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Mythen der Kelten: Vielgestaltige Götterwelt mit drei Herrschern

Wie weit lässt sich die keltische Mythologie überhaupt rekonstruieren?

Nur sehr unzureichend. Trotz des großen Verbreitungsgebiets und des langen Zeitraums, in dem die keltische Kultur in vielen Ländern Europas vorherrschend war, bereitet die Rekonstruktion der keltischen Religion aufgrund der recht geringen Zahl überlieferter Zeugnisse enorme Schwierigkeiten. Mehr als einige Grundzüge lassen sich kaum herausarbeiten. Noch problematischer wird es bei der Mythologie, zu der archäologische Funde und schriftliche Quellen aus der keltischen Epoche zwischen dem 7. Jahrhundert v. Chr. und dem 7. Jahrhundert n.Chr. fast vollständig fehlen.

Woher weiß man etwas über diese Mythen?

Aus späteren Aufzeichnungen. Erst im irischen Frühmittelalter werfen die Überlieferungen christlicher Missionare und Mönche, später auch die schriftlich niedergelegten Epen und Volkssagen ein wenig Licht auf die keltische Mythologie. Offen bleibt dabei die Frage, inwieweit die mythischen Vorstellungen der Inselkelten identisch waren mit denen der festländischen, also der eigentlichen Kelten.

Darüber hinaus sind in diese Aufzeichnungen bereits christlich-biblische Motive eingeflossen, die die ursprüngliche Mythologie teilweise verändert haben – ob unbewusst oder absichtlich, ist kaum auszumachen.

Wie stellten sich die Kelten die Schöpfung vor?

Das weiß man nicht. Eine keltische Kosmogonie, die von den Anfängen der Götter, der Welt und der Menschen berichtet, ist uns nicht überliefert. So ist die Forschung angewiesen auf Andeutungen antiker Autoren. Cäsar etwa, der sich ja während seines gallischen Kriegs in keltischen Gebieten aufhielt, erwähnt die Existenz einer keltischen Schöpfungsgeschichte. Und der um die Zeitenwende lebende Geograf Strabo erzählt, dass die Kelten an die Unvergänglichkeit der Welt glauben. Weitere Informationen ergeben sich aus der keltischen Sagenwelt. Es ist also detektivische Kombinationsgabe erforderlich, um Mythologie und Weltbild der Kelten zu rekonstruieren.

Wie ist die keltische Götterwelt aufgebaut?

Die keltische Götterwelt ist von typisch indoeuropäischer Struktur, nämlich dreigeteilt. Drei Hauptgötter – der Himmelsgott Taranis, der Stammesgott Teutates sowie Esus, Gott des Reichtums und des Kriegs – teilen sich die Herrschaft über eine vielgestaltige Götterwelt. Als Zeichen des kosmischen Gottes Taranis galt das mit vier oder zwölf Speichen dargestellte Rad. Es symbolisierte den Jahresablauf und somit die Herrschaft des Taranis über die Zeit.

Dreigeteilt war auch das Universum, nämlich in die Sphären des Himmels, der Erde und der Unterwelt. Dass es in keltischer Vorstellung auch so etwas wie eine kosmische Achse gab, die diese drei Ebenen miteinander verbindet und beispielsweise durch einen Weltenbaum symbolisiert wird, ist gut möglich. Hinweise darauf geben die in tiefen Opferschächten gefundenen Baumstämme sowie eine der Darstellungen auf dem Kessel von Gundestrup, auf der bewaffnete Krieger einen großen Baum tragen.

Im keltischen Weltbild scheint auch die Vorstellung von einer geheiligten Mitte des Landes eine Rolle gespielt zu haben. Cäsar erwähnt, dass sich die Druiden jedes Jahr im Land der Karnuten, die zwischen Loire und Seine siedelten, an einem heiligen Ort trafen, der als Mittelpunkt ganz Galliens gesehen wurde. Ähnliches gilt im frühmittelalterlichen Irland für die Orte Tara und Uisnech, denen wegen ihrer Lage besondere Bedeutung zukam. Tara war erster Sitz des Hochkönigs, Uisnech heiliger Zentralpunkt Irlands.

