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Singles - auf der Suche oder ganz entspannt? (Podcast 195)

Ein Leben ohne festen Partner
Junge Frau liegt im Gras

Single sein und glücklich sein – geht das?

„Lieber Single als in falschen Händen“, sagt ein Sprichwort. Oder etwa doch lieber in falschen Händen als Single sein? Wo die einen zu Verzweiflungstätern werden, genießen andere ihre Freiheit. Die einen finden das Single-Sein schön, andere schrecklich, einer fühlt sich einsam, der andere nie. Woran liegt das? Warum gibt es Langzeitsingles? Sind das die Übriggebliebenen und Langeweiler? Männer ohne Biss und Frauen, die zu männlich wirken oder zu selbstbewusst sind? Deutschland scheint im Singleboom zu versinken, dabei gibt es so viele Partnerbörsen, Singleberater und Chatcoaches wie nie zuvor. Läuft da etwas falsch? Wir haben das Single-Sein in den Blick genommen.

Ein Mann lässt sich in einem Forum aus:

„…- Kinder durchfüttern, unterhalten, bespaßen, Kleidung kaufen, Urlaub finanzieren, etc. bis mindestens zum 18. Lebensjahr - Frau durchfüttern, unterhalten, bespaßen, Kleidung kaufen, Urlaub finanzieren, etc. bis zum Lebensende… - Tag täglich Überstunden machen, sich in der Arbeit reinstressen damit man mehr Geld nach Hause bringen kann, damit es der Familie besser geht, damit man der Frau und vor allem den Kindern Wünsche wie Geschenke, Urlaub, etc erfüllen kann? Das macht physisch fertig. …“

Es folgen Rechnungen über Miete, Urlaube, Umzüge, sentimentale Momente wie Weihnachten, Sätze über Sätze, die nur ein Fazit provozieren: Pfui Deibel! Bloß keine Ehe! Päh, päh, päh.

Dieser Herr mag lieber allein sein. Oder zumindest frei in einer Beziehung, also mit Option zum Flüchten. Das klingt egoistisch und unterstreicht den Ruf unserer Gesellschaft nach Individualisierung und Ich-Tum. Es gibt aber auch Singles, die leiden unter dem Alleinsein und wollen eine Beziehung. Ihnen nützt es wenig, dass Singles zahlreiche Argumente anbringen, die für ein Leben ohne festen Partner sprechen.

 

Single sein – die bessere Option?

Für manche mag das tatsächlich die bessere Option sein. Allerdings wirkt allein die Flut an Beispielen für ein ach immer so schönes Single-Dasein so, als müsse man sich eben dies einreden. Das ist wie eine Beruhigungspille, die einfach geschluckt werden muss, und dann ist er weg, der Schmerz, der Herzschmerz: Singles können sich selbstverwirklichen, tun und lassen, was sie wollen. Da ist niemand, mit dem man etwas absprechen muss, keiner, dem man Rechenschaft schuldig ist, für den man Verantwortung übernehmen muss. Als Single kann man flirten, was das Zeug hält, es gibt keine Neidereien, keinen Streit, dafür viel Zeit für Freunde. Und – das ist ernst gemeint -: Man bleibt schlanker!

Eine glückliche Liebe macht nämlich dick, will Professor Dr. Thomas Klein vom Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg herausgefunden haben. Als Grund nennt er den mangelnden Konkurrenzdruck. Mann und Frau müssten nicht mehr auf die Linie achten, mit der viele hofften, bessere Chancen auf dem Partnermarkt zu haben.

Apropos: Die Partnerbörsen boomen. Es gibt seriöse, solche für Seitenspringer oder Flirts und sogar eine nur für Katholiken. Es gibt Singleforen, Single-Stammtische und Singlepartys – die Auswahl war nie größer als in der Zeit des WorldWideWeb. Befragungen zufolge sollen die Chancen, so fündig zu werden, gar nicht schlecht stehen – zumindest genauso gut, wie am Arbeitsplatz: Ein Drittel aller Paare findet sich heute angeblich im Internet.

