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wissen.de Artikel

Tour de France 2003


Vor mehr als einer halben Million begeisterter Radsportfans startete am 5. Juli 2003 die 90. Tour de France. Sie markierte den hundersten Geburtstag des berühmtesten, härtesten Radrennens der Welt. Insgesamt 198 Fahrer in 22 Teams gingen auf die "Große Schleife".

Die Jubiläums-Tour, die unter dem Motto “La fête et la mémoire“ (Fest und Erinnerung) stand, besuchte viele Orte, an denen in den vergangenen hundert Jahren Tourhistorie geschrieben wurde. “Wir wollen das Publikum an die Geschichte erinnern, aber wir denken auch an die Zukunft“, kündigte Rennleiter Jean-Marie Leblanc im Vorfeld an.

Ob die "Tour de France du Centenaire" dieses Versprechen hielt und neben dem Blick in die Vergangenheit auch ihre eigenen Legenden erschuf, erfahren Sie im Tour-Tagebuch von wissen.de, das die wichtigsten Ereignisse jeder Etappe der großen Rundfahrt zusammenfasst.

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Spannend wie selten zuvor

Das Duell zwischen Lance Armstrong und Jan Ullrich hat die Jubiläums-Tour zu einer Hitchcock-Rundfahrt gemacht, die die Sportwelt 23 Tage lang in Atem hielt. Bei seinem fünften Erfolg hintereinander musste der 31-jährige Amerikaner gegen so viel Widerstand ankämpfen nie seit Beginn seiner Siegesserie 1999.

Am besonderen Nervenkitzel hatte ein deutscher Radprofi großen Anteil, der bei seiner sechsten Tour-Teilnahme zum fünften Mal Zweiter wurde. Jan Ullrich erwuchs Armstrong zum größten, weitgehend ebenbürtigen Gegner. Der 29-jährige Olympiasieger war wieder der alte oder sogar besser als 1997, im Jahr seines Sieges. Ullrich gewann das erste Tour-Zeitfahren in Cap Découverte, feierte damit seinen ersten Tour-Etappensieg seit 1998 und brachte Lance Armstrong auf dem Weg zu seinem fünften Toursieg an den Rand einer Niederlage. Das Comeback des Deutschen wurde von Fans und Presse stürmisch gefeiert.

Tour-Chef Jean-Marie Leblanc tat gut daran, Ullrich und seinem erst knapp zehn Wochen vor der Tour aus dem Boden gestampften Team den Weg nach Frankreich zu ebnen. Die pompöse Geburtstags-Tour war die spannendste seit 1989, als der dreifache Toursieger Greg LeMond als erster Amerikaner Paris eroberte und dem Franzosen Laurent Fignon im letzten Zeitfahren den Sieg noch mit acht Sekunden Vorsprung entriss.

“Es war sicherlich das beste Rennen seit einem Dutzend Jahren“, sagte ein sichtlich zufriedener Leblanc nach dem Rennen. “Ich glaube, mit dieser Tour haben wir die Geschichte geehrt. Wir haben gesehen, wie das Publikum an der Tour hängt. Was wir so nicht erwartet haben, war ein solch großartiges Rennen.“ Die Messlatte für die kommenden Jahre liegt damit sehr hoch: “Wir müssen schauen, dass das Soufflé im nächsten Jahr nicht zusammenfällt.“

Tour der Rekorde

Die “Tour de France du Centenaire“ war nicht nur aufgrund ihrer historischen Bedeutung ein Rennen der Superlative. Zum runden Jubiläum purzelten auch einige Rekorde, die das Geschichtsbuch der Tour um neue Spitzenleistungen bereichern.

Fünfter Sieg in Folge

Mit seinem erneuten Sieg stellte Lance Armstrong den Tour-Rekord von Miguel Indurain ein, der das härteste Radrennen bislang als einziger Fahrer fünfmal in Folge gewinnen konnte. Armstrong gesellte sich zu einem exklusiven Klub der Radsport-Legenden: Neben dem Spanier Indurain gelang es überhaupt nur drei weiteren Profis, die Frankreich-Rundfahrt wie Armstrong fünfmal für sich entscheiden: Dem Franzosen Jacques Anquetil, Eddy Merckx aus Belgien und Anquetils Landsmann Bernard Hinault.

Schnellste Tour aller Zeiten

Die Jubiläums-Tour de France war die schnellste in der 100-jährigen Geschichte des Rennens. Sieger Lance Armstrong fuhr einen Schnitt von 40,940 km/h. Er überbot damit seine eigenen Werte von 1999 (40,276 km/h) und 2001 (40,070 km/h).Beim Vergleich der Durchschnittsgeschwindigkeiten muss man allerdings berücksichtigen, dass das Profil, die Wetterbedingungen und auch der Rennverlauf eine wesentliche Rolle spielen. Bei der Tour 2003 war das Wetter fast durchweg gut und trocken.

Schnellster Anstieg am Tourmalet

Im 17,1 Kilometer langen Anstieg auf den Tourmalet stellten Armstrong, Ullrich sowie ihre Begleiter Mayo und Zubeldia nach Messung des Sportwissenschaftlers Antoine Vayer einen neuen Kletter-Rekord auf. Sie nahmen die legendäre, durchschnittlich 7,4 Prozent steile Steigung in 39:43 Minuten und blieben damit sieben Sekunden unter der bisherigen Bestleistung von Marco Pantani.

Höchste Temperatur

Die 90. Tour de France war heiß. Unter sengender Sonne hatten die Fahrer nicht selten mit aufgeweichten Straßenbelägen zu kämpfen. Beim Zeitfahren im Département Tarn kletterte die Quecksilbersäule z.B. auf knapp 40 Grad im Schatten - Dauer-Höchstwerte, die über einen vergleichbar langen Zeitraum seit mehr als 30 Jahren nicht gemessen wurden.

Zweitschnellste Etappe der Tour-Geschichte

Es reichte zwar nicht, um den Etappen-Rekord von 1999 einzustellen, aber Pablo Lastras war auf der 18. Etappe von Bordeaux nach Saint-Maixent-l'Ecole sehr schnell unterwegs. Der Spanier siegte nach 203,5 Kilometern in einem Stundenmittel von 49,938 km/h. Weltmeister Mario Cipollini fuhr 1999 von Lavalle nach Blois mit 50,355 km/h noch ein bisschen schneller, hatte aber auch "nur" 194,5 Kilometer zurückzulegen.

Zweitschnellstes Tour-Zeitfahren

Der Tour-Rekord war in Gefahr, hielt aber. David Millar fuhr beim letzten Einzelzeitfahren nach Nantes einen Durchschnitt von 54,36 km/h. Die Bestmarke des dreimaligen Toursiegers Greg LeMond (USA) von 1989 beträgt 54,54 km/h. Sie wurde allerdings aufgestellt im letzten Zeitfahren über 24,5 Kilometer. Millars Distanz war am 26. Juli genau doppelt so weit.

Deutsche Teams

Mit den Equipes von Telekom, Gerolsteiner und Bianchi waren bei der Tour erstmals gleich drei deutsche Teams im Peloton vertreten. Auch die Gesamtzahl der deutschen Fahrer war nie höher: 17 Profis begaben sich auf die “Tour der Leiden“.

Traum-Einschaltquoten

Die “Tour du Centenaire“ war nicht nur am Streckenrand ein Publikumsrenner. Auch vor dem Bildschirm zog sie die Zuschauer in ihren Bann: Beim entscheidenden Einzelzeitfahren zwischen Pornic und Nantes am verfolgten in der Spitze 8,94 Millionen deutsche Zuschauer Jan Ullrichs Aufholjagd (ARD: 58,6% Marktanteil).

Prolog

Samstag, 5. Juli:
Einzelzeitfahren, Paris, 6.5 Kilometer

McGee gewinnt, doch Maier stiehlt allen die Show

Die Jubiläums-Ausgabe der Tour de France wurde erstmals seit 1963 wieder in der französischen Hauptstadt gestartet. Wie in den Anfangsjahren, in denen die “Große Schleife“ immer in der Hauptstadt begann und endete, lag der Start ganz stilecht in unmittelbarer Nähe des Eiffelturms. Die erste Prüfung reichte den Profis allerdings gerade, um sich die Beine zu vertreten. Die technisch anspruchsvolle 6,5-km-Runde führte auf der einen Seine-Seite bis zum Place de la Concorde, an der National-Versammlung vorbei und endete auf der anderen Seite des Flusses vor der Militär-Schule.

Nach weniger als neun Minuten war für alle der erste Renntag schon wieder beendet. Der Australier Brian McGee war noch deutlich schneller. Der Bahn-Verfolgungs-Weltmeister lag mit 7:26,16 Minuten knapp eine Zehntel Sekunde vor dem Schotten David Millar, der 500 Meter vor dem Ziel ein Problem mit seiner Kette hatte.

Der Spanier Haimar Zubeldia und Jan Ullrich aus Deutschland fuhren auf die Plätze drei und vier. Während Ullrich, Toursieger von 1997, einen überraschend guten Eindruck hinterließ, hatte Top-Favorit Lance Armstrong mit dem Straßenbelag zu kämpfen: “Das Kopfsteinpflaster passte mir nicht. Außerdem fühlte ich mich nicht richtig wohl. Ich bin das Rennen auch zu langsam angegangen.“

Das größte Interesse im Vorfeld des Prologs galt allerdings nicht Armstrong und Co, sondern einem gastfahrer, der eigentlich auf anderen Rennpisten zuhause ist. Österreichs Ski-Superstar Hermann Maier eröffnete die Jubiläumstour. Er absolvierte die Strecke drei Minuten vor dem ersten Starter des Pelotons außer Konkurrenz.

Maier machte auf dem Rad eine gute Figur. Er hatte im Ziel nur 1:19 Minuten Rückstand auf Gewinner McGee. Fast hätte der “Herminator“ gar einen der Radprofis hinter sich gelassen: Sein Abstand zum Letztplatzierten, dem Italiener Alessandra Bertolini, betrug nur 13 Sekunden. “Das war eines der schönsten Sport-Erlebnisse überhaupt. Diese Chance kriegt man nie wieder“, meinte der Ski-Doppel-Olympiasieger von 1998 nach dem Rennen.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Bradley McGee (Australien) fdjeux 7’ 26’’
(48,4 km/h)
2. David Millar (Schottland) Cofidis +0’ 00’’
3. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +0’ 02’’
4. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi +0’ 02’’
5. Victor Hugo Pena (Kolumbien) US Postal +0’ 06’’
6. Tyler Hamilton (USA) CSC +0’ 06’’
7. Lance Armstrong (USA) US Postal +0’ 07’’
8. Joseba Beloki (Spanien) ONCE +0’ 09’’
9. Santiago Botero (Kolumbien) Telekom +0’ 09’’
10.Vjatceslav Ekimov (Russland) US Postal +0’ 11’’

Trikots:

  • Gelb: Bradley McGee (Australien)
  • Grün: Bradley McGee (Australien)

1. Etappe

Sonntag, 6. Juli:
Saint-Denis/Montgeron - Meaux, 168 Kilometer

Massensturz auf der Zielgeraden

Sieger der ersten Etappe der 90. Tour de France ist Alessandro Petacchi. Der für das Team Fassa Bortolo fahrende Italiener setzte sich auf dem 168 Kilometer langen Teilstück im Sprint vor dem Australier Robbie McEwen (Lotto) und dem Deutschen Erik Zabel (Telekom) durch. Das Tagesklassement wurde nur 550 Meter vor dem Ziel mächtig durcheinander gewirbelt, als ein Massensturz große Teile des Hauptfeldes stoppte.

Die Etappe begann in Montgeron vor der ehemaligen Brasserie “Reveil Matin“ (Morgenwecker), dem historischen Startort der ersten Touretappe. Zuvor waren die Fahrer zunächst vom “Stade du France“ in neutralisierter Fahrt durch Paris gerollt.

Das Rennen wurde 19 Kilometer nach dem Start mit der Flucht eines französischen Trios eröffnet. Andy Flickinger, Walter Bénéteau und Christophe Mengin konnten fast neun Minuten Vorsprung herausfahren, bevor das Peloton reagierte. Der Vorsprung des Spitzentrios schmolz schnell, Andy Flickinger wurde als letzter der Ausreißer elf Kilometer vor Schluss gestellt. Die Entscheidung fiel im Massensprint, der für viele Fahrer im Massensturz endete.

Titelverteidiger Lance Armstrong, der in den Sturz verwickelt war ohne größere Blessuren davonzutragen, ärgerte sich im Ziel: “Ich habe nicht gesehen, was den Crash verursacht hat, aber ich fiel hin und andere auf mich drauf. Dinge wie diese machen mich zornig, aber so ist es immer in der ersten Woche der Tour. Jeder kämpft, um ganz vorne mit dabei zu sein.“

Fünf der rund 35 gestürzten Profis wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Der Franzose Jimmi Casper zog sich eine Halswirbel-Prellung zu, Levy Leipheimer (USA) brach sich das Becken und Marc Lotz aus den Niederlanden musste mit einer Augenhöhlenfraktur behandelt werden. Tour de Romandie-Sieger und Mitfavorit Tyler Hamilton, der beim Team CSC fährt, erlitt beim Sturz einen Riss im Schlüsselbein, gab das Rennen aber nicht auf. Der tapfere Amerikaner ging am nächsten Tag mit einem Verband unter dem Trikot wieder an den Start.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Alessandro Petacchi (Italien) Fassa Bortolo 3h 44’ 33’’
2. Robbie McEwen (Australien) Lotto +0’ 00’’
3. Erik Zabel (Deutschland) Telekom +0’ 00’’
4. Paolo Bettini (Italien) Quick Step +0’ 00’’
5. Baden Cooke (Australien) fdjeux +0’ 00’’
6. Thor Hushovd (Norwegen) Crédit Agricole +0’ 00’’
7. Oscar Freire (Spanien) Rabobank +0’ 00’’
8. Luca Paolini (Italien) Quick Step +0’ 00’’
9. Romans Vainsteins (Lettland) Vini Caldirola +0’ 00’’
10. Jaan Kirsipuu (Estland) AG2R +0’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Bradley McGee (Australien)
  • Grün: Robbie McEwen (Australien)
  • Weiß-rot: Christophe Mengin (Frankreich)

2. Etappe

Montag, 7. Juli:
La Ferté-sous-Jouarre - Sedan, 204.5 Kilometer

“Tour Down Under“: Australier in Gelb und Grün

Der Beginn der Jubiläums-Tour wurde von Australiern bestimmt. Baden Cooke (fdjeux) setzte sich am Ende der zweiten Etappe im Sprint durch. Der 24-Jährige verwies den Franzosen Jean-Patrick Nazon und den Esten Jaan Kirsipuu auf die Plätze, während Cookes Landsmann und Teamkollege Brad McGee das Gelbe Trikot verteidigte.

Bis zum Etappenfinale am Rande der Ardennen hatte es noch nach einem Überraschungserfolg des französischen Ausreißers Frédéric Finot (Jean Delatour) ausgesehen, der dem Ziel nahe der belgischen Grenze allein entgegengefahren war. Nach 195 Kilometer langer Flucht wurde der 26 Jahre alte Franzose aber noch eingeholt. Auf der Zielgeraden hielt Cooke, der wegen seiner eher wilden Sprints schon des öfteren am Rande einer Disqualifikation stand, seine Linie perfekt. Der Sieg war ihm nach Anfahrtshilfe durch Brad McGee nicht mehr zu nehmen.

“Meine Teamkollegen haben super gearbeitet. Auf den letzten zwei Kilometern hat vor allem Brad einen super Job gemacht“, strahlte Cooke. “Wer hätte das gedacht, dass ich bei meinem ersten Tour-Sieg auch noch einen Sprintanfahrer haben würde, der das Gelbe Trikot trägt? Das ist ja hier die Tour Down Under!“

Der Newcomer, der auch das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers überstreifen konnte, verdarb Telekom-Kapitän Erik Zabel den 33. Geburtstag. Zabel, der an aussichtsreicher Position lag, musste mit Rang vier Vorlieb nehmen: “300 Meter vor dem Ziel hatte ich das Vorderrad frei und hätte lossprinten sollen. Heute darf man nichts mehr auf die leichte Schulter nehmen. Die Spitze ist größer geworden, jede Mannschaft hat einen guten Sprinter dabei und die Jungen mausern sich.“

Auch die zweite Etappe wurde von mehreren Stürzen überschattet, die allerdings ohne gravierende Folgen blieben. Lilian Jegou vom Rennstall Crédit Agricole stürzte über das Kamerakabel eines TV-Motorrades und hatte Glück, dass der Fahrer eines nachfolgenden Begleitfahrzeuges blitzartig reagierte und ausweichen konnte. Sturzopfer wurden auch die Gerolsteiner Olaf Pollack und Uwe Peschel sowie der Italiener Fabrizio Guidi (Bianchi).

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Baden Cooke (Australien) fdjeux 5h 06’ 33’’
2. Jean-Patrick Nazon (Frankreich) Jean Delatour +0’ 00’’
3. Jaan Kirsipuu (Estland) AG2R +0’ 00’’
4. Erik Zabel (Deutschland) Telekom +0’ 00’’
5. Thor Hushovd (Norwegen) Crédit Agricole +0’ 00’’
6. Robbie McEwen (Australien) Lotto +0’ 00’’
7. Paolo Bettini (Italien) Quick Step +0’ 00’’
8. Stuart O’Grady (Australien) Crédit Agricole +0’ 00’’
9. Fred Rodriguez (USA) Vini Caldirola +0’ 00’’
10. Mikel Artetxe (Spanien) Euskaltel +0’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Bradley McGee (Australien)
  • Grün: Robbie McEwen (Australien)
  • Weiß-rot: Christophe Mengin (Frankreich)

3. Etappe

Dienstag, 8. Juli:
Charleville-Mézières - Saint-Dizier, 167.5 Kilometer

Petacchi auf dem Weg zum Seriensieger

Alessandro Petacchi (Fassa Bortolo) ist bei der Tour de France auf dem Weg zum Seriensieger. Der Italiener, der schon beim Giro d'Italia sechs Tageswertungen für sich entscheiden konnte, feierte zwei Tage nach seinem ersten Tour-Erfolg bei der dritten Etappe den zweiten Tagessieg. Nach einem erneuten Massenspurt verwies Petacchi in der Zeit von 3:27:39 Stunden die zeitgleichen Romans Vainstains (Lettland) und Oscar Freire (Rabobank) aus Spanien auf die Plätze.

Erik Zabel vom Team Telekom wurde wie am Vortag Vierter. Dem sechsfachen Gewinner des Grünen Trikots fehlten wie in den Vorjahren die Helfer beim Endspurt. Der gebürtige Berliner war im Team allein auf sich gestellt. Der Sprintstar blieb in Hinsicht auf einen angepeilten Etappensieg dennoch gelassen: “Ich spüre, dass der letzte zwingende Druck fehlt, aber das ist nicht dramatisch. Ich kann immer noch eine Etappe gewinnen.“

Das schnelle Tagesteilstück, bei dem in den ersten beiden Stunden schon ganze 99,5 Kilometer zurückgelegt wurden, war wesentlich von der Delatour-Equipe geprägt: Der Franzose Jean-Patrick Nazon eroberte in Zwischensprints mit 14 Sekunden Zeitgutschrift das Gelbe Trikot und die mit 68 Kilometern längste Flucht des Tages fuhr einer der jüngsten Fahrer von Delatour, der 23 Jahre alte Franzose Anthony Geslin. Er konnte zwischenzeitlich über drei Minuten Vorsprung herausfahren und wurde erst 16 Kilometer vor dem Ziel in Saint-Dizier wieder gestellt.

Bei Kilometer 110 wurde die Tour durch Demonstranten behindert, die das Medienspektakel alljährlich anlockt. Diesmal wollten Künstler auf ihre Probleme aufmerksam machen. Ausreißer Geslin und das nachfolgende Feld mussten abbremsen, um 50 gewerkschaftlich organisierte Schauspieler passieren zu können. Der schüchterne Versuch einer Straßenblockade beeinflusste den Rennverlauf jedoch nur unwesentlich.

Jan Ullrich (Bianchi) kam zeitgleich mit dem Sieger als 18. ins Ziel. Er belegte in der Gesamtwertung mit 14 Sekunden Rückstand den sechsten Platz, fünf Sekunden dahinter folgte Titelverteidiger Lance Armstrong auf Platz Zwölf. Im Grünen Trikot des Punktbesten blieb der Australier Robbie McEwen. Der Franzose Christophe Mengin baute seine Führung im Kampf um das Bergtrikot um einen Punkt aus.

Pech hatte erneut das Team Gerolsteiner. Nachdem in den ersten Tagen Olaf Pollack in Massenstürze verwickelt wurde, traf es auf der dritten Etappe René Haselbacher. Der Österreicher wurde 500 Meter vor dem Ziel vom Australier Robbie McEwen an den Rand gedrängt und stürzte vom Rad. Nach wenigen Minuten konnte Haselbacher aber wieder auf das Rad steigen und über die Ziellinie rollen.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Alessandro Petacchi (Italien) Fassa Bortolo 3h 27’ 03’’
(48,4 km/h)
2. Romans Vainsteins (Lettland) Vini Caldirola +0’ 00’’
3. Oscar Freire (Spanien) Rabobank +0’ 00’’
4. Erik Zabel (Unna) Telekom +0’ 00’’
5. Robbie McEwen (Australien) Lotto +0’ 00’’
6. Luca Paolini (Italien) Quick Step +0’ 00’’
7. Olaf Pollack (Kolkwitz) Gerolsteiner +0’ 00’’
8. Angelo Furlan (Italien) Alessio +0’ 00’’
9. Salvatore Commesso (Italien) Saeco +0’ 00’’
10. Stuart O’Grady (Australien) Crédit Agricole +0’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Jean-Patrick Nazon (Frankreich)
  • Grün: Robbie McEwen (Australien)
  • Weiß-rot: Christophe Mengin (Frankreich)

4. Etappe

Mittwoch, 9. Juli:
Mannschaftszeitfahren, Joinville - Saint-Dizier, 69 Kilometer

US Postal sprintet an die Spitze

Auf der vierten Etappe der Jubiläumstour hat US Postal beim Mannschaftszeitfahren nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Das Team um Kapitän Lance Armstrong siegte beim Kampf gegen die Uhr nach 1:18:27 Stunden mit 30 Sekunden Vorsprung vor der spanischen ONCE-Equipe.

US Postal, als letztes Team gestartet, lag bei der ersten Zwischenzeit noch 14 Sekunden hinter Team Telekom zurück. Doch die starke Armstrong-Truppe hatte alles unter Kontrolle. Nach 44,5 Kilometern war US Postal Zweiter und mit einem starken Endspurt bei heißen 31 Grad im Schatten ließen Armstrong und Co. auf dem letzten Abschnitt alle Rivalen hinter sich. Sie gewannen mit einem Stundenmittel von 52,77 km/h.

Im Gesamtklassement belegten US Postal-Profis nach dem Mannschaftszeitfahren die ersten acht Plätze. Neuer Träger des Gelben Trikots wurde Viktor Hugo Pena. Der schnelle “Postbote“, der eine Sekunde Vorsprung auf den Zweitplatzierten Lance Armstrong hatte, war erster Kolumbianer in Gelb. Er durfte die begehrte Trophäe an seinem 29. Geburtstag tragen.

Die Spitzenposition ist einer der größten Erfolge in der sportlichen Karriere von Pena, der als Jugendlicher einmal kolumbianischer Meister im Brustschwimmen war. “Ich weiß noch, wie wir 1983, als die ersten Kolumbianer zur Tour de France kamen, am Radio mitgefiebert haben“, erzählte Pena nach dem Rennen. “Damals hieß es: Wir erobern Europa! Heute habe ich das Gefühl, auch ein bisschen was für mein Land getan zu haben.“ Kolumbien, so Pena, sei ein völlig radsportverrücktes Land: “Das ist wie die südamerikanische Version von Belgien.“

Die neuformierte Bianchi-Mannschaft war die Überraschung des Zeitfahrens. Mit gerade einmal 43 Sekunden Rückstand überquerten Jan Ullrich und seine Teamkollegen die Ziellinie als Dritte. “Seit es Mannschaftszeitfahren gibt, sind wir noch nie so gut gefahren. Wir haben sehr gute Teams hinter uns gelassen und nicht viel Zeit verloren. Das ist eine super Ausgangsposition“, sagte Ullrich. Der Toursieger von 1997 gab sich vor der folgenden Bergetappe kämpferisch: “Jetzt ist es wichtig, dass wir die ersten Berge gut hoch kommen. Dann bin ich zuversichtlich.“

Tagesklassement

Team Zeit
1. US Postal (USA) 1h 18’ 27’’
(52,77 km/h)
2. ONCE (Spanien) +0’ 30’’
3. Bianchi (Deutschland) +0’ 43’’
4. ibanesto.com (Spanien) +1’ 05’’
5. Quick Step (Belgien) +1’ 23’’
6. Telekom (Deutschland) +1’ 30’’
7. Vini Caldirola (Italien) +1’ 32’’
8. Crédit Agricole (Frankreich) +1’ 32’’
9. AG2R (Frankreich) +1’ 38’’
10. CSC (Dänemark) +1’ 45’’

Trikots:

  • Gelb: Victor Hugo Pena (Kolumbien)
  • Grün: Robbie McEwen (Australien)
  • Weiß-rot: Christophe Mengin (Frankreich)

5. Etappe

Donnerstag, 10. Juli:
Troyes - Nevers, 196.5 Kilometer

Alessandro Petacchi wieder nicht zu bremsen

Alessandro Petacchi ist endgültig zum Sprint-König der Tour de France 2003 avanciert. Der 29-Jährige gewann nach 196,5 Kilometern in souveräner Manier das fünfte Teilstück und feierte seinen dritten Sieg bei der “Großen Schleife“. Victor Hugo Pena vom Team US Postal verteidigte an seinem Geburtstag das Gelbe Trikot.

Die Etappe wurde zunächst von einer fünfköpfigen Ausreißergruppe dominiert. Das Quintett um den Berliner Jens Voigt (Crédit Agricole) und den Franzosen Frédéric Finot (Jean Delatour) hatte sich bei Kilometer 28 gelöst und fuhr auf dem hügeligen Terrain bei hohem Tempo insgesamt 148 Kilometer vor den Verfolgern. Als die Gruppe knapp drei Minuten Vorsprung hatte, musste Voigt nach einem Wespenstich in medizinische Behandlung. Nicht nur für ihn endete die Flucht vorzeitig: Das rasante Intermezzo war 20 Kilometer vor dem Ziel auch für das verbleibende Quartett vorbei.

Frédéric Finot wurde als letzter Flüchtling vom Peloton eingeholt. Der 26 Jahre alte Franzose, der sich schon am Montag mit einer langen Solo-Einlage in Szene gesetzt hatte, konnte sich in seiner Heimatstadt Nevers immerhin als neuer Bergführender feiern lassen. Finot entschied beide Bergwertungen des Tages für sich und entriss seinem Landsmann Christophe Mengin das gepunktete Trikot. “Das heute war meine Königsetappe, denn ich wohne nur zwei Kilometer von der Strecke entfernt“, sagte Finot. Im Grünen Trikot des Punktbesten fuhr weiterhin der Australier Robbie McEwen.

Im abschließenden Spurt erwies sich Alessandro Petacchi einmal mehr als unschlagbar. Wenige Meter vor der Zielgeraden tauchte der Italiener wie aus dem Nichts auf und ließ Erik Zabel sowie seine Mitstreiter McEwen (Lotto), Kirsipuu (AG2R) und Cooke (fdjeux) einfach stehen. “Meine Mannschaft hat wieder alles richtig gemacht, und ich habe das Werk vollendet“, freute sich der Tagessieger.

“Man hat mal wieder eindeutig gesehen, wer hier der Schnellste ist“, resümierte Zabel resignierend. “Petacchi ist wie ein Zug, wie ein Pfeil so schnell einfach an uns vorbeigefahren.“ Telekom-Sportdirektor Mario Kummer wollte die Hoffnung auf einen Tagessieg seines Mannschaftskapitäns nicht ganz aufgeben: “Irgendwann hat auch Erik noch mal Glück. Die Tour ist noch lang.“

Der Zielort Nevers hat einen festen Platz in der Renngeschichte, denn dort wurde am 1.Juli 1903 bei der ersten Tour de France die erste Zeitkontrolle durchgeführt. Die nachmittags bei Paris gestarteten Rennfahrer waren damals auf der 467km lange Etappe Richtung Lyon unterwegs. Um 23 Uhr abends erreichte der spätere Toursieger Maurice Garin als erster Nevers, wo ihn mehrere hundert Schaulustige empfingen. Danach hatte er aber noch viele Kilometer vor sich: In Lyon kam Garin erst am nächsten Morgen an.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Alessandro Petacchi (Italien) Fassa Bortolo 4h 09’ 47’’
(47,2 km/h)
2. Jaan Kirsipuu (Estland) AG2R +0’ 00’’
3. Baden Cooke (Australien) fdjeux +0’ 00’’
4. Erik Zabel (Unna) Telekom +0’ 00’’
5. Robbie McEwen (Australien) Lotto +0’ 00’’
6. Luca Paolini (Italien) Quick Step +0’ 00’’
7. Thor Hushovd (Norwegen) Crédit Agricole +0’ 00’’
8. Stuart O’Grady (Australien) Crédit Agricole +0’ 00’’
9. Fred Rodriguez (USA) Vini Caldirola +0’ 00’’
10. Jean-Patrick Nazon (Frankreich) Jean Delatour +0’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Victor Hugo Pena (Kolumbien)
  • Grün: Robbie McEwen (Australien)
  • Weiß-rot: Frédéric Finot (Frankreich)

6. Etappe

Freitag, 11. Juli:
Nevers - Lyon, 230 Kilometer

Ausreißerduo auf der Zielgeraden gestellt

Am Ende des sechsten Teilstücks der Tour de France lagen Erfolg und Misserfolg dicht beieinander: Während sich Alessandro Petacchi im Schlussspurt erneut als Supersprinter erwies, war den Ausreißern Stuart OGrady und Anthony Geslin kein Glück beschieden.

Der Australier und der Franzose waren bereits in der ersten Stunde nach 35 Kilometern davongefahren. Das Duo kam auf einen Vorsprung von bis zu 18 Minuten, während es das Feld bei sehr heißen Temperaturen zunächst eher langsam anging. 25 Kilometer vor dem Ziel hatten OGrady und Geslin noch vier Minuten Vorsprung.

Dann jedoch machten die Sprinterteams, speziell Fassa Bortolo, fdjeux.com und AG2R Tempo. Nach einer 203 Kilometer langen Flucht mussten die beiden Ausreißer des Tages auf der 2100 Meter langen Zielgeraden in Lyon mit ansehen, wie ihre Hoffnungen zerstoben. 450 Meter vor Schluss waren die Attackierer überholt.

Im Massensprint setzte sich Petacchi so souverän wie am Vortag durch. Er ließ den Australier Baden Cooke (fdjeux) und den Italiener Fabrizio Guidi (Bianchi) nach 5:08:35 Stunden mit einer Radlänge hinter sich. “Das war heute der Sieg, mit dem ich am wenigsten gerechnet habe, weil ich ziemlich kaputt war und mir die Rhythmus-Wechsel unterwegs zu schaffen machten“, meinte der Sieger im Ziel. “Zwei Kilometer vor dem Ziel habe ich meinen Teamkollegen sogar gesagt, ich werde nicht mitsprinten. Doch Nicola Loda kam und meinte, ich solle einfach an seinem Hinterrad bleiben.“

Nach seinem vierten Etappensieg übernahm Petacchi das Grüne Trikot. In der Gesamtwertung lag weiterhin der Kolumbianer Victor Hugo Pena (US Postal) vorne.

Erik Zabel konnte nicht in die Tagesentscheidung eingreifen. Er war sechs Kilometer vor dem Ziel in einer Kurve weggerutscht und zog sich Schürfwunden am linken Ellenbogen und der rechten Hand zu. Der Telekom-Star kam - genau wie der ebenfalls gestürzte Punktführende Robbie McEwen (Lotto) - mit mehreren Minuten Verspätung ins Ziel.

Jan Ullrich und Lance Armstrong erreichten Lyon im Hauptfeld. Wie Titelverteidiger Armstrong hielt sich Ullrich auf der zweitlängsten Etappe der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt einen Tag vor dem Einstieg in die Alpen zurück. Ullrich nach dem Härtetest: “Ich bin froh, bis jetzt so gut durchgekommen zu sein. Mal sehen, wie es morgen in den Bergen läuft.“

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Alessandro Petacchi (Italien) Fassa Bortolo 5h 08’ 35’’
(44,72 km/h)
2. Baden Cooke (Australien) fdjeux +0’ 00’’
3. Fabrizio Guidi (Italien) Bianchi +0’ 00’’
4. Thor Hushovd (Norwegen) Crédit Agricole +0’ 00’’
5. Romans Vainsteins (Lettland) Vini Caldirola +0’ 00’’
6. Damien Nazon (Frankreich) Brioches +0’ 00’’
7. Sébastien Hinault (Frankreich) Crédit Agricole +0’ 00’’
8. Gerrit Glomser (Österreich) Saeco +0’ 00’’
9. Yuriy Krivtsov (Ukraine) Jean Delatour +0’ 00’’
10. Luca Paolini (Italien) Quick Step +0’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Victor Hugo Pena (Kolumbien)
  • Grün: Alessandro Petacchi (Italien)
  • Weiß-rot: Christophe Mengin (Frankreich)

7. Etappe

Samstag, 12. Juli:
Lyon - Morzine-Avoriaz, 230.5 Kilometer

Virenque magique

Lokalmatador Richard Virenque hat die erste Alpen-Etappe der 90. Tour de France gewonnen. Der fünfmalige Berg-König setzte sich auf der mit 230,5 Kilometern längsten Tour-Etappe in 6:06:03 mit 2:29 Minuten Vorsprung vor Rolf Aldag durch. Virenque sicherte sich neben dem Bergtrikot auch das Gelbe Trikot des Spitzenreiters. Der 33-jährige Profi aus dem Team Quick Step wiederholte damit ein Kunststück, dass ihm schon elf Jahre zuvor einmal gelang.

Die Etappe wurde zunächst von einem schnellen Quartett bestimmt: Telekom-Fahrer Rolf Aldag hatte unmittelbar nach dem Start gemeinsam mit Paolo Bettini (Italien) sowie den beiden Franzosen Benoit Ploivet und Mederic Clain Gas gegeben. Die vier Ausreißer wurden nur von Virenque verfolgt, der nach rund 110 Kilometern aufschließen konnte. Am Col de Cruseilles führte der Lokalmatador das Führungsquintett bereits an und baute den gemeinsamen Vorsprung aus.

50 Kilometer vor dem Ziel hatten die Ausreißer dank einer für die Verfolger geschlossenen Bahnschranke über neun Minuten Vorsprung, als sich Virenque alleine absetzte. Die Entscheidung zugunsten des französischen Kletterspezialisten fiel endgültig, als er den Gipfel des 1619 Meter hohen Col de la Ramaz mit 1:33 Minute Vorsprung vor Rolf Aldag überquerte. “Ich wollte bei dieser Tour etwas Großartiges leisten, und das ist mir gelungen. C'est magique“, freute sich der Tagessieger. “Was wird das morgen für eine Etappe, wenn ich in Gelb durch Frankreich fahre!“

Für den Westfalen Rolf Aldag, der das Rennen am Samstagmorgen stark bandagiert am Schluss des Feldes aufgenommen hatte, war der zweite Platz bei der neunten Tour-Teilnahme die bisher beste Platzierung. Mit 2:48 Minuten Rückstand wurde der Beckumer sogar Dritter im Gesamtklassement, das Virenque mit seinerseits 2:48 Minuten Vorsprung vor Titelverteidiger Lance Armstrong anführte.

Überraschend beendet war die Tour de France für Sprintstar Alessandro Petacchi. Der bisherige Serien-Etappensieger gab bei extremer Hitze am ersten Berg auf. Petacchi hatte beim Aufstieg zum Col de Portes, einem Bergpreis der zweiten Kategorie, den Anschluss verloren und stieg im Grünen Trikot aus. Er verärgerte damit Fassa-Bortolo-Chef Giancarlo Ferretti: “Wir haben alles getan, um so etwas zu verhindern. Sicher, er fuhr hinter dem Feld, aber nur eine oder anderthalb Minuten. Ich verstehe das nicht.“ Die Punktwertung führte nun der Australier Baden Cooke an.

Dem 14 Kilometer langen und durchschnittlich 6,9 Prozent steilen Col de la Ramaz, der erstmals im Profil der Tour stand, fielen weitere Favoriten zum Opfer. Der italienische Giro-Sieger Gilberto Simoni (Saeco) und der Kolumbianer Santiago Botero (Telekom), die als Armstrong-Herausforderer und Podiumskandidaten galten, verloren zehn Minuten. “Seit dem Teamzeitfahren bin ich am Boden“, sagte Simoni, der leichtes Fieber hatte. Botero kam als 74. ins Ziel und verlor sechs Minuten auf die anderen Favoriten. “Ich hatte schlechte Beine heute“, entschuldigte sich der Kolumbianer.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Richard Virenque (Frankreich) Quick Step 6h 06’ 03’’
(37,78 km/h)
2. Rolf Aldag (Beckum) Telekom +2’ 29’’
3. Sylvain Chavanel (Frankreich) Brioches +3’ 45’’
4. Michael Rogers (Australien) Quick Step +4’ 03’’
5. Stefano Garzelli (Italien) Vini Caldirola +4’ 06’’
6. Christophe Moreau (Frankreich) Crédit Agricole +4’ 06’’
7. Laurent Dufaux (Schweiz) Alessio +4’ 06’’
8. David Millar (Schottland) Cofidis +4’ 06’’
9. Georg Totschnig (Österreich) Gerolsteiner +4’ 06’’
10. Alexander Vinokurow (Kasachstan) Telekom +4’ 06’’

Trikots:

  • Gelb: Richard Virenque (Frankreich)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

8. Etappe

Sonntag, 13. Juli:
Sallanches - L’Alpe d’Huez, 219 Kilometer

Armstrong holt Gelbes Trikot, kann aber nicht überzeugen

Iban Mayo vom Team Euskaltel ist erster Kletterkönig der Tour 2003. Er gewann die Alpen-Königsetappe, die mit gleich fünf schweren Bergwertungen aufwartete. Der 25 Jahre alte Baske entschied den Tagesabschnitt über den Col du Galibier und den mörderischen Schlussanstieg nach Alpe dHuez nach 5:57:30 Stunden für sich. Mayo hatte 1:45 Minuten Vorsprung vor Alexander Vinokurow (Telekom). Lance Armstrong kam 2:12 Minuten zurück als Dritter an.

