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Das Lehnswesen: Von Lehnsherren, Vasallen und Unfreien

Was versteht man unter dem Lehnswesen?

Im mittelalterlichen Lehnswesen verlieh der Lehnsherr – das war zunächst einmal der König, aber auch ein reicher Adliger – auf Lebenszeit einem Lehnsmann ein Lehen. Dabei handelte es sich meist um Land. Der Lehnsmann musste als Gegenleistung dem Lehnsherrn – meist militärische – Gefolgschaft leisten. Die vom Lehnswesen geprägte mittelalterliche Gesellschaftform bezeichnet man als Feudalismus.

Lehnsherr und meist adliger Lehnsmann traten mit der Lehnsvergabe in ein gegenseitiges lebenslanges Treueverhältnis ein. Sie schworen einander, nichts zum Schaden und alles zum Nutzen des anderen zu tun. Der Vasall schwor seinem Lehnsherrn Gehorsam und verpflichtete sich zu Diensten wie der Heeresfolge. Der Lehnsherr wiederum sorgte für den Schutz seines Vasallen.

Auch Bistümer und Klöster erhielten Lehen. Mit dem Wandel von einem Heer aller Freien hin zu einer Berufsarmee aus Reitern (Rittern) im 7. und 8. Jahrhundert diente das Lehnswesen zu deren Versorgung. Diese wurde durch das Land samt den dort lebenden Menschen, aber auch durch Ämter und Rechte gewährleistet. Karl der Große belehnte seine Reichsverwalter, die Grafen, mit reichem Grundbesitz, um den Stammesadel zu entmachten.

Wie entstand die Lehnspyramide?

Auch der Vasall konnte Lehnsherr sein und einen Teil seines Besitzes an Untervasallen (Aftervasallen) weitergeben, die ihm Kriegs- und Amtsdienste leisteten. So entstand eine Lehnspyramide mit dem König an der Spitze. Dessen Lehnsmänner, die Kronvasallen, standen ihrerseits über mehreren Untervasallen.

Im deutschen Raum differenzierte sich die kleine adelige Oberschicht im Hochmittelalter weiter aus: Unterhalb des Königs standen die geistlichen und die weltlichen Fürsten, die nächste Stufe bildeten Grafen und Freiherren, darunter standen die Ministerialen (ehemals Unfreie, die dank ihrer Aufgaben am Hof in den Adel aufgerückt waren) und ihre Vasallen; die letzte Stufe bildeten jene, die aufgrund ihrer Geburt zwar Lehen erhalten, aber nicht vergeben konnten.

Konnten auch Bauern Lehnsmänner werden?

Nein. Unter den Lehnsmännern standen die unfreien Bauern, denen gegen Natural- und Arbeitsleistungen Land zur Verfügung gestellt wurde, allerdings nicht in Form eines Lehens. Es bestand keine gegenseitige Treuepflicht, auch keine Heeresfolge, stattdessen eine einseitige Abhängigkeit des Unfreien.

Stärkte das Lehnswesen die königliche Macht?

Jein, das Lehnswesen konnte die Macht des Königs stärken, aber auch schwächen. Schon im 9. Jahrhundert fiel das Lehen nach dem Tod des Vasallen nicht mehr automatisch an den Lehnsherrn zurück, sondern immer häufiger traten dessen Erben wie selbstverständlich in das bestehende Lehnsverhältnis ein. Damit wurde das Lehen faktisch zum erblichen Besitz des Vasallen.

Das führte zunächst zum Verfall der königlichen Macht: Ein Kronvasall, der sich der Treue seiner Lehnsmänner sicher war, konnte unabhängig vom König oder sogar gegen ihn über sein Lehen verfügen; seine eigenen Vasallen hatten nämlich nur ihrem Lehnsherrn, nicht dem König Treue geschworen. So schritt in Deutschland und Italien die Bildung von Territorien fort, in denen der nominelle Herrscher es immer schwerer hatte, seinen Machtanspruch geltend zu machen.

In Frankreich gelang es den Königen seit dem 11. Jahrhundert, diese Entwicklung umzukehren. Lehen, die durch Tod oder Illoyalität hinfällig geworden waren, wurden wieder dem König zugeschlagen und gegebenenfalls neu verliehen. Entscheidend war auch, dass die Untervasallen ihrem Herrn die Treue nur insoweit versprachen, wie ihre Treuepflicht gegenüber dem König nicht verletzt wurde. Diese Treuepflicht aller Vasallen gegenüber dem König gilt als eine der Ursachen für die Stärkung der königlichen Zentralgewalt in Frankreich wie auch in England. In Deutschland kam es dagegen zur Zersplitterung in viele unabhängige Herrschaftsbereiche.

Wussten Sie, dass …

im mittelalterlichen Lehnswesen germanische, keltische und römische Elemente verschmolzen? Es verband sich das germanische Gefolgschaftswesen, das ein Treueverhältnis zwischen Herr und Gefolgsmann bedeutete, mit der gallorömischen Kommendation, bei der es sich um die Ergebung eines Vasallen in den Schutz eines Herren handelte.

sich der eng an Grundbesitz geknüpfte Feudalismus nur solange aufrechterhalten ließ, als die Landwirtschaft der zentrale Wirtschaftsfaktor war?

sich der Begriff »Feudalismus« für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung von dem lateinischen Wort für »Lehen«, »feudum«, ableitet?

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