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Popmusik um 2000: Globalisierung und Individualisierung

Was geschah in der Pop-Musik nach der großen Zeit der 1960er Jahre?

Mit dem folgenden Jahrzehnt setzte Ernüchterung ein. Zwar konnten Richtungen der schwarzen Popmusik wie Funk und Soul hitparadentaugliche Trends etablieren. Spätestens mit der Disco-Ära jedoch setzte sich synthetisch erzeugte Studiomusik vom Live-Ideal der Pop- und Rockkünstler ab. Die Szene entwickelte eine kaum noch zu überblickende Vielfalt der Stilformen. Der Live-Ästhetik verhaftet waren Richtungen wie Hard Rock, Punk mit Gruppen wie den Sex Pistols oder Clash, Heavy Metal, Grunge mit Nirvana oder Britpop. Daneben gab es künstliche, an Studio-, Sampler- und Computersounds (Disco, House, Techno, Dancefloor, Drum & Bass) orientierte Trends. Darüber hinaus entwickelten sich mit Rap und Hiphop Mischformen, die die »DJ-Culture« mit spontan-kreativen Elementen rhythmisierten Sprechgesangs kombinierten.

Ist Techno eine Musik ohne Gesicht?

Im wörtlichen Sinne ja. Die Künstlerpersönlichkeit tritt zugunsten einer reinen Gebrauchskultur in den Hintergrund. Mit der Techno-Generation entwickelte sich eine zuvor unübliche Form der Konsumfunktionalität nach dem Motto: Mir ist egal, wer da spielt, Hauptsache, man kann dazu tanzen. Was in Woodstock noch undenkbar war, ist auf den Techno-Raves alltäglich: Der Musiker verliert angesichts der computergenerierten Beats und der synthetisch erzeugten Sounds an Bedeutung. Nur der Discjockey (DJ) zieht durch seine Arbeit an den Plattentellern Reste des bürgerlichen Starrummels auf sich.

Wie lautet das kreative Credo des Techno?

Anything goes. Praktiziert wird eine kreative Klangverwertung in einer ganz neuen Form, die mithilfe von Collage und Remix das akustische Material von der Gregorianik bis zur Gegenwart respektlos ausbeutet und traditionelle Wertungen des Schönen und Guten zugunsten des Praktikablen und Verwertbaren relativiert. Die Vorstellung von Musik als frei verfügbares Repertoire von Motiven und Ideen korrespondiert mit der rasanten technischen Entwicklung medialer Vernetzung.

Beeinflusst das Internet die Entwicklung der Musik?

Es verändert den Höralltag und die Gebrauchsgewohnheiten grundlegend. Musik wird zunehmend digitalisiert und komprimiert, archiviert und getauscht. Jeder einmal ins Netz gestellte Titel ist international verfügbar. So ist eine andere wichtige Tendenz die weltumspannende »Demokratisierung« des Musikkonsums. Das hat weitere Folgen. Einerseits bekommen bislang dominierende Stile durch den freien Zugriff der User noch größere Bedeutung: Popgrößen wie Robbie Williams oder Coldplay sind überall. Die amerikanisch geprägte Klangsprache beherrscht die Rechner von Paris bis Peking und führt in den Hitparaden zu einem erstaunlichen Konsens.

Welches Bedürfnis befriedigt authentische Musik?

Die Sehnsucht nach dem »Wahren«. Die Hinwendung zur echten oder vermeintlichen Authentizität, der dritte wesentliche musikalische Trend, verspricht Echtheit, Glaubwürdigkeit, Unmittelbarkeit, Atmosphäre (zumindest). Das weit gefächerte Spektrum reicht dabei von kubanischen Son-Greisen wie Compay Segundo, bekannt aus Wim Wenders Filmerfolg Buena Vista Social Club, afrikanischen Griot-Poeten (Bewahrer mündlich überlieferter Literatur und Musik) oder britischen Garagen-Rockern bis hin zu nordamerikanischen Ghetto-Rappern wie dem Ex-Gangster Fifty Cent. Es ist dabei egal, welches individuelle Sinnsystem letztlich dahinter steht, solange die Interpreten »ihr Ding zu machen« scheinen und die Tradition der jeweiligen Nische plausibel aufnehmen, haben sie gute Aussichten auf kommerziellen Erfolg.

Je echter, desto besser?

Das scheint die zeitgenössische Maxime zu sein, was den Rückgriff auf ethnische Traditionen und den Retro-Sound betrifft. Neben den synthetisch fabrizierten Produkten der Post-Techno-Ära, den DJ-Collagen und den zielgruppenspezifischen Klangidyllen (produziert von Boy- und Girlgroups wie Tokio Hotel oder den Sugababes, Schlagersängern wie Roland Kaiser oder Andrea Berg, volkstümlichen Musikanten wie Hansi Hinterseer) sind vor allem die »handgemachten« Genres im Trend. »Weltmusik« aus der Karibik, Südamerika und Afrika, dazu die Verknüpfung regionaler Traditionen etwa des spanischen Flamenco (Gipsy Kings), des algerischen Rai oder des Türkpop (Sezen Aksu) mit den Formen des Rock 'n' Roll sorgen für ungewohnte Soundnuancen im amerikanisch dominierten Weltmarkt.

Wie steht es um deutsche Schlager und Popmusik?

Der deutsche Schlager hat eine lange Tradition und lässt sich, je nach Begriffsdefinition, bis auf die Wiener Operetten um 1900 zurückführen. Große Interpreten der 1930er Jahre wie Lale Andersen mit Lili Marleen oder die Comedian Harmonists interpretierten individuelle künstlerische Kompositionen, der aktuelle deutsche Schlager seit den 1970er Jahren ist häufig ein leicht verdauliches Industrieprodukt mit eingängiger Melodie und sentimentalen Texten. Daneben gibt es einsame Größen wie Udo Jürgens mit einem ausgeprägt individuellen Schlagerstil.

Nach der in den späten 1970er Jahren zunächst als Underground-Bewegung einsetzenden Neuen Deutschen Welle mit Figuren wie Nena (99 Luftballons, 1983) war es lange Zeit ruhig um deutschsprachige Popmusik. Ausnahmen bildeten Langzeitstars wie Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen oder Herbert Grönemeyer. Im neuen Jahrtausend bestimmen Jugendbands wie Juli oder Wir sind Helden oder auch der Deutsch-Soul-Sänger Xavier Naidoo die Szene.

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