zu Hause und dem Einsatz von Büchern im Kindergarten. Nur wenn Kinder Bücher als einen wichtigen Teil ihres Alltags kennen lernen, wenn sie Geschichten vorgelesen bekommen, sich gemeinsam mit Erwachsenen Bilderbücher anschauen und gelobt werden, wenn sie im Vorschulalter bereits stolz ihren Namen zu Papier bringen können, werden aus Kindern Leser, ist sich die Pädagogin sicher.

Das Bestreben der aktuellen Bildungspolitik, möglichst viele Kinder möglichst früh in Krippe und Kita zu fördern, ist vor diesem Hintergrund sinnvoll. Kinder aus Familien, die ihrem Nachwuchs keinen vielfältigen Wortschatz und keine Buchkultur nahebringen können, werden von einer qualitativ hochwertigen Betreuung besonders profitieren. Voraussetzung ist, dass die frühe Sprach- und damit Leseförderung in engagierten, personell ausreichend ausgestatteten Betreuungseinrichtungen stattfindet. Das ist leider heute noch keine Selbstverständlichkeit: „Wir können in der ersten Klasse sehr gut sehen, aus welchem Kindergarten die Schulanfänger kommen“, so Prinz. „Die Vorkenntnisse sind je nach besuchtem Kindergarten sehr unterschiedlich.“

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von wissen.de-Autorin Sandra Hermes
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