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Der Tüftler und die Marketingstrategin

Ehepaar Benz und das Auto Nr. 1

Carl Benz baute das erste Auto der Welt, aber ohne das Marketing-Talent seiner Frau Bertha wäre es kein Erfolg geworden: Im Alleingang bewältigte sie in einer der ersten großen Marketingaktionen der Geschichte die mehr als 100 Kilometer weite Strecke von Mannheim nach Pforzheim mit dem Motorwagen.

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Carl Benz, 1869
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Carl und Bertha Benz (hinten im Wagen), 1893
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Bertha Ringer, die zukünftige Ehefrau von Carl Benz, circa 1870
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Es war der Badener Carl Benz, der der Menschheit das erste Auto der Welt bescherte: Der Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1, ein Dreirad mit knatterndem Einzylinder-Viertaktmotor. Die Geburtsstunde des Automobils ist am 29. Januar 1886 mit der  Patentanmeldung. In deren Folge revolutionierte diese Erfindung nicht nur unsere Mobilität, sondern war auch Anlass für eine der ersten großen Marketingaktionen der Geschichte. Um Carl Benz und seine Zeitgenossen von der Fahrtüchtigkeit der Erfindung zu überzeugen, bewältigte Bertha Benz ohne das Wissen ihres Mannes die mehr als 100 Kilometer weite Strecke von Mannheim nach Pforzheim. Diese wagemutige Tour ging als erste Langstreckenfahrt in die Geschichte ein. Und sie wirkte vor allem verkaufsfördernd: Carl Benz konnte gleich 25 der zuvor so skeptisch beäugen Patent-Motorwagen verkaufen. Doch werfen wir einen Blick zurück in die Anfangsjahre des Automobils.

Wenn Träume fahren lernen

Carl Benz, 1869
Am Anfang war der Traum vom Fahren. Aber was nützt der ambitionierteste Traum ohne die passende Beifahrerin? 1870 verlobte sich Carl Friedrich Benz mit Cäcilie Bertha Ringer aus Pforzheim. Das 20-jährige Fräulein zeichnete sich durch eine erfrischende Tatkraft und Zielstrebigkeit aus. Lösungsorientiert nahm sie sich der Sorgen und Nöte ihres Verlobten an. Und als Benz seine Firma "Carl Benz und August Ritter, Mechanische Werkstätte" in Mannheim wegen der Unzuverlässigkeit seines Partners fast aufgeben musste, ließ sich Bertha von ihrem wohlhabenden Vater die Mitgift vorzeitig auszahlen, um das Unternehmen zu retten. Ohne Partner hieß es fortan schlicht: "Eisengießerei und mechanische Werkstätte". Im Juli 1872 heirateten die beiden. Leider war Carl Benz kein geschickter Geschäftsmann. Schon fünf Jahre später stand er erneut vor der Zwangsversteigerung. Wieder war es Bertha, die den Karren aus dem sprichwörtlichen Dreck zog: Sie brachte ihren Mann dazu, die Produktion auf die damals schwer gefragten stationären Gasmotoren umzustellen. Und damit hatte Benz Erfolg.

Vom Zwei- zum Viertaktmotor

Endlich konnte sich Carl Benz an die Erfüllung seines Lebenstraums machen: die Entwicklung eines selbstfahrenden Wagens mit Motor. Nach vielen Mühen und Enttäuschungen sprang der "embryonale Zweitakter", wie Benz seinen Motor liebevoll taufte, in der Silvesternacht 1879 an und lief erstmals gleichmäßig weiter. Der Zweitakter erwies sich jedoch als zu groß und zu schwer für das Fahrkonzept, das Benz vorschwebte. Ein Viertaktmotor musste her.
Das Patent für den Viertakter aber lag seit 1877 bei Nikolaus August Otto. Doch Benz hatte Glück. Es kam zu Patentstreitigkeiten, da Christian Reithmann und Alphonse Beau de Rochas schon vor Ottos Erfindung und unabhängig voneinander Patente auf den Viertaktmotor erhalten hatten. Im Januar 1886 wurde das Patent vom Reichsgericht schließlich aufgehoben. Nun war Carl Benz an der Reihe. Endlich präsentierte er der Öffentlichkeit sein mit einem Viertakter ausgestattes "Modell 1", das ja schon ein Jahr zuvor auf seinen drei Rädern gestanden hatte.

