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Kreuzzugsbewegung und Kreuzzüge: Ein heiliger Krieg?

Warum rief der Papst zu einem Kreuzzug auf?

1071 erlitt das Byzantinische Reich bei Mantzikert (Armenien) eine vernichtende Niederlage gegen die Seldschuken, die ein islamisches Großreich errichtet hatten. Papst Gregor VII. plante bereits 1074, den byzantinischen Christen gegen die Muslime beizustehen. Als die Seldschuken auch Jerusalem (1077) und Antiochia (1085) eroberten, sandte der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos (reg. 1081–1118) einen Hilferuf an den Westen. Diesen nahm Papst Urban II. (1088 bis 1099) zum Anlass, auf dem Konzil von Clermont 1095 zum Kreuzzug aufzurufen.

Welche Absicht steckte hinter dem Vorhaben?

Triebfeder neben dem Beistand für die Glaubensbrüder im Osten gegen die als »Ungläubige« bezeichneten Muslime war vor allem die Hoffnung auf eine Überwindung des Morgenländischen Schismas: 1054 war es zum endgültigen Bruch zwischen Ost- und Westkirche gekommen, der nun durch Waffenhilfe gekittet werden sollte – mit dem Ziel der Vorrangstellung Roms in der dann wieder vereinten Kirche. Ein zweites Ziel war die Befreiung der Pilgerstätten in Jerusalem. Der Kreuzzug verknüpfte diese mit der Idee des »Heiligen Krieges« gegen die »Ungläubigen«. Für den Kreuzzug ins Heilige Land erlaubte der Papst das sonst den Pilgern verbotene Tragen von Waffen.

Wie kam es zum Kreuzzug der Armen?

In Frankreich und Deutschland sammelten sich unter dem Eindruck der Predigten Peters von Amiens (um 1050–1115) zahlreiche Angehörige der Unterschichten, um zu einem inoffiziellen Kreuzzug, dem »Kreuzzug der Armen«, aufzubrechen. Auf ihrem Weg entlang von Rhein, Neckar und Donau bis Konstantinopel kam es in vielen Städten zu Massakern an den Juden, den »Feinden Christi«. In Kleinasien plünderten die »Kreuzfahrer« zumeist griechisch-orthodoxe Christen aus, bevor sie 1096 von Seldschuken vernichtet wurden.

Im »Kreuzzug der Armen« zeigte sich ein weiteres Kreuzzugsmotiv: die mit Heils- und Erlösungserwartungen (Ankunft des »himmlischen Jerusalem«) verknüpfte religiöse Begeisterung in der Bevölkerung. Sie hatte zwei Wurzeln: die zunehmende, durch Bevölkerungswachstum und Missernten verursachte Armut sowie die Unzufriedenheit mit der Kirche. Der damit verbundenen Radikalität und sozialen Sprengkraft öffnete Papst Urban mit seinem Kreuzzugsaufruf ein Ventil.

Was war das Motiv für die Teilnahme des Adels?

Auch im Adel, der die Ritterheere des »regulären« Kreuzzugs stellte, begünstigten soziale Umstände die Teilnahme an diesem riskanten Unternehmen. Um eine immer weitere Zersplitterung von Herrschaftsgebieten und Landgütern zu vermeiden, hatte sich das alleinige Erbrecht für den Erstgeborenen durchgesetzt. Jüngere Söhne hatten daher kaum die Chance, ein ihrem Status gemäßes Leben zu führen. Ihnen boten die Kreuzzüge Gelegenheit, sich nicht nur im Kampf auszuzeichnen, sondern auch Reichtümer und Land zu erwerben. Anhänger fand die Kreuzzugsidee zunächst vor allem in Frankreich, der Heimat des Papstes, und bei den Normannen. Der deutsche Adel hielt sich zurück, lediglich Lothringer unter der Führung Gottfrieds von Bouillon (um 1061–1100) beteiligten sich.

Wie verlief der Kreuzzug?

Im August 1096 brachen die Kreuzfahrer nach Konstantinopel auf, wo sie zurückhaltend empfangen wurden. Der byzantinische Kaiser hatte sich ein Söldnerheer erhofft, das unter seiner Führung gegen die Seldschuken ziehen würde – nicht ein Heer aus Adeligen (Rittern), die ihre eigenen Ziele verfolgten. Alexios ließ die Kreuzritter erst weiterziehen, nachdem sie ihm den Lehnseid geschworen hatten, was bedeutete, dass alle eroberten Gebiete dem Kaiser von Byzanz unterstellt werden mussten. Nach geleistetem Eid zogen die Kreuzfahrer weiter und eroberten Nicäa (1097), Antiochia (1098) und Jerusalem (1099), wo sie in einem Blutrausch die muslimische und jüdische Bevölkerung niedermetzelten.