Der amerikanische Topfavorit zeigte auf der Königsetappe erstmals Schwächen. Armstrong, Tour-Sieger der vergangenen vier Jahre, eroberte zwar erstmals das Gelbe Trikot, ließ dabei allerdings die frühere Souveränität vermissen. Es reichte, um seinen Herausforderer Jan Ullrich um 1:24 Minuten zu distanzieren. Den Sieg auf dem achten Teilstück zum legendären Zielort LAlpe dHuez konnte Armstrong Iban Mayo aber nicht streitig machen.

Den Col du Galibier, das “Dach“ der Tour in 2645 m Höhe, hatten der italienische Giro-Zweite Stefano Garzelli (Vini Caldirola) und der Spanier Francisco Mancebo (Banesto) als erste überquert. Die beiden schlossen zu einem Ausreißerquartett auf, das sich in der ersten Stunde abgesetzt hatte. Auf der Abfahrt fuhren der Spanier Mikel Astarloza (AG2R) und der französische Meister Didier Rous (Brioches) einen Vorsprung heraus, beide wurden aber eingeholt.

Am 14 Kilometer langen Anstieg nach LAlpe dHuez mit seinen gefürchteten 21 Kehren waren die Besten dann unter sich. Als Armstrongs Edelhelfer Roberto Heras antrat, konnte Ullrich dem Tempo nicht folgen. Armstrong konterte noch eine Attacke des Vorjahres-Zweiten Joseba Beloki (ONCE) aus Spanien, seinen Etappensieg von 2001 konnte der Amerikaner aber nicht wiederholen.

Jan Ullrich, der zugab, in den letzten drei Tagen Gesundheitsprobleme gehabt zu haben, stapelte nach der Ankunft tief: “Ich bin froh, überhaupt noch dabei zu sein. Und froh über mein Comeback hier überhaupt hoch zu kommen.“ Der Bianchi-Kapitän führte seine Ausdauer auch auf die Unterstützung der Zuschauer zurück: “Es müssen eine Million Menschen gewesen sein, die mich hier hoch geschrieen haben. Obwohl ich der Zehnte war, haben die Leute Bravo gerufen.“

Armstrong führte im neuen Gesamtklassement mit 40 Sekunden vor Joseba Beloki. Der Kapitän des US Postal-Teams war trotzdem nicht zufrieden: “Das Gelbe Trikot ist nicht wichtig, es kommt darauf an, wie sich meine Beine fühlen. Und die waren am Galibier nicht so gut,“ sagte der US-Star im Ziel. Einziger Trost: “Wenigstens hat Ullrich Zeit verloren.“

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel 5h 57’ 30’’
(36,76 km/h)
2. Alexander Vinokurow (Kasachstan) Telekom +1’ 45’’
3. Lance Armstrong (USA) US Postal +2’ 12’’
4. Francisco Mancebo (Spanien) Banesto +2’ 12’’
5. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +2’ 12’’
6. Joseba Beloki (Spanien) ONCE +2’ 12’’
7. Tyler Hamilton (USA) CSC +2’ 12’’
8. Ivan Basso (Italien) Fassa Bortolo +2’ 12’’
9. Roberto Laiseka (Spanien) Euskaltel +2’ 12’’
10. Pietro Caucchioli (Italien) Alessio +3’ 36’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

9. Etappe

Montag, 14. Juli:
Bourg d'Oisans - Gap, 184.5 Kilometer

Tour-Drama: Vinokurow siegt, Beloki stürzt schwer

Auf der neunten Tour-Etappe feierte Telekom-Profi Alexander Vinokurow aus Kasachstan seinen ersten Etappenerfolg. Zweiter wurde Paolo Bettini (Quick Step), der in einer Verfolgergruppe mit 36 Sekunden Rückstand das Ziel des letzten Alpen-Teilstücks erreichte. Jan Ullrich (Bianchi) kam einen Platz hinter Armstrong als Fünfter ins Ziel.

Im Gesamtklassement rückte Vinokourov damit auf Rang zwei vor. Er lag 21 Sekunden hinter Armstrong und kam seinem Vorhaben, in Paris auf das Podest zu kommen, einen Schritt näher. “Auf so einen Tag habe ich Jahre hingearbeitet. Heute hat alles gepasst“, freute sich Vinokurow nach seinem Alleingang. “Ich bin überglücklich.“

Am französischen Nationalfeiertag kam es kurz vor dem Ziel zu einem dramatischen Finale: Auf der Verfolgung von Vinokurow war der Vorjahreszweite Joseba Beloki unmittelbar vor Armstrong in einer Kurve schwer gestürzt. Der Spanier rutsche bei etwa 60 km/h auf dem in der Hitze weich gewordenen Asphalt aus. Armstrong konnte nur mit Mühe ausweichen und fuhr in Mountain-Bike-Manier über ein Feld, um im großen Bogen wieder auf die Strecke zurückzukehren.

“Es war von mir ein Überlebensreflex, über das Feld zu fahren“, sagte Armstrong. “Ich hatte Panik. Die Abfahrt war alles andere als sicher.“ Jan Ullrich erklärte im Ziel: “Alle hatten die letzte Bergwertung unterschätzt. Auf der Verfolgung von Vino gingen alle wohl zu viel Risiko ein und Lance musste die Cross-Einlage hinlegen.“ Armstrong hat durch seine unfreiwillige Abkürzung keine Strafe zu befürchten, wie Jury-Chef Martyn Swinkels mitteilte.

Für Beloki, der mit nur 40 Sekunden Rückstand aussichtsreich an zweiter Stelle der Gesamtwertung lag, ist die Tour vorbei. Er brach sich beim Sturz den Oberschenkelhals im rechten Bein, das rechte Handgelenk und den rechten Ellenbogen. Der Baske, der eine große Attacke in den Pyrenäen plante, wurde auf die Intensivstation des Krankenhauses im Zielort Gap gebracht.

Mann des Tages wurde ein deutscher Teamkollege von Beloki: Jörg Jaksche setzte seinen starken Auftritt bei der Jubiläums-Tour fort und stand auf der neunten Etappe im Mittelpunkt. Jaksche attackierte früh und startete mit sechs Fahrern am Lauteret, dem ersten von vier Bergen, zu einer Flucht. Die Gruppe fuhr mit großem Vorsprung über den Col d'Izoard (2360 Meter) und kam auf bis zu sieben Minuten Vorsprung. Der 26-jährige hatte unterwegs eine Zeit lang rechnerisch die Gesamtführung inne.

“Was ich heute geleistet habe, war sicher ganz gut. Aber das mit Beloki ist ein Schock für unser Team", sagte Jaksche, der seine Chancen auf eine gute Platzierung im Gesamtklassement einbüßte, als er viele Minuten bei seinem gestürzten Teamkapitän wartete, um für Beloki noch zu retten, was zu retten war.

Jan Ullrich, der seine Magenprobleme vergessen machte, gab sich optimistisch: “Ich habe das Gefühl, dass es jetzt besser geht. Für die kommenden Pyrenäen-Etappen bin ich zuversichtlich.“ Lance Armstrong machte erneut nicht den souveränen Eindruck vergangener Jahre. Der Texaner gab zu: “Ich bin nicht mehr so stark wie sonst und hätte mir vorher nicht träumen lassen, so zu leiden wie heute.“

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Alexander Vinokurow (Kasachstan) Telekom 5h 02’ 00’’
2. Paolo Bettini (Italien) Quick Step +0’ 36’’
3. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel +0’ 36’’
4. Lance Armstrong (USA) US Postal +0’ 36’’
5. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi +0’ 36’’
6. Ivan Basso (Italien) Fassa Bortolo +0’ 36’’
7. Georg Totschnig (Österreich) Gerolsteiner +0’ 36’’
8. Francisco Mancebo (Spanien) Banesto +0’ 36’’
9. Heimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +0’ 36’’
10. Tyler Hamilton (USA) CSC +0’ 36’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

10. Etappe

Dienstag, 15. Juli:
Gap - Marseille, 219.5 Kilometer

Jakob Piil erfüllt sich den Traum vom Etappensieg

Die zehnte Etappe von Gap nach Marseille nutzten neun Ausreißer für eine eindrucksvolle Alleinfahrt. Der Däne Jakob Piil war derjenige unter den “Baroudeurs“, der am Ende über die meiste Kraft verfügte. Der 30-jährige CSC-Fahrer aus Odense sicherte sich in der Mittelmeer-Metropole, in der die zweite Etappe der ersten Tour 1903 endete, seinen ersten Tagessieg überhaupt.

Zweiter wurde der Italiener Fabio Sacchi. Die beiden hatten sich wenige Kilometer vor dem Ziel von der Ausreißer-Gruppe abgesetzt und erreichten die zwei Kilometer lange Zielgerade am Velodrom mit 50 Sekunden Vorsprung vor dem Holländer Bram De Groot, der es am Ende mit einer vergeblichen Konterattacke versuchte. Vor dem Sprint um den Tagessieg hatten sich Piil und Sacchi in einer netten Geste die Hand gereicht, nach dem Motto: Möge der bessere gewinnen.

Der Vorstoß der Fluchtgruppe hatte am Dienstagmittag unmittelbar nach der von Robbie McEwen gewonnenen ersten Sprintwertung in den Südalpen begonnen. Bei Kilometer 16 formierte sich die Gruppe und holte schnell Minute um Minute Vorsprung heraus. Im großen Verfolgerfeld kümmerte der Ausritt an der Spitze die Favoriten wenig, da keiner den Top-Fahrern im Gesamtklassement gefährlich werden konnte.

Zu der Fluchtgruppe gehörte auch René Haselbacher vom Team Gerolsteiner. Auf eine solche Situation hatte sein Rennstall-Chef Hans-Michael Holczer gehofft. “Das ist heute die Chance für Ausreißer. Auf den anderen Etappen ist nicht mehr viel möglich." Haselbacher folgte zwar der Team-Order, konnte Piil und Sacchi aber am Schluss nicht mehr folgen. Er wurde am Ende enttäuschter Fünfter.

Die Tour-Favoriten schienen den ersten Ruhetag um 24 Stunden vorverlegt zu haben. Bei brütend heißen Temperaturen fuhren Armstrong, Ullrich und Co. dem Mittelmeer gemächlich entgegen und schonten ihre Kräfte. Die weit abgeschlagen platzierten Fluchtfahrer - als bester Ausreißer war der Spanier Jose Enrique Gutierrez vom 61. Rang der Gesamtwertung mit 47:01 Minuten Rückstand auf Armstrong angetreten - wurden von den Favoriten im Hauptfeld nicht attackiert.

Zusätzliche Zeit verlor das Peloton durch einen Sitzstreik auf der Straße. Demonstranten forderten bei Kilometer 147 die Freilassung des inhaftierten Bauern-Gewerkschaftlers José Bové. Das Hauptfeld nahm die Zwangspause gelassen, zumal die Polizei recht zügig die Straße freimachte.

Im Gesamtklassement änderte sich einen Tag vor dem Ruhetag in Narbonne nichts, obwohl das Feld erst mit 21:23 Minuten Verspätung eintraf. Lance Armstrong verteidigte das Gelbe Trikot mit 21 Sekunden Vorsprung vor Telekom-Profi Alexander Vinokurow erfolgreich. Jan Ullrich blieb 2:10 Minuten zurück auf Rang sechs in Lauerstellung. Das Grüne Trikot von Baden Cooke war ungefährdet, nachdem der Australier den Sprint des Hauptfeldes gewann. Bei den beiden Tages-Anstiegen der vierten Kategorie war auch Frankreichs “Bergkönig“ Richard Virenque nicht in Gefahr.

Nach der Aufgabe des Italieners Stefano Garzelli am Dienstag waren bei der Jubiläums-Tour nach 1895 Kilometern und zehn Etappen noch 171 von 198 Startern im Rennen.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Jakob Piil (Dänemark) CSC 5h 09' 33"
2. Fabio Sacchi (Italien) Saeco +0’ 00’’
3. Bram de Groot (Niederlande) Rabobank +0’ 49’’
4. Damien Nazon (Frankreich) Brioches +2’ 07’’
5. René Haselbacher (Österreich) Gerolsteiner +2’ 07’’
6. Philippe Gaumont (Frankreich) Cofidis +2’ 07’’
7. Serge Baguet (Belgien) Lotto +2’ 07’’
8. Vicente Garcia Acosta (Spanien) Banesto +2’ 07’’
9. José Enrique Gutierrez (Spanien) Kelme +5’ 06’’
10. Baden Cooke (Australien) fdjeux +21’ 23’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

11. Etappe

Donnerstag, 17. Juli:
Narbonne - Toulouse, 153.5 Kilometer

Tagessieg für den “Spanischen Pfeil“

Die Favoriten um Spitzenreiter Lance Armstrong haben die elfte Etappe der Tour de France mit Zurückhaltung absolviert und Kräfte für das nächste, wichtige Teilstück am Freitag gespart. Einen Tag vor dem Einzelzeitfahren ließen die Topfahrer eine achtköpfige Spitzengruppe ziehen. Nutznießer des verlängerten Ruhetags war der Spanier Juan Antonio Flecha, der seine sieben Mitausreißer düpierte und im Alleingang den ersten Tagessieg für den Banesto-Rennstall holte. Flecha überquerte die Ziellinie auf der Landebahn des alten Flughafens “Aerodrome Montaudran“ in Toulouse nach 3:29:33 Stunden.

