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Kneippen

Ob Wassertreten oder eiskalte Güsse: Bestimmte Wasserbehandlungen können eine heilende Wirkung haben – das glaubte zumindest der vor 125 Jahre gestorbene Sebastian Kneipp. Bis heute ist sind seine Therapiekonzepte und vor allem die Wasserbehandlungen Teil vieler Kuren. Aber wie soll das gehen, gesund durch Wasser? Was hat es mit diesem Gesundheitskonzept auf sich und kann so etwas tatsächlich funktionieren?
KMI, 17.06.2022
Symboldbild Kneipp-Kur

cl, GettyImages (Wasserkur-Szene)

Heute vor 125 Jahren, am 17. Juni 1897, starb Sebastian Kneipp. Namensgeber und Begründer eines bis heute weltbekannten Heilverfahrens, dem Kneippen. Fast jedoch wäre es ganz anders gekommen und wir würden heute wahrscheinlich weder seinen Todestag begehen, noch uns überhaupt an ihn erinnern. Denn bereits in jungen Jahren erkrankte Kneipp an Lungentuberkulose, einer bakteriellen Erkrankung, die zur damaligen Zeit fast immer das Todesurteil bedeutete.

Doch Kneipp nahm sein Schicksal selbst in die Hand: Er soll zu der Zeit das Buch „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen" gelesen haben und nahm auf dessen Grundlage kalte Bäder in der Donau – und siehe da: Nach eigenen Angaben soll er es damit geschafft haben, seine Krankheit zu heilen. Von diesem Erfolg angespornt, beschäftigte er sich intensiver mit der Heilkraft des Wassers und entwickelte auf ihrer Basis ein ganzheitliches Gesundheitskonzept für Körper, Geist und Seele. Seit mehr als 150 Jahren wird es nun schon ergänzend zur „normalen“ Medizin für die Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten verwendet.

Kneipp-Pfad

rudigobbo, GettyImages

Wassertreten im Storchengang - Hydrotherapie

Die Wasserheilkunde, auch Hydrotherapie, stellt den Hauptaspekt des Konzepts dar. So entwickelte Kneipp über 100 verschiedene Wasseranwendungen zu denen nicht nur verschiedene Arten von Bädern, sondern auch Güsse, Wickel oder Waschungen zählen. Verwendet wird dabei 16 bis 17 Grad kaltes Wasser, das auf verschiedene Arten mit dem Körper in Kontakt kommt.

Am bekanntesten ist hier wahrscheinlich das sogenannte „Wassertreten“, das man im Sommer in manchen Kurparks oder anderen Anlagen beobachten kann, wo sich Menschen in wassergefüllten „Kneipp-Becken“ im Storchengang vorwärtsbewegen. Bei Anwendungen wie den Güssen wird kaltes Wasser dagegen wiederholt über einzelne Bereiche des Körpers gegossen, um dort Linderung beispielweise bei Gelenksbeschwerden zu verschaffen. Gegen niedrigen Blutdruck wiederum soll ein Armbad in kaltem Wasser helfen, das zudem für bessere Durchblutung von Lunge und Herz sorgt.

Wichtig bei den Wasseranwendung ist, dass der Körper vorher schön warm ist und auch durch eine zu lange Anwendung nicht zu stark auskühlt. Damit der Körper sich anschließend schnell wieder aufwärmen kann, wird das Wasser einfach abgestreift und Kleidung übergezogen.

Mehr als nur Wassertreten

Auch wenn wir mit Kneipp wohl am ehesten die Wasserheilkunde verbinden, entwickelte dieser nach und nach ergänzend eine ganzes Gesundheitskonzept, das sich schließlich zusätzlich auf Bewegungstherapie, eine gesunde Ernährung, Heilpflanzen und die Ordnungstherapie stützte. Diese sogenannten fünf Säulen sind bis heute die Grundsteine der Naturheilkunde, weshalb Kneipps Konzept auch als Ursprung der modernen Naturheilkunde gilt.

