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RSV-Infektion: Alles über das RS-Virus

Das RS-Virus bringt aktuell Kinderkliniken in ganz Deutschland an ihre Grenzen. Besonders gefährlich ist die Atemwegsinfektion in den ersten drei Lebensmonaten. Aber warum erkranken ausgerechnet jetzt so viele Kinder an RSV? Und wie merke ich, ob mein Kind betroffen ist? Die wichtigsten Informationen rund um das RS-Virus.
AMA, 07.12.2022
An RSV erkranktes Kleinkind mit Atmmaske

graphixchon, GettyImages

Gerade einmal 83 Betten waren am 24. November 2022 auf Kinderintensivstationen in ganz Deutschland aktuell noch frei, wie eine Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ergab. Das ist weniger als ein freies Bett pro Standort. Die Stationen füllen sich aktuell so rasch wegen einer Welle von Atemwegsinfektionen bei Kindern, zu deren Erregern vor allem das RS-Virus gehört. Die Welle betrifft nicht nur Deutschland. Insgesamt 20 europäische Länder haben seit Oktober überdurchschnittlich viele RSV-Infektionen erfasst.

Was ist das RS-Virus?

Das RS-Virus (kurz RSV) steht für „Respiratorisches Synzytial-Virus“. Der Erreger befällt die oberen und unteren Atemwege – also die Nase und Nebenhöhlen ebenso wie die Lunge. Spezielle Eiweiße aus der Hülle des RS-Virus können verschiedene Lungenzellen miteinander verschmelzen lassen, wodurch sie zu Riesenzellen namens Synzytien werden – daher der Name des Virus. 

RSV ist weltweit verbreitet und tritt bei uns in Mitteleuropa vor allem zwischen November und April auf. Obwohl man sich prinzipiell in jedem Alter anstecken kann, kommt RSV in den ersten zwei Lebensjahren am häufigsten vor. Tatsächlich ist es in dieser Altersklasse sogar der häufigste Auslöser für Infektionen der Atemwege. So gut wie jedes Kind erkrankt in seinem Leben mindestens einmal an RSV.

Man kann sich anstecken, indem man mit winzigen Schleim- und Speicheltröpfchen in Kontakt kommt, die ein Erkrankter etwa beim Niesen, Husten oder Sprechen ausgeschieden hat. RS-Viren können aber auch an Händen und Oberflächen lauern.

Woran merke ich, ob mein Kind krank ist?

Typische RS-Virus-Symptome sind Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und Fieber. Meist ist eine Infektion nach drei bis zwölf Tagen überstanden, wobei einzelne Symptome, vor allem der Husten, länger als einen Monat anhalten können. Ältere Kinder und Erwachsene haben in der Regel nur leichte RS-Virus-Symptome, die einer Erkältung ähneln.

Säuglinge und Kleinkinder können im Zuge eines schwereren Verlauf jedoch auch eine Bronchitis oder sogar eine Lungenentzündung entwickeln. Betroffene Kinder atmen typischerweise sehr schnell, husten stark, verweigern das Trinken und haben einen niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut.

Weitere akute Warnzeichen für Eltern sind etwa, dass ihr Kind übermäßig hustet, nicht richtig atmen kann oder ungewöhnliche Atemgeräusche von sich gibt. Fieber gilt dann als besorgniserregend, wenn es bei Babys unter drei Monaten auf über 38 Grad, bei älteren Kindern auf mehr als 39 Grad steigt und länger als einen beziehungsweise drei Tage anhält. In diesen Fällen ist ein Besuch beim Kinderarzt ratsam.

Wie gefährlich ist das RS-Virus?