Das Teilstück hatte nach dem Ruhetag am Mittwoch schon unmittelbar nach dem Start in Narbonne mit stürmischen Attacken begonnen. In der ersten Stunde wechselte die Führung ständig, obwohl sich das Team US-Postal von Spitzenreiter Armstrong um Ruhe im Peloton bemühte. Nach der vom Franzosen Carlos Da Cruz gewonnenen Sprintwertung in Carcassone setzte sich die Flecha-Gruppe schließlich entscheidend ab. Bis zu Kilometer 110 fuhr die achtköpfige Spitzengruppe einen maximalen Vorsprung von über vier Minuten heraus.

Am Ende der Etappe hatte Juan Antonio Flecha die größten Kraftreserven. Der Spanier setzte sich zwölf Kilometer vor dem Ziel ab und gab seinen knappen Vorsprung nicht mehr her. “Das war der schönste Sieg in meinem Leben. Meine Mannschaft hat phantastisch für mich gearbeitet“, jubelte der Tour-Debütant. Flecha, was auf Spanisch “Pfeil“ bedeutet, nahm vor der Ziellinie die Haltung eines Bogenschützen ein.

Zweiter wurde der Niederländer Bram de Groot (Rabobank), Platz drei belegte sein Landsmann Isidro Nozal (ONCE). Alle in der Gesamtwertung ambitionierten Fahrer kamen mit 42 Sekunden Rückstand im Hauptfeld ins Ziel.

Im Spurt des Hauptfeldes verlor Erik Zabel (Telekom) weitere Punkte im Kampf um das Grüne Trikot. Robbie McEwen (Lotto) gewann den Sprint des Feldes um Platz neun vor seinem Landsmann Baden Cooke (fdjeux), der weiterhin die Punktewertung anführt und jetzt acht Zähler Vorsprung vor McEwen hat. Für Cooke hatte der zehnte Tagesrang auch noch einen anderen Nebeneffekt: Er übernahm die Führung in der “Jubiläumswertung“ der Tour, bei der nur die Ergebnisse aus den sechs Etappenorten berücksichtigt werden, die wie Toulouse bereits 1903 im Programm der “Grande Boucle“ waren.

Beendet ist die Jubiläums-Tour indes für Jens Voigt, der 50 Kilometer vor dem Ziel entkräftet aufgeben musste. Bis dahin hatte sich der Berliner, der unter einer Lebensmittelvergiftung mit Magenkrämpfen litt, durchgequält. Er war mit schmerzverzerrtem Gesicht schon etliche Kilometer hinter dem Peloton hergefahren, bis der Rückstand am Ende über 20 Minuten betrug. Voigts sportlicher Leiter Roger Legeay fühlte mit seinem Schützling: “Jens hat tapfer gekämpft, aber am Ende hatte es keinen Sinn mehr.“

Die Begeisterung der Radsportfans an der Strecke blieb bei der Geburtstagstour trotz sommerlicher Hitze von fast 40 GradCelsius ungebrochen: Hunderttausende Zuschauer verfolgten das Teilstück nördlich der Pyrenäen. Unter ihnen waren auch Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, die das Rennen aus dem Wagen des Teams Gerolsteiner verfolgte, und “Terminator“ Arnold Schwarzenegger, der Lance Armstrong im Zielraum das Gelbe Trikot überreichte.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Juan Antonio Flecha (Spanien) Banesto 3h 29’ 33’’
(43,95 km/h)
2. Bram De Groot (Niederlande) Rabobank +0’ 04’’
3. Isidro Nozal (Spanien) ONCE +0’ 04’’
4. Inigo Cuesta (Spanien) Cofidis +0’ 15’’
5. Carlos Da Cruz (Frankreich) fdjeux +0’ 23’’
6. Stuart O’Grady (Australien) Crédit Agricole +0’ 23’’
7. Nicolas Portal (Frankreich) AG2R +0’ 23’’
8. Michael Rogers (Australien) Quick Step +0’ 23’’
9. Robbie McEwen (Australien) Lotto +0’ 42’’
10. Baden Cooke (Australien) fdjeux +0’ 42’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

12. Etappe

Freitag, 18. Juli:
Einzelzeitfahren, Gaillac - Cap’ Découverte, 47 Kilometer

Jan Ullrich geift nach Gelbem Trikot

“Jetzt ist alles möglich!“ Jan Ullrich sprach selber aus, was alle dachten, nachdem er Top-Favorit Lance Armstrong als Sieger des ersten echten Einzelzeitfahrens gerade sensationell 1:36 Minuten abgenommen hatte. Der Bianchi-Kapitän drückte seinen Gesamtrückstand auf den Amerikaner bei der Etappe über 47 Kilometer auf nur noch 34 Sekunden. Der Deutsche durfte wieder vom Tour-Triumph träumen.

Ullrich verbesserte sich im Gesamtklassement vom sechsten auf den zweiten Rang und lag damit vor Telekom-Profi Alexander Vinokurow, der im Tagesklassement mit 2:06 Minuten hinter Ullrich Dritter wurde und insgesamt 51 Sekunden Rückstand aufweist.

Auf dem Weg über das Hochplateau am Rande des französischen Zentralmassivs schien sich ein Thriller anzubahnen. Armstrong und Ullrich lagen bei der ersten Zwischenzeit nach 13 Kilometer auf die Sekunde gleichauf. Danach aber war Ullrich nicht mehr zu stoppen. Der Merdinger, der den sonnenüberfluteten Parcours mit zwei Steigungen am Anfang und am Ende vormittags abgefahren war, explodierte förmlich. Er hatte den zwei Minuten vor ihm gestarteten Ivan Basso (Italien) schon nach 15 km eingeholt. Danach war auch Armstrongs Helfer Roberto Heras (Spanien) fällig.

“Ich bin jetzt völlig kaputt, aber auch überglücklich und den Tränen nahe. Ich denke jetzt erst Mal nicht an morgen und genieße nur den Augenblick. Ich hätte nicht geglaubt, gewinnen zu können“, waren Ullrichs erste Worte nach seiner Super-Vorstellung. “Ich habe nicht zu dicke Gänge getreten, damit ich am Schluss für die Steigung noch Kraft hatte“, gewährte Ullrich einen Einblick in seine Taktik.

Fünf Jahre nach seinem letzten Tour-Etappensieg meldete sich der 29-Jährige eindrucksvoll zurück. Er entschied den Kampf gegen die Uhr als einziger Fahrer in unter einer Stunde für sich. Ullrich war nach 58:32,92 Minuten im Ziel - das bedeutete eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 48,18 km/h.

“Jan hat heute ein Super-Zeitfahren hingelegt“, erklärte der geschlagene Armstrong. “Ich hatte einen schlechten Tag und die großen Hitze hat Jan sicher bevorteilt. Jetzt kommen vier ganz schwere Tage in den Pyrenäen.“ Der Kommentar könnte ein Fingerzeig für die weitere Tour sein und die Konkurrenten vor den vier Berg-Etappen zu weiteren gemeinsamen Attacken animieren.

Eine sehr gute Leistung zeigte auch Uwe Peschel vom Team Gerolsteiner. Der fünfmalige deutsche Zeitfahrmeister war als 16. auf die Strecke gegangen und stellte an allen drei Mess-Stationen am Croix de Fer (13 Kilometer) sowie in Salles (33km) und Pouilhounac (42km) Bestzeiten auf. Peschel belegte am Ende nur 3:26 Minuten hinter Ullrich einen ausgezeichneten sechsten Platz. “Die Strecke war schön, aber der Asphalt rau und rollte nicht gut. Es lief nicht von allein, und dann war da noch der letzte Hügel. Da merkt man dann immer noch die Alpen“, resümierte Peschel.

Die heißeste Tour seit Jahren setzte vielen Fahrern weiter besonders zu. Beim Zeitfahren kletterte das Thermometer im Ziel auf 38 Grad im Schatten. Obwohl die klimatischen Verhältnisse dem Kolumbianer Santiago Botero entgegen gekommen sein müssten, konnte der Telekom-Fahrer nicht wie im Vorjahr beim Zeitfahren überraschen. Der Weltmeister, der bei der Tour bisher den Besten nur hinterherfährt, landete abgeschlagen auf einem mittleren Rang.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi 58’ 32’’
(48,18 km/h)
2. Lance Armstrong (USA) US Postal +1’ 36’’
3. Alexander Vinokourov (Kasachstan) Telekom +2’ 06’’
4. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +2’ 40’’
5. Tyler Hamilton (USA) CSC +2’ 43’’
6. Uwe Peschel (Deutschland) Gerolsteiner +3’ 26’’
7. David Millar (Großbritannien) Cofidis +3’ 55’’
8. Inigo Chaurreau (Spanien) AG2R +4’ 01’’
9. David Plaza (Spanien) Bianchi +4’ 37’’
10. Santiago Botero (Kolumbien) Telekom +5’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

13. Etappe

Samstag, 19. Juli:
Toulouse - Ax-3 Domaines, 197.5 Kilometer

Armstrong ist nicht mehr unantastbar

Das Spitzentrio der Tour der France rückte auf Etappe 13 noch näher zusammen. Nach seinem überraschend deutlichen Erfolg beim Zeitfahren machte Jan Ullrich auf der ersten von vier Pyrenäen-Etappen wiederum 19 Sekunden auf Lance Armstrong gut. Als Etappenzweiter sicherte sich der 29-jährige Olympiasieger in Ax-3 Domaines zwölf Sekunden Zeitgutschrift. Armstrong, dessen Vorsprung im Gesamtklassement auf 15 Sekunden zusammenschrumpfte, ging als Viertplatzierter leer aus.

Tagessieger wurde Carlos Sastre vom Team CSC. Er ergriff neun Kilometer vor dem Ziel die Chance, sich abzusetzen. “Es ist ein Traum für jeden Profi, eine Etappe zu gewinnen“, sagte der Spanier, der zum Jubeln einen Baby-Schnuller aus der Tasche packte. “Ich dachte beim Überqueren der Ziellinie an meine Frau und mein Töchterchen, die wichtigsten Menschen in meinem Leben.“ Der 28-Jährige, im vergangenen Jahr Gesamtzehnter, gewann zum ersten Mal in seiner Karriere eine Etappe der Tour de France.

Im Schlussanstieg machten gleich mehrere Fahrer deutlich, dass Lance Armstrong nicht mehr unantastbar ist. Die US Postal-Equipe fand auf die massiven Angriffe keine Antwort. Sie wirkte wie ihr Teamchef ein wenig verloren in einem Peloton, über das sie jegliche Kontrolle verloren hatte.

Euskaltel griff an, Jan Ullrich zog mühelos mit und Alexander Vinokourov (Telekom) versuchte alles. Mit 1:18 Minuten Rückstand auf Sastre kam der Kasache als Fünfter im Ziel an. “Ich habe vielleicht zu früh attackiert“, resümierte der Telekom-Profi, der im Gesamtklassement mit 1:01 Minuten Rückstand auf Armstrong weiterhin an Platz drei lag. “Jan hat ein höllisches Tempo vorgelegt, da konnte ich nicht folgen.“

Bis zum Aufstieg zum 2001 Meter hohen Port de Pailhères hatten zehn Ausreißer die Akzente gesetzt. Der Vorsprung der Fluchtgruppe betrug zwischenzeitlich achteinhalb Minuten. Er schmolz jedoch dahin, als rund 80 Kilometer vor dem Ziel im Peloton Tempo gemacht wurde. Beim langen Anstieg auf den erstmals bei der Tour gefahrenen Berg der ersten Kategorie fiel die Ausreißergruppe auseinander.

13 Kilometer vor dem Gipfel startete Ullrich eine erste ernsthafte Attacke. Er wurde von seinen spanischen Team-Kollegen David Plaza und Felix Garcia Casas unterstützt. Als Armstrong zunächst aber scheinbar mühelos mitging, stellten die Bianchi-Fahrer ihren Ausreißversuch vorläufig ein. Die Tempoverschärfung führte allerdings dazu, dass sich eine 19-köpfige Spitzengruppe mit allen Favoriten bildete.

Mit 1:41 Minuten Rückstand überquerte die Gruppe mit Armstrong und Ullrich den Gipfel, den Virenque auf dem fünften Rang erreichte. Damit baute der fünfmalige Sieger des Bergtrikots der Tour seine Führung im Klassement der Kletterer aus.

