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Kung-Fu und Karaoke - China zwischen Tradition und Moderne (Podcast 5)

Von Familien und Kollektiven, Elefantenschach und der Rushhour am Feierabend

In China – dem Reich der Kontraste – öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich beziehungsweise zwischen Stadt und Land immer weiter. Entsprechend unterschiedlich stellt sich auch der Alltag der Menschen dar. Während sich wohlhabende Städter in ihrem Freizeitverhalten an westlichen Vorbildern orientieren, kämpfen viele Bauern sowie das Millionenheer von Wanderarbeitern um nichts weniger als die nackte Existenz. Die gut ausgebildete neue Mittelschicht der Millionenstädte strebt nach Selbstverwirklichung. In den boomenden Küstenmetropolen locken glitzernde Konsumpaläste eine junge, urbane Käuferschicht. Diese allerdings steht der älteren Generation oft fremd gegenüber. War das Leben der Großeltern noch von der Allmacht der Partei geprägt, zieht es die Jugend in den Cyberspace. Ihre Aufgabe wird es sein, diese Gegensätze zu überwinden, wenn China seine Position in der Spitze der Weltgemeinschaft einnehmen möchte.

 

Kollektiv auf dem Rückzug

Die Danwei, die Arbeitseinheit, bestimmte bis vor wenigen Jahren das tägliche Leben der Städter. Als Gesellschaften innerhalb der Gesellschaft stellten sie den Bezugspunkt der persönlichen Identifikation des Einzelnen jenseits der Familie dar. Die Machtfülle der jeweiligen Danwei spiegelte sich im sozialen Status ihrer Mitglieder. Die Danwei entschied über den Arbeitsplatz, wies Wohnraum zu und ließ sogar die Familienplanung des Einzelnen zu einer kollektiven Entscheidung werden. Politische Erziehung war ein Bestandteil des Arbeits- und des Freizeitlebens ihrer Mitglieder. Mit der wirtschaftlichen Liberalisierung schwindet der Einfluss der Danwei. Der Wegfall der lebenslänglichen Zugehörigkeit zu einer umfassend versorgenden Einheit ist dabei für manche eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, während er für andere eine Bedrohung ihrer bisherigen Existenzgrundlage darstellt. Organisiert von der Gewerkschaft, vom Frauenverband oder vom betrieblichen Sportverein bildeten Gruppenausflüge Höhepunkte dieser kollektiven Freizeitkultur. Zum festen Ablauf gehörte neben dem Gruppenfoto und einer kleinen Ansprache als wichtiger Programmpunkt zumeist das Essen. Neben: »Wie geht es Ihnen?« gehört »Haben Sie schon gegessen?« zu den Standardbegrüßungen des Alltags und darin drückt sich mehr als nur die Sorge darüber aus, ob jemand schon gegessen hat. Ziele der kollektiven Freizeitgestaltung waren und sind oft Stätten des Nationalstolzes und so finden sich neben ausländischen Touristen regelmäßig chinesische Besuchergruppen vor dem Mausoleum Mao Zedongs (1893–1976) ein, des Gründers der Volksrepublik China. Auch die Große Mauer, Symbol nationaler Stärke, oder das Mausoleum des ersten Kaisers Qin Shihuangdi (259–210 v. Chr.), der 221 v. Chr. das erste chinesische Einheitsreich gründete, gehören zu den wichtigen Zielen solcher Gruppenwallfahrten. Souvenirmeilen versorgen die Pilger mit den nötigen Erinnerungsstücken.

