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Das Geständnis der Sophie Scholl (Podcast 133)

Das Geständnis von Sophie Scholl - gelesen von Eva Krautwig
Sophie Scholl
Sophie Scholl

Geheime Staatspolizei. Staatspolizeistelle München. Fortsetzung der Vernehmung der Beschuldigten Sophie Scholl.

Nachdem mir eröffnet wurde, dass mein Bruder Hans Scholl sich entschlossen hat, der Wahrheit die Ehre zu geben und von den Beweggründen unserer Handlungsweise ausgehend die reine Wahrheit zu sagen, will auch ich nicht länger an mich halten, all das, was ich von dieser Sache weiß, zum Protokoll zu geben. Nochmals eingehend zur Wahrheit ermahnt, habe ich das folgende Geständnis abzulegen:

"Es war unsere Überzeugung, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, und dass jedes Menschenleben, das für diesen verlorenen Krieg geopfert wird, umsonst ist. Besonders die Opfer, die Stalingrad forderte, bewogen uns, etwas gegen dieses unserer Ansicht nach sinnlose Blutvergießen zu unternehmen.

Die ersten Gespräche, die sich mit diesem Problem befassten, fanden im Sommer 1942 zwischen meinem Bruder und mir statt. Eine Möglichkeit, diesem Lauf der Dinge entgegenwirken zu können, fanden wir vorläufig nur in einer Auseinandersetzung mit unseren ernst zu nehmenden Bekannten über das, was uns am tiefsten bewegte. Sehr bald mussten mein Bruder und ich einsehen, dass durch dieses Vorgehen unsererseits eigentlich nichts getan sei, das geeignet sein könnte den Krieg auch nur um einen Tag abzukürzen.

Bei der gegenseitigen Aussprache mit meinem Bruder kamen wir schließlich im Juli vorigen Jahres überein, Mittel und Wege zu finden, auf die breite Volksmasse in unserem Sinne einzuwirken. Es tauchte damals auch der Gedanke auf, Flugblätter zu verfassen, herzustellen und zu verbreiten, ohne die Verwirklichung dieses Planes schon ins Auge zu fassen. Ob der Gedanke der Flugblattherstellung von meinem Bruder oder mir ausging, weiß ich heute nicht mehr genau.

 

1942

Etwa im Juni 1942 haben wir Alexander Schmorell, mit dem wir schon seit längerem befreundet sind und den wir gesinnungsmäßig für zugänglich hielten, ins Vertrauen gezogen. Hier möchte ich erwähnen, dass der Vater des Schmorell Deutsch-Russe und seine Mutter Russin ist (letztere ist bereits gestorben). Vor Ausbruch des Krieges gegen Sowjetrussland war Schmorell politisch vollkommen uninteressiert. Erst später, d.h. nach Beginn der Feindseligkeiten mit Russland, begann er sich für den Verlauf des Krieges zu interessieren, besonders für die militärischen Ereignisse.

Schmorell hängt mit großer Liebe an Russland, obwohl seine Eltern seinerzeit aus Russland flüchten mussten, nach Deutschland emigrierten, hier die deutsche Staatsangehörigkeit erwarben, die auch der Sohn Schmorell heute besitzt. Wenn er auch innerlich ein absoluter Gegner des Bolschewismus ist, hegt er dennoch Gefühle für sein Vaterland, das ihn in politischer Hinsicht unsicher macht.

Bei den ersten Besprechungen mit Schmorell hat dieser verschiedene Einwände gegen unsere Pläne erhoben, indem er darauf hinwies, das gäbe sich alles von selbst und bedürfe keines Zutuns. Wenn Schmorell sich schließlich bereit erklärte, mit uns der Verwirklichung unserer Pläne näher zu treten, dann in erster Linie deshalb, weil er politisch nicht nüchtern genug denkt und sehr begeisterungsfähig ist.

Nach vielen und langen Unterredungen über dieses Thema zwischen meinen Bruder und mir reifte im Dezember 1942 bei uns der Entschluss, ein Flugblatt zu verfassen, in größerer Zahl herzustellen und zu verbreiten. Schmorell hat wohl um diese Zeit von unserem feststehenden Plan gewusst, trat jedoch aktiv nicht in Erscheinung, sondern war vielmehr zuerst Mitwisser und Zuhörer.

 

Das erste Flugblatt

Das erste Flugblatt mit der Überschrift "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!" und dem Schlußsatz "Unterstützt die Widerstandsbewegung, verbreitet die Flugblätter!", hat mein Bruder zusammen mit mir verfasst, und zwar kurz nach Neujahr 1943. Der Text des Flugblattes in Form eines Probeentwurfs auf der Schreibmaschine haben wir "Alex" gezeigt, der den Inhalt hinnahm ohne irgendwelche Ergänzungs- oder Abänderungsvorschläge zu machen.

Nachdem die Sache so weit gediehen war, bestand die nächstliegende Aufgabe darin, das nötige Abzugspapier, Briefumschläge und Matrizen beizuschaffen. Mein Bruder und ich machten uns auf den Weg und kauften in den hiesigen Papierwarengeschäften zusammen etwa 10 000 Blatt Abzugspapier, ferner zusammen etwa rund 2000 Briefumschläge. Weiter hat mein Bruder bei einem hiesigen Fachgeschäft einen neuen Vervielfältigungsapparat (Marke unbekannt) zum Preise von RM 200,- gekauft. Auch die Matrizen, etwa 20 Stück, hat mein Bruder gekauft.

Die Matrizen zu den einzelnen Flugblättern hat mein Bruder auf der Schreibmaschine, die uns "Alex" zur Verfügung stellte, in meinem Beisein geschrieben. Die Abzüge haben wir dann gemeinsam auf unserem Vervielfältigungsapparat hergestellt. Die Adressen wurden nur und zwar ausschl. von meinem Bruder und mir geschrieben. Ich benützte meistens die Schreibmaschine der Frau Schmidt und schrieb jene Adressen, bei denen Anrede, Name und Wohnort nicht untereinander, sondern auf dem Briefumschlag nach rechts abgestuft, niedergeschrieben sind. Mein Bruder dagegen benützte die Schreibmaschine des "Alex" und schrieb auf den Umschlägen Anrede, Name und Ort genau untereinander.


Die notwendigen Adressen von Wien, Salzburg, Linz, Augsburg, Stuttgart und Frankfurt haben in der Hauptsache mein Bruder und ich im Deutschen Museum aus dem dort aufliegenden Adressbüchern der Städte, Jahrgänge 39-41, herausgeschrieben. Einmal hat auch "Alex" solche Adressen mit herausgeschrieben. Die Briefe mit Flugblättern zur Verbreitung in den Städten außerhalb Münchens haben wir in einem Zeitraum von etwa 14 Tagen postversandfertig gemacht und erst dann die Briefe an den einzelnen Orten aufgegeben.

Am 25. Januar 1943 fuhr ich nachmittags um 15 Uhr mit dem Schnellzug nach Augsburg, wo ich eine Stunde später ankam. In einer Aktentasche führte ich rund 250 Briefe an in Augsburg wohnende Adressaten mit. Da etwa 100 dieser Briefe nicht frankiert waren, kaufte ich mir beim Bahnpostamt in Augsburg 100 Briefmarken à 8 Pfennig und habe die unfrankierten Briefe mit Marken versehen und bei der Bahnpost eingeworfen. Ungefähr die Hälfte der Briefe habe ich in den Schalterbriefkasten geworfen und die andere Hälfte in den Hausbriefkasten vor dem Postgebäude. Darnach fuhr ich am gleichen Abend um 20 Uhr 15 von Augsburg zurück nach München, wo ich mit dem um 21 Uhr 6 ankommenden Schnellzug eintraf.

 

Verteilung der Briefe

Am nächsten Vormittag (26.1.43), etwa um 6 Uhr, fuhr Schmorell mit dem Schnellzug über Salzburg, Linz nach Wien und hat auf der Strecke in Salzburg und Linz die Briefe für diese Städte aufgegeben und schließlich in Wien jene für Wien und Frankfurt. Für Salzburg waren 200, für Linz 200, für Wien 1000, für Frankfurt 300 hergerichtet. Nur die für Frankfurt bestimmten Briefe mussten noch frankiert werden.

Ursprünglich beabsichtigten wir, auch die Frankfurter Briefe aus Portoersparnisgründen in Frankfurt selbst aufzugeben. Von diesem Plan kamen wir schließlich ab, weil wir errechneten, dass das Fahrgeld nach Frankfurt mehr ausmachte, als wir an Porto hätten sparen können, wenn jemand nach Frankfurt gefahren wäre. Aus diesem Grunde wurden die für Frankfurt bestimmten Briefe voll frankiert und von "Alex" in Wien aufgegeben. Die für Stuttgart bestimmten Briefe, zwischen 600 und 700 Stück, habe ich nach Stuttgart gebracht und dort aufgegeben.

Ich fuhr am Mittwoch, den 27.1.43, um 16 Uhr 30 mit dem Schnellzug hier ab und traf um 19.55 Uhr in Stuttgart-Hauptbahnhof ein. Von den in einem kleinen Koffer mitgeführten Briefen, alle frankiert für den Ortsverkehr, habe ich noch am Abend des 27.1.43, alsbald nach meiner Ankunft, nicht ganz die Hälfte, zum Teil am Bahnhof und in Stuttgart Süd, in Briefkästen eingeworfen. Den Rest habe ich am 28.1.43 im Laufe des Tages in den Vororten von Stuttgart in Briefkästen geworfen. In der Nacht vom 27./28. hielt ich mich im Wartesaal 2. oder 3. Klasse auf. Übernachtet habe ich jedenfalls nicht. Die Rückreise nach München trat ich am 28.1.43 um 23 Uhr 25 an und kam in München am 29.1.43 um 3 Uhr 5 an. Weil um diese Zeit noch keine Straßenbahn ging, musste ich den Weg zu meiner Wohnung zu Fuß zurücklegen.

Wenn ich zuerst, wenn auch nur bei der Unterhaltung, angegeben habe, bei der Flugblattaktion in München in der Nacht von 28./29.gemeinsam mit meinem Bruder, die hier zur Verbreitung gelangten, etwa 2000 Flugblätter, ausgestreut zu haben, so muss ich nun zugeben, dass dies nicht richtig ist, denn in der Nacht v. 28./29.befand ich mich, während hier in München die Flugblätter ausgestreut wurden, auf dem Wege von Stuttgart nach München. Die Verbreitung bzw. Ausstreuung der Flugblätter in München wurde von meinem Bruder und Schmorell durchgeführt.

Wie man mir mitteilte, haben beide abends am 28.1.43 um 11 Uhr mit der Verbreitung begonnen und bis kurz vor 4 Uhr etwa 2000 Flugblätter ausgestreut. Mein Bruder hat angeblich vom Bahnhof aus in nördlicher Richtung die Flugblätter verteilt, während Schmorell den südlichen Teil der Stadt bearbeitete.

Nach der mir bekannt gegebenen Beschreibung eines Mannes, etwa 30 bis 35 Jahre alt, etwa 1,70 m groß, schlank usw., der am Vormittag des 4.2.43 zwischen 7 und 8 Uhr im Hauptpostamt München in der Vorhalle Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland in dort aufliegende Telefonverzeichnisse gelegt haben soll, kann ich nur angeben, dass ich mir nicht denken kann, wer dies gewesen sein könnte, sofern nicht mein Bruder in Betracht kommt.

Mein Bruder ist allerdings größer als 1,70 m, besitzt keinen grauen Gummimantel mit breitem Kragen und trug noch nie ein sog. Lippen- oder Menjou-Bärtchen. Auch aus meinen übrigen Bekanntenkreis ist mir niemand bekannt, auf den diese Beschreibung auch nur annähernd passen könnte.

Ich gebe auch zu, bei meinen Besorgungen in der Stadt, in der Zeit vom 30.1.-6.2.43 etwa, in 4 oder 6 Fällen Flugblätter der Widerstandsbewegung in Telefonkabinen, parkenden Autos etc. abgelegt zu haben. Wo dies im einzelnen war, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls führte ich zu dem angegebenen Zweck bei meinen Gängen durch die Stadt jeweils einige Flugblätter in meiner Handtasche bei mir, um gegebenenfalls bei günstigen Gelegenheiten davon Gebrauch machen zu können.

 

"Kommilitoninnen! Kommilitonen!"

Der Student Willi Graf, wohnhaft in München, Mandelstr. 1, war an der Herstellung und Verbreitung der Flugblätter in keiner Weise beteiligt. Ich nehme an, dass er von unserer Flugblattaktion Kenntnis hatte, muss jedoch erwähnen, dass er von mir nicht unterrichtet war. Aus Bemerkungen von ihm bei gelegentlichen Gesprächen habe ich geschlossen, dass er wissen musste und den Umständen nach angenommen hat, dass wir uns mit der Herstellung und Verbreitung von Flugblättern befassen. An einzelne Bemerkungen solcher Art kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

In München haben wir neuerdings etwa 1200 Flugblätter mit der Überschrift "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" in der Zeit vom 6.-15.2. vervielfältigt, die Briefumschläge bzw. Wurfsendungen mit Anschriften versehen und versandfertig gemacht. Bei dieser Arbeit hat neben meinem Bruder und mir Schmorell lediglich beim Zukleben der Briefe mitgewirkt. Den braunen Klebestreifen zum Verschließen der Wurfsendungen hat er zur Verfügung gestellt und die Wurfsendungen zugeklebt.

Auch bezüglich des Vorganges heute Vormittag in der Universität München möchte ich nun die Wahrheit sagen, wobei ich bekennen muss, dass diese Flugblätter durch meinen Bruder und mich in dem bei meiner Festnahme sichergestellten Koffer in die Universität gebracht und dort ausgestreut wurden. Es handelte sich meiner Schätzung nach um 1500-1800 Flugblätter mit der Überschrift "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" und etwa 50 Stück mit der Überschrift "Aufruf an alle Deutsche!".

Diese Flugblätter transportierten wir zum größten Teil in dem erwähnten Koffer, aber auch die Aktentasche meines Bruders war mit solchen Flugblättern angefüllt. Innerhalb des Universitätsgebäudes trug mein Bruder den Koffer, während ich die Flugblätter an den verschiedensten Orten ablegte oder ausstreute. In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen, etwa 80 bis 100 solcher Flugblätter vom 2. Stockwerk der Universität in den Lichthof herunterzuwerfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden.

 

Die heutige Staatsform zu beseitigen

Ich war mir ohne weiteres im Klaren darüber, dass unser Vorgehen darauf abgestellt war, die heutige Staatsform zu beseitigen und dieses Ziel durch geeignete Propaganda in breiten Schichten der Bevölkerung zu erreichen. Unsere Absicht war ferner, in geeigneter Weise weiterzuarbeiten. Wenigstens vorerst und auch für später hatten wir nicht die Absicht, noch weitere Personen ins Vertrauen zu ziehen und zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Dies schon deshalb nicht, weil uns dies zu gefährlich schien. Gerade diese Frage habe ich vor einiger Zeit mit meinem Bruder besprochen, kam jedoch nach Abwägung von Vor- und Nachteilen zu der Überzeugung, dass dies zu gefährlich sei.

Wenn die Frage an mich gerichtet wird, ob ich auch jetzt noch der Meinung sei, richtig gehandelt zu haben, so muss ich hierauf mit "ja" antworten, und zwar aus den eingangs angegebenen Gründen. Ich bestreite ganz entschieden, von dritter Seite gemeinsam mit meinem Bruder zu unserem Vorgehen veranlasst, aufgefordert oder finanziell unterstützt worden zu sein. Mein Bruder und ich haben vollkommen aus ideellen Gründen gehandelt und alle entstandenen Unkosten, die sich meiner Schätzung nach auf ungefähr 800-1000 RM belaufen haben dürften, aus eigener Tasche bestritten. Schmorell hat uns zur Durchführung der Flugblattaktion einen Betrag von 150 bis 200 RM geliehen, den wir im Laufe der nächsten Monate zurückerstatten wollten.

Den Vervielfältigungsapparat, welcher von meinem Bruder eigens zum Zwecke der Herstellung von Flugblättern gekauft wurde, haben wir vor 14 Tagen oder 3 Wochen in dem Atelier des Kunstmalers Eyckemeir, Leopoldstr. 38, Rckg., hinterstellt. Eyckemeir befindet sich z. Zt. als Architekt in Krakau und hat seit einiger Zeit das Atelier an den Kunstmaler Wilh. Geyer aus Ulm, Syrlinstr. Nr.?, vermietet. Geyer übergab uns den Schlüssel zu diesem Atelier, um dadurch in die Lage versetzt zu sein, unseren Freunden und Bekannten einige Bilder vorzuzeigen, die Geyer in diesen Räumen aufgehängt hat. Geyer hat keine Ahnung davon, dass wir unseren Vervielfältigungsapparat im Keller des erwähnten Ateliers hinterstellt haben. Hierzu kommt, dass sich Geyer nur einige Tage in der Woche zur Arbeit in München aufhält und die andere Zeit in Ulm tätig ist.

Zum Schlusse möchte ich noch erwähnen, dass unsere Mietgeberin, Frau Schmidt „gut nationalsozialistisch“ eingestellt ist und von unserem Tun und Treiben keinerlei Ahnung hat. Soweit notwendig, bitte ich, der Frau Schmidt und deren Tochter das Vorgefallene schonend beizubringen, zumal die Tochter Schmidt sich in gesegneten Umständen befindet und demnächst der Niederkunft entgegensieht. Ich möchte daher jede Aufregung bei diesen Leuten vermeiden.

Aufgenommen:

Mohr

KOS.

Anwesend:

[ohne Unterschrift]

Verw.Ang.

selbst gelesen u. unterschrieb.:

Sophie Scholl

Gesprochen von der Schauspielerin Eva Krautwig: Das Geständnis von Sophie Scholl
Quelle: Bundesarchiv, ZC 13267, Bd. 3 (Zwischenüberschriften und Bilder redaktionell ergänzt)
Anm. der Redaktion: Orthographie und Interpunktion folgen den Originaldokumenten.
 

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