Durch den Schlagabtausch auf dem Pailhères verkleinerte sich die Gruppe zusehends. Kurz nachdem Armstrong, Ullrich und Co. zu Rubiera aufgeschlossen hatten, musste Armstrongs Helfer Roberto Heras (Spanien) völlig ausgepumpt abreißen lassen. Das gleiche Schicksal teilte auch sein Landsmann Iban Mayo, der Sieger von L'Alpe d' Huez, sechs Kilometer vor dem Ziel.

“Jetzt ist die Chance aufs Gelbe Trikot da“, sagte Rudy Pevenage im Zielbereich. “Jan ist sehr gut drauf. Ich bin froh, dass er keine Angst gehabt hat, zu attackieren.“ Der Bianchi-Teamchef gab allerdings zu bedenken, dass auch der amerikanische Top-Favorit keine große Schwäche gezeigt hatte: “Auf das Gerede von einem schlechten Armstrong falle ich nicht mehr herein.“ Der vierfache Toursieger der vergangenen Jahre unterstrich diese Einschätzung: “Die enormen Anstrengungen von gestern konnte ich noch nicht ausgleichen. Aber es gibt noch genug Chancen in den Pyrenäen“, sagte Armstrong.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Carlos Sastre (Spanien) CSC 5h 16’ 08’’
2. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi +01’ 01’’
3. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +01’ 03’’
4. Lance Armstrong (USA) US Postal +01’ 08’’
5. Alexander Vinokourov (Kasachstan) Telekom +01’ 18’’
6. Ivan Basso (Italien) Fassa Bortolo +01’ 20’’
7. Juan Miguel Mercado (Spanien) Banesto +01’ 24’’
8. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel +01’ 59’’
9. Christophe Moreau (Frankreich) Crédit Agricole +02’ 32’’
10. Tyler Hamilton (USA) CSC +02’ 34’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

14. Etappe

Sonntag, 20. Juli:
Saint Girons - Loudenvielle, 191.5 Kilometer

Gilbert Simoni verteidigt seinen Ruf als exzellenter Kletterer

Gilberto Simoni hat die zweite Pyrenäen-Etappe der 90. Tour de France gewonnen. Der Giro-Sieger setzte sich auf dem 14. Teilstück von Saint-Girons über sechs Berge nach Loudenvielle-Le Louron vor Laurent Dufaux und Richard Virenque durch. Simoni entschied den Sprint eines Ausreißerquartetts für sich, das fast die gesamte Distanz an der Spitze war. Angesichts des spannenden Kampfes um das Gelbe Trikot geriet sein Sieg allerdings fast zur Nebensache.

Nie zuvor in 100 Jahren Tour de France lagen drei Fahrer nach 14 Etappen so dicht beieinander: Nach 2485 Kilometern und etwas mehr als 61 Stunden trennten Armstrong, Ullrich und Vinokourov in der Gesamtwertung nur noch 18 Sekunden. Das Gelbe Trikot verteidigte der führende Amerikaner, der gemeinsam mit Ullrich und 1:24 Minuten Rückstand auf Etappensieger Simoni ins Ziel kam, zwar erfolgreich. Telekom-Profi Alexander Vinokurow, der aussichtsreich an dritter Stelle des Gesamtklassements liegt, machte als Sechstplatzierter aber weitere Sekunden auf das Duo gut.

“Das war für mich eine ganz harte Etappe. Ich habe alles gegeben und vorübergehend sogar geglaubt, das Gelbe Trikot zu bekommen. Leider habe ich es nicht ganz geschafft“, sagte der erschöpfte Vinokurow. Dennoch zog er aus der schweren Pyrenäen-Etappe die Hoffnung, den großen Coup landen zu können. “Vielleicht kann ich ja der lachende Dritte sein, wenn Jan und Lance sich weiter so belauern.“

Während die Spitzenfahrer sich auf das Gelbe Trikot konzentrierten, startete ein anderer Profi die Generaloffensive für den Gewinn des Bergtrikots. Schon kurz nach dem Start war der fünfmalige “Bergkönig“ Richard Virenque in einer 17-köpfigen Ausreißergruppe vertreten. Am Col de Latrape sammelte der Franzose erste Bergpunkte, bevor er die Bergpreise am Col de la Core, Col du Portet dAspet, Col de Mente und Col de Portillon gewann. Er war damit kaum noch vom ersten Platz des “Classement Grimpeur“ zu verdrängen.

Beim letzten Anstieg auf den Peyresourde, dem eine elf Kilometer lange Abfahrt ins Ziel folgte, änderten sich die Verhältnisse der Tageswertung nicht mehr. Damit konnten die Ausreißer Simoni und Virenque ihre Hoffnungen auf einen Etappensieg aufrecht erhalten.

Im Sprint ließ Simoni dann Virenque keine Chance. “Ich hatte schon heute morgen Bock, die Etappe zu gewinnen. Das Glück war mir hold“, sagte der Sieger vom Team Saeco unmittelbar nach der Zieleinfahrt. “Es ist für mich um so schöner, als ich nicht bei 100 Prozent bin und ich gestern sogar noch an Aufgabe dachte. Aber glücklicherweise hat mir mein Teamchef das ausgeredet. Er meinte, ich könnte eine Etappe gewinnen. Es ist großartig, besonders nachdem ich in den Alpen so gedemütigt wurde.“

Während Ullrich in Loudenvielle-Le Louron ohne weiteren Kommentar verschwand, gab sich Lance Armstrong wieder zuversichtlich: “Gestern war ein Krisentag. Heute habe ich mich viel besser gefühlt. Morgen gibt es bei der Bergankunft einen ganz wichtigen Tag.“ Ob er bei der bevorstehenden schwersten Pyrenäen-Etappe, mit dem gefürchteten Tourmalet als Höhepunkt, attackieren würde, verriet der Amerikaner nicht: “Das hängt von der Tagesform ab.“

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Gilberto Simoni (Italien) Saeco 5h 31’ 52’’
2. Laurent Dufaux (Schweiz) Alessio + 0’ 00’’
3. Richard Virenque (Frankreich) Quick Step + 0’ 00’’
4. Andrea Peron (Italien) CSC + 0’ 03’’
5. Walter Beneteau (Frankreich) Brioches + 0’ 10’’
6. Alexander Vinokourov (Kasachstan) Telekom + 0’ 41’’
7. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel + 0’ 41’’
8. Steve Zampieri (Schweiz) Vini Caldirola + 0’ 41’’
9. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel + 1’ 24’’
10. Ivan Basso (Italien) Fassa Bortolo + 1’ 24’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

15. Etappe

Montag, 21. Juli:
Bagnéres de Bigorre - Luz-Ardiden, 159.5 Kilometer

Erst Sturz, dann Spurt: Lance is back!

Großer Sieger, große Emotionen, große Gesten: Lance Armstrong hat bei der 90. Tour auf einer verrückten und dramatischen 15. Etappe wieder das Kommando übernommen. Trotz eines Sturzes beim Aufstieg nach Luz Ardiden schlug der an den Vortagen arg bedrängte Armstrong auf der “Königsetappe“ in den Pyrenäen in großem Stil zurück. Im Ziel in der 1715 Meter hoch gelegenen Ski-Station nahm er seinem härtesten Konkurrenten Jan Ullrich zusammen mit den Zeitgutschriften für seinen ersten diesjährigen Etappensieg insgesamt 53 Sekunden ab.

Der Schlagabtausch zwischen Armstrong und Ullrich hatte schon 48 Kilometer vor dem Ziel auf dem Anstieg zum Tourmalet begonnen, der zum 74. Mal im Tour-Programm stand. Ullrich attackierte zu Beginn des 17,1 Kilometer langen Anstiegs. Armstrong fiel kurz zurück, kämpfte sich aber mit zusammengebissenen Zähnen wieder an Ullrich heran. Danach herrschte zunächst Ruhe und die beiden Tour-Giganten setzten den Anstieg gemeinsam fort.

Telekom-Neuling Santiago Botero (Kolumbien), bisher eine Enttäuschung bei der Tour, wollte am Montag einiges wieder gut machen. Zusammen mit dem französischen Ausreißer Sylvain Chavanel startete er früh eine Offensive. Die erste der drei letzten großen Steigungen nahmen die beiden mit fast neun Minuten Vorsprung vor dem Feld gemeinsam. Am Tourmalet setzte sich Chavanel von dem Kolumbianer ab, der 2000 bei der Tour das Bergtrikot geholt hatte.

Im letzten Anstieg überschlugen sich dann die Ereignisse. Elf Kilometer vor dem Ziel war Armstrong, der sich nun wieder Hoffnungen auf den fünften Tour-Erfolg in Serie machen kann, zusammen mit dem Spanier Iban Mayo gestürzt. Er hatte seinen Bremshebel in die Plastiktüte eines Zuschauers eingefädelt.

Ullrich, der sich an Mayos Hinterrad geistesgegenwärtig retten konnte, nutzte dieses Missgeschick des viermaligen Tour-Gewinners nicht zu einer Attacke. Ein fairer Zug des Deutschen, vergleichbar mit einer Geste von 2001, als Armstrong nach einem spektakulären Sturz seines deutschen Kontrahenten ebenfalls wartete.

Nach dem Crash zeigte Armstrong alte Stärke. Er kämpfte sich mit Wut im Bauch wieder heran, trat plötzlich an und ließ sämtliche Verfolger in einer grandiosen Alleinfahrt auf den letzten Kilometern einfach stehen. Der US-Profi überholte mühelos auch den letzten Ausreißer Sylvain Chavanel und holte sich in 4:29:26 Stunden seinen insgesamt 16. Tour-Etappensieg. Von angeblicher Schwäche des Titelverteidigers war nichts zu spüren.

Ullrich musste den zweiten Platz noch an Iban Mayo abgeben, was den Deutschen weitere vier Sekunden Zeitgutschrift kostete. Nicht nur der Toursieger von 1997 wurde auf der vorletzten Pyrenäen-Etappe in die Schranken gewiesen. Bei seinem Parforce-Ritt distanzierte Armstrong besonders Alexander Vinokurow. Der Kasache aus dem Team Telekom hatte vor der letzten Pyrenäen-Etappe als Dritter 2:45 Minuten Rückstand auf den Führenden. “Ich hatte heute nicht die besten Beine. Das war ein schwerer Tag“, sagte Vinokourov.

Jan Ullrich gab die Tour nach der Zielankunft noch nicht verloren. Auch Armstrong, der nach seinem Sturz (“Ein bisschen hatte ich wohl auch selbst Schuld.“) sogar noch einmal mit dem rechten Schuh aus der Pedale rutschte, behielt den Deutschen weiter auf der Rechnung. “Mein Job ist es, zu gewinnen. Meine Form wurde von Tag zu Tag besser. Aber Ullrich ist ein großer Gegner und nicht zu unterschätzen“, sagte der glückliche Sieger nach seinem imponierenden Triumph.

Für einen anderen Profi war die Jubiläumstour bereits entschieden: Das Trikot des besten Kletterers konnte dem Franzosen Richard Virenque schon vor den letzten fünf Etappen rein rechnerisch kein Fahrer mehr nehmen. Der Quick-Step-Fahrer musste nur noch in Paris ankommen, um sich zum sechsten Mal die Bergwertung sichern zu können.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Lance Armstrong (USA) US Postal 4h 29’ 26’’
2. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel +0’ 40’’
3. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi +0’ 40’’
4. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +0’ 40’’
5. Christophe Moreau (Frankreich) Crédit Agricole +0’ 43’’
6. Ivan Basso (Italien) Fassa Bortolo +0’ 47’’
7. Tyler Hamilton (USA) CSC +1’ 10’’
8. Alexander Vinokourov (Kasachstan) Telekom +2’ 07’’
9. José Luis Rubiera (Spanien) US Postal +2’ 45’’
10. Sylvain Chavanel (Frankreich) Brioches +2’ 47’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

16. Etappe

Mittwoch, 23. Juli:
Pau - Bayonne, 197.5 Kilometer

Hamilton wird endgültig zum “Vater Courage“

Radprofis sind hart im Nehmen. Bestes Beispiel ist der Amerikaner Tyler Hamilton: Er fuhr im letzten Jahr mit einer angebrochenen Schulter aufs Podium des Giro d'Italia. Am Mittwoch gewann der Neuengländer, der zu Beginn der Tour de France schwer gestürzt war, mit einem doppeltem, V-förmigen Haarriss im rechten Schlüsselbein die 16. Etappe in Bayonne.

Hamilton siegte mit zwei Minuten Vorsprung vor der ersten Verfolgergruppe. Der Amerikaner attackierte rund 50 Kilometer nach dem Start in Pau am ersten Berg des Tages, dem schweren Soudet. Er erreichte eine Ausreißergruppe, die sich im Flachen abgesetzt hatte.