 

Familie als Rückhalt

Aller Kollektivierung zum Trotz gründete das private Glück der meisten Chinesen stets auf der Familie. Sie bildet die eigentliche Basis der chinesischen Gesellschaft. Besonders in den Städten handelt es sich meist um Kernfamilien, in denen neben dem Elternpaar und ihrem Kind die Großeltern eine wichtige Rolle spielen. Im Alltag sind sie es vielfach, die die
Kinder in den Kindergarten begleiten oder zur Schule bringen. Mehr als die Eltern, die meist beide beruflich stark gefordert sind, verbringen die Großeltern viel Zeit mit ihren Enkeln. Längst gehören auch Kinderfrauen wieder zum Alltag vieler städtischer Familien und erinnern an großbürgerliche Zeiten vor Gründung der Volksrepublik. Für freies Spiel bleibt den Kindern in der Stadt wenig Raum. Zwar gibt es in den Städten Parkanlagen, doch Bäume erklettern oder Dämme zu bauen ist dort meist verboten. Stattdessen locken Fastfoodketten sowie Bäckereien mit mächtigen Sahnetorten und anderem Naschwerk. Bewegungsmangel und Überernährung führen somit auch im städtischen China zu einer wachsenden Anzahl von übergewichtigen Menschen. Der Wunsch nach einem Sohn, der die Linie der Familie fortsetzen kann, ist selbst bei vielen fortschrittlichen Chinesen immer noch groß. Aber gerade in den Städten gelingt es den meisten kleinen Töchtern schnell, die Herzen ihrer Eltern und Großeltern zu gewinnen. Wie Prinzen und Prinzessinnen wachsen daher viele der Kleinen heran und kaum ein Wunsch wird ihnen verwehrt. Doch mischt sich früh ein enormer Leistungsdruck in das Leben dieser Einzelkinder. Auf ihnen lastet die Hoffnung einer ganzen Familie. Wie in Japan und auf Taiwan sind denn auch in den Metropolen des chinesischen Festlands die Nachhilfeschulen nicht mehr wegzudenken.
Nicht alle Kinder sind diesem Druck gewachsen. So wachsen sie zwar wohlbehütet und mit enormen Konsum- und Bildungsmöglichkeiten heran, unterliegen aber oft starken Reglementierungen.

 

Mangel in der Provinz


Die Kinder in den entlegenen Provinzen haben andere Sorgen. Häufig sind ihre Eltern oder zumindest ein Elternteil als Wanderarbeiter in die Metropolen gezogen und so leben sie mit den Großeltern oder der Mutter allein. Die Älteren sind auf das Geld der Jüngeren angewiesen, da es bislang auf dem Land kein Rentensystem gibt. Die konfuzianische Kardinaltugend der Pietät verpflichtet die Kinder, ihren Eltern nicht nur Respekt und Gehorsam zu erweisen, sondern sie auch im Alter zu pflegen. Nicht immer aber ist dies Ideal erreichbar. Krankheiten stellen in der Provinz mangels Gesundheitsfürsorge ein großes Problem dar. Konsum spielt im Leben vieler Menschen keine große Rolle. Nicht alle Kinder gehen tatsächlich regelmäßig in die Schule und trotz großer Bemühungen gibt es immer noch Kinderarbeit. Die wirtschaftlichen Verhältnisse prägen den Alltag und die Freizeit dieser Kinder. Für eine gute Bildung müssen oftmals weite Wege in Kauf genommen werden und so sind Kinder in Schuluniformen an den Bushaltestellen in der Provinz gute Zeichen für eine Entwicklung, bei der es darauf ankommen wird, die große Spanne zwischen den inzwischen international anerkannten chinesischen Elitehochschulen der Städte und dem elementaren Bildungswesen in der Provinz zu schließen.

 

