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Das Kapital Raum 1970–1977 von Beuys: Kreative Denkanstöße

Was bedeutet der Begriff Installationskunst?

Anfang der 1980er Jahre wurden Installationen zum festen Begriff für raumgreifende, ortsgebundene oder auch ortsbezogene künstlerische Werke. Dabei handelt es sich meist um eine dreidimensionale, raumrelationale Kunstform im Innenraum, die die Verwendung jeglichen Materials, wie auch von Zeit, Licht, Klang und Bewegung im Raum ermöglicht.

Wie wird bei Beuys die Kunst zum Kapital?

Joseph Beuys propagierte den Menschen als »Bildhauer eines sozialen Organismus«. Mit seinen Aktionen, Gesprächen und Installationen erschloss der gesellschaftspolitisch engagierte Künstler seit den 1960er Jahren neue formale und inhaltliche Dimensionen der Kunst und damit einen erweiterten Kunstbegriff.

Kreativität und menschliches Potenzial, die so genannten »Wirtschaftswerte I«, waren für Beuys das Kapital für Produktionsmittel, aus denen wiederum die »Wirtschaftswerte II«, nämlich die »geistigen und materiellen Güter«, gewonnen werden. Geld ist dabei nur ein rechtliches Instrument, das dazu verpflichtet, die Umsetzung des kreativen Kapitals in produktive Prozesse zu sichern.

Wie ist das Kunstwerk aufgebaut?

Im Jahr 1984 richtete Joseph Beuys seine Installation »Das Kapital Raum 1970–1977« in den Hallen für neue Kunst Schaffhausen ein. Sie umfasst insgesamt 50 mit Kreide beschriebene Schultafeln sowie 30 Objekte, die auf einer Bodenfläche von 118 Quadratmetern weiträumig angeordnet sind. Nach Westen erzeugt eine breite Fensterfront einen lichtdurchfluteten Raum, dessen seitliche Öffnungen eine geschlossene Raumwirkung unterbinden und wechselnde Perspektiven ermöglichen. An den zweigeschossigen Wänden von acht Metern Höhe hängen und lehnen 41 Tafeln (die neun übrigen sind auf dem Boden ausgelegt). Die schwergewichtigen Tafeln an den Wänden wirken in der dichten, subtilen Hängung filigran, fast schwebend. In ihrer lebhaften Asymmetrie und der teilweisen Überlagerung erwecken sie den Anