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Die Kartoffel: Eine Pflanze erobert Europa

Wer kultivierte die Kartoffel zuerst?

Die Inka. Sie begannen im 13. Jahrhundert mit dem Kartoffelanbau, nachdem sie festgestellt hatten, dass die Pflanze auch noch in Höhen, in denen Mais nicht mehr gedeiht, brauchbare Erträge liefert. Um sie zu kultivieren, legten sie auf bis zu 4000 Meter Höhe künstlich bewässerte Terrassenfelder an. Die Inka kannten auch bereits eine Form der »Gefriertrocknung«, um dieses wichtige Nahrungsmittel haltbar zu machen: Sie ließen die Knollen einer Sorte, die durch Frost nicht ungenießbar wurde, gefrieren und pressten anschließend den Saft heraus. Diesen Vorgang wiederholten sie mehrfach, bis die Kartoffeln völlig trocken und damit haltbar waren. Vor der Verwendung wurden sie dann in Wasser eingeweicht.

Übrigens: Grabanlagen bezeugen, dass die südamerikanische Urbevölkerung bereits vor 8000 Jahren Kartoffeln verzehrte. Damals wurden die Pflanzen jedoch nicht angebaut, sondern man sammelte die Knollen wild wachsender Arten; in Südchile sind Wildkartoffeln bereits für das 8. Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen.

Wie lange brauchte die Kartoffel, um sich in Europa durchzusetzen?

Fast 200 Jahre. Um 1555 gelangten die ersten (rotschaligen) Knollen nach Spanien. Von dort aus traten sie allmählich ihren Siegeszug durch Europa an: Mit den Karmelitern kamen die Pflanzen zunächst nach Italien; 1590 sind sie für Irland und England belegt (von Irland aus wurden sie übrigens wieder in das nordamerikanische Virginia gebracht). In Deutschland kannte man sie seit 1588, als der niederländische Botaniker Carolus Clusius (1526–1609) – von dem auch die erste botanische Beschreibung der Pflanze stammt – die Kartoffel im botanischen Garten von Frankfurt (Main) anpflanzte.

Zunächst wurde das Nachtschattengewächs jedoch nicht als Nahrungsmittel, sondern als Zierpflanze geschätzt und in den fürstlichen Lustgärten zur Schau gestellt.

Als kostbares und delikates Nahrungsmittel kursierte es dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts an Fürstenhöfen. Das einfache Volk lernte den Wert der Kartoffel – zunächst in Deutschland – wenig später kennen, nämlich während der Hungersnöte im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges. Den Durchbruch als Volksnahrungsmittel verschaffte erst Friedrich der Große der Kartoffel: Der preußische König erkannte als Erster den großen Nutzen der Frucht und ordnete 1756 den großflächigen Anbau von Kartoffeln an.

Wie viele Kartoffelsorten gibt es?

Über 2000, darunter so bekannte wie Clivia, Datura und Grata, Hansa und Desiree. Feinschmecker schwören besonders auf Rosa Tannenzapfen, La Ratte d'Archèche, Bamberger Hörnle oder Vitelotte noire, deren dunkelblaue, fast schwarze längliche Knollen mit dem dunkellila Fleisch auch einfachen Kartoffelgerichten eine extravagante Note verleihen. Neben diesen Speisekartoffeln werden Arten angebaut, die als Viehfutter oder zur Gewinnung von Stärke genutzt werden.

Übrigens: Die Stärke der Kartoffeln dient heute auch als Rohstoff, aus dem biologisch abbaubares Verpackungsmaterial hergestellt wird; der ein oder andere hat vielleicht auf Volksfesten schon einmal Teller aus Kartoffelstärke kennen gelernt, die man einfach mitessen kann. Mit der Nutzung als nachwachsendem Rohstoff scheint sich die Kartoffel ein neues Feld zu erobern, nachdem ihre Bedeutung als Grundnahrungs- und Futtermittel in den letzten Jahrzehnten – zumindest in Deutschland – spürbar abgenommen hat.

Wie lagert man Kartoffeln richtig?

Die tollen Knollen müssen dunkel und kühl gelagert werden. Da sie viel Wasser enthalten, vertragen sie weder Frost noch Nässe während der Lagerung. Damit sie nicht an Gewicht verlieren, sollte die Luft nicht zu trocken sein. Ideal ist eine Raumtemperatur von mindestens 7,5 °C bei einer Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent. Liegt die Temperatur darunter, wird die Stärke schneller in Zucker umgewandelt und die Kartoffeln nehmen einen unangenehm süßlichen Geschmack an.

Besonders wichtig ist es, für völlige Dunkelheit im Lagerraum zu sorgen. Denn die Knollen entwickeln bereits unter geringem Lichteinfluss grüne Stellen bzw. beginnen auszutreiben. Sowohl die grünen Teile als auch die Keime enthalten Solanin – ein giftiges Alkaloid, das durch Kochen nicht zerstört wird. Deshalb müssen grüne Stellen sorgfältig weggeschnitten werden.

Wo beeinflusste die Kartoffel das Schicksal eines ganzen Volkes?

In Irland, wo Kartoffeln aufgrund des milden Klimas und der sauren Böden besonders gut gedeihen. Dank der Kartoffelkost wuchs die Bevölkerung schnell, so dass die Insel 1840 mit über acht Millionen Einwohnern das am dichtesten bevölkerte Land Europas war. Mitte des 19. Jahrhunderts schlug das Unheil in Form der Kraut- und Knollenfäule zu. Bereits 1830 verursachte diese Pilzerkrankung große Ernteausfälle in Hannover, 1843 wütete sie in Amerika. 1845 und 1846 vernichtete die Krankheit die gesamte Ernte Irlands. Es folgten große Hungersnöte, die bis 1851 die Bevölkerung Irlands um etwa ein Drittel dezimierten: Über 1,5 Millionen Menschen starben an Hunger und Krankheiten und fast eine Million wanderte nach Amerika aus, um dem Elend in ihrer Heimat zu entrinnen.

Wussten Sie, dass …

die Kartoffel den Inkas heilig war? Sie verehrten die Pflanze, die ihnen als Symbol der Fruchtbarkeit galt, als Göttin.

Kartoffeln nicht zusammen mit Äpfeln gelagert werden dürfen? Äpfel verströmen das Reifegas Ethylen, das die Kartoffeln schrumpeln lässt.

Kartoffeln keine Dickmacher sind? Verantwortlich für diesen Ruf ist das Fett, mit dem viele Kartoffelgerichte zubereitet werden.

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