Welche Probleme gibt es bei der Erforschung keltischer Mythen?

Ein konkretes Beispiel für die Schwierigkeiten, die keltische Mythologie zu rekonstruieren, ist der Silberkessel, der im dänischen Gundestrup gefunden wurde und aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., wahrscheinlich aus Gallien, stammt. Seine bildlichen Darstellungen könnten einen mythischen Götterkampf nacherzählen. Allerdings lassen die abgebildeten Götter, Menschen und Tiere auch andere Interpretationen zu; wissenschaftlich abgesichert ist keine davon.

So kann zum Beispiel die Szene, in der eine kleinere menschliche Gestalt von einer größeren in einen Opferschacht geworfen wird, als Machtdemonstration gedeutet werden, aber auch als kultischer Akt. Vorstellbar wäre etwa, dass ein Krieger durch einen göttlichen Riesen in einen magischen Kessel getaucht und auf diese Weise gestärkt wird – ein Ritus, den das Christentum in Form der Taufe kennt. Auffallend häufig erscheint auf dem Silberkessel von Gundestrup die Darstellung des Stiers, der vielleicht mit dem mythischen Wasserstier, einem Fruchtbarkeitssymbol der inselkeltischen Überlieferung, in Zusammenhang steht.

Was ist über den Kesselkult bekannt?

Kessel spielten eine große Rolle in der keltischen Mythologie. Einige Exemplare sind als Grabbeigabe oder Opferfunde erhalten geblieben. In den inselkeltischen Überlieferungen erscheint der Kessel als Fruchtbarkeitssymbol; ein immer voller Kessel ist Teil der dortigen Jenseitsvorstellungen. Magische Kräfte hatte der Kessel der Zauberin Ceridwen, durch den man Weisheit erlangen konnte.

Dass man Kesseln derlei magische Funktionen zuschrieb, mag auch der Grund für ihre häufige Verwendung als Grabbeigabe sein. So hat man prachtvolle Kessel zum Beispiel in den Gräbern der keltischen Fürsten der Hallstattzeit gefunden. Auch der Heilige Gral aus den mittelalterlichen Sagen um König Artus steht wohl in enger Verbindung mit den alten keltischen Vorstellungen von diesen wundertätigen Kesseln.

Inwiefern war der Kessel auch göttliches Attribut?

Einen magischen Kessel, von dem niemand weggeht, ohne satt zu sein, besitzt der irische Gott Dagda. Seinen Beinamen »der gute Gott« verdankt er den zahlreichen hochgeschätzten Fähigkeiten, die ihm als Krieger, Künstler und Zauberer zugeschrieben werden. Er ist als Herrschergott möglicherweise identisch mit dem gallischen Esus oder Dis Pater. Seine Beinamen wie »der Allwissende«, »der Allvater« oder »Rotauge« – damit ist die Sonne gemeint – machen seine übergeordnete Stellung deutlich.

Außer dem Kessel besitzt er eine gewaltige Eisenkeule und eine Harfe. Die Keule ist so schwer und groß, dass sie auf Rädern bewegt werden muss. Sie wirkt als tödliche Waffe wie auch als Lebensspenderin: Ein Schlag mit der einen Seite der Keule tötet neun Männer gleichzeitig, die Berührung mit der anderen Seite gibt ihnen das Leben zurück. Auf seiner Harfe spielt der Gott drei Melodien, die Melodie des Schlafens, die des Lachens und die des Jammers.

Welche anderen Götter gab es?

Unter den zahlreichen Kindern, die der Gott Dagda mit seiner Frau, der Flussgöttin Boand, hat, ist zweifellos die Göttin Brigit als Schutzherrin der Dichter am bedeutendsten. Hohe Verehrung genießt auch Dagdas »außerehelicher« Sohn Angus Óg als Gott der Jugend und der Schönheit. Eine von Dagdas Nebenfrauen ist die Kriegsgöttin Mórrígan, die er zur Zeit des Samain-Festes trifft. Dann verspricht sie ihm Beistand in kommenden Schlachten. Mórrígan bildet zusammen mit Badb und Macha die Dreiheit der Kriegsgöttinnen. Möglicherweise handelt es sich aber auch um drei Erscheinungsformen einer einzigen Kriegsgöttin.

