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Ötzi - der Mann im Eis (Podcast 152)

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1991 wurde die bekannte Gletschermumie in den Ötztaler Alpen gefunden. Seit über zwei Jahrzehnten fasziniert die Menschen seine Geschichte: Ötzi, der Mann aus den Ötztaler Alpen. Am 19. September 1991 wurde die Mumie entdeckt, die noch immer als Sensationsfund gilt. Ötzi lebte in der späten Jungsteinzeit; durch ihn kann die Wissenschaft einen Blick über fast fünfeinhalbtausend  Jahre in eine uns ferne Epoche werfen. Doch wie wurde der Mann, dessen Leichnam noch immer Rätsel aufgibt, eigentlich gefunden? Wissen.de ist einem Krimi ganz eigener Art auf die Spur gekommen.  

 

Auf 3.000 Meter Höhe

September 1991. Es ist ein ungewöhnlich warmer Sommer, auch in den Ötztaler Alpen, die über eine große Ausdehnung verfügen. Weite Bereiche liegen über 3.000 Meter. Für Touristen ist das Gelände ideal, zumal viele Gebiete voll erschlossen sind. Gerade das Umland von Meran oder Sölden wird gern besucht. Am 19. September sind die Eheleute Erika und Helmut Simon aus Nürnberg beim Bergwandern. Ihr Plan ist es, beim Abstieg von der Fineilspitze zur Similaunhütte zu gelangen, wo sich ihr Gepäck befindet. Doch die Simons verlassen den markierten Weg. Sie gelangen in ein weniger bekanntes Gebiet, aus dem sich der sonst dominierende Gletscher witterungsbedingt zurückgezogen hat.

Dort, nahe dem Hauslabjoch und auf 3.200 Meter Höhe, passieren sie eine Gletscher-Querrinne. Schmelzwasser läuft das Gestein entlang und sammelt sich in einer Felswanne, aus der ein Objekt herausragt, dass wie mit Leder umwickelt scheint. Als die Simons nähertreten, erkennen sie in Wasser und Eis etwas, dass an einen Kopf und ein Stück Oberkörper erinnert. Sollte es möglich sein, dass dort ein Mensch liegt – das Opfer eines Skiunfalls vielleicht? Und kann es angehen, dass der Tote so gar keine typische Bekleidung an sich hat?

 

Reinhold Messner vor Ort

Die Simons marschieren wie geplant zur Similaunhütte, wo sie Erstaunliches zu erzählen haben. Wer ist der Tote im Eis? Der Wirt verständigt die Behörden. Zwar liegt die Fundstelle in Südtirol und damit im Gebiet Österreichs, aber weil letzte Gewissheit fehlt, werden auch italienische Carabinieri alarmiert. Doch die zeigen sich wenig interessiert – ein erstaunlicher Fehler. Umso engagierter kümmern sich am Folgetag Spezialisten aus Österreich um die Leiche. Doch es ist unmöglich, den Leichnam freizubekommen – das Eis will ihn nicht hergeben; statt dessen nimmt die Mumie Schaden. Umso auffälliger sind hingegen die Gegenstände, die bei dem toten Körper gefunden werden, allen voran eine Art Beil – das aber schon deutlich nach einem vergangenen Jahrhundert ausschaut. Wer mag es also sein, der dort im Eis liegt?

Zufällig ist auch Reinhold Messner in der Similaunhütte. Der berühmte Bergsteiger, der alle vierzehn Achttausender ohne mitgeführten Sauerstoff besteigen hat, wird sofort aufmerksam, als ihm von dem seltsamen Beil berichtet wird. Und nachdem er die Leiche betrachtet hat, kommt ihm eine erste Ahnung, was hier entdeckt worden ist. Um einen Unfall kann es sich nicht handeln – zumindest nicht mit einem Menschen aus der Gegenwart. Die Kleidung, die Schuhe und insbesondere das Beil – alles mutet wie aus einem vergangenen Zeitalter an. Doch Messner ist kein Historiker, und so schätzt er das Alter der Mumie auf einige hundert bis dreitausend Jahre.