Spielchen gefällig


Kleine Wohnungen lassen Straßen, Plätze und Parkanlagen zu öffentlichen Orten der Freizeitgestaltung werden. Jeder, der China besucht hat, wird sich an die alten Männer erinnern, die sich an Straßenecken oder in Parkanlagen zum Spiel treffen. Vielfach haben sie ein kleines Höckerchen dabei, um es sich gemütlich zu machen. Gleich, ob es sich um eines der vielen traditionellen Glücksspiele handelt, die seit Jahrhunderten bei den vielen nationalen Minderheiten beliebt sind oder um Kartenspiele westlichen Ursprungs, wichtig ist die Gemeinschaft und ein wenig Spannung, um die Sorgen des Alltags zu vertreiben. Bereits im alten China gaben sich die Menschen der Faszination von Hunderennen und Hahnenkämpfen hin. Eine andere große Liebe der Chinesen gilt allen Formen des Schachspiels. Die Vorläufer des in China überaus beliebten Umzingelungsschach werden schon bei Konfuzius im 5. Jahrhundert vor Christus erwähnt. Von China aus soll es während der Tang-Dynastie nach Japan gelangt sein, wo es heute unter dem Namen Go bekannt ist. Im Jahr 848 kam es sogar in der damaligen Hauptstadt Chang’an zu einem ersten Wettkampf zwischen Meistern des Spieles aus dem chinesischen Kaiserreich und seines Nachbarn Japan. Bis heute ist Xiangqi, das sogenannte Elefantenschach,
weit verbreitet. Seit dem 6. Jahrhundert werden die sechzehn Figuren des Spiels von zwei Kontrahenten auf einem Spielfeld, das in der Mitte von einem »Fluss« durchzogen wird mit möglichst geschicktem Kalkül bewegt. Es heißt, sogar die Frauen hätten sich ganze Nächte diesem Spiel hingegeben. Bis heute hat es seinen Reiz nicht eingebüßt und findet immer neue Anhänger unter Jung und Alt. Das gilt ebenso für das auch im Westen bekannte Majiang (chinesisch »Spatzenspiel«), bei dem es darum geht, der Erste der Spieler zu sein, der aus den 144 Steinen die gewünschten Kombinationen zu erstellen vermag. Das typische Klackern der Steine ist im Sommer an vielen Straßenecken und aus vielen Hinterhöfen zu hören. Nicht immer allerdings geht es dabei lediglich um die reine Freude am Spiel. Illegales Glückspiel ist auch in China weit verbreitet.

 

Fit bis ins hohe Alter

Das Schriftzeichen für langes Leben ist neben dem für Reichtum das beliebteste Glückszeichen der Chinesen. Darin drückt sich der Wunsch nach Gesundheit bis ins hohe Alter aus. Zur Erlangung dieses Ziels entstanden in China schon lange vor Christi Geburt Gesundheitslehren, die neben ausgefeilten Diäten für Senioren, spezielle Sexualpraktiken und Heilgymnastik als geeignetes Mittel priesen. So verwundert es nicht, wenn man auch heute vielerorts am frühen Morgen oder späten Nachmittag und Abend viele ältere Menschen bei ihrer täglichen Gymnastik sieht. Während sich der eine mit einfachen Dehnübungen lockert, oder Kugeln zur Stärkung der Energie von einer Hand in die andere gleiten lässt, übt sich ein anderer still im Schattenboxen. Trotz eines allgemein frühen Pensionsalters, das Männer meist bislang mit 60 und Frauen mit 55 in den Ruhestand schickt, sind die meisten älteren Menschen in den Städten selten untätig. Während die einen ihre geringe Pension mit kleinen Nebenjobs aufbessern, kümmern sich andere um ihre Enkelkinder. Vielfach sind die Rentner auch noch in den unterschiedlichsten Gruppen organisiert. So widmen sie sich zum Beispiel gemeinsam der Kalligraphie oder erlernen westliche Standardtänze. Besonders farbenprächtig sind die Veranstaltungen der verschiedenen örtlichen Gruppen, in denen zumeist Frauen gymnastische Übungen mit dem Fächer darbieten. Ob auf dem Bund in Shanghai, auf dem Vorplatz einer Behörde in einer Provinzhauptstadt oder bei Großveranstaltungen, sportliche Gruppierungen dieser Art finden sich überall und haben auch junge Mitglieder. Allerdings zeigt die Härte, mit der die
Führung des Landes nicht nur gegen die Falun-Gong-Bewegung vorgeht, auch die Grenzen der Liberalisierung: Droht die Partei die Kontrolle über Gruppierungen, welcher Art auch immer, zu verlieren, antwortet sie mit Restriktionen. Nicht begründete Heilsversprechungen ewiger Jugend, so wie sie in mancher Falun-Gong-Propaganda zu lesen sind, sowie der Personenkult um den Initiator dieser Bewegung, lieferten der Führung eine Legitimation zum Vorgehen gegen Falun-Gong, wobei im Sog dieser Kampagne vielfach auch Unbescholtene ins Visier der Staatsmacht gerieten.

