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Zwischen Hort und Oma – Kinderbetreuung heute (Podcast 192)

Zwischen Hort und Oma – wie Kinder heute ihre Ferien verbringen
Geschwister sitzen im hohen Gras

Endlich! Sechs Wochen Ferien! Sommerferien! Eine unendliche Zeit breitete sich vor einem aus. Von einem Gefühl der Freiheit durchflutet, wusste man gar nicht, was man zuerst tun sollte. Schnell zu den Nachbarn laufen und mit allen Kindern aus der Straße Räuber und Gendarm spielen oder im Wald einen Schatz suchen? Oder die beste Freundin mit dem Fahrrad abholen und ins Schwimmbad radeln? Oder doch erst einmal einen Rieseneisbecher mit Sahne im besten Eiscafé der Stadt schlecken? Ach, was für ein Sommermärchen! Viele Eltern von heutigen Schulkindern haben ihre Sommerferien in den 1970er und 1980er Jahren wohl so oder so ähnlich erlebt. Und nur sehr selten fuhren Schulfreunde länger als zwei Wochen in den Urlaub an die Nordsee oder ans Mittelmeer. Ferien war Freizeit ohne Mathe, Deutsch und frühes Aufstehen. Ferien war Draußensein bis zur Dämmerung, Ferien war Freiheit und Abenteuer mit Freunden und den Kindern von nebenan.

 

Voller Stundenplan auch in den Ferien

Und die Sommerferien unserer Kinder heute? Bei den meisten Schulkindern hat der Stundenplan auch in den Ferien kaum Pause. Woche eins bis zwei Erlebnisurlaub in der Toskana, Kinderbetreuung und Wellness für die Eltern inklusive. Woche drei bis vier Hortbetreuung mit pädagogisch wertvollem Programm. Woche fünf bei Oma Marianne und Opa Dieter, Woche sechs Fußballtrainings-Camp. Zeit für sinnfreies Herumstromern, Zeit, im Wald mit anderen Kindern eine Bude zu bauen, zum Angeln zu gehen oder die Stunden am nächsten Badesee einfach so an sich vorbeiplätschern zu lassen? Fehlanzeige! Ferien müssen sinnvoll genutzt werden – so wollen es viele Eltern aus dem PISA-geschockten Bildungsbürgertum. Dass Kinder in den Ferien den nicht bewältigten Schulstoff der vollgestopften G8-Lehrpläne mit Nachhilfelehrern nachholen, ist heute keine Seltenheit mehr. Urlaubsziele werden gerne nach den belegten Fremdsprachen der Kinder gewählt - und wie zufällig noch ein Auffrischungskurs französische Grammatik gebucht.

Michael und Sabine
Natürlich vermiesen nicht alle Eltern ihren Kindern die verdienten Ferien vorsätzlich mit panischem Ehrgeiz. Der Grund dafür, dass Familien die Kinderbetreuung vom ersten bis zum letzten Ferientag durchtakten müssen, liegt  in einer Mischung aus simpler Mathematik und kompliziertem gesellschaftlichen Wandel. Zum einen sind Doppelverdiener bei durchschnittlich 30 Tagen Jahresurlaub gezwungen mit den freien Tagen zu haushalten. 75 Tage Schulferien sind ohne Betreuungsangebote in Hort oder Ferienfreizeit und den Einsatz von Verwandten oder Freunden nicht zu überbrücken. Es sei denn, Partner nehmen den Urlaub nicht zusammen, und die Familie fährt in Schichten in die Ferien. Auch die rasant gestiegene Erwerbstätigenquote der Mütter von heute ist ein Grund dafür, dass die Emmas und Bens von heute in Hort und Sommerfreizeit ihre Ferien verbringen, während die Michaels und Sabines der 1970er von morgens bis abends in ihrem Revier stromern konnten. Waren 1974 noch rund 60 Prozent der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren „nur“ Hausfrauen, hat sich diese Quote laut Statistischem Bundesamt dreißig Jahre später auf 40 Prozent verringert.

 

Machen Abenteuer lebensfroh?

Fiel Michael beim Budenbauen tatsächlich mal vom Baum oder Andrea beim Kaulquappenfischen ins Wasser, konnten sie zu Mama nach Hause laufen, sich trösten, verarzten und mit Proviant versorgen lassen - und dann ging es wieder los. Die Errungenschaften der Emanzipation will und wird selbstredend niemand wieder hergeben. Schon gar nicht die berufstätigen Mütter. Doch ist es fair, dass die Arbeitswelt der Eltern das Recht auf die Freiheit der Kinder derart beschneidet?

