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Pasternaks Doktor Schiwago: Liebe in den Zeiten der Revolution

Wie ist der Roman »Doktor Schiwago« entstanden?

Boris Pasternak (1890–1960) betrachtete seine Lyrik nur als Fingerübung für das ganz große Prosawerk. Bereits 1934 suchte er nach einer Idee für einen »gewöhnlichen Roman«, in den auch »einige unansehnliche und armselige Worte des Alltags« Eingang finden sollten. Unter dem Arbeitstitel »Jungen und Mädchen« begann Pasternak zehn Jahre später mit dem Schreiben. Weitere zehn Jahre später war »mein erstes echtes Werk« beendet. Pasternak hatte sein Ziel erreicht: Denn »Doktor Schiwago« (1956) ist ein sprachlich und kompositorisch einfaches Buch im Stil des russischen Realismus geworden, das vom Gewöhnlichen des Alltagslebens ebenso berichtet, wie es Resümee des eigenen Lebens und ein Panorama russischer Zeitgeschichte ist.

Wer steht im Zentrum des Geschehens?

»Doktor Schiwago« erzählt die Leidensgeschichte des bürgerlichen Arztes und Dichters Juri Schiwago, der am »proletarischen« Fortschritt Russlands im 20. Jahrhundert keinen Anteil hat. Er arbeitet fern aller Ideologien und getragen von reiner Nächstenliebe. Im Ersten Weltkrieg lernt er die Lehrerin Lara kennen, die ihm als Krankenschwester assistiert; sie ist mit einem kommunistischen Idealisten verheiratet, der später als berüchtigter Zugführer der Roten Armee mordend und brandschatzend durch Russland zieht, bevor die Partei ihn zum Selbstmord zwingt. Lara ist die große Liebe Schiwagos, trotzdem heiratet er die grundgütige Tonja.

Wie wirken sich die politischen Ereignisse auf Schiwagos Schicksal aus?

Schiwagos hoffnungsvoll begonnene Karriere nimmt eine jähe Wende. Seine Gedichte werden als reaktionär verunglimpft; er muss Moskau verlassen und siedelt auf sein Familiengut Warikino über, um hier in bäuerlicher Idylle fernab revolutionärer Tumulte zu leben. Allerdings muss er im Gesindehaus wohnen, da das Haupthaus inzwischen enteignet wurde und verfällt: Die Revolution hat das flache Land längst erreicht. Als Schiwago im Nachbarort Lara wieder trifft, verlässt er seine hochschwangere Frau, verliert aber in einem Akt des Stolzes auch Lara wieder.

Es scheint Schiwagos Schicksal zu sein, an den Zeitumständen zu zerbrechen. Am Ende erliegt er in der Straßenbahn, während er Lara auf der Straße gehen sieht, einem Herzanfall: das banale Ende eines Menschen, den die Zeit überrollt hat und der durch private Fehler und gesellschaftliche Umstände sein Lebensglück nicht verwirklichen konnte.

Warum erschien der Roman zuerst in Italien?

Pasternaks Roman wurde aufgrund seines nicht systemkonformen Inhalts von sowjetischen Verlagen abgelehnt. 1957 wurde er in italienischer Sprache veröffentlicht und zum Sensationserfolg; zahlreiche weitere Übersetzungen folgten. Nach einer beispiellosen Hetzkampagne und der Androhung seiner Ausbürgerung musste Pasternak ein Jahr später auf die Annahme des Nobelpreises verzichten, wurde aber dennoch aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen. Erst 1987 konnte »Doktor Schiwago« in der UdSSR veröffentlicht werden; im Zuge der Perestroika-Politik Michail Gorbatschows wurde Pasternak offiziell rehabilitiert.

Was stellt David Leans Romanverfilmung in den Vordergrund?

David Leans Film von 1965 mit Omar Sharif, Julie Christie und Geraldine Chaplin engt Pasternaks politische Geschichte stark auf das Dreiecksverhältnis der Protagonisten ein. Die innovative Ästhetik des Films (und die eingängige Filmmusik) trug wesentlich dazu bei, die Parabel über künstlerische Rastlosigkeit, geistige Isolation und »ewige« Liebe in Zeiten von Revolution und politischer Unterdrückung im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten.

Schadete die Ächtung durch die Kulturbürokratie Pasternaks Popularität?

Nein, Boris Pasternak zählte trotz der Repressalien durch die Partei zu den bedeutendsten und beliebtesten literarischen Persönlichkeiten der Sowjetunion. Er wurde am 10.2.1890 nahe Moskau in eine gebildete jüdische Familie geboren, beschäftigte sich mit Philosophie und Musik, begann, unter dem Einfluss von Symbolismus und Impressionismus Lyrik zu schreiben. Mit ihrer ungewöhnlichen Metaphorik weist sie stark modernistische Tendenzen auf, ist aber auch stark philosophisch geprägt. Nachdem Pasternak beim sowjetischen Regime und den Verfechtern des Sozialistischen Realismus in Ungnade gefallen war, verdiente er seinen Lebensunterhalt als (ausgezeichneter) Übersetzer etwa von Shakespeare, Goethe und Rilke. Pasternak starb am 30.5.1960 in der Nähe von Moskau.

Wussten Sie, dass …

Boris Pasternak, bevor er 1956 seinen einzigen Roman »Doktor Schiwago« vollendete, bereits zahlreiche hoch gelobte Gedichte veröffentlicht hatte? Er war damals allerdings auch schon als Vertreter einer »formalistischen« Moderne bei der Sowjetregierung in Ungnade gefallen.

der junge Boris in einem ausgesprochen künstlerisch geprägten Umfeld aufwuchs? Sein Vater war Professor für Kunst, seine Mutter Pianistin.

Pasternak seinen Schulabschluss am Deutschen Gymnasium in Moskau machte und später ein Semester lang an der Universität Marburg studierte?

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