 

Rushhour in den Feierabend

Der Feierabend zeigt sich in den chinesischen Städten deutlich am Verkehrschaos der Rushhour. Dicht gedrängt streben die Menschen in Bussen nach Hause. Die zunehmende Zahl an Motorrollern und Privatfahrzeugen führt selbst großzügig ausgebaute Hochstraßen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und längst ist es kein endloser Strom von Fahrrädern mehr, der sich durch die Straßen windet. So mancher kauft auf dem Heimweg noch rasch etwas für das Abendessen ein. Andere nicken bereits müde an der Schulter ihres Nachbarn im Bus ein. Wie die meisten Chinesen können sie fast überall und in jeder Position einschlafen.

 

Freizeit macht Kariere

Mit der Urbanisierung und Industrialisierung wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert frei verfügbare Zeit zum Ausweis eines erfolgreichen, kultivierten Lebensstils der Städter. In Shanghai, der führenden Metropole der damaligen Zeit, erschienen erste Unterhaltungszeitungen, die sich diesen Trend zunutze machten. Sie waren nur ein Teil einer ganzen Unterhaltungsindustrie, welche auf den Geschmack der neuen urbanen Schicht zielte. Opern- und Filmtheater schossen aus dem Boden. Die Printmedien und das Radio erreichten mehr Menschen als je zuvor. Mit der Aggression durch die Japaner gegen China ging die Goldene Zeit Shanghais zu Ende. Dem Krieg gegen Japan folgte der Bürgerkrieg und schließlich 1949 die Gründung der Volksrepublik. Während der ersten Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft gab es für den Einzelnen kaum Freizeit. Die Verpflichtung jeden Bürgers war es, sich ganz in den Dienst zum Aufbau der Nation zu stellen. Es galt, das richtige politische Bewusstsein zu schulen und alles zu vermeiden, was nach westlicher Dekadenz aussehen könnte. Printmedien, Radio, das Fernsehen und auch der Film standen im Dienste der Partei. Mit der Liberalisierung während der 1980er-Jahre änderte sich auch das gesellschaftliche Klima nachhaltig und es entstand eine neue kommerziell ausgerichtete Unterhaltungsindustrie, in der Filmschauspieler aus Taiwan und Hongkong einen hohen Stellenwert besaßen und internationale Trends auch in China populär machten. Inzwischen hat sich das Reich der Mitte emanzipiert und Filmregisseure und Akteure aus China sind längst Teil des internationalen Unterhaltungsgeschäfts.

 

Das Fernsehen flimmert überall

Im Alltag der Chinesen dominiert in allen Schichten inzwischen unbestritten das Fernsehen die Freizeit der Stadt- und Landbevölkerung. Es ist neben dem Internet das wichtigste Medium einer stetig globaler werdenden Kultur. Das chinesische Fernsehen wurde in den 1950er-Jahren mit Unterstützung sowjetischer Techniker aufgebaut. 1958 produzierte der Sender Beijing erste Versuchsprogramme. Weitere Sender in den Großstädten folgten und sendeten fortan regelmäßig. 1973 wurde das Farbfernsehen eingeführt. Nachdem bis zum Ende der 1970er-Jahre Fernsehapparate öffentlichen Institutionen vorbehalten waren und man im Kollektiv fernsah, hielten ab den 1980er-Jahren Fernsehgeräte ihren Einzug in die Privathaushalte. Dort sind sie heute nicht mehr wegzudenken. Inzwischen können über 90% der Bevölkerung selbst in den äußerst entlegenen Provinzen Fernsehen empfangen. Standen zu Beginn die »Erziehung« des Volkes und die politische Propaganda im Vordergrund des staatlich kontrollierten Fernsehens, so räumte man im Rahmen der wirtschaftlichen Öffnung der Unterhaltung einen größeren Raum ein. Dazu gehören neben moralisierenden Geschichtsserien und endlosen Werbespots auch international erfolgreiche Krimiserien oder Kinderprogramme made in Germany. Privatfernsehen ist hingegen nicht erlaubt und auch der Empfang ausländischer Sender via Satellit ist eingegrenzt.