So empfahl Kneipp schon damals viel Bewegung für die Muskulatur, den Kreislauf und den Stoffwechsel. Vor allem das Barfußlaufen lag ihm dabei am Herzen. In der Ernährung setzte er auf eine möglichst abwechslungsreiche und naturbelassene Kost, die außer Fisch hauptsächlich pflanzlich sein sollte. Grundsätzlich verbot er aber keine Lebensmittel, sondern warnte lediglich vor dem Übertreiben. So soll er gesagt haben: „Wenn du merkst, du hast gegessen, hast du schon zu viel gegessen.“

Kneipps Interesse an Heilpflanzen führte dazu, dass er in seine Therapie zunehmend auch die unterstützende Wirkung von Heilkräutern in Form von Badezusätzen, für Wickel oder Tees einband. So hat beispielsweise Lavendel eine beruhigende Wirkung oder Fenchel unterstützt Magen und Darm. In der Ordnungslehre ging es schließlich darum, neben dem Körper auch die eigene Seele nicht zu vergessen und sich neben ausreichend Aktivität auch genügend Ruhe zu gönnen.

Kneipp-Becken werden oft mit einem "Erlebnisparcours" für Barfußläufer kombiniert.

R-Photos, GettyImages

Hilft das wirklich?

Aber ist an dieser ganzen Philosophie wirklich etwas dran oder war Kneipps eigene Heilung vielleicht einfach nur Zufall? Tatsächlich ist die Wirksamkeit vieler seiner Anwendungen bis heute nicht eindeutig belegt. Es gibt nicht genug repräsentative Studien für einen wissenschaftlichen Beweis, dafür aber seit jeher Beobachtungen zur Verbesserung der Lebensqualität und Linderung verschiedenster Beschwerden. Zudem lässt sich die positive Wirkung der Anwendungen auch physiologisch sinnvoll erklären.

Grundsätzlich sollen Kneipps Therapiemethoden dazu führen, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren, den Körper und das Immunsystem zu unterstützen und so für mehr Gesundheit und Wohlbefinden zu sorgen. In der Wassertherapie wird dies zum Beispiel durch wechselnde Kälte- und Wärme-Reize erreicht. Die physiologische Erklärung dazu ist eigentlich ganz einfach: Bei Kälte ziehen sich unsere Gefäße zusammen, bei Wärme weiten sie sich. Ein kalter Guss und anschließendes Aufwärmen sind daher ein regelrechtes „Training“ für unsere Gefäße, die dadurch elastisch und gesund bleiben. Es fördert die Durchblutung, was gut für unseren Kreislauf und Blutdruck ist. Gleichzeitig stärkt es auch das Immunsystem und wirk gegen Entzündungen. So sollen mehr Immunzellen gebildet werden und eine Studie konnte zeigen, dass die Anzahl an Antikörpern, die für die Abwehr von Krankheitserregern sorgen, steigt.

Genauso lag Kneipp auch mit der Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung und genügend Bewegung für die Gesundheit nicht falsch. So weiß man heute zum Beispiel, dass viele unserer Immunzellen im Darm sitzen, wo sie durch die Ernährung beeinflusst werden. Auch das von Kneipp empfohlene Barfußlaufen soll tatsächlich helfen, Probleme mit den Knie- und Hüftgelenken oder auch Plattfüße zu vermeiden, da es Muskeln, Sehnen und Bänder trainiert, Fußreflexzonen massiert und die Körperhaltung verbessert. So ist es nicht verwunderlich, dass Kneipp schon damals vielen Patienten helfen konnte und an seinem Wirkort Bad Wörishofen eine erste Heilanstalt nach seiner Philosophie entstand.

Kneippen heute

Bis heute kann man in Bad Wörishofen Kneipp-Kuren machen. Mittlerweile ist das Konzept aber so beliebt, dass es in ganz Deutschland ein großes Netzwerk an Kurorten gibt, wo die Anwendungen professionell durchgeführt werden. Für einen wirklichen Effekt wird dabei eine Kurdauer von mindestens drei Wochen empfohlen. Viele Anwendungen kann man aber auch mit ein bisschen Wasser ganz einfach Zuhause selbst machen. Unter anderem wegen dieser einfachen Durchführbarkeit wurde das Kneippen im Jahr 2015 sogar als UNESCO-Kulturerbe anerkannt.

Geeignet ist eine solche Kur für jeden. Zur Stärkung der Gesundheit und des Immunsystems von völlig gesunden Personen, aber auch zur Behandlung von Krankheiten. Dazu zählen beispielsweise Herz-Kreislaufprobleme, Erkrankungen der Atemwege, Schlaf- oder Stoffwechselstörungen, Gelenkbeschwerden und vieles mehr. Da die Therapie den eignen Körper zum Arbeiten anregt, ist sie allerdings nicht geeignet, wenn Patienten bereits geschwächt sind.

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