Tag 5 – von der Brauschweiger Hütte nach Zwieselstein 14 Kilometer
Der Morgen präsentiert uns ein atemberaubendes Gletscherpanorama. Und wir gehen zum Angriff über. Bald liegt die Braunschweiger Hütte weit unter uns und wir erreichen auf fast 3000 Metern das Pitztaler Jöchl - den höchsten Punkt unserer Tour.
Vom Pitztaler Jöchl geht es abwärts durch den Schnee. Einige hundert Meter weiter wird es dann karstig und felsig. Erst im Sommer lässt sich wirklich beurteilen, was der Mensch in den Bergen mit seinem unersättlichen Skitourismus ökologisch und auch ästhetisch verbricht. Breit führt der Weg ins Tal hinein, vorbei an Sträuchern mit wilden Himbeeren und Heidelbeeren, die unseren ausgetrockneten Kehlen Erfrischung bieten.
Das Wetter ist ganz auf unserer Seite. Auf der Sonnenterrasse einer Hütte treffen wir auf andere Wanderer, die - wie wir - den Blick ins liebliche Rettenbachtal genießen.
Auf unserem folgenden, nun ganz leichten Weg nach Zwieselstein, kommen wir immer wieder an alten, prächtigen Bauernhäusern vorbei, deren Holz über die Jahrzehnte edel verwittert ist.
In Zwieselstein ist eine Pension unser Ziel. Und nach den harten Bettenlagern der letzten Nächte, genießen wir den Luxus eines Doppelzimmers.
Tag 6 – von Zwieselstein nach St. Leonhard - 20 Kilometer
Heute erobern wir Italien! Der Tag beginnt mit einem schönen Anstieg auf dem ”Weitwanderweg durch das Ötztal“. In unterschiedlichen Steigungen geht es hinauf zum Timmelsjoch. Von weitem sehen wir immer wieder Radrennfahrer, die sich den Berg hinaufquälen. Wir genießen den Weg.
Auf dem Timmelsjoch lassen wir uns keine Zeit zum Verweilen. Der touristische Trubel dort oben schreckt uns ab. Stattdessen gehen wir nahezu alleine nach Südtirol hinein.
Schnell merken wir: die Landschaft Südtirols ist viel weicher, das Grün strahlender und die Menschen irgendwie „sonniger“ als in Österreich. Oder liegt es daran, dass uns unser nahes Ziel milder stimmt?
Kurz vor Moos rasten wir noch einmal – und essen unsere erste Frittatensuppe. Der folgende Espresso ist wunderbar. Das findet auch Martin, der Zeltträger, dem wir wieder begegnet sind und der uns nun bis zum Ende der Tour begleiten wird. Und Glück bringt: Da in Moos kein Zimmer mehr frei ist, erwischen wir gerade noch den letzten Bus nach St. Leonard, wo wir in einer Pension Quartier beziehen, unsere geschwollenen Füße mit Eis kühlen – und abends noch lange auf dem Balkon sitzen.
Tag 7 – von St. Leonhard bis zur Hirzer Hütte 11 Kilometer
Von St. Leonhard geht es bei hochsommerlichen Temperaturen recht entspannt über Wald- und Wiesenhänge Richtung Pfandlerhof. Bei einer Jause überlegen wir, ob wir heute bis zur Hirzer oder sogar bis zur Meraner Hütte wandern wollen. Da Gewitter vorhergesagt sind, entscheiden wir uns für den kürzeren Weg, der uns an einem Gedenkstein für den Südtiroler Widerstandkämpfer und Freiheitshelden Andreas Hofer vorbeiführt. Auch die Hütte bei der Pfandleralm, wo er an die Franzosen verraten wurde passieren wir.
Hofer machte Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Herrschaft Napoleons mobil. Und auch ihm wird es sicher oft so gegangen sein wie uns am Nachmittag: Noch vor unserem Ziel bekommt uns das Gewitter beinahe zu fassen. Wir jagen geradezu an den Gipfeln entlang zur Hirzer-Hütte. Trockenen Fußes erreichen wir das wunderbar windschiefe Haus. Auf dem Zimmer überkommt uns ein Erschöpfungshusten und eine Müdigkeit, die wir mit Hirzernudel aus der Pfanne für einige Stunden vertreiben. Am Ende des Tages kracht es gewaltig in den Bergen – die Hütte hält uns trocken, die Wirtin spendiert uns einen selbstgebrannten Grappa und wir wissen einmal mehr: wir haben einen Schutzengel gehabt.
Tag 8 – von der Hirzer Hütte bis Meran 18 Kilometer
Von 1893 Meter Höhe aus machen wir uns auf den Weg Richtung Meran. Es ist unser letzter Tag. Und er beginnt regnerisch. Das Pensertal ist voller Wolken, die sich nur langsam verziehen. Wie gut wir es bisher mit dem Wetter hatten, merken wir heute. Und dass das Glück auf der ganzen Tour auf unserer Seite war. Denn keine drei Kilometer später reißt der Himmel auf und wir haben einen wunderbaren Talblick auf Meran. Wir schauen und staunen. Und können einen Anflug von Stolz nicht unterdrücken. Denn während die Kühe in dieser Landschaft groß werden, sind wir als echte Flachlandtiroler nicht gewöhnt an das Wandern am und auf den Berg. Und trotzdem haben wir es geschafft: unsere erste Alpenüberquerung. Abgesehen von einigen Blasen, blutigen Stellen und Hautabschürfungen tragen wir keinerlei Blessuren mit nach Hause.
Den letzten Weg nach Meran an der Straße schenken wir uns und nehmen stattdessen den Bus. Nach rund 130 Kilometer und Tausenden von Höhenmetern gönnen wir uns diesen Luxus. Und wenig später sogar ein eigenes Hotelzimmer. Und die erste Rasur seit 8 Tagen.
Unser Fazit: Nie waren wir der Natur näher und selten haben wir so atemberaubende Ausblicke genießen können. Und was vielleicht noch wichtiger war: In den Bergen scheinen alle Menschen gleich. Rang, Titel, Position oder was in der Geldbörse steckt, ist unwichtig. Was hier zählt: Wie komme ich den Berg rauf und wieder runter?
Kein Zweifel: Die Berg-Idylle hat auch ihre Schattenseiten. Doch für uns war diese kleine, große Wanderung wie ein neuer Weg zu uns selbst.
Michael Fischer, wissen.de-Redaktion