Wie entstanden die Kreuzfahrerstaaten?

Entgegen der Absprache mit Byzanz gründeten die Kreuzfahrer in den eroberten Gebieten eigenständige Staatswesen, die Kreuzfahrerstaaten. Der bedeutendste unter ihnen war das Königreich Jerusalem, das nach dem Tod des Eroberers und ersten christlichen Herrschers von Jerusalem, Gottfried von Bouillon, von dessen Bruder und Nachfolger Balduin I. (1058–1118) durch Annahme des Königstitels begründet wurde. Das Königreich umfasste um die Mitte des 12. Jahrhunderts neben dem heutigen Israel auch Teile Jordaniens, Syriens und des Libanons. Weitere Kreuzfahrerstaaten waren das Fürstentum Antiochia sowie die Grafschaften Edessa und Tripolis.

Warum kam es zu einem 2. und 3. Kreuzzug?

Die Muslime gingen zum Gegenangriff über, die Seldschuken eroberten die Grafschaft Edessa (1144). Im Abendland predigte der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux (1090–1153) den erneuten Kreuzzug. Unter Beteiligung des französischen, sizilischen und deutschen Königs begann 1147 der 2. Kreuzzug. Er endete im Desaster: Die französischen und deutschen Truppen kamen bereits arg dezimiert in Jerusalem an und scheiterten 1149 mit einem Angriff auf Damaskus.

Auch der 3. Kreuzzug war eine Reaktion auf muslimische Eroberungen; Saladin (1138–1193), Sultan von Ägypten und Syrien, hatte 1187 das Königreich Jerusalem eingenommen. Kaiser Friedrich I. Barbarossa, Philipp II. August (Frankreich) und Richard Löwenherz (England) zogen ins Heilige Land, um dies rückgängig zu machen. Als Barbarossa in Kleinasien beim Baden ertrank, kehrte ein großer Teil des deutschen Heeres um. Dem Rest der Kreuzfahrer gelang noch die Eroberung Akkos, Jerusalem blieb aber muslimisch.

Welche Aufgabe hatten die Ritterorden?

Diese zunächst zur Krankenpflege eingesetzten geistlichen Gemeinschaften übernahmen in den eroberten Gebieten bald auch militärische Aufgaben. Sie besaßen eine straffe Hierarchie mit einem Kern aus (zumeist) Adeligen, die das Mönchsgelübte abgelegt hatten. An der Spitze stand ein Großmeister oder (beim Deutschen Orden) Hochmeister. Obwohl sie sich durch gegenseitige Rivalität schwächten, wurden sie über die Zeit der Kreuzzüge hinaus zu reichen und politisch mächtigen Organisationen.

Was waren die wichtigsten Ritterorden?

Die bedeutendsten christlichen Ritterorden waren die Templer, die Johanniter und der Deutsche Orden. Die 1119 gegründeten Templer (eigentlich »Orden der armen Ritter Christi«) waren als einziger Orden von Anfang an rein militärisch ausgerichtet. Die Finanzierung und den Nachschub im Heiligen Land sicherten ihre Niederlassungen in Europa, die erfolgreich wirtschafteten und den Herrschern sogar Geld liehen. Der aus diesen Aktionen erwachsende große Einfluss wurde den Templern Anfang des 14. Jahrhunderts zum Verhängnis, als der französische König den Orden auflöste und seine Angehörigen durch die Inquisition verfolgen ließ.

Den Besitz der Templer erhielten in der Folge ihre schärfsten Kontrahenten, die Johanniter. Diese nannten sich so nach einem im 11. Jahrhundert in Jerusalem für Pilger errichteten Hospital, sie wurde daher auch Hospitaliter genannt. Sie beherrschten nach dem Ende der Kreuzzüge die Inseln Zypern und Rhodos, seit 1530 auch Malta (daher auch Malteser). Der während der Belagerung von Akko gegründete Deutsche Orden fand schon im 13. Jahrhundert sein Hauptbetätigungsfeld im Baltikum. Das von ihm christianisierte und bis in die Reformationszeit beherrschte Territorium wurde zum Kerngebiet der späteren Großmacht Preußen.

Wie entwickelte sich die Kreuzzugsidee weiter?

Im 13. Jahrhundert trieb die Idee der Kreuzzüge seltsame Blüten. Die Teilnehmer des 4. Kreuzzugs, die die Schiffspassage von Venedig ins Heilige Land nicht bezahlen konnten, ließen sich vom venezianischen Dogen Enrico Dandolo (um 1108–1205) zu Eroberungen in Dalmatien überreden. Schließlich plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel und errichteten auf byzantinischem Boden das Lateinische Kaiserreich. Zwar wurde 1261 das Byzantinische Reich wiederhergestellt, war aber ein Schatten seiner einstigen Größe.

