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Bildungsdebatte – Wie sinnvoll ist die Schreibschrift?

Pisa-Seriensieger Finnland verabschiedet sich von der Schreibschrift. Zum Herbst 2016 will das Land die Schreibschriftpflicht in den Schulen abschaffen. Stattdessen sollen Schüler vermehrt das Tippen auf der Tastatur üben – eine Entscheidung, die ähnlich schon in den USA und der Schweiz diskutiert wurde. Auch in Deutschland streiten Experten über Sinn und Unsinn der verbundenen Schreibschrift.

Schreibende Grundschüler
Noch wird in Grundschulen geschrieben statt getippt.

Seit Jahrzehnten mühen sich deutsche Schüler mit einer von drei Schreibschriften ab. Ob mit der Lateinischen Ausgangsschrift, der Vereinfachten Ausgangsschrift oder der Schulausgangsschrift – es gilt, Buchstaben formschön miteinander zu verbinden. Die unverbundene Druckschrift markiert lediglich den Start ins Lesen- und Schreibenlernen. Sie soll Grundschülern durch ihre klare Gliederung das Leben erleichtern. Ab der zweiten oder dritten Klasse müssen Schüler aber in der Regel auf eine Schreibschrift umschulen. Sie sollen auf diese Weise zügiges Schreiben lernen, um mit dieser Grundlage später eine flüssige und leserliche individuelle Handschrift entwickeln zu können.

Die Erfolgsgeschichte der Schreibschrift geht zurück bis ins Mittelalter. Als das Papier nach und nach das Pergament ersetzte und sich die Schriftlichkeit unter anderem durch Universitäten und Kaufleute immer weiter verbreitete, entstanden nach und nach kursive Varianten der bis dato verbreiteten Schrift, der gotischen Minuskel. Diese sogenannte gotische Kursive war einfacher und schneller zu schreiben. Als Folge wurde das Handschreiben auch in den unteren Bürgerschichten üblich und es entstanden die ersten Schreibschriften, etwa die Deutsche Kurrentschrift. Ihr Name leitet sich vom lateinischen Verb currere ab, was laufen bzw. eilen bedeutet.

Tippen statt schreiben

Im Laufe der Zeit wurden durch Schreibschulen, Schulministerien und Schreibdidaktiker immer wieder neue Schreibschriften entwickelt. Die Lateinische Ausgangsschrift etwa geht auf den Iserlohner Schreibkreis zurück, der die Schrift in den 1950er Jahren ersann. Sie löste schnell die seit den 1920er Jahren gebräuchliche Sütterlinschrift im Unterricht ab. Später folgte die Vereinfachte Ausgangsschrift in Westdeutschland, die Schulausgangsschrift in der DDR. Veränderungen der Schreibschrift zielten seit jeher darauf ab, das Schreiben für die Schüler zu erleichtern und zu beschleunigen.

Auch heute gilt die Schreibgeschwindigkeit noch als ein wichtiges Argument für das Erlernen einer Schreibschrift. Befürworter betonen immer wieder den Vorteil der Ökonomisierung des Schreibprozesses. Gleichzeitig fördere das verbundene Schreiben die motorischen Fähigkeiten der Schüler. Doch die sind mit der Schreibschrift nicht selten überfordert. Insbesondere die Lateinische Ausgangsschrift stellt mit ihren verschnörkelten Arkaden und Girlanden für viele eine feinmotorische Herausforderung dar. Kritiker halten deshalb den Umweg von der Druckschrift über eine Schreibschrift für unnötig und nicht mehr zeitgemäß. Wer schnell etwas festhalten will, tippt heutzutage auf der Tastatur des Computers. Das geht nicht nur schnell. Digital gespeicherte Texte lassen sich zudem weiterverarbeiten, durchsuchen und mit einem Klick verbreiten.

Ohne Zweifel ist der Umgang mit PC und Internet heutzutage eine wichtige Kompetenz. Viele deutsche Schüler kennen sich mit den modernen Medien jedoch nur schlecht aus, wie erst kürzlich die Schulleistungsstudie ICILS (International Computer and Information Literacy Study) ergeben hat: Demnach landen deutsche Schüler im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld, viele Kinder schaffen es kaum, eine Webseite aufzurufen. Auch aus diesem Grund fordern Schreibschriftgegner das Erlernen der verbundenen Schrift aus dem Unterricht zu verbannen und, wie nun in Finnland geplant, stattdessen das Vermitteln von Computer- und Internetkenntnissen stärker in die Lehrpläne zu integrieren – auch wenn darunter womöglich die traditionelle Schriftkultur leidet.

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