 

Nachtleben mit Karaoke

Orte des pulsierendes Nachtlebens sind in China wie auch anderswo die Städte oder die Hochburgen des Tourismus. Hier finden sich inzwischen alle Sparten der Unterhaltung. Neben traditionellen Theatern werben riesige Kinos um Besucher. Clubs, Diskotheken und Bars verheißen ihrer Kundschaft ein Ausbrechen aus der Alltagsrealität. Das ist nicht billig, jedoch für die neue Schicht wohlhabender junger Mittelständler kein Hindernis. Auch in China wechseln dabei die Moden schnell. Heute noch eine angesagte Adresse, ist morgen vielleicht schon ein anderer Club in. Dabei greift man in China auch gern auf ausländische Erfolgsmodelle zurück und so feiert man längst nicht nur in der Hauptstadt Beijing das deutsche Oktoberfest mit reichlich Bier. Beim abendlichen Ausgehen mit Freunden ist die Bereitschaft sich in Karaoke, in China meist KTV genannt, zu versuchen auch für den westlichen Austauschstudenten eine Notwendigkeit, will er nicht als Spaßverderber gelten. Für die meisten Chinesen ist es völlig normal, dass man gern öffentlich ein Lied oder Gedicht vorträgt. Sie lernen dies mit Beginn der Kindergartenzeit und verfügen als Erwachsene häufig über ein erstaunliches Repertoire. KTV-Bars finden sich in allen Orten und bieten private Räume für kleinere und größere Gruppen. Aber auch sportliche Unterhaltungen wie Billard und Bowling sind längst ein Teil der Unterhaltungskultur in China geworden. Traditionell gehört auch der Besuch des Nachtmarktes zur urbanen chinesischen Lebenskultur. Man geht von Stand zu Stand und probiert von den unterschiedlichsten Speisen. Trotz der späten Stunde sind auch noch viele kleine Kinder mit ihren Familien zu sehen.

 

Jugend im Computerfieber

Das neue China gehört der Jugend. Die städtische Jugend ist es, die am offensichtlichsten vom Wirtschaftswachstum und der Liberalisierung Chinas profitiert. Vor wenigen Jahren noch undenkbar, gehen heutzutage Paare Händchen haltend durch die Straßen. Nichts erinnert mehr an den uniformen Maolook, wenn man die gestylte urbane Jugend der Küstenstädte sieht. Sie ist stets modisch gekleidet, oft in Markenartikeln, bei denen man erst bei einem genauen Blick die nicht autorisierte Herkunft aus dem eigenen Land feststellen kann. Als Statussymbol gehört auf jeden Fall ein brandneues Handy dazu. Mit diesem lässt sich auch einfach ein Erinnerungsfoto schießen, welches dann gleich der Freundesclique übersandt werden kann. Musikkonsum spielt auch in China unter Jugendlichen eine große Rolle. Vorbei aber scheinen die Zeiten, in denen politisch engagierte chinesische Musiker die Jugend mitrissen. Stattdessen orientiert man sich an der globalen Musikszene und per Raubkopie ist so mancher internationale Hit in China schneller verbreitet als sonst wo auf der Welt. Gleiches gilt auch für den Film und trotz öffentlicher Beschlagnahmungen von raubkopierten DVDs, finden diese doch weiterhin ihren Markt. Das Lieblingsspielzeug der städtischen Jungend ist wie im Westen der Computer und alles, was sich mit ihm machen lässt. So verwundert es gar nicht, jugendliche Mönche vor einem Computerspiel anzutreffen. Viele Eltern sehen den Computer inzwischen als ernsthafte Gefahr für ihre Kinder. Chinesische Jugendliche, insbesondere Jungen, sitzen oftmals stundenlang in einer der vielen Internetbars oder vor dem heimischen PC. Computerspiele, bei denen mehrere Spieler in eigens geschaffenen Welten gegeneinander antreten, ziehen Kinder und Jugendliche derart in den Bann, dass die Spielsucht zum Problem wird. Unfähig, die Spiele rechtzeitig zu beenden, ziehen sich die Jugendlichen gesundheitliche Schäden zu, weil sie pausenlos vor dem Bildschirm sitzen. Andere erleiden einen Realitätsverlust und sind nicht mehr in der Lage, ihren normalen Schulalltag zu bewältigen. Im Extremfall ist es bereits zu Morden zwischen Spielern gekommen, die ihren Konflikt im Cyberspace nicht lösen konnten und ihn dann im tatsächlichen Leben fortsetzten. Besorgte aber auch hilflose Eltern schicken ihre Kinder sogar zu militärisch geführten Entziehungskuren, um sie von ihrer Spielsucht befreien zu lassen.