Laut Lungeninformationsdienst müssen ungefähr zwei Prozent der Kinder, die sich mit RSV anstecken, im Krankenhaus behandelt werden. In den ersten drei Lebensmonaten ist das Risiko für einen schweren Verlauf am höchsten. Das liegt daran, dass die Atemwege von Säuglingen noch sehr eng sind und das Virus leichtes Spiel hat, die winzigen, verästelten Bronchien zu schädigen. Findet die Infektion im ersten Lebensjahr statt, geht das Robert Koch-Institut (RKI) davon aus, dass 5,6 von 1.000 Kindern einen schweren Verlauf haben. Muss ein Kind im Alter von unter zwei Jahren wegen eines schweren Verlaufs in die Klinik, endet RSV in 0,2 Prozent der Fälle tödlich

Auch Frühchen und Kinder mit Vorerkrankungen der Lunge oder des Herzens haben ein hohes Risiko für schwere RSV-Verläufe. Bei Frühgeborenen erhöht sich das Sterberisiko auf 1,2 Prozent, bei Kindern mit chronischern Lungenproblemen, beispielsweise in Form einer bronchopulmonalen Dysplasie (BPD) durch eine frühe Beatmung steitg das Risiko auf 4,1 Prozent und bei Kindern mit Herzfehler auf 5,2 Prozent.

Wie lässt sich eine Erkrankung behandeln?

Bislang gibt es noch keine Therapie, die das RS-Virus an sich bekämpft. Ärzte behandeln stattdessen die Symptome, die das Virus hervorruft, also etwa Husten, Schnupfen oder Fieber. Gerade ältere Kindern können sich in den allermeisten Fällen ganz normal zu Hause auskurieren und wieder gesund werden.

Lediglich Kinder mit schwerem Verlauf und sehr junge Babys müssen gegebenenfalls im Krankenhaus überwacht werden. Dort prüfen die Pflegekräfte zum Beispiel regelmäßig den Sauerstoffgehalt im Blut. Falls nötig, bekommen die kleinen Patienten dann zusätzlichen Sauerstoff – zum Beispiel über eine Atemmaske – und Flüssigkeit zugeführt.

Auch wenn es kein gezieltes RSV-Medikament gibt, so lässt sich bei Hochrisiko-Babys wie Frühgeborenen oder solchen mit angeborenem Herzfehler trotzdem einem schweren Verlauf vorbeugen. Ihnen kann während der RS-Virus-Saison alle vier Wochen ein spezieller Antikörper injiziert werden, der die Babys zumindest kurzfristig schützt. Diese sogenannte RS-Virus-Prophylaxe ist allerdings nicht mit einer Impfung im eigentlichen Sinne zu verwechseln.

Warum erkranken ausgerechnet jetzt so viele Kinder?

Wenn RSV der häufigste Auslöser für Atemwegsinfekte bei kleinen Kindern ist und bei so gut wie jedem Kind mindestens einmal auftritt, warum ist die aktuelle Welle dann so verheerend? Das liegt wahrscheinlich an den Coronavirus-Schutzmaßnahmen der vergangenen Jahre. Vor der Corona-Pandemie führte meist nur der allererste Kontakt mit dem RS-Virus zu stark ausgeprägten Symptomen. Da die Kinder bei der Erstinfektion Antikörper gebildet hatten, verliefen alle weiteren Infektionen meist mild und stärkten die Immunabwehr gegen RSV sogar immer weiter.

Durch die Corona-Maßnahmen hat sich das allerdings geändert. Die meisten Kinder sind über Jahre hinweg so gut wie gar nicht mit RS-Viren in Berührung gekommen. Nun, da die strengen Maßnahmen nach und nach fallen, zirkuliert das Virus wieder stärker in der Bevölkerung und es stecken sich gerade überdurchschnittlich viele Kinder zum ersten Mal mit RSV an. Dementsprechend häufen sich schwere erste Verläufe.

Doch auch Kinder, die bereits vor der Corona-Zeit ihre Erstinfektion mit RSV durchgestanden haben, können nun wieder schwerer erkranken. Die gegen das RS-Virus gebildete Immunabwehr ist bei ihnen außer Übung, weil sie über so lange Zeit kaum Kontakt zu den Erregern hatten. Statt mild zu erkranken, wie es für eine wiederholte Infektion typisch wäre, haben diese Kinder erneut die schwereren Symptome einer Erstinfektion.

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