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Warum die Fußball-WM in Katar umstritten ist

Am Sonntag, den 20. November 2022, beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Katar. Doch in diesem Jahr sehen viele der WM mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn die Freude am Fußballereignis wird durch Kritik an der Fifa und dem von ihr ausgewählten Gastgeberland Katar getrübt. Im Fokus stehen dabei vor allem Menschenrechtsverstöße im Emirat, aber auch die Vergabe an ein klimatisch ungeeignetes und wenig fußballaffines Land. Doch wie ist die Lage in Katar? Und warum ist das Emirat als WM-Austragungsort so umstritten?
AMA, 18.11.2022
Symbolbild Fußball-Weltmeisterschaft in Katar

Luftbild Doha: NeoPhoto, GettyImages; Fußball-Grafik: Maha1450, GettyImages

„The winner to organize the 2022 FIFA World Cup is… Qatar!”, hieß es 2011 bei der offiziellen Vergabe der Fußballweltmeisterschaft. Obwohl das Emirat auch damals schon als undemokratisch und menschenrechtsverachtend galt, wurde es vom Weltfußballverband Fifa ausgewählt. Damals bestand immerhin die Hoffnung, dass sich das Land ändern würde, um seiner Rolle als WM-Gastgeber gerecht zu werden. Doch nun, 11 Jahre später, zeigt sich: Katar hat sich durch diese Aufgabe nicht zu einem Vorzeige-Land gewandelt. Eine Bestandsaufnahme am diesjährigen WM-Austragungsort.

Willkommen in Katar: Wie sieht es in dem Land aus?

Katar liegt auf einer Halbinsel im Persischen Golf. Das Land besteht größtenteils aus Wüste. Natürliche Flüsse und Seen gibt es keine, Regen ebenfalls so gut wie nie. Im Sommer herrschen Temperaturen von bis zu 50 Grad, die einen Aufenthalt im Freien nahezu unmöglich machen. Deshalb musste die Fußball-WM in diesem Jahr vom Sommer in den Winter verlegt werden. Im November und Dezember ist es in Katar immer noch 20 bis 26 Grad warm.

Katar ist eine absolute Monarchie, an deren Spitze der Emir Scheich Tamim bin Hamad Al-Thani steht. Ein richtiges Parlament existiert nicht. Katar ist durch Rohstoffvorkommen wie Erdgas und -öl reich geworden. Die rund 300.000 Bürger des Landes gehören dadurch zu den wohlhabendsten weltweit – allerdings gilt dies nicht für die rund zwei Millionen Menschen, die als Arbeitsmigranten in Katar leben. Das Leben im Land steht ganz im konservativen Zeichen der muslimischen Staatsreligion. Selbst Katars Gesetze beruhen auf der Scharia. Das hat zur Folge, dass die Rechte von Frauen und Angehörigen der LGBTQ-Community stark eingeschränkt sind. Ähnliches gilt für die Arbeitsmigranten, die in dem Wüstenstaat nach einem besseren Leben für sich und ihre Familie gesucht haben, aber oft kaum mehr Rechte haben als Sklaven. Auch eine freie Presse gibt es in Katar nicht.

Warum ist Katar als WM-Austragungsort umstritten?

Der Aufbau der katarischen Gesellschaft legt bereits nahe, warum einige Bedingungen im Land weltweit als boykottwürdig empfunden werden. Zunächst einmal wäre da der Mangel an Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Frauen bleibt ein selbstbestimmtes Leben verwehrt. Sie brauchen für alles die Erlaubnis eines männlichen Vormundes: heiraten, verreisen, arbeiten, Sport treiben und sogar das Haus verlassen. 

„Die männliche Vormundschaft stärkt die Macht und Kontrolle, die Männer über das Leben und die Entscheidungen von Frauen haben. Sie kann Gewalt fördern oder schüren und lässt Frauen nur wenige Möglichkeiten, dem Missbrauch durch ihre eigenen Familien und Ehemänner zu entkommen“, sagt Rothna Begum, leitende Frauenrechtsforscherin bei Human Rights Watch.

Ebenfalls mangelhaft: Der Umgang mit queeren Menschen. Homosexualität ist in Katar verboten und wird als Krankheit betrachtet. So bezeichnete der katarische WM-Botschafter Khalid Salman in einer ZDF-Doku Schwulsein sogar als geistigen Schaden und sorgte damit weltweit für Empörung. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft dem Land außerdem vor, willkürlich queere Menschen zu verhaften und zu misshandeln. Die katarische Regierung weist die Vorwürfe zurück.

Stadionbau in Katar

typhoonski, GettyImages

Was ist mit den Arbeitern beim Stadionbau passiert?

Ein weiterer kritischer Aspekt Katars ist der Umgang mit Gastarbeitern. Um pünktlich zu WM-Beginn die nötige Infrastruktur – darunter Stadien, Unterkünfte, Einkaufszentren, Trainingsstätten, Straßen und ein U-Bahn-Netz – vorweisen zu können, war der Wüstenstaat auf tausende Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Die meisten Migranten stammen aus Südasien oder Nepal und fanden im Emirat katastrophale Arbeitsbedingungen vor, wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet. Demnach werden die Migranten gezwungen, bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten, und bekommen dafür mitunter nur verzögert oder sogar gar kein Gehalt.

Doch damit nicht genug: Die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen sind derart desaströs, dass bereits tausende Arbeiter dort ihr Leben lassen mussten. Die britische Zeitung "Guardian" geht von mindestens 6.500 Todesfällen aus. Laut Amnesty International seien die meisten Arbeiter aufgrund der stundenlangen Arbeit in extremer Hitze gestorben. In Katar ausgestellte Totenscheine machen stattdessen „natürliche Ursachen“ oder Herzversagen für die Tode der Arbeiter verantwortlich.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Aufmerksamkeit für die menschenrechtsverletzenden Bedingungen in Katar hat in den letzen Jahren stetig zugenommen, entsprechend wuchs auch die Kritik. Mehr und mehr Menschen, auch aus dem Fußball, äußern sich zunehmenden kritisch über den WM-Gastgeber. Nationalspieler Leon Goretzka sagte etwa: „Das ist schon sehr beklemmend, muss man sagen. Das ist einfach ein Menschenbild aus einem anderen Jahrtausend.“

Einige kündigen auch an, ihrer Kritik Taten folgen zu lassen. So gaben in einer repräsentativen Infratest-dimap-Umfrage 56 Prozent der Befragten in Deutschland an, sich in den kommenden Wochen keine WM-Spiele ansehen zu wollen. Auf Twitter trendet unterdessen der Hashtag #BoykottQatar2022.

Doch trotz aller Kritik: Die Fußballweltmeisterschaft wird stattfinden, und zwar vom 20. November bis 18. Dezember. Ob Katar zukünftig als Präzedenzfall dient, der die WM-Vergabe zugunsten demokratischer Staaten gestaltet, ist noch unklar.

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