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Freizeit: Individualität und Konsum

Wozu dient Freizeit?

Der Zweck von Freizeit unterliegt dem Wandel. In den Industriegesellschaften des 19. Jahrhunderts wurde die freie Zeit – angesichts schlechter Arbeitsbedingungen und Wochenarbeitszeiten von über 60 Stunden – vor allem zur Erholung genutzt. Dieses Freizeitverständnis, das Freizeit vor allem als »Abwesenheit von Arbeit« definierte, herrschte bis ins 20. Jahrhundert hinein vor.

Seit den 1950er Jahren änderte sich diese Auffassung von Freizeit in allen Industriegesellschaften grundlegend. Durch die stetige Verkürzung der Arbeitszeiten, die Ausdehnung der Urlaubszeit, die Verbreitung der Massenmedien und die allgemeine Verbesserung des Lebensstandards bekam auch die Freizeit eine neue Bedeutung zugewiesen. Heute wird Freizeit zunehmend arbeitsunabhängig definiert als die Zeit, die frei zur Verfügung steht und in der man all das tun kann, was man will.

Wie hat sich das Freizeitverhalten verändert?

In den 1950er Jahren war die Familie Dreh- und Angelpunkt der Freizeitgestaltung, heute steht (neben den Urlaubsreisen) der Medienkonsum im Mittelpunkt.

So stieg z. B. der durchschnittliche Fernsehkonsum seit Mitte der 1960er Jahre von etwa einer Stunde auf drei Stunden pro Tag. Immer häufiger wird auch der heimische PC als Freizeitmedium genutzt (z. B. für Computerspiele, Surfen im Internet). Aber auch andere wichtige Freizeitaktivitäten wie Musikhören oder Telefonieren sind an elektronische Kommunikationsmedien gebunden.

Warum ist uns Freizeit so wichtig?

Je weniger sich der Einzelne über objektive Merkmale wie Herkunft, Besitz und Bildung definiert, desto bedeutender wird der Erlebniswert, den eine Sache bzw. ein Verhalten ihm verspricht.

Heute wird die Freizeitgestaltung zunehmend als Ausdruck von Individualität betrachtet. Vor allem das Freizeitverhalten jüngerer Generationen ist stark auf Aktivität und Konsum ausgerichtet; Erholung und Regeneration gelten kaum noch als Freizeitbeschäftigung. Folglich sind auch die Ausgaben für die Freizeitgestaltung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Ein Vier-Personen-Haushalt der Mittelschicht gibt heute ca. neunmal mehr für Freizeitgüter aus als 1965. Der weitaus größte Posten entfällt dabei auf die Urlaubsfinanzierung, gefolgt von Ausgaben für Rundfunk, Auto und Printmedien. Auch die Bedeutung der Freizeit in der öffentlichen Wahrnehmung ist gewachsen.

Seit wann gibt es Freizeit?

Der Begriff bzw. das Phänomen »Freizeit« ist erst seit dem 16. Jahrhundert bekannt und entwickelte sich im Zuge der Reformation: Die protestantische Ethik machte keinen Unterschied zwischen Privat- und Arbeitsleben, sondern verstand das Leben insgesamt als fortwährenden Dienst an Gott bzw. an der Gemeinschaft. Als Gegenbewegung zu dieser starken Reglementierung des Lebens entstand das Bedürfnis nach privater, freier Zeit.

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