 

Ein Unternehmen nimmt Fahrt auf

Carl und Bertha Benz (hinten im Wagen), 1893

Die zunächst positiven Berichte wandelten sich leider schnell ins Gegenteil. Seine Mitbürger reagierten auf das laut knatternde Gefährt mit Abwehr und Entrüstung. Sie setzten durch zahlreiche Anzeigen diverse Fahreinschränkungen durch. Benz schrieb in sein Tagebuch: "Das Staunen und Bewundern schlägt um in Mitleid, Spott und Hohn. Wie kann man sich in einen unzuverlässigen, armseligen, lautlärmenden Maschinenkasten setzen, wo es doch genug Pferde gibt auf der Welt."
Ein kommerzieller Erfolg stellte sich also zunächst nicht ein. 1888 sah sich ein immer mutloser werdender Carl Benz mit neuen Geldsorgen konfrontiert. Unter diesen Umständen war die erste Fernfahrt der Geschichte besonders bemerkenswert. Mit dieser Marketingmaßnahme wollte Bertha Benz ihrem Mann und dem Rest der Welt beweisen, dass diese Erfindung sehr wohl fahrtauglich und fortschrittlich war. Das Ziel stand schnell fest: Bertha wollte ihre Mutter in Pforzheim besuchen. Die knapp 110 Kilometer waren damals gar nicht so einfach zurückzulegen, und da Bertha den Motorwagen nicht bedienen konnte, weihte sie ihre Söhne ein. Gemeinsam mit dem 15-jährigen Eugen und dem 14-jährigen Richard brach sie im August 1888 in einer Nacht- und Nebelaktion auf. Dem schlafenden Vater hinterließen sie lediglich einen Zettel mit den Worten "Wir sind zur Oma nach Pforzheim gefahren".

Schweißtreibender Weg zum Erfolg

Bertha Ringer, die zukünftige Ehefrau von Carl Benz, circa 1870
Einmal auf dem Weg, gab es für die drei kein Zurück mehr. Gelegentlich auftretende Probleme mussten sofort gelöst werden. So wurde die Stadt-Apotheke in Wiesloch zur ersten Tankstelle der Welt, da die drei dort Ligroin kauften, das damalige "Benzin". Um die Kühlung aufrecht zu halten, mussten die Pioniere zudem bei jeder Gelegenheit Wasser nachfüllen. Die verstopfte Benzinleitung reinigte Bertha Benz mit einer Hutnadel und isolierte das durchgescheuerte Zündkabel mit einem Strumpfband. Schweißtreibend für die Jungs waren vor allem die Steigungen. Da die Leistung des Einzylinders nicht ausreichte, um die zahlreichen Hügel nach Pforzheim fahrend zu bewältigen, mussten die beiden Söhne immer wieder schieben. Während der Fahrt schickten die drei Fernfahrer ein Telegramm an den noch ahnungslosen Benz: "Sind mit dem Wagen fortgefahren und gut in Bruchsal angekommen." Allein mit der Ankunft in Pforzheim bewies Bertha Benz allen Skeptikern, dass das Automobil mit Viertaktmotor die Zukunft war. Übrigens war der Faktor Geschwindigkeit damals eher zweitranging, denn die Höchstgeschwindigkeit des 270 Kilo schweren Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1 lag bei 16 km/h. Für Schritttempo gerade mal einen Hauch zu rasant...

 

Erfolgreiche Marketingmaßnahme

Aufgrund von Berthas Fahr-Erfahrung erhielt das Modell Nr. 3 einen zusätzlichen Gang und eine wirkungsvollere Bremse. Nach der erfolgreichen Jungfernfahrt verkaufte Carl Benz 25 Exemplare! Ohne ihren Mut und ihre Tatkraft wäre der Aufstieg der späteren Firma Benz & Cie., Mannheim, zur zeitweilig größten Automotorenfabrik der Welt nicht denkbar gewesen. 1894, sechs Jahre nach Berthas folgenreicher Fahrt, ging weltweit erstmals ein Automobil serienmäßig in Produktion: der Benz Patent-Motorwagen Velociped. Und Carl Benz hat seinen Traum noch zu Lebzeiten in voller Fahrt gesehen.

von Melanie Becka und Michael Fischer, wissen.de
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