Lexikon
Handlungstheorie
eine Theorie, die auf der Basis empirisch überprüfbarer Aussagen konkretes menschliches Handeln zu erklären versucht. Gefragt wird nach den Gesetzmäßigkeiten und Regeln, die tatsächliches Verhalten von Menschen in bestimmten Situationen prägen, aber auch nach Handlungsspielräumen, nach den Chancen und Voraussetzungen für die Einführung wirtschaftlicher und sozialer Neuerungen. So wird einmal ein verhaltenstheoretisches Kontrastprogramm zur Rationaltheorie gefordert (G. Schmölders), daneben eine sozialwissenschaftliche Integration der zahlreichen Wissenschaften vom Menschen (H. Albert). Außerdem wird auf die dem Menschen eigenen Handlungsbeschränkungen aufmerksam gemacht und eine Theorie der Evolution menschlicher Gesellschaften entfaltet, die auf die Bedeutung von Verhaltensregeln für den Aufstieg einer offenen Gesellschaft verweist (F. A. von Hayek). Betont wird generell – wie bereits bei A. Smith – die Notwendigkeit einer Analyse des „Alltagsverhaltens“ und der damit verbundenen Moralvorstellungen. All diese Anregungen haben in Verbindung mit dem Ausbau der Entscheidungstheorie dazu geführt, dass gelegentlich von einer verhaltenstheoretischen Revolution in den Sozialwissenschaften gesprochen wird.
In den verschiedenen Handlungsmodellen sind die Schwerpunkte uneinheitlich gesetzt. Die Beschreibung sozialen Agierens orientiert sich an den Grundbegriffen Handlungsziel, Handlungsbedingung, Handlungsnorm und Handlungskoordination bzw. -interpretation. Dabei kommt die rein zweckgerichtete Handlungstheorie, die in erster Linie die Effektivität im Gebrauch von Handlungsmitteln hinsichtlich eines Handlungszieles untersucht, besonders in den Wirtschaftswissenschaften zum Tragen. In der Systemtheorie von T. Parsons sowie in der sozialpsychologisch orientierten Rollentheorie interessierte vor allem der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Normen und menschlichem Handeln. Die Verarbeitung interaktionistischer und sprechakttheoretischer Ansätze führte dazu, dass die Handlungstheorie sich der Funktion der Sprache als Mittel der Handlungskoordination und -interpretation zuwandte.
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