Am zweiten Berg, dem nebligen Bagarguy, ließ Hamilton seine Mitausreißer dann hinter sich. Durch Zuschauermassen und baskische Fahnen machte er sich auf zu einer langen Solo-Flucht über fast 100 Kilometer. “Als ich fünf Minuten Vorsprung hatte, musste ich alles geben, um die Moral der Verfolger zu brechen“, sagte Hamilton, der bei seiner siebten Tour-Teilnahme zum ersten Mal eine Etappe gewann. Der 32-Jährige wurde wegen seiner Verletzung als “König der Schmerzen“ und “Vater Courage“ geadelt.

“Es war der härteste Tag meines Lebens“, sagte Hamilton anschließend überglücklich. “Nach den ersten schweren Tour-Tagen, in denen ich sehr gelitten habe, so zurückzukommen, ist ein wahnsinniges Gefühl.“ Mit seiner grandiosen Vorstellung kletterte Hamilton in der Gesamtwertung auf den sechsten Rang vor den Italiener Ivan Basso. Er lag insgesamt 6:35 Minuten hinter Armstrong.

In der ersten Stunde des Rennens setzten die Fahrer ihren extrem schnellen Schnitt der Geburtstags-Tour mit über 48 Stundenkilometer fort. Sie waren damit weiter auf Rekordfahrt. Nach den Pyrenäen-Etappen lag der Gesamtdurchschnitt knapp über dem bisherigen Spitzenwert, den Armstrong 1999 bei seinem ersten Sieg mit 40,27 Stundenkilometern aufgestellt hatte. Der französische Sport-Wissenschaftler Antoine Vayser behauptete am Mittwoch, der Kraftaufwand des augenblicklich Zehnten der Gesamtwertung hätte noch vor etwa zehn Jahren zum Toursieg gereicht.

Während Hamilton sein Glück in der Flucht suchte, fuhren Armstrong und Ullrich auf der letzten Pyrenäenetappe einträchtig nebeneinander her. Die Strecke von Pau nach Bayonne führte zwar noch einmal über sechs Bergwertungen, allerdings hielt das anschließende lange Flachstück Armstrongs nächste Verfolger von Kraft raubenden Attacken ab.

Jan Ullrich kündigte an, seine Chance im Kampf gegen die Uhr am Samstag nutzen zu wollen: “Im Zeitfahren werde ich um jede Sekunde kämpfen.“ Armstrong zeigte sich angesichts der ausgebliebenen Angriffe erleichtert: “Das war noch einmal eine extrem schwere Etappe. Ich bin froh, dass die Berge jetzt vorbei sind.“

Ein weiterer Gewinner des Tages war Erik Zabel vom Team Telekom. Er sprintete an der Spitze des Feldes auf den zweiten Platz und holte sich wertvolle Punkte im Kampf um das Grüne Trikot. In der Sprintwertung lag Zabel mit 143 Punkten auf dem dritten Rang hinter Baden Cooke (156) und Robbie McEwen (148). Zabel erklärte im Zielraum, mehr an einem Etappensieg interessiert zu sein: “Ich habe mich vom Grünen Trikot mental gelöst. Ich habe es ja schon sechs Mal gewonnen. Cooke ist ein guter Junge, ihm steht das Grüne auch.“

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Tyler Hamilton (USA) CSC 4h 59’ 41’’
2. Erik Zabel (Deutschland) Telekom +01’ 55’’
3. Yuriy Krivtsov (Ukraine) Jean Delatour +01’ 55’’
4. Luca Paolini (Italien) Quick Step +01’ 55’’
5. Gerrit Glomser (Österreich) Saeco +01’ 55’’
6. Bram De Groot (Niederlande) Rabobank +01’ 55’’
7. Marcus Zberg (Schweiz) Gerolsteiner +01’ 55’’
8. Sandy Casar (Frankreich) fdjeux +01’ 55’’
9. Fabrizio Guidi (Italien) Bianchi +01’ 55’’
10. Stuart O’Grady (Australien) Crédit Agricole +01’ 55’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

17. Etappe

Donnerstag, 24. Juli:
Dax - Bordeaux, 181 Kilometer

Der flüchtende Holländer

So hatten sich Erik Zabel und die anderen Sprinter das Etappenfinale am Donnerstag nicht vorgestellt: In Bordeaux, dem klassischen Tour-Terrain für einen Massenspurt, entschied sich die 17. Etappe nicht etwa in einem dichtgedrängten Sprint, sondern in einer zehnköpfigen Ausreißergruppe. Servais Knaven (Quick Step) war der Schnellste unter den Flüchtigen. Er schlug dem Feld ein Schnippchen und holte sich den ersten Tagessieg für einen Niederländer auf der diesjährigen Tour.

Der Sieger, der sich 18 Kilometer vor dem Ziel vom Ausreißerfeld abgesetzt hatte und den ersten Tour-Etappensieg seiner Karriere feiern konnte, verwies den Italiener Paolo Bossoni mit 17 Sekunden Rückstand auf den zweiten Platz. Dritter wurde der Franzose Christophe Mengin. “Das ist meine siebte Tour. Ich war mal Zweiter und Dritter, aber dieser Sieg ist einfach unvorstellbar“, jubelte Knaven im Ziel in Bordeaux.

Die zehnköpfige Spitzengruppe, in der kein deutscher Fahrer vertreten war, hatte sich am Donnerstag, als zum ersten Mal bei der Tour leichter Regen fiel, kurz nach dem Start gebildet. Sie harmonierte sehr gut und baute ihre Führung zeitweise auf über 16 Minuten aus. Das Feld reagierte viel zu spät. Knaven hatte vor den Toren von Bordeaux die meisten Reserven, er setzte sich 18 Kilometer vor dem Ziel von der Ausreißergruppe ab und konnte einen 17-Sekunden-Vorsprung vor seinen ersten Verfolgern retten. Das Feld erreichte Bordeaux erst 8:06 Minuten nach Knaven.

Erik Zabel gelangen keine Pluspunkte für das Grüne Trikot, das ihn nach eigener Aussage ohnehin nicht mehr interessiert. Der deutsche Meister unterlag im Kampf um Platz elf dem Australier Robbie McEwen. Hinter Zabel kam der Träger des Grünen Trikots Baden Cooke (Australien) auf Rang 13. “Ich konzentriere mich auf Paris“, sagte Zabel anschließend. “Die Etappe ist so gelaufen, wie es zu erwarten war: Man hat das Gefühl gehabt, dass die Jungs vorn ein Mannschaftszeitfahren absolvieren. Ich bin die Etappe schon oft gefahren, aber so schnell war es noch nie.“ Am Ende der Etappe standen 46 km/h zu Buche.

An der Spitze der Gesamtwertung gab es erneut keine Veränderungen. Die Favoriten sparten ihre letzten Kräfte für das 49 Kilometer lange Einzelzeitfahren am Samstag. Der vierfache Toursieger Lance Armstrong lag weiter mit 1:07 Minuten vor Jan Ullrich und 2:45 Minuten vor dem Telekom-Fahrer Alexander Vinokurow an der Spitze. Alle drei kamen gemeinsam mit dem Hauptfeld ins Ziel.

Die Prognosen für die alles entscheidende Etappe am Samstag gingen unterdessen weiter in Richtung Armstrong. “Auch, wenn noch viel passieren kann, sage ich: Mit Lance hat der richtige Fahrer die Tour gewonnen“, gab beispielsweise Ullrichs ehemaliger Mannschafts-Kapitän und jetzige CSC-Teamchef Bjarne Riis zum Besten. “Aber Jan ist super gefahren und hat eine gute Arbeit gemacht.“

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Servais Knaven (Niederlande) Quick Step 3h 54’ 23’’
2. Paolo Bossoni (Italien) Vini Caldirola +0’ 17’’
3. Christophe Mengin (Frankreich) fdjeux +0’ 17’’
4. Leon van Bon (Niederlande) Lotto +0’ 17’’
5. Salvatore Commesso (Italien) Saeco +0’ 17’’
6. Vicente Garcia Acosta (Spanien) Banesto +0’ 17’’
7. Peter Lüttenberger (Österreich) CSC +0’ 17’’
8. Médéric Clain (Frankreich) Cofidis +0’ 17’’
9. Bram de Groot (Niederlande) Rabobank +0’ 17’’
10. Ivan Parra (Kolumbien) Kelme +1’ 55’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

18. Etappe

Freitag, 25. Juli:
Bordeaux - Saint-Maixent-l'Ecole, 203.5 Kilometer

Pablo Lastras gewinnt zweitschnellste Etappe aller Zeiten

Mit einem kleinen Überraschungscoup hat Jan Ullrich das Finale der Tour de France eingeläutet und den Rückstand auf Lance Armstrong schon vor dem Zeitfahren am Samstag reduzieren können. Der Olympiasieger sprintete beim ersten Zwischenspurt der 18. Etappe dem Australier Robbie McEwen hinterher und nahm seinem Widersacher Armstrong zwei Sekunden ab. Die 203,5 Kilometer lange Etappe von Bordeaux nach Saint-Maixent-lEcole entschied der Spanier Pablo Lastras für sich.

Die Sprinter um McEwen und Baden Cooke (beide Australien), schienen ihren Augen nicht zu trauen, als ihnen beim ersten Spurt plötzlich Ullrich auf den Fersen war. “Jan fährt im Feld sowieso immer weit vorne. Wenn sich die Chance ergibt warum nicht?“, sagte Bianchi-Teamchef Rudy Pevenage nach der überraschenden Aktion. Jan Ullrich verkürzte seinen Rückstand auf Armstrong vor den letzten 201 Kilometern der diesjährigen Jubiläums-Tour auf 65 Sekunden.

Die Etappe ähnelte ansonsten der vorangegangenen. Nach dem Zwischensprint bildete sich eine 16-köpfige Spitzengruppe ohne deutsche Beteiligung. 25 Kilometer vor dem Ziel war ihr Vorsprung auf 22:30 Minuten gestiegen - Rekord in diesem Jahr. Keine der Mannschaften im Feld fühlte sich für die Tempoarbeit zuständig, weil keiner der Ausreißer vordere Plätze im Gesamtklassement gefährdete. Die Fahrer im Feld wirkten vor dem spannenden Zeitfahren wie eine Truppe von Rad-Touristen.

Im Schlussspurt nach 4:03:18 Stunden gewann der Spanier Pablo Lastras vor dem Franzosen Carlos Da Cruz (fdjeux) und Telekom-Profi Daniele Nardello (Italien). Der Spanier David Canada, der es im Finale als Solist versucht hatte, wurde auf den letzten dreihundert Metern noch eingeholt und war am Ende Vierter. Als Lastras über den Zielstrich spurtete, hatte das Hauptfeld mit Armstrong und Ullrich noch rund 20 Kilometer zu bewältigen.

Den Sprint des Feldes entschied der Australier Robbie McEwen (Lotto) vor Erik Zabel (Telekom) für sich. Der letztjährige Gewinner der Punktewertung nahm damit seinem Landsmann Baden Cooke das Grüne Trikot ab. Der 31 Jahre alte McEwen (178 Punkte) hatte zwei Pünktchen Vorsprung vor dem sieben Jahre jüngeren Cooke. Erik Zabel brachte 165 Zähler auf das Punktekonto und wahrte damit ebenfalls noch Chancen auf das Grüne Trikot, das er bereits sechs Mal gewann.

Im Gesamtklassement machte sich die Ausreißeraktion nicht bemerkbar. Im Gelben Trikot führte weiterhin Armstrong mit 1:05 Minuten Vorsprung vor Ullrich, 2:47 Minuten zurück blieb der Kasache Alexander Vinokurow (Telekom). Armstrong nahm den Angriff Ullrichs gelassen. “Es ist nicht schlimm, dass ich zwei Sekunden verloren habe“, sagte der US-Postal-Kapitän im Ziel.

Der Sieg von Lastras ging als der zweitschnellste in die Tour-Geschichte ein. “Das war bei dieser Tour meine letzte Möglichkeit und die habe ich genutzt. Den Sieg widme ich meiner Mutter, die vor vier Monaten gestorben ist“, sagte Lastras, der das Teilstück bei starker Rückenwind-Unterstützung mit einem Tempo von 50,18 km/h fuhr. Den bisherigen Rekord hatte Italiens Weltmeister Mario Cipollini am 7. Juli 1999 auf den 194,5 Kilometern der vierten Etappe zwischen Laval und Blois aufgestellt. Cipollini war 50,35 Stundenkilometer schnell.

