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Tod in Genf

Der Fall Uwe Barschel

Unter den bundesdeutschen Politskandalen ist der Fall Barschel der einzige, der mit dem Tod des Hauptakteurs endet. Ob der Politiker sein tragisches Ende in der Badewanne selbst herbeigeführt hat oder Opfer eines Mordes ist, kann bis heute nicht zweifelsfrei aufgeklärt werden.

Am 7. September 1987 berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", der SPD-Spitzenkandidat bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein, Björn Engholm, sei von Unbekannten beschattet worden. Kieler Staatssekretäre bestätigen, dass Engholm von Privatdetektiven überwacht worden sei und gegen ihn eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung vorliege.

Am 12. September, dem Vorabend der Landtagswahl, sickert durch, dass in der nächsten Spiegel-Ausgabe unter dem Titel "Watergate in Kiel-Barschels schmutzige Tricks" Enthüllungen erscheinen, die den amtierenden Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) schwer belasten. Sein ehemaliger Medienreferent Reiner Pfeiffer behauptet, auf Veranlassung Barschels die Beschattung des Oppositions-Kandidaten in Auftrag gegeben und die anonyme Anzeige erstattet zu haben. Dem Ziel, Engholm zu kompromittieren, habe auch Barschels Anweisung gedient, in seinem eigenen Autotelefon eine "Wanze" einzubauen, um eine von der SPD eingeleitete Abhöraktion vorzutäuschen.

Unter dem Eindruck der Affäre finden die Wahlen statt, aus denen die SPD als stärkste Partei hervorgeht. Barschel sieht sich zu einer Koalition mit der FDP gezwungen.

Am 18.September weist Uwe Barschel auf einer Pressekonferenz mit einer eidesstattlichen Erklärung und seinem persönlichen Ehernwort alle Anschuldigungen von sich. Außerdem kündigt der Ministerpräsident rechtliche Schritte gegen Pfeiffer und den "Spiegel" an. Aber als weitere an der Affäre Beteiligte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestätigen, rückt die FDP von ihm ab. Daraufhin legt Uwe Barschel am 2. Oktober sein Amt nieder. Vor dem am 7. Oktober erstmals tagenden Parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Kiel bestätigen etliche Zeugen die Aussagen Pfeiffers, der u.a. behauptet, auf Anweisung seines Chefs das Gerücht einer AIDS-Infizierung Engholms verbreitet zu haben.

Der für den 12. Oktober vom Untersuchungsausschuss vorgeladene Uwe Barschel fliegt zunächst zu einem Kurzurlaub nach Gran Canaria. Von dort reist er am 10. Oktober aus unbekannten Gründen allein nach Genf und steigt dort im Hotel "Beau Rivage" ab.

Am 11. Oktober mittags dringen Reporter der Illustrierten "Stern", die sich auf der Spur Barschels befinden, in dessen Hotelzimmer ein und finden den Politiker tot in der Badewanne liegend vor. Bei der Obduktion werden im Magen des Verstorbenen Spuren verschiedener Schlaf- und Beruhigungsmittel gefunden, was trotz vieler Ungereimtheiten auf einen Selbstmord hindeutet. Nach dem Zusammenbruch der DDR tauchen hingegen Gerüchte auf, die ostdeutsche Stasi oder internationale Waffenhändler hätten ihre Finger im Spiel gehabt. Die Familie Barschels bestreitet von Anfang an einen Selbstmord und glaubt, er sei ermordet worden.

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