Papst Innozenz III. (1198–1216) rief 1208 zu einem Kreuzzug gegen Anhänger einer christlichen Lehre, die Albigenser in Südfrankreich, auf. 1212 schließlich brachen einige Tausend Minderjährige und Arme aus Deutschland und Frankreich, von Kreuzzugspredigern angestachelt, zum »Kinderkreuzzug« auf; im Heiligen Land kamen sie allerdings nie an. Viele erreichten zwar die Häfen Marseille und Genua, fanden dort aber keine Schiffe und kehrten um. Nicht wenige wurden in die Sklaverei verkauft, zwei Schiffe sanken bei Sardinien.

Wie verliefen die späteren Kreuzzüge?

Den einzigen erfolgreichen späten Kreuzzug unternahm Friedrich II. Als er 1228 aufbrach, hatte er sein Kreuzzugsgelübde von 1215 bereits mehrmals verschoben sowie durch sein Fernbleiben den Misserfolg der Expedition gegen das ägyptische Damiette verursacht. Friedrich suchte keine militärische Entscheidung, sondern setzte auf Verhandlungen mit Sultan Al-Kamil. So erreichte er die Übergabe Jerusalems, Bethlehems und Nazareths und sicherte im Gegenzug den Muslimen freien Zugang zu ihren heiligen Stätten zu. Anschließend krönte sich Friedrich zum König von Jerusalem.

Die letzten beiden Kreuzzüge unternahm der französische König Ludwig IX. (der Heilige), nachdem Jerusalem 1244 erneut von Muslimen erobert worden war. Der 6. Kreuzzug scheiterte wegen Ludwigs Niederlage und Gefangennahme vor Kairo, der 7. Kreuzzug durch seinen Tod an einer Seuche. Mit dem Fall Akkos (1291) war die Herrschaft der Kreuzfahrer im Heiligen Land endgültig beendet.

Was waren die Folgen der Kreuzzüge?

In politischer und religiöser Hinsicht brachten die Kreuzzüge, die Hunderttausenden Menschen das Leben kosteten, dem christlichen Europa keinen Ertrag. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen vergifteten sie – mit Auswirkungen bis heute. Allerdings förderte der Kontakt mit dem Islam auch Kultur und Naturwissenschaft im christlichen Abendland. Die Ausweitung des Fernhandels kam besonders den italienischen Stadtrepubliken zugute.

Wie wurde Jerusalem zur heiligen Stadt dreier Weltreligionen?

Um 1000 v. Chr. eroberten die Israeliten Jerusalem und machten es durch den Bau des Tempels (ca. 953 v. Chr.) zu ihrem religiösen Zentrum, das es auch in der Diaspora – 135 n. Chr. wurden alle Juden aus Jerusalem vertrieben – blieb. Seit Kaiser Konstantin wurde die Stadt, in der Jesus (um 30) gekreuzigt worden war, zum religiösen Zentrum der Christenheit ausgebaut (etwa mit der Grabeskirche, 335). Nach der muslimischen Eroberung 638 durften erstmals 70 jüdische Familien in die Stadt zurückkehren. Kalif Omar I. ließ auf dem Tempelberg die Al-Aksa-Moschee (vollendet 691) errichten; Jerusalem stieg nach Mekka und Medina zur wichtigsten Pilgerstätte des Islams auf.

Warum wurde der Islam als Bedrohung empfunden?

Eine islamische Eroberung Konstantinopels hätte eine Machtverschiebung zulasten des christlichen Westens bedeutet. Der Islam, im 7. Jahrhundert vom Propheten Mohammed auf der Arabischen Halbinsel begründet, hatte sich in weniger als 100 Jahren im Westen über Ägypten und Nordafrika nach Spanien, im Osten bis ins Indusgebiet ausgebreitet. Sein Vordringen in Europa wurde 732 bei Tours und Poitiers von Karl Martell gestoppt. Der Mittelmeerraum war seitdem zweigeteilt in einen christlichen Norden und einen islamischen Süden.

Wussten Sie, dass …

auf dem 1. (offiziellen) Kreuzzug 1096 zahlreiche deutsche Städte Schauplätze von Judenverfolgungen wurden?

sich Heinrich IV. die Missbilligung des Papstes zuzog, als er den zur Taufe gezwungenen Juden 1097 die Rückkehr zu ihrem Glauben genehmigte?

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