Fragt sich nur, wie lange die Beziehung  hält. Der Single-Boom reißt nämlich nicht ab. In Deutschland gibt es 15 Millionen Single-Haushalte. Und es werden immer mehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden bis 2030 81 Prozent der Haushalte aus einer oder zwei Personen bestehen. Besonders rasant wachse der Single-Anteil in Berlin. Single-Hochburg ist 2012 noch Regensburg.

 

Freiwillig allein?

Freiwillig allein sein wollen laut einer Allensbach-Studie von 2011 nur rund 10 Prozent aller Singles. Das Gros sucht einen Partner – ein Du, wie es einst der Philosoph Martin Buber formulierte: Es gibt kein Ich ohne ein Du, der andere Mensch wird immer schon mitgedacht. Aber was macht das Finden dieses „Du“ so schwer? Sind wir zu stolz, zu wählerisch, zu anspruchsvoll, zu hässlich, zu schüchtern, zu karrieresüchtig geworden? Ja, sagen manche Singles nach einer Studie von ElitePartner über sich selbst. Nein, glaubt Singleberaterin Dr. Maren Stephan. Für sie haben vor allem Akademiker „sehr hohe Erwartungen an sich selbst, an ihre Lebensgestaltung und das beziehen sie natürlich auch auf den Partner oder die Partnerin“.

Manche haben aber auch einfach nur Pech.

Das Single-Dasein ist ein großes Thema. Damit verdienen nicht nur etliche Partnerbörsen gutes Geld. Das hat auch das Fernsehen erkannt. Der Fernsehsender RTL strahlt zum Beispiel 2012 die Reportagenreihe „Traummann in 30 Tagen“! aus. Quotenköder ist Fernsehreporterin Gina, die sich  bei ihrer Suche nach Mr. Right filmen lässt. Die 42-jährige spricht in Fußball- und Eishockeystadien, geht in Waschsalons, zum Speeddating und und und – und verdient auch noch ihr Geld damit. Es ist längst kein Tabu mehr, wie Gina in die Welt hinauszuposaunen, man sei Single und freue sich über neue Bekanntschaften.

Das war nicht immer so. Der heutige stolze Single war noch im 19. Jahrhundert eine „alte Jungfern“ oder die „Hagestolze“, die bösen oder mitleidigen Blicken nur allzugern auswich. Sogar eine Junggesellensteuer für Ledige war im Gespräch. Frauen hatten es damals besonders schwer, galt es doch als wahre Bestimmung der Frau, Mutter zu werden. Außerdem war der Wohnungsmarkt nicht auf Alleinstehende ausgerichtet. Die Historikerin Bärbel Kuhn schreibt in einem Buch:

„…kleine Wohnungen mit Küche gab es fast nicht; Männer hatten zumeist ein möbliertes Zimmer und aßen im Gasthaus, wo Frauen nicht gern gesehen waren“.

Ledige Frauen wurden bemitleidet, ledige Männer dagegen manchmal beneidet. Beide aber haben vorgelebt, dass ledig zu sein nicht unnormal und schon gar nicht unbedingt schrecklich sein muss. Kuhn erklärt:

„Ihre relative Zufriedenheit ließ Zweifel daran aufkommen, dass das Ehe- und Familienleben glücklicher machte, und letztlich konnte niemand mit Sicherheit wissen, wer das bessere Los gezogen hatte.“

 

Dann kommt der Rest von ganz alleine…

Wie glücklich oder unglücklich jemand ist, hängt tatsächlich nicht vom Lebensstand ab. Untersuchungen des Allensbach-Instituts belegen, dass 49 Prozent der Singles zufrieden sind. Laut Diplom-Psychologin Dr. Doris Wolf ist die innere Einstellung entscheidend.

