Lexikon

Hermeneutik

[
griechisch
]
die Praxis und die Theorie des Auslegens und Verstehens (von Texten); allgemein besteht das Ziel der Hermeneutik darin, fremde Vorstellungen in den Horizont des eigenen Geistes zu übertragen.
Die Hermeneutik lässt sich auf Traditionen allegorischer Interpretation homerischer Epen in der Sophistik sowie jüdischer Auslegungen des Alten Testaments zurückführen. In der Spätantike ist unter Hermeneutik insbesondere die juristische Auslegung der Gesetze, die theologische oder philologische Interpretation von heiligen oder klassischen Texten zu verstehen. Renaissance und Reformation rückten von der dogmatisch ausgerichteten Überlieferungstradition ab und waren bemüht, einen unterstellten ursprünglichen, jedoch verschütteten Sinn der originalen Texte durch Hermeneutik neu zu erschließen. F. E. D. Schleiermacher konzipierte die Hermeneutik als eine universale Lehre des Verstehens und der Interpretation, getragen von der Idee eines gedanklichen Nachvollzugs fremden Sinnes (im Gegensatz zum bloßen Erklären). W. Dilthey baute die Hermeneutik zur spezifischen Methodenlehre der Geisteswissenschaften aus: Das Verstehen eines sprachlich und historisch bedingten Individuellen setzte er gegen die naturwissenschaftliche Erklärung aus allgemeinen Gesetzen. H.-G. Gadamer entwickelte einen neueren Begriff der Hermeneutik, nach dem Verstehen nicht nur eine bestimmte Methode (die der Geisteswissenschaften) sei, sondern ein sinnstiftendes Geschehen, in das jedes Subjekt angesichts der Überlieferung von Kunst, Religion, Recht und anderen normativen Ansprüchen hineingestellt ist und das durch den Zusammenhang von Sprache und Kultur aufrechterhalten wird (die „Wirkungsgeschichte“).
Neben einer um weitergehende Erkenntnis bemühten allgemeinen Hermeneutik gibt es fachspezifische Hermeneutiken, die sich mit der Anwendung akzeptierter Auslegungsregeln auf den Einzelfall befassen, besonders in Theologie und Rechtswissenschaft aber auch in der geisteswissenschaftlichen Didaktik.
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