Der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber warnt, dass der „Abschied der Kinder von der Natur“ nicht folgenlos bleiben wird. Können Kinder nicht wenigsten einige Wochen im Jahr leben wie Tom Sawyer und Huck Finn, sich ungezügelt ausprobieren, mit allen Sinnen die Natur erfahren, sich von den Regeln und Vorstellungen der Erwachsenen freimachen, und dabei auch mal einen schlimmen Kratzer holen, so gehe ihnen etwas Unersetzliches verloren: „die Möglichkeit, seelische, körperliche und geistige Potentiale so zu entfalten, dass Kinder zu erfüllten Menschen werden". Die Nähe zu Pflanzen und Tieren, so Weber, fördere die emotionale Bindungsfähigkeit, Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude.

 

Draußenkinder versus Helicopter-Parents

Wird den Emmas und Bens, den Lillis und Toms heute die Chance genommen, mal ohne Aufsicht im Wald zu spielen, weil Eltern – die Horrormeldungen der letzten Kindesentführung noch frisch im Kopf – zu viel Angst um die Kleinen haben, raubt man ihnen ein wertvolles Stück Kindheit und macht sie seelisch krank. Dieser Ansicht ist auch der Autor Uli Hauser, der in seinem Buch „Eltern brauchen Grenzen“ schreibt: „Kinder ahnen, was falsch läuft, ohne dies formulieren zu können. Ihr Wissen von den Anfängen, so wie es richtig sein müsste, ist noch nicht ganz verschüttet. (…) Sie sind Menschen, keine Maschinen (…). Sie wehren sich, sie beißen, treten, spucken.“  Dass ADHS für die „Draußenkinder“ der 1970er Jahre noch kein Problem wahr, kommt nicht von ungefähr.

Halten die Erwachsenen ihren Nachwuchs davon ab, ihre Umwelt mit allen Sinnen zu erforschen, sucht sich dieser seine Herausforderungen woanders. Dürfen Kinder das Risiko nicht eingehen, vom Baum zu fallen, testen sie ihre Grenzen eben in virtuellen Welten und lassen ihre Stellvertreter rennen, klettern, laufen und schießen.  Statt mal schnell den Freund besuchen zu dürfen, der – dummerweise – auf der anderen Seite einer verkehrsreichen Straße wohnt, ist es den Eltern oft lieber, die Kinder unterhalten sich auf Facebook. Helicopter-Parents werden sie genannt, die übervorsichtigen Mutter- und Vatertiere, die einem Hubschrauber gleich über ihren Kindern kreisen und den Aufenthaltsort ihrer Kleinen mit dem Handy orten lassen. Nur Wenigen scheint bewusst, was sie ihren Kindern damit unausgesprochen sagen: „Ich kann dir nicht vertrauen! Du findest den Weg nicht alleine nach Hause. Du hältst dich sicher nicht an unsere Abmachung. Du bist noch zu klein, um auf dich selbst aufzupassen.“

 

Zurück zur Natur

Was also ist zu tun? Wie schaffen es Eltern heute, ihren Kindern wenigstens in den Ferien ein Stück Sommermärchen zu erhalten? Kindern, die mitten in einer Großstadt aufwachsen, hilft die verfügbare Zeit alleine wenig. Auf umzäunten Spielplätzen lassen sich nur schwer Buden bauen. Brachflächen sind heute meist Bauland und deren Betreten ist verboten. Romantische Kindheitserinnerungen hin oder her: Um eine Ferienplanung werden die wenigsten herumkommen. Doch wer sich ein wenig schlaumacht, wird feststellen, dass es heute zahlreiche Betreuungsangebote gibt, die den Kindern wieder ein Stück Wildheit zurückgeben können.

Der amerikanische Wildnis-Lehrer Jon Young begründete bereits in den 1980er Jahren eine neue Form der Umweltpädagogik, das „Coyote Mentoring“. Dabei geht es nicht mehr darum, Kindern ökologisches Verhalten anzutrainieren, sondern ihre Sinne für die Natur zu schärfen. Sie lernen Tierspuren zu lesen, Vogelstimmen zu identifizieren und zu fühlen aus welcher Richtung der Wind bläst. Young vermittelt keine Fakten, sondern erreicht durch sinnliche Naturerfahrungen eine Steigerung von Kreativität, Teamfähigkeit, Einfühlungsvermögen und komplexem Denken. 

In Deutschland hat die Umweltpädagogik in Waldkindergärten längst Einzug gehalten. Aber auch in den Ferien finden immer mehr Natur-, Forscher- und Erlebniscamps statt. Veranstalter sind, neben Naturschutzorganisationen, die Pfadfinder, einige Anbieter von Kinderreisen und private Initiativen. Relativ neu sind sogenannte Erlebnisgärten. Im Erlebnisgarten Hamburg können Kinder unter Anleitung selbst Gemüse anbauen und ernten und erfahren bei der Gartenarbeit alles über Pflanzenwachstum und gesundes Essen. Bei den Pfadfindern lernen Kinder, sich in der Natur mit wenigen Hilfsmitteln zurechtzufinden. Wissen, wie man ein Feuer macht, ohne Kompass zu bestimmen, wo Norden ist und seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und ohne Eltern eine Nacht im Zelt zu verbringen. Das sind Erfahrungen, die Kinder selbstbewusst und zutiefst zufrieden machen. Sommererlebnisse, die sie ein Leben lang nicht vergessen werden.

