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Juden in der islamischen Welt: Kulturträger als Bürger zweiter Klasse

Wie verhielt es sich mit der Judenverfolgung in islamischen Gebieten?

Sie wurde vor allem kurz nach Entstehung des Islams praktiziert. In allen islamischen Ländern bestanden jüdische Gemeinden lange vorher. Als Mohammed die neue monotheistische Religion gründete, versuchten er und seine Anhänger, die Juden und Christen Arabiens davon zu überzeugen, dass der Islam die Vollendung ihrer alten Religionen sei. Als die erhofften Konversionen aber ausblieben, kam es zu blutigen Verfolgungen der Juden und Christen. Erst mit der siegreichen Ausdehnung des Islams, der sich von Pakistan bis zu den Pyrenäen erstreckte, nahm die religiöse Intoleranz der Moslems deutlich ab. Vielfach wurden die islamischen Eroberer von den Juden sogar freudig begrüßt, weil sie nun ein Ende der persischen, byzantinischen und westgotischen Unterdrückung erwarteten.

Was ermöglichte die friedliche Koexistenz?

Die rechtliche Position der Juden und Christen in den islamischen Ländern wurde im Vertrag der Dhimma geregelt. Den »Dhimmi« wurden darin Glaubens- und Gottesdienstfreiheit, Autonomie in den Gemeindeangelegenheiten und die freie Berufsausübung gewährt. Sie mussten für diese Rechte jedoch eine Sondersteuer entrichten und bestimmte Kleidervorschriften beachten. Der Neubau von Synagogen, das Tragen von Waffen und das Reiten zu Pferde war ihnen untersagt.

Die Dhimma machte die Juden zu Bürgern zweiter Klasse. Im Alltagsleben war jedoch die friedliche Koexistenz zwischen Muslimen und Juden möglich. Obwohl es keine Einschränkungen bei der Berufswahl gab, wählten Juden häufig jene Berufe, die für Muslime verboten waren. Lederverarbeitung, Weinherstellung und -verkauf sowie die Beschäftigung mit Edelmetallen wurden zu jüdischen Domänen. Auch Berufe, die unter den Muslimen unbeliebt waren, weil man dabei zu häufig mit Ungläubigen in Kontakt kam, wie zum Beispiel Diplomatie, Handel und Finanzwesen wurden jüdisch. Häufig lebten die Juden in eigenen Vierteln, meist freiwillig und aus religiösen Gründen, wie in den Juderías in Spanien.

Welche Veränderung zog die islamische Eroberung Babyloniens nach sich?

Nach der Eroberung verbesserte sich die Situation der unter der persischen Herrschaft unterdrückten Juden entscheidend. Der Kalif gewährte ihnen größtmögliche Freiheiten, weil ihm an stabilen Verhältnissen gelegen war. Sie wählten mit dem Exilarchen ihren eigenen politischen Führer. Die Rektoren der jüdischen Akademien galten als die höchste Autorität in den Fragen der Rechtsprechung und der Gesetzgebung und wurden von der gesamten jüdischen Diaspora anerkannt.

Wie stieg Córdoba zum geistigen Zentrum des Judentums auf?

Ab dem 8. Jahrhundert wurde die Iberische Halbinsel von den Omajjaden beherrscht. Unter dem Kalifat von Córdoba lebten viele Juden. Sie begründeten ein neues Gelehrtenzentrum und im 11. Jahrhundert wurde schließlich Babylonien als das bisherige große geistige Zentrum der jüdischen Diaspora von Spanien abgelöst. Neben den jüdischen Gelehrten der Religion arbeiteten hier auch jüdische Literaten und Philosophen. Von großer Bedeutung sind die Übersetzungen der Werke griechischer Philosophen und Denker, die die byzantinische Kirche als heidnisch verboten hatte und die nun durch die jüdisch-arabische Zusammenarbeit ins Arabische übertragen wurden. Kontakte zu Juden im christlichen Europa führten zu einer Weiterübersetzung ins Hebräische und Lateinische und damit zu einem neuen Zugang des mittelalterlichen Europa zur griechischen Antike.

Im 12. Jahrhundert endete die Toleranz des jüdisch-arabischen Zusammenlebens in Spanien jedoch. Fanatische arabische Stämme verfolgten die Juden, so dass manche die Auswanderung in den christlichen Teil Spaniens oder nach Marokko vorzogen. Im marokkanischen Fez bildete sich bald ein neues Gelehrtenzentrum, das schließlich das jüdische Spanien als geistiges Zentrum der Diaspora ablöste.

Was änderte sich nach der Reconquista für die jüdische Bevölkerung?

Nach dem Kampf gegen den Islam richtete sich nun der Blick auf die Juden. In Spanien hatte die christliche Reconquista schon im 12. Jahrhundert begonnen, ihren Abschluss fand sie im Jahr 1492 mit der Eroberung von Granada. Die Verfolgung und Vertreibung der Muslime war das Vorbild für die Behandlung der jüdischen Bewohner des Landes. Die meisten Juden zogen die Flucht einem Übertritt zum Christentum vor, und das erstarkende Osmanische Reich hatte eine große Anziehungskraft für die sephardischen Juden der Iberischen Halbinsel. Die Toleranz gegenüber den Minderheiten war nie groß, die Einschränkungen der Dhimma wurden lax gehandhabt. Viele Juden zogen deshalb nach Konstantinopel, Saloniki und in andere Küstenstädte, aber auch nach Palästina, das seit Anfang des 16. Jahrhunderts osmanisch geworden war. Die kleine Stadt Safed in Galiläa entwickelte sich zum neuen Zentrum des Judentums in der islamischen Welt. Besonders die kabbalistische Mystik erlebte hier ihre Blüte.

Warum musste der jüdische Gelehrte Maimonides immer wieder auswandern?

Um der Verfolgung zu entgehen. Das Leben des großen jüdischen Gelehrten aus Córdoba ist typisch für das Verhältnis zwischen Islam und Judentum im Mittelalter. Als Kind floh Maimonides (1135–1204) mit seiner Familie vor dem fanatischen islamischen Stamm der Almohaden aus Córdoba ins christliche, damals noch tolerante Nordspanien. Als junger Mann fühlte er sich von den Gelehrtenstätten in Fez in Marokko angezogen, wanderte bald aber weiter über Palästina nach Ägypten. Dort wurde er in Fustat Leibarzt am Hofe des Sultans und gewann politischen Einfluss. Bis heute sind seine religionsphilosophischen Werke und die Systematisierung des jüdischen Gesetzesgutes aus dem Talmud berühmt.

Wussten Sie, dass …

die Juden in Spanien den Baustil ihrer religiösen Zentren dem arabischen Geschmack anpassten und maurische Elemente in ihre Bauwerke integrierten?

Maimonides wegen seiner Adaption antiker Philosophen auch von jüdischen Gelehrten angefeindet wurde?

in Córdoba seit der Reconquista nur noch eine von ursprünglich 300 Synagogen zu besichtigen ist?

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