Auch für den Mentaltrainer Thomas Baschab aus Weilheim spielen die Einstellung und damit das Unterbewusstsein eine bedeutende Rolle, wenn es um die Partnersuche geht. Das Unterbewusstsein muss mit positiver Nahrung gefüttert werden, mit aufbauenden Sätzen, sagt er. Man solle sich bildlich vorstellen, man sei attraktiv, eine tolle Persönlichkeit, und zwar nicht nur äußerlich, sondern auch von der Art her. Baschab nennt wichtige Kriterien:

„Anziehend sind für uns Eigenschaften wie Freundlichkeit, Strahlen, Lächeln, gut drauf sein.“

Menschen spüren laut Baschab die positive Ausstrahlung. Sie haben den Drang, auf Menschen zuzugehen, bei denen sie sich wohl fühlen, eine positive Energie erleben. Er berichtet:

„Wir haben schon Typen gesehen, die haben tolle Frauen an der Hand und sehen vielleicht selber gar nicht so toll aus. Wie macht er das? Er hat vielleicht nicht so viele Zweifel an sich selber.“

Wenn man mit einem positiven Gefühl auftrete, strahle man das auch aus, sagt der Mentaltrainer  – mit dem Erfolg, dass Barrieren auch beim Gegenüber fallen können.

Was aber, wenn das Unterbewusstsein einem einen Strich durch die Rechnung macht und so unberechenbar wird, dass man mit positiven Sprüchen allein nicht weiterkommt? Psychologen zufolge steuern unbewusste Vorgänge bis zu etwa 90 Prozent unser Denken und Handeln. Am Single-Beispiel würde das heißen: Was manchmal nach außen hin – wie im Eingangsbeispiel - nach Egozentrismus und Bindungsunfähigkeit aussieht, kann psychologisch betrachtet ein Fall von verborgener Angst sein.

Wer selber keine stabile Beziehung erlebt hat oder Scheidungskind ist, wer womöglich mehrere Väter oder Mütter hatte, entwickelt Experten zufolge vielleicht eine Bindungsangst und zelebriert eventuell nach außen hin eine absolute Autarkie, eine pseudo unabhängige Haltung nach dem Motto „Ich schaff das schon allein“. Dieses Lebensmotto wirkt wie ein schützender und oft harter Panzer - und der sitzt: Die betreffende Person findet keinen Partner. Hinter dem Panzer liegt aber eine Sehnsucht, die Sehnsucht des ehemals kleinen, schutzbedürftigen Kindes, das nach vertrauensvoller Liebe hungert. 

Single oder Langzeitsingle, egoistisch oder nicht, mit oder ohne Angst - halten wir’s doch mit Baschab und üben uns im Optimismus. Wir denken an die positive Ausstrahlung und entdecken die schönen Seiten des Alleinseins, suchen – auch ohne Partner – das Gegenüber als Du. Dann kommt der Rest vielleicht von ganz alleine.

 

Dorothea Schmidt

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Egal ob man nun überzeugter Single ist oder überzeugter Paarmensch - wichtig ist, daß man sein eigenes Leben nicht als beklagenswertes Schicksal empfindet, sondern akzeptiert. Ich bin eben wie ich bin, ich nehme mich selbst positiv wahr und stehe zu meinen Eigenschaften. Dann erst ist man wirklich imstande, auch auf andere Menschen zuzugehen. Wer krampfhaft nach einem Partner sucht, strahlt das auch aus und löst eher Fluchttendenzen aus als Anziehung.


Das Fazit, das die Autorin am Ende des Texts zieht (Sehnsucht hinter dem Panzer), halte ich für eine durchaus gewagte These: Meiner Erfahrung nach gibt es neben dem klassischen "Ohne Du kein Ich"-Modell auch die Variante "Mit Dir kein Ich". Sich eingesperrt fühlen in einer Beziehung, das eigene Ich dabei verlieren, das kommt weitaus häufiger vor als es hier anklingt. Wie viele lieblose Ehen werden nur wegen der Kinder oder der gemeinsamen Schulden aufrecht erhalten? Wie oft blühen Menschen nach einer Trennung erst richtig auf? Vielen steckt natürlich die negative Erfahrung aus gescheiterten Beziehungen in den Knochen und sie rücken das Thema Partnerschaft in weite Ferne. Dass all jene aber mit sich dann doch den innigen Wunsch nach einem Du mit sich herumtragen, das würde ich doch sehr bezweifeln.