Bei seinem dritten Tour-Start fiel Telekom-Profi Santiago Botero auf der drittletzten Etappe aus. Der “Bergkönig“ von 2000 konnte am Freitag wegen einer Magenverstimmung und damit einhergehendem Schlafmangel nicht mehr antreten. Botero war der 50. Fahrer, der bei der Jahrhundert-Tour aufgab. Damit waren noch 148 von ursprünglich 198 Fahrern im Rennen, nur fünf der 22 Teams waren noch komplett.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Pablo Lastras (Spanien) Banesto 4h 03’ 18’’
2. Carlos da Cruz (Frankreich) fdjeux +0’ 00’
3. Daniele Nardello (Italien) Telekom +0’ 00’’
4. David Canada (Spanien) Quick Step +0’ 04’’
5. Massimiliano Lelli (Italien) Cofidis +0’ 19’’
6. Andy Flickinger (Frankreich) AG2R +0’ 19’’
7. Thomas Voeckler (Frankreich) Brioches +0’ 19’’
8. Paolo Fornaciari (Italien) Saeco +0’ 19’’
9. Fabrizio Guidi (Italien) Bianchi +0’ 35’’
10. Vladimir Miholjevic (Kroatien) Alessio +0’ 35’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

19. Etappe

Samstag, 26. Juli:
Einzelzeitfahren, Pornic - Nantes, 49 Kilometer

Armstrong kann den Champagner kaltstellen

Lance Armstrong verlor das letzte Zeitfahren, stand am Samstag aber vor seinem fünften Tour-Sieg in Serie: Das mit größter Spannung erwartete Duell gegen Jan Ullrich entschied der Seriensieger aus Texas zu seinen Gunsten. Den Kampf gegen die Uhr verlor er nach 49 Kilometern allerdings gegen den Schotten David Millar (Cofidis), der in 54:05 Minuten knapp an einem neuen Geschwindigkeits-Rekord vorbei fuhr.

In der Gesamtwertung baute Armstrong, der in strömendem Regen als letzter auf die Strecke zwischen Pornic und Nantes gegangen war, seine Führung auf den Deutschen um weitere elf Sekunden aus. Mit insgesamt 1:16 Minuten Vorsprung war dem US-Amerikaner der fünfte Gesamtsieg in Folge vor der Schlussetappe kaum noch zu nehmen.

Bei der ersten Zwischenzeit nach 15 Kilometern waren Ullrich und Armstrong mit jeweils 15:42 Minuten gleichauf. Am zweiten Messpunkt (32,5km) lag der frühere Telekom-Fahrer mit 35:19 Minuten zwei Sekunden vor dem amerikanischen Top-Favoriten. Dann kam der Sturz.

Ullrich rutschte 13 Kilometer vor dem Ziel auf der regennassen Straße weg. Der Bianchi-Kapitän konnte sich jedoch wieder aufrappeln und setzte das Rennen nach einer kurzen Pause fort. “Das ging ruckzuck, ich bin aber nicht zuviel Risiko gegangen“, kommentierte Ullrich seinen Crash, “wahrscheinlich hat Öl auf der Straße gelegen.“

Ähnlich sah es Uwe Peschel vom Team Gerolsteiner, der im gleichen Kreisverkehr wie Ullrich gestürzt war, sich einen Rippenbruch zuzog und im Krankenhaus operiert werden musste: “An einigen Stellen war die Strecke glatt wie Schmierseife.“

“Dieses Zeitfahren heute war nicht dazu geeignet, Armstrong noch eine Minute abzunehmen“, sagte der gestürzte Ullrich. “Um den Gesamtsieg ging es heute nicht mehr, das Gelbe Trikot war wohl eher ein Traum für mich. Dafür hätte Lance stürzen müssen, das hätte ich ihm nicht gegönnt.“ Glück im Unglück: “Immerhin habe ich mir nichts gebrochen, sondern nur ein paar Schürfwunden erlitten.“

Lance Armstrong hielt sich nach Ullrichs Ausrutscher zurück. “Als ich über Funk von Jans Sturz hörte, bin ich sofort langsamer und vorsichtiger gefahren. Ich wollte heute nicht die Etappe gewinnen, sondern die Rundfahrt.“ Von dieser Taktik profitierte der überraschende Tagessieger David Millar. Der Schotte, der unterwegs ebenfalls gestürzt war, nannte den Kurs zwar einen “skating rink“ (Schlittschuh-Bahn), war aber dennoch so schnell unterwegs, dass zwischenzeitlich ein Tour-Rekord in Gefahr war.

Der Cofidis-Sprinter fuhr einen Durchschnitt von 54,36 km/h. Die Bestmarke des dreimaligen Toursiegers Greg LeMond (USA) von 1989 beträgt 54,54 km/h, aufgestellt im Zeitfahren über 24,5 Kilometer, als er dem Franzosen Laurent Fignon den Gesamtsieg am letzten Tag wegschnappte.

Alexander Vinokurow (Telekom) fuhr mit 1:56 Minuten Rückstand auf Platz 16. In der Gesamtwertung ist der Kasache, der 4:29 Minuten hinter Armstrong liegt, Dritter. Vinokurow wurde zum “aggressivsten Fahrer" der Jubiläums-Tour gewählt. “Für das nächste Mal werde ich noch mehr trainieren, um in den Bergen noch mehr Zeit gutmachen zu können“, versprach er.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. David Millar (Großbritannien) Cofidis 54’ 05’’
(54,36 km/h)
2. Tyler Hamilton (USA) CSC +0’ 09’’
3. Lance Armstrong (USA) US Postal +0’ 14’’
4. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi +0’ 25’’
5. Laszlo Bodrogi (Ungarn) Quick Step +0’ 26’’
6. Vjatceslav Ekimov (Russland) US Postal +0’ 56’’
7. Victor Hugo Pena (Kolumbien) US Postal +01’ 00’’
8. George Hincapie (USA) US Postal +01’ 08’’
9. Sylvain Chavanel (Frankreich) Brioches +01’ 12’’
10. Marzio Bruseghin (Italien) Fassa Bortolo +01’ 26’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

20. Etappe

Sonntag, 27. Juli:
Ville d’Avray - Paris, 152 Kilometer

Paris: Fotofinish im Kampf ums Grüne Trikot

Letzter Tagessieger der 90. Tour de France wurde der Franzose Jean-Patrick Nazon (Team Jean Delatour), der auf der dritten Etappe für einen Tag das Gelbe Trikot erobert hatte. Er legte die 152 Kilometer von Ville-dAvray nach Paris in 3:38:49 Stunden zurück und setzte sich beim prestigeträchtigen Zieleinlauf auf den Champs Elysées überraschend vor den in der Sprintwertung führenden Australiern Baden Cooke (fdjeux) und Robbie McEwen (Lotto) durch.

Lance Armstrong gewann die “Tour de France du Centenaire“ und machte damit seinen fünften Triumph in Serie perfekt. Der US-Postal-Kapitän steht nun mit Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain auf einer Stufe. “Das war meine schwerste Tour“, bekannte Armstrong.

Herausforderer Jan Ullrich, trotz ungünstiger Voraussetzungen so stark wie seit seinem Erfolgsjahr 1997 nicht mehr, wurde bei seiner sechsten Teilnahme zum fünften Mal Zweiter. Nach 3427,5 Kilometern trennten den Olympiasieger am Sonntag zum Ende der 100. Großen Schleife nur 61 Sekunden von Armstrong.

Nach einem gescheiterten Ausreißversuch des Franzosen Laurent Brochard setzte sich auf der letzten Etappe eine achtköpfige Fluchtgruppe ab. Die Fahrer kamen auf 45 Sekunden Vorsprung und waren auch noch eingangs der letzten von zehn Runden auf dem 6,5 Kilometer langen Kurs im Herzen von Paris in Front. Dann jedoch jagte das Peloton heran und die Entscheidung fiel wie fast immer im Massensprint.

Dabei kam es zu einem spannenden australischen Showdown: Mit Zentimeterabstand und nur zwei Zählern Vorsprung schnappte Baden Cooke seinem Landsmann Robbie McEwen doch noch das Grüne Trikot des punktbesten Fahrers weg. Das Zielfoto musste entschieden. Cooke, der den ersten Zwischensprint vor McEwen gewonnen hatte, entthronte den Vorjahressieger und holte sich mit 216 Punkten seinen ersten Sieg in der Sprintwertung.

Die beiden Australier waren bei letzten Etappe der Tour im Kampf um das Grüne Trikot so mit sich beschäftigt, dass der Franzose Jean-Patrick Nazon ihren Prestige-Sieg auf den Champs Elysées vereitelte. Der jüngere Bruder von Damien Nazon setzte sich im Massensprint in Paris nach 152 Kilometern deutlich vor Cooke und McEwen durch.

Zum ersten Mal seit acht Jahren ging der deutsche Meister Erik Zabel bei der Tour völlig leer aus. Ein Etappensieg blieb ihm versagt und in der Punktwertung reichte es für den gebürtigen Berliner mit 188 Zählern nur zu Rang drei. Auf dem Schlussabschnitt musste sich der zwölffache Tour-Etappensieger und sechsmalige Sprintbeste mit dem siebten Platz begnügen.

Als “Bergkönig“ erreichte der Franzose Richard Virenque Paris. Für den Quickstep-Fahrer war es der insgesamt sechste Titel als bester Tour-Kletterer. Das hatten vor Virenque nur der Spanier Federico Bahamontes und Lucien van Impe aus Belgien geschafft. Der Russe Denis Mentschow wurde als bester Jungprofi auf dem Podest geehrt. Die Mannschaftswertung gewann das dänische CSC-Team des ehemaligen Telekom-Fahrers Bjarne Riis.

Während der letzten Etappe nahm Bianchi-Kapitän Jan Ullrich seinem Konkurrenten Lance Armstrong auf kuriose Weise noch ein paar Sekunden ab - ohne Absicht allerdings. Armstrong verschenkte kurz vor dem Zielstrich 15 Sekunden, weil er am Straßenrand mit Fans feierte. Mit einem Glas Champagner war der Texaner an die Balustrade gefahren, um mit dem Publikum auf seinen Sieg anzustoßen. Wegen “Verlassens der Fahrlinie“ wurde Armstrong mit der Zeitstrafe und einer Geldstrafe belegt.

Tagesklassement

Fahrer Team Zeit
1. Jean-Patrick Nazon (Frankreich) Jean Delatour 3h 38’ 49’’
2. Baden Cooke (Australien) fdjeux +0’ 00’’
3. Robbie McEwen (Australien) Lotto +0’ 00’’
4. Luca Paolini (Italien) Quick Step +0’ 00’’
5. Thor Hushovd (Norwegen) Crédit Agricole +0’ 00’’
6. Stuart O’Grady (Australien) Crédit Agricole +0’ 00’’
7. Erik Zabel (Deutschland) Telekom +0’ 00’’
8. Romans Vainstains (Lettland) Vini Caldirola +0’ 00’’
9. Gerrit Glomser (Österreich) Saeco +0’ 00’’
10. Damien Nazon (Frankreich) Brioches +0’ 00’’

Trikots:

  • Gelb: Lance Armstrong (USA)
  • Grün: Baden Cooke (Australien)
  • Weiß-rot: Richard Virenque (Frankreich)

Gesamtergebnisse

Gelbes Trikot

Fahrer Team Zeit
1. Lance Armstrong (USA) US Postal 83h 41’ 12’’
2. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi +01’ 01’’
3. Alexander Vinokourov (Kasachstan) Telekom +04’ 14’’
4. Tyler Hamilton (USA) CSC +06’ 17’’
5. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel +06’ 51’’
6. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel +07’ 06’’
7. Ivan Basso (Italien) Fassa Bortolo +10’ 12’’
8. Christophe Moreau (Frankreich) Crédit Agricole +12’ 28’’
9. Carlos Sastre (Spanien) CSC +18’ 49’’
10. Francisco Mancebo (Spanien) Banesto +19’ 15’’

Grünes Trikot

Fahrer Team Punkte
1. Baden Cooke (Australien) fdjeux 216
2. Robbie McEwen (Australien) Lotto 214
3. Erik Zabel (Deutschland) Telekom 188
4. Thor Hushovd (Norwegen) Crédit Agricole 173
5. Luca Paolini (Italien) Quick Step 156
6. Jean-Patrick Nazon (Frankreich) Jean Delatour 154
7. Stuart O'Grady (Australien) Crédit Agricole 153
8. Fabrizio Guidi (Italien) Bianchi 122
9. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi 112
10. Damien Nazon (Frankreich) Brioches 107

Weiß-rotes Trikot

Fahrer Team Punkte
1. Richard Virenque (Frankreich) Quick Step 324
2. Laurent Dufaux (Schweiz) Alessio 187
3. Lance Armstrong (USA) US Postal 168
4. Christophe Moreau (Frankreich) Crédit Agricole 137
5. Juan Miguel Mercado (Spanien) Banesto 136
6. Iban Mayo (Spanien) Euskaltel 130
7. Haimar Zubeldia (Spanien) Euskaltel 125
8. Jan Ullrich (CH-Scherzingen) Bianchi 124
9. Tyler Hamilton (USA) CSC 116
10. Paolo Bettini (Italien) Quick Step 100

Teamwertung

Team Zeit
1. CSC 248h 18’ 18’’
2. Banesto +21’ 46’’
3. Euskaltel +44’ 59’’
4. US Postal +45’ 53’’
5. Bianchi +1h 12’ 40’’
6. Telekom +1h 38’ 45’’
7. Quick Step +2h 02’ 17’’
8. Brioches +2h 02’ 36’’
9. AG2R +2h 08’ 06’’
10. Cofidis +2h 08’ 56’’
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