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LEXIKON

französische Philosophie

die philosophischen Lehren des französischen Sprachbereichs, vor allem Frankreichs, Belgiens und der französischen Schweiz.
Die französische Philosophie beginnt in der Patristik des 4. Jahrhunderts. Deren Gedankengut wurde im 8./9. Jahrhundert in der neu gegründeten karolingischen Hofschule in Paris und der Schule von Tours gepflegt. Im Übergang zur Frühscholastik rückten Dialektik, besonders an der Schule von Chartres, und Logik in den Mittelpunkt. Der bedeutendste Frühscholastiker war Anselm von Canterbury, der in seinem ontologischen Gottesbeweis Glauben und rationales Verstehen zusammenführte. Hauptthema der Frühscholastik war der Universalienstreit; Wilhelm von Champeaux (* um 1070,  1121) vertrat die streng realistische, Roscelin von Compiégne die streng nominalistische und P. Abälard die vermittelnde Auffassung. Dessen theoretisierende Auffassung bekämpfte Bernhard von Clairvaux, der Begründer der mittelalterlichen Mystik. Die Schule von St. Victor verband Mystik mit naturphilosophischer Systematik (Hugo von St. Victor).
Abälard, Peter
Peter Abälard
Um 1200 erfolgte der Übergang zur Hochscholastik, deren Mittelpunkt die Pariser Universität war, zugleich Schauplatz großer geistiger Auseinandersetzungen: zwischen der augustinisch-platonischen Richtung der Franziskaner Alexander von Hales und Bonaventura einerseits und andererseits der die Hochscholastik schließlich beherrschenden aristotelischen Richtung des Deutschen Albertus Magnus und des Neapolitaners Thomas von Aquin, beide Lehrer an der Pariser Universität; ferner zwischen dem christlichen Aristotelismus und dem lateinischen Averroismus (Siger von Brabant, Boëtius von Dacien Ende des 13. Jahrhunderts) und zwischen den Scotisten und den Thomisten. In der Spätscholastik im 14. Jahrhundert nahm der genuin französische Anteil wieder zu. Im Anschluss an W. von Ockham bildete sich in Paris eine antischolastische, die neuzeitliche Naturwissenschaft vorwegnehmende Bewegung (J. Buridan, N. dOresme).
Albertus Magnus
Albertus Magnus
In die französische Renaissancephilosphie gehört der Humanistenkreis um J. Faber Stapulensis (* um 1455,  1537) unter dem Einfluss des Nikolaus von Kues und des Erasmus von Rotterdam. J. Bodin war mit seiner Theorie der Souveränität der Staatsphilosoph des Absolutismus. Charakteristisch für die französische Renaissance war die Entwicklung des Skeptizismus durch M. E. de Montaigne, dessen „Essais“ großen Einfluss auf die französischen Moralisten ausübten. P. Gassendi entwickelte in Erneuerung des Atomismus Demokrits ein System der Korpuskularphysik.
Nikolaus von Kues
Nikolaus von Kues
Frankreichs größter Philosoph ist R. Descartes. Die von ihm durch die Zweifelsmethode gewonnene Erkenntnis der Unbezweifelbarkeit des menschlichen Selbstbewusstseins (cogito, ergo sum) bildet den Ausgangspunkt für die neuzeitliche europäische Philosophie und die Grundlage des Rationalismus. Anhänger des Kartesianismus waren u. a. die Logiker A. Arnauld, P. Nicole sowie die Bischöfe J.B. Bossuet und F. Fénelon; seine bedeutendsten Gegner waren B. Pascal, der der Logik der Vernunft eine Logik des Herzens entgegenstellte, und P. Bayle, der dem Kartesianismus mit skeptischen Argumenten begegnete. Den durch Descartes aufgeworfenen Dualismus von denkender und körperlicher Substanz suchte der Okkasionalist N. Malebranche zu lösen.
Wortführer der Aufklärung war F.-M. Voltaire, der für Vernunft und Toleranz eintrat. J.-F. de Montesquieu stellte die Theorie der dreifachen Gewaltenteilung auf. Diese Theorie sowie die Lehre J.-J. Rousseaus vom Gesellschaftsvertrag bildeten die geistigen Grundlagen der Französischen Revolution. Wichtiger Bestandteil der französischen Aufklärung war die von D. Diderot und J. dAlembert herausgegebene „Encyclopédie“ (Enzyklopädisten).
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es zwei Strömungen: die Revolutionsphilosophie, die das Erbe der Aufklärung fortführte, mit der materialistischen Psychologie von A. L. C. Graf Destutt de Tracy und P. J. G. Cabanis sowie den radikalen Sozialphilosophen C. Fourier und P. J. Proudhon und den frühsozialistischen Ansätzen von C. H. de R. Graf von Saint Simon. A. Comte begründete den Positivismus und die Soziologie. Die Gegenströmung, die Restaurationsphilosophie, theistisch-religiös, auf Aussöhnung mit dem katholischen Glauben bedacht, war ausgebildet in der staatsphilosophisch orientierten theokratischen Schule von L. G. A. de Bonald, J. M. de Maistre und H. F.-R. de Lamennais und in der spiritualistisch-idealistischen Schule von P. P. Royer-Collard und V. Cousin. Auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie entwickelten P. M. M. Duhem und H. Poincaré den Konventionalismus. H. Bergson stellte um die Wende zum 20. Jahrhundert dem Mechanismus, Materialismus und Determinismus seine sog. Lebensphilosophie (mit dem Zentralbegriff des élan vital) entgegen. In Auseinandersetzung mit Bergson entwarf M. Blondel seine Philosophie der Handlung. In Frankreich und Belgien einflussreich war der Neuthomismus von J. Maritain und E. Gilson.
Die Phänomenologie E. Husserls übte großen Einfluss auf das Denken von M. Merleau-Ponty und J. P. Sartre aus. Sartre wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einer der Hauptvertreter des Existenzialismus, dem auch A. Camus und G. Marcel angehörten. Zur gleichen Zeit entstand, ausgehend von der Linguistik (besonders F. de Saussure), der Strukturalismus, der verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen beeinflusste: die Anthropologie von C. Lévi-Strauss, die Psychoanalyse von J. Lacan und die Semiotik des frühen R. Barthes. Lacan und Barthes radikalisierten den Strukturalismus zum Poststrukturalismus, dem J. Derrida durch eine Verallgemeinerung des Textbegriffs als Dekonstruktion besonders in der Literaturwissenschaft zum Durchbruch verhalf. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte M. Foucault mit seinen historischen Analysen von Machtstrukturen und Selbstkonstruktion. Eine Kritik am „Projekt der Moderne“ stellte J.-F. Lyotards Begriff der Postmoderne dar. Die Phänomenologie wurde bei E. Levinas nochmals mit religiöser Prägung aufgenommen. P. Ricœur integrierte darüber hinaus verschiedene philosophische Richtungen des 20. Jahrhunderts in sein Denken.
Sartre, Jean-Paul und Beauvoir, Simone de
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
Die französischen Schriftsteller Jean-Paul Sartre (links) und Simone de Beauvoir (rechts) werden von Reportern umringt, als sie das Bonne Nouvelle Polizeirevier verlassen. Man hatte sie verhaftet, als sie die linksextreme Zeitung »La Cause des Hommes« verkauften. Diese Zeitung, veröffentlicht von einer maoistischen Gruppe, war 1970 verboten worden, weil sie den Umsturz der französischen Regierung forderte.
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