 

Weniger Ängstlichkeit, mehr Vertrauen

Neben dem direkten Kontakt zur Natur ist es vor allem die fehlende Freiheit und Selbstständigkeit, die Kindern heute fehlt. Auf eigene Faust unterwegs zu sein, nicht zu wissen, wo eine Fahrradtour enden wird und wen man trifft. Wissen Sie noch wie sich das anfühlt? Auch in einer Großstadt kennt sich ein acht- oder neunjähriges Kind im Laufe seines Lebens so gut aus, dass es mit einem Freund kleine Ausflüge unternehmen kann. Und sei es erst einmal der Weg zum nächsten Kiosk, um das Feriengeld in Eis und eine Tüte Süßes zu investieren. Kinder schaffen nur das, was wir ihnen zutrauen. Unser Vertrauen macht sie stark. Ob beim Überqueren eines Bachs oder einer großen Straße.

Und natürlich spricht auch nichts gegen Ferien bei Oma und Opa. Schließlich sind sie es, die die Elterngeneration nach dem Essen nach Draußen geschickt haben und die kaum geschimpft haben, wenn die kleinen Strolche abends dreckig und zerkratzt aber hundemüde und zufrieden nach Hause kamen. Leider haben viele Eltern ihre Eltern mit ihrer Überängstlichkeit infiziert. Auch Oma und Opa haben heute Angst, dass dem Stammhalter in Wald und Flur, auf der Straße oder dem Weg zum Kiosk etwas zustoßen könnte. Tun Sie Ihren Kindern einen Gefallen und geben Sie den Großeltern einen erzieherischen Freibrief für die Ferienzeit. Oma und Opa wissen schon, was sie den Kleinen zutrauen können. Schließlich haben Sie das Abenteuer Sommerferien auch überlebt.

Ob nun bei Verwandten oder zu Hause. Selbst wenn einige Erwachsenen die Zügel wieder ein wenig lockerer lassen würden und die Kinder wieder mehr Zeit zum Nichtstun bekämen, ist eins gewiss: So viele Kinder wie in der Siebzigern werden sich in den Sommerferien nie mehr auf den Straßen tummeln. Die Zeiten der geburtenstarken Jahrgänge liegen lange zurück und wenn Emma und Ben voller Tatendrang durch die Nachbarschaft butschern, kann es passieren, dass sie sich erstaunt fragen: „Mensch, wo sind die denn alle? Mats, Lena, Lasse und Marie?“ „Na, im Hort oder bei Oma!“


Sandra Hermes, wissen.de-Redaktion

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Als Mutter von drei Kindern, 7, 9 und 11 Jahre alt, sehe ich mit großem Bedauern, wieviele Kinder nach der Schule in die Betreuung gehen, in den Ferien "fremdbetreut" werden und wie gestresste Mütter händeringend Aufsichtspersonal suchen, sobald der Stundenplan der Kinder sich überraschend ändert. Mein Mann und ich wollten Kinder und als früheres Schlüsselkind einer alleinerziehenden Mutter war mir ganz klar, dass ich für unsere Kinder da sein wollte. Nicht rund um die Uhr als Aufpasser sondern genau dann, wenn das Knie aufgeschürft, der Lieblingsteddy kaputt oder in der Schule eine Begleitperson von Nöten ist. Sicher sind viele Familien auf 2 Gehälter angewiesen. Aber es gibt auch genügend Frauen, die durchaus zuhause bleiben, oder in geringerem Maße arbeiten könnten. Warum könnt Ihr nicht die paar Jahre abwarten, bis Eure Kinder Euch nicht mehr rund um die Uhr brauchen? Warum könnt Ihr die Zeit nicht nutzen um am Wachsen und Leben Eurer Kinder teilzunehmen? Warum begleitet Ihr sie nicht auf Schulausflügen und Waffelverkäufen? Warum muss Eure Selbstbestätigung auf Kosten der Selbstständigkeit Eurer Kinder gehen? Sicher, unsere Kinder werden in den nächsten Jahren keine Flugreisen ins Ausland machen dürfen, wir haben auch nur ein altes Auto und Essen gehen ist ein Luxus der Geburtstagen vorbehalten ist. Aber dafür kennen unsere Kinder die Umgebung wie ihre Westentasche, sie können zu jeder Tag- und Nachtzeit nach hause kommen und sie wissen immer, dass ich bei Problemen helfen kann. Und ich weiß genau, wenn sie einmal alt genug sind, dann werde auch ich mich wieder in die Arbeitswelt stürzen können, mit Energie und Lust und ohne schlechtes Gewissen!