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Le savoir-vivre - Die französische Lebensart

Orangeriehof von Versailles
Versailles gilt als Paradebeispiel französisch-gehobener Lebensart.
Le savoir-vivre ist die Kunst, das Leben zu genießen. Franzosen gelten weit über die Grenzen hinaus als Lebenskünstler, Genießer und Kenner gehobener Lebensart. Das geflügelte Wort reicht bis zu den Lebzeiten Ludwig XIV (1638-1715) zurück, der  das Schloss Versailles in ein unvergleichlich märchenhaftes Anwesen verwandelte.

Versailles ist ein Paradebeispiel französisch-gehobener Lebensart und zeigt die Kunst des savoir-vivre in Stein manifestiert. Ein Besuch dieser Sehenswürdigkeit ist für kunst-, kultur- und geschichtsinteressierte Touristen lohnenswert. Ludwig XIV. steht wie kein zweiter für die genussvolle, bejahende Lebensweise der Franzosen. Doch ist diese Sichtweise stimmig?  Oder hat sich das Verhalten, die Lebensweise der Franzosen inzwischen gewandelt? Der Beitrag beleuchtet die Gastgeber der kommenden Europameisterschaft unter diesem Aspekt etwas genauer.

Eiffelturm
Als höchstes Bauwerk von Paris prägt der Eiffelturm das Stadtbild bis heute.
Verschiedene Kulturen – verschiedene Lebensarten

Blicken wir auf den Alltag der Franzosen, zeigt sich schnell, dass le savoir-vivre nicht für alle zu gelten scheint. Der Film „Willkommen bei den Sch´tis“ beschäftigt sich intensiv mit den Vorurteilen, denen sich Franzosen gegenübersehen – und zwar auch im eigenen Land. So spielt in dem Film, der inzwischen zum erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten avanciert ist, ein südfranzösischer Postbeamter namens Philipe eine Hauptrolle. Er verkörpert die gehobene Mittelklasse, die guten Wein zu schätzen weiß und sich kultiviert unterhält. Philippe wird nach Nordfrankreich zu den „Barbaren“ strafversetzt, die er für unfreundlich, unkultiviert, ruppig und ein bisschen zurückgeblieben hält. Aus diesem Gegensatz entspinnen sich sarkastische, komische und ernsthafte Dialoge, die kulturelle und sprachliche Gegensätze sowie charakterliche Eigenschaften der Figuren scharf herausarbeiten. Am Ende wird klar, dass unterschiedliche Lebenskulturen in Frankreich herrschen, geprägt von den Anforderungen des individuellen Alltags und den regionalen sowie sozio-politischen Gegebenheiten. Unterm Strich stellt sich heraus, dass jeder Franzose auf seine ganz eigene Art etwas vom savoir-vivre versteht, im Norden, wie im Süden. Das verbindet die Nation und hält sie zusammen.

Als Tourist auf den Spuren des savoir-vivre

Als Tourist ist es nicht einfach, dem Geheimnis der französischen Lebensart auf die Spur zu kommen, denn im Urlaub bleiben viele unter sich oder bewegen sich im relativ engen Radius um ihren Hotelstandort. Eine gute Gelegenheit, mit Franzosen auf Tuchfühlung zu gehen und Ihre Lebensweise zu entdecken, ist die anstehende EM. Unzählige französische Fußballfans werden in die Stadien pilgern und ihr Team lauthals mit dem traditionellen Ausruf „allez les bleus“ anfeuern. Auch darin drückt sich die typisch lebensbejahende Haltung der Franzosen aus. In insgesamt 10 Städten werden die Spiele ausgetragen. Zeit genug, die unterschiedlichen Kulturen und Lebensarten der Franzosen kennenzulernen. Und das nicht nur in den Stadien der EM, wo sich neben dem savoir-vivre Stadionatmosphäre erleben lässt, sondern auch außerhalb des Platzes. In diesen Städten wird gespielt:

