Lexikon

Nationenbildung

englisch nation-building; Bezeichnung für einen sozio-politischen Prozess der Herausbildung einer Gemeinschaft mit verbindenden Identitätsmerkmalen kultureller, sprachlicher und anderweitiger ethnischer Prägung, der üblicherweise in die Schaffung staatlicher Strukturen (Nationalstaat) mündet. Damit verbunden ist die Etablierung gemeinsamer nationaler Symbole (Flagge, Hymne) und weiterer identitätsstiftender gesellschaftlich-politischer Akte der nationalen Eliten.
In der Praxis sind Prozesse der Nationenbildung in der Geschichte zumeist schwierig und gewaltsam verlaufen. Das gilt für die Entstehung von Nationalstaaten in Europa seit der Frühen Neuzeit als auch für die Herausbildung neuer nationalstaatlicher Einheiten in jüngerer Zeit. Im 20 Jahrhundert sind mehrere Wellen der Nationenbildung zu unterscheiden: Nach dem Zerfall der Vielvölkerstaaten in der Folge des 1. Weltkriegs entstanden in Europa neue Nationalstaaten (z. B. Jugoslawien, Tschechoslowakei). In der Dritten Welt erlangten nach dem 2. Weltkrieg und dem Zerfall der Kolonialreiche viele künstlich geschaffene Gebiete die Eigenständigkeit als Nationalstaaten, ohne über eine gemeinsame nationale Identität zu verfügen (multiethnische Staaten). Nach Ende des Ost-West-Konflikt 1989/90 zerfielen Vielvölkerstaaten (Sowjetunion, Jugoslawien, Tschechoslowakei) aufgrund dynamischer Prozesse der Nationenbildung in ihrem Inneren. Die internationale Staatengemeinschaft startete den Versuch, nach eigenen militärischen Interventionen solche Prozesse von außen zu fördern (Bosnien-Herzegowina, Kosovo).
Dahinter steht die Erkenntnis, dass Staatszerfall und instabile Identitäten für das regionale Umfeld oder die gesamte Staatengemeinschaft zur Gefahr werden können. Hierin wird der normative Anspruch der Nationenbildung als wichtiger Beitrag zu Stabilität und Wohlstand der Staatengemeinschaft deutlich, der jedoch seinerseits die Gefahr des militärischen Interventionismus erhöht. Von der Nationenbildung zu unterscheiden ist die Staatenbildung (englisch state-building), bei der der Schwerpunkt auf formalen Aspekten der Schaffung funktionierender staatlicher Strukturen sowie der institutionellen Stabilisierung liegt. Staatenbildung ohne Nationenbildung gilt jedoch als wenig aussichtsreich, da dann notwendige identitätsstiftende Stabilisierungs- und Ausgleichsmechanismen fehlen.
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