Mórrígan ist auch mit prophetischen Fähigkeiten ausgestattet und zauberkundig. In den Schlachten tritt sie meist nicht als aktive Kriegerin auf, sondern wirkt nur durch ihre Furcht einflößende Erscheinung. Gelegentlich greift sie in Tiergestalt in den Kampf ein. In der Sage von König Artus erscheint sie als Fee Morgain.

Welche Vorstellung hatten die Kelten von Unterwelt und Paradies?

Die Unterwelt beherrschte nach irischen Vorstellungen der Gott Donn, der Züge des gallischen Dis Pater trägt. Die Lokalisierung der Totenwelt erfolgt unterschiedlich, es kann sich dabei um eine mythische Insel im oder auch unter dem westlichen Ozean handeln.

Weit verbreitet war die Vorstellung, dass man durch Höhlen oder Seen in die Unterwelt gelangen kann. In einigen Sagen dringen wagemutige Abenteurer aber auch in ein Jenseits vor, das eindeutig paradiesische Züge trägt. In diesen Gefilden werden Schweine, die man am Abend verzehrt, am nächsten Tag wieder lebendig. Der Kessel des Überflusses ist immer voll, Krankheiten sind unbekannt. Möglicherweise sind diese Jenseitsdarstellungen aber nicht mehr authentisch keltisch, sondern von antikem und christlich-biblischem Gedankengut beeinflusst.

Welche Mutter- und Fruchtbarkeitsgottheiten wurden verehrt?

Auch die Kelten verehrten viele weibliche Gottheiten. Die wichtigste Göttin des irischen Pantheon war die Muttergöttin Ana, deren Name soviel wie »Wohlstand« oder »Überfluss« bedeutet. Trotzdem vereinigt sie zwei Naturen in sich, kann sowohl wohltätig als auch schädlich wirken. Möglicherweise verbirgt sich hinter ihr eine vorkeltische Fruchtbarkeitsgottheit. Eine ihr verwandte Göttin ist die gallische Muttergottheit Matrona, die dem Fluss Marne ihren Namen gab. Sie lebt in Gestalt der walisischen Sagengestalt Modron weiter, deren Sohn Mabon entführt wird. Mabon geht auf den keltisch-römischen Gott Maponus zurück, der mit Musik und Dichtkunst in Zusammenhang steht. Möglicherweise spiegelt die Entführungsgeschichte das uralte, in vielen Religionen verbreitete Konzept des sterbenden und wieder auferstehenden Fruchtbarkeitsgottes wider.

Fürchteten die Kelten wirklich, dass der Himmel einstürzt?

Das scheint so zu sein. In den Schriften der griechischen Geschichtsschreiber Strabo (64 v.Chr. bis um 20 n.Chr.) und Arrianus (95 bis 175 n.Chr.) ist eine denkwürdige Begegnung zwischen dem Feldherrn Alexander dem Großen und einer keltischen Gesandtschaft überliefert. Wie es heißt, hat Alexander seine Gäste gefragt, wovor sie sich am meisten fürchteten. Ihre überraschende Antwort: Sie fürchteten nichts, außer dass der Himmel über ihnen einstürzen würde. Ähnliche Andeutungen in der frühmittelalterlichen irischen Literatur lassen die Interpretation zu, dass die keltische Vorstellung vom Ende der Welt in Zusammenhang mit dem Einstürzen des Himmels stand.

Wussten Sie, dass …

vieles aus der keltischen Mythologie in abgewandelter Form bis heute lebendig ist? So geht das Fest Halloween auf das alte keltische Fest Samain zurück. Es wurde am 1. November gefeiert, der Ende und Anfang des keltischen Jahres markierte. In dieser Nacht waren die Geister unterwegs. Gleichzeitig vollzog sich die mythische Vereinigung des Stammesgottes mit der Erdmutter, die für reiche Ernte und Fruchtbarkeit stand.

die keltische Sagenwelt bis heute einen enormen Einfluss auf die moderne Fantasy-Literatur ausübt? Bekanntestes Beispiel ist wohl das populäre »Herr der Ringe«.

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