  1. Bordeaux, Stade de Bordeaux mit 42.000 Plätzen
  2. Lens, Stade Bollaert-Delelis mit 38.000 Plätzen
  3. Lille, Stade Pierre Mauroy mit 50.000 Plätzen
  4. Lyon, Stade des Lumieres mit 59.000 Plätzen
  5. Marseille, Stade Velodrome mit 67.000 Plätzen
  6. Nizza, Allianz Riviera Nice mit 36.000 Plätzen
  7. Paris, Parc des Princes mit 48.000 Plätzen
  8. Saint-Denis, Stade de France mit 80.000 Plätzen
  9. Saint-Etienne, Stade Geoffroy-Guichard mit 42.000 Plätzen
  10. Toulouse, Stadium Municipal Toulouse mit 33.000 Plätzen

Die Spielorte sind im Südwesten und Norden des Landes angesiedelt, also genau in den Regionen, deren Menschen sich hinsichtlich der Fähigkeit und der Weise, das savoir-vivre in den Alltag zu integrieren, enorm stark unterscheiden. Zumindest, wenn die Aussage des Films „Willkommen bei den Sch´tis“ stimmt.

Was steckt hinter dem savoir-vivre?

Viele meinen, das savoir-vivre zeigt sich in der französischen Eleganz, im genussvollen Zelebrieren von Speisen und Getränken. Wein, Baguette und frische Austern stehen für das kulinarische Frankreich aber genauso wie, die überschäumende Begeisterungsfähigkeit und der enge Zusammenhalt der Franzosen, wenn es um ihre Nation geht.

Picknickszene
Das genußvolle Essen spielt nach wie vor eine große Rolle im Leben der Franzosen.
Ein Lebenskünstler steckt in jedem Franzosen, egal wo er lebt. Es geht nicht nur ums Essen und Genießen, es geht um Solidarität und Gemeinschaft und auch um ein Stück um Gelassenheit. Fast in einem Atemzug mit savoir-vivre  lässt sich der Ausdruck „laisser faire“ nennen, wenn es um typisch französische Eigenschaften geht. Laisser faire heißt so viel wie Toleranz, Lässigkeit, Gelassenheit. Franzosen lieben ihre Freiheit und sie gestehen sie auch jedem anderen zu. Ein jeder mag nach seiner Facon glücklich werden, das steckt im Kern von laisser faire. In Verbindung mit der genussvollen Lebensweise entsteht ein sympathisches Bild des EM-Gastgebers, der sich vermutlich auf typisch französische Weise um das Wohlergehen seiner Gäste kümmern wird.

Eintauchen in die französische Lebensart

Wer zur Fußball EM 2016 nach Frankreich fährt, wird in den Stadien einen starken Eindruck vom französischen Kampf- und Teamgeist bekommen. Die Franzosen lieben ihre Fußballhelden und unterstützen sie mit frenetischem Jubel. Außerhalb der Stadien geht es meist etwas ruhiger zu, zumindest sobald die Fanmassen sich auf den Weg nach Hause gemacht haben. Es ist spannend, das mondäne Nizza, die Modemetropole Paris oder die Wiege des Rotweins Bordeaux zu erkunden.

Es empfiehlt sich, außerhalb der Touristenpfade auf Entdeckungstour zu gehen. Direkt am Stadion oder in der Nähe bekannter Touristenattraktionen finden sich vermutlich kaum Lokale, die von Einheimischen besucht werden. Ein besserer Anlaufpunkt sind Lokale in ruhigeren Seitenstraßen und Wohnvierteln. Dort treffen sich die Franzosen und schauen gemeinsam die EM an. Sportsbars werden zur EM gut besucht sein und sind ein guter Ort, um mit Franzosen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Mit etwas Glück und laisser faire lassen sich persönliche Kontakte knüpfen, die über das Fußballspiel hinaus andauern und einen unverfälschten Einblick in das Leben der Franzosen gewähren.

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