 

Der Abgrund der Zeit

Erst als die Leiche am 21. September geborgen und ins Institut für Gerichtsmedizin nach Innsbruck gelangt, wird der Sensationsfund als solcher erkennbar. Allerdings erst nach einigen Tagen, denn auch hier gilt die Leiche zunächst noch als verunglückter Tourist. Es ist der Ur- und Frühgeschichtler Konrad Spindler, der am 24. September das Alter der Mumie auf viertausend Jahre schätzt und damit der Wahrheit schon sehr nahe kommt. Sofort ändert sich die Haltung zum Fund. Was bislang Routine war, wird nun aufregende Forschung. Nicht nur die Leiche, auch die Fundstelle wird ein weiteres Mal akribisch untersucht. Vorsichtig, mit Föhn und Dampfstrahler, können neben Getreidekörnern und Pflanzenresten vielen Holz- und Knochensplittern sowie ein Köcher, Teile eines Birkenrindenbehälters und ein Fingernagel geborgen werden.

Das Beil gibt Experten einen ersten Hinweis auf das Alter des Toten, da in ihm eine Kupferklinge steckt. Dieses Metall wird in Europa seit der späten Jungsteinzeit verwendet – also seit etwa 6.000 Jahren. Für die Forscher tut sich ein Abgrund an Zeit auf, denn damit ist Ötzi der älteste Vertreter unserer Art, dessen Körper sich erhalten hat. Und tatsächlich gelingt es später, den Todeszeitpunkt der unterdessen liebevoll "Ötzi“ genannte Mumie auf die Zeit von 3359 bis 3105 v. Chr. zu datieren. Hierbei hilft die Radiokarbonmethode, die vergleichsweise exakte Ergebnisse zulässt. Ötzi ist also etwas ganz besonderes – ein Relikt aus einem Zeitalter, in dem Europa weder Bronze noch Eisen kannte. Doch was lässt sich über den rätselhaften Toten herausfinden? Und wie ist er ums Leben gekommen?

 

Ein Pfeil im Rücken

Ötzis Körper wurde praktisch gefriergetrocknet – ein ungewöhnlicher Glücksfall. Der Leichnam ist zwar geschrumpft und verkrümmt, aber vollständig erhalten. Es handelt sich um einen Mann von etwa 45 Jahren, der mit Kleidung aus Schafleder bekleidet war und eine Bärenfellmütze trug. Er besaß Schuhe und war bewaffnet. Und: Er ist in einen Kampf verwickelt gewesen – viele kleine Verletzungen an seinem Körper zeugen davon. Fatal war das Eindringen eines Pfeils in seinen Rücken, dessen Spitze unter seinem Schulterblatt stecken blieb. Doch ob er hieran gestorben ist oder an einem durch einen Schlag verursachten Schädeltrauma, ist von der Forschung noch nicht entschieden.

Erst 2011 wurde festgestellt, dass Ötzi kurz vor seinem Tod noch eine Mahlzeit aus Steinbock-Fleisch zu sich genommen hat. Seine Fundstelle, die Gletscher-Querrinne, ist zumindest leicht windgeschützt; es könnte also sein, dass er dort bereits verwundet Schutz gesucht hat. Vielleicht aber wurde er direkt vor Ort ermordet. Dies wird sich so schnell nicht mit letzter Sicherheit sagen lassen. Aber immerhin: Die Leiche wird weiter untersucht. Dabei besteht ihr Wert weniger in dem, was sie über die damalige Zeit aussagt, denn diese Dinge waren auch vorher weitgehend bekannt. Der Fund von Ötzi illustriert aber alle Theorien – und stellt ein Bindeglied zwischen uns und der Jungsteinzeit dar.

 

Ötzi heute

Bereits seit dem März 1998 wird die Mumie im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen aufbewahrt, wo sie besichtigt werden kann. Dank einer speziellen Kühltechnik ist es möglich, den Gefriertrocknungsgrad zu erhalten. Der Familie Simon wurde nach längerem juristischen Gerangel 2010 eine symbolische Belohnung in Höhe von 175.000 Euro zugesprochen. Schließlich gelang es, Ötzis Körper naturgetreu nachzubilden; einschließlich der Kleider und Werkzeuge, die er mit sich führte. Auf seine Weise ist er also quicklebendig, der geheimnisvolle Mann aus dem Eis – auch nach fünftausend Jahren noch.

 

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