 

Drachenbootrennen und Mondfest

Der Sommer ist die Zeit der Drachenbootrennen. Längst nicht mehr auf China allein beschränkt, wetteifern Drachenbootmannschaften in bunt geschmückten Booten miteinander. Auch dieses Fest lässt sich auf verschiedene Ursprünge zurückführen. Die am weitesten verbreitete Legende bezieht das Fest auf den Dichter und aufrechten aber erfolglosen Staatsmann Qu Yuan (ca. 340–278 v. Chr.), der sich nach dem von ihm vorausgesagten Untergang seines Heimatstaates Chu voller Verzweiflung in den Fluss Miluo gestürzt haben soll. Die Fischer der Umgebung sollen daraufhin die Suche nach ihm aufgenommen haben. Zur Abwehr der Fische und Wasserdrachen vom Leichnam des Dichters sollen sie mit Reis gefüllte Blätter (»zongzi«) in den Fluss geworfen haben. Zur Erinnerung daran beschenken sich auch heute viele Chinesen mit zongzi, kleine mit Blättern umwickelte Klebreiskuchen, die teils süß, teils salzig gefüllt sind. Im Herbst feiert man dann in vielen Regionen das Mondfest. Wie das Neujahrsfest bietet es einen Anlass für die Familien zusammenzukommen und während des Abends die zuvor gebackenen kleinen Mondkuchen zu verspeisen, die mit ihrer runden Form den Mond symbolisieren sollen und zudem mit Glück bringenden Schriftzeichen verziert sind.

 

Die Reiselust nimmt noch zu

Vorbei sind die Zeiten, als das Hauptaugenmerk der chinesischen Tourismusbranche den Parteikadern und ausländischen Touristen galt und der Normalbürger allenfalls einen kleinen sonntäglichen Ausflug unternahm. Längst liegen auch pauschale Busreisen mit ihren festgelegten Abläufen, die sich zumeist auf Aussteigen, Fotografieren und Einsteigen beschränkten, nicht mehr im Trend. Chinesische Reisegruppen erobern das Ausland und besichtigen die europäischen Hauptstädte oder geben sich auf deutschen Autobahnen dem Geschwindigkeitsrausch hin. Sollten noch mehr Chinesen genug Geld und Zeit besitzen, um ins Ausland reisen zu können, so dürfte eine letzte Barriere in der für Chinesen so unbefriedigenden Versorgung mit gewohnter chinesischer Kost im Ausland liegen. Wobei dieser Mangel sicher dank der Umsicht chinesischer Reiseveranstalter rasch behoben werden wird. Neben Fernreisen macht sich die neue wohlhabende Schicht Chinas aber auch auf, das eigene Land zu entdecken. Während es einige zu den Naturschönheiten des Landes zieht, suchen viele Städter in den Grenzregionen Chinas die vermeintlich ursprüngliche Welt der nationalen Minderheiten, wobei sie häufig dem gleichen exotisch anmutenden Touristenprogramm aufsitzen wie die ausländischen Reisenden auch. Für viele junge chinesische Familien ist der Familienurlaub ein Inbegriff des Glücks und gleichzeitig stolzes Zeichen ihres wirtschaftlichen Aufstiegs.

aus: China - Gastland der Olympischen Spiele, Chronik-Verlag
Jörg Peter Urbach, wissen.de-Redaktion

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