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Mit Stadtgrün und Wasser gegen aufgeheizte Städte

Anhaltende Hitze, Trockenheit und dann wieder Starkregen: Auch bei uns sind diese Folgen des Klimawandels immer deutlicher zu spüren. Umso wichtiger ist es, gegenzusteuern und vor allem die Betonwüsten der Städte besser gegen Hitze und Überschwemmungen zu schützen. Aber wie? Ein Weg dahin sind sogenannte blaugrüne Infrastrukturen – begrünte Flächen und Gewässer, die für Abkühlung sorgen und gleichzeitig übermäßige Niederschläge wie Schwämme aufnehmen. Wie das geht, erklärt ein Experte.
NPO / Universität Leipzig
Dachbegrünung in Singapur

Lim Weixiang - Zeitgeist Photos, GettyImages

Lange Zeit galten Grünflächen, Bäume und Parks in der Stadt nur als schmückendes Beiwerk ohne eigentliche Funktion – schön, aber entbehrlich. Die Frage: „Bäume oder Parkplätze? Ein Arbeitsplätze-schaffendes Firmengebäude oder der kleine Park?“ wurde daher meist zu Ungunsten des Stadtgrüns entschieden. Doch inzwischen hat man dazu gelernt.

Wie Stadtgrün gegen Hitze und Starkregen helfen

Ein Stadtpark, eine Grünanlage und sogar schon ein einziger Straßenbaum wirken wie ein Luftreiniger, Sauerstofflieferant und Klimaanlage für die umliegenden Stadtbereiche. Schon ein großer Straßenbaum produziert in der Vegetationsperiode genügend Sauerstoff für zehn Menschen und filtert bis zu einer Tonne Staub aus der Luft. An einem sonnigen Tag verdunstet ein einzelner Straßenbaum bis zu 400 Liter Wasser. Dadurch erhöht er die Luftfeuchtigkeit im Schattenbereich seiner Krone und kühlt gleichzeitig seine Umgebung um bis zu drei Grad ab. Ein kleiner Park kann dadurch noch Häuser im Umkreis von bis zu 300 Metern abkühlen.

Doch Stadtgrün kann noch mehr: Zusammen mit einer Anpassung der Stadtinfrastruktur können Parks und sogar Bäume dazu beitragen, die Folgen von Starkregen abzumildern. Denn die unversiegelten Flächen der Parks, Gärten oder städtischen Teiche lassen das Wasser versickern oder fangen es auf und verhindern so Überschwemmungen. Um dies zu unterstützen, kann man beispielsweise Straßen oder Parkstreifen mit Rinne ausstatten, die das Wasser in nahe Parks und andere Grünflächen leiten.

Straßenbäume können zu temporären Wasserspeichern werden, wenn man um sie herum Versickerungsgruben anlegt. In diese Gruben kann dann Regenwasser von Straßen und Dachflächen geleitet werden und versickern oder über unterirdische Leitungen abgeführt werden. Bei Trockenheit könnten die Bäume durch solche Gruben zudem besser bewässert werden.

Die Binnen- und die Außenalster in Hamburg sind ein schönes Beispiel für histororisch gewachsene blaugrüne Infrastrukturen.

Roman Drits, GettyImages

Vorbild Singapur – aber wie ist es bei uns?

Stadtgrün und auch Teiche und Drainagerinnen können demnach als sogenannte blaugrüne Infrastrukturen helfen, Städte zu kühlen und Mangel oder Überschuss an Regenwasser auszugleichen. Einige große Metropolen weltweit, darunter vor allem Singapur, machen dies schon vor: In der besonders dicht besiedelten Millionenstadt haben viele Gebäude bereits grüne, mit Pflanzen bewachsene Fassen und Dachgrün, um die Luft zu filtern und die Häuser kühl zu halten. Bei einigen Häusern ist der Kühleffekt dieses Gebäudegrüns sogar so groß, dass trotz der normalerweise ganzjährig tropischen Temperaturen keine Klimaanlagen mehr benötigt werden.

Doch wie weit ist die Entwicklung bei uns in Deutschland? Und was muss noch getan werden, um die blaugrünen Infrastrukturen auch bei uns voranzubringen? Dies erklärt uns der Biologe und Wirtschaftswissenschaftler Stefan Geyler von der Universität Leipzig. Er forscht darüber, wie zum Wassermanagement und Klimaanpassung in ländlichen und städtischen Umgebungen gelingen kann.

Wieso sind blaugrüne Infrastrukturen (BGI) in Städten so wichtig?

Stefan Geyler: Städtische Räume greifen generell stark in den Wasserhaushalt ein. Aufgrund der starken Versiegelung bildet sich zu wenig Grundwasser und verdunstet zu wenig Wasser. Zugleich überhitzen hochverdichtete Räume leicht. Diese Probleme werden durch den Klimawandel noch verstärkt. Jeder kann die Hitze in diesem Sommer spüren, das Stadtgrün leidet unter Trockenstress und die zunehmenden Starkniederschläge können Straßen, Keller und Tiefgaragen überfluten.

Blaugrüne Infrastrukturen bieten Lösungsbeiträge zu diesen Problemen. Dazu zählen verschiedene Ansätze. Gründächer sind mittlerweile häufiger zu sehen. Versickerungslösungen fallen kaum auf, seien es einfache Mulden oder komplexe, platzsparende Versickerungssysteme, die Mulden-Rigolen. In den letzten Jahren wurde intensiv zu Baumrigolen geforscht, welche Regenwasser im Wurzelbereich von Bäumen zurückhalten. Weiterhin zählen Zisternen für die Nutzung von Regenwasser hinzu sowie die gezielte Gestaltung von Straßen und Gelände, um Starkniederschläge unschädlich abzuleiten oder gefahrlos auf Plätzen und Grünanlagen zwischenzuparken.

Werden solche blaugrünen Elemente der Regenwasser-Kanalisation im öffentlichen Raum vorangeschaltet oder ersetzen sie diese sogar, so lassen sich Grundwasserneubildung und Verdunstung verbessern, die urbanen Räume kühlen, Wasser zur Bewässerung oder Ähnliches bereitstellen und der Überflutungsschutz verbessern. Und sie haben einen weiteren Vorteil – es sind teilweise einfache Systeme und ressourcenschonend im Vergleich zu technischen Infrastrukturen. Die CO2-Bilanz dieser Systeme ist vielleicht ein Aspekt, dem gegenwärtig noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der blaugrünen Infrastrukturen in deutschen Städten ein?

Bisher werden blaugrüne Infrastrukturen viel zu wenig, zu unstrategisch beziehungsweise unsystematisch genutzt. Allerdings geht es hierbei um die Veränderung eines komplexen sozio-technischen Systems. Dies macht es auch wissenschaftlich spannend. In den vergangenen 40 Jahren wurde viel geleistet: Die blaugrünen Technologien wurden entwickelt und erprobt, Planungsstandards wurden erarbeitet; die rechtlichen Grundlagen haben sich deutlich verändert.

Die Spanne reicht von gesplitteten Abwassergebühren über den Grundsatz der ortsnahen Bewirtschaftung von Niederschlagswasser bis hin zur Stärkung des Gewässerschutzes. Die Informationsbasis hat sich erweitert und mittlerweile verfügen beispielsweise große Städte – auch Leipzig – über Starkniederschlagskarten und können Aussagen zu den Überflutungsgefahren treffen.

Gewässer und Grünflächen – wie hier an der Pleiße in Leipzig – helfen unter anderem, Straßen und Plätze zu kühlen.

Universität Leipzig / Swen Reichhold

Wo können Städte und Gemeinden ansetzen, um nachhaltigere Lösungen umzusetzen?

Die Kommunen müssen Planung, Abstimmungsprozesse, Aufgabenverteilungen, Finanzierungsfragen und die Informationstools weiterentwickeln. Die gegenwärtigen Forschungen zielen darauf ab, die blaugrünen Infrastrukturen weiter in das Governance-System „Stadt“ zu integrieren.

Wir untersuchen zum Beispiel, welche Ziele in welchem städtischen Teilraum besonders verfolgt werden sollten: Soll und kann in der Innenstadt etwa verstärkt auf Hitzereduzierung hingearbeitet werden und in anderen Quartieren auf Versickerung? Wir beschäftigen uns auch mit der Frage, in welchem Maße zusätzlicher Ressourcenverbrauch durch Klimaanpassung gerechtfertigt ist.

Zentrale Akteure sind die Grundstückseigentümer. Sie verfügen mit den Dächern und Grünflächen über die entscheidende Ressource „Raum“, der für ortsnahe Infrastrukturen dieser Art notwendig ist. Wir erforschen, wer mit welchen Mitteln motiviert oder verpflichtet werden kann, Anlagen zu errichten und langfristig ordentlich zu betreiben. Bestenfalls lassen sich solche Entwicklungen planen und prognostizieren.

Aber auch im öffentlichen Raum, den die Kommune zu verantworten hat, müssen blaugrüne Infrastrukturen häufiger, koordinierter und systematischer genutzt werden. Wir entwickeln Lösungsvorschläge, wie Ämter hier besser kooperieren können, und schauen uns auch Finanzierungslösungen an.

Kennen Sie Positivbeispiele für Kommunen, die ihre blaugrünen Infrastrukturen erfolgreich ausbauen?

In Leipzig wird gerade im Zuge der Quartiersentwicklung Eutritzscher Verladebahnhof ein umfassendes Regenwasserbewirtschaftungskonzept umgesetzt, die gewonnenen Erfahrungen sollen weitergenutzt werden. In Hannover wird gerade an quartiersbezogenen Ansätzen zur Integration von BGI in das kommunale Handeln geforscht.

In Berlin wurde mit der Regenwasseragentur eine Organisation geschaffen, welche dem Informationsaustausch zwischen Stadt und Privaten vorantreibt, eine ähnliche Koordinationsstelle für die Ämter existiert in Hamburg mit der RISA-Leitstelle. In der Emscherregion wird systematisch die Vernetzung zwischen sämtlichen beteiligten Akteuren vorangetrieben. Die Informationsbasis und Möglichkeiten der Planungswerkzeuge entwickeln sich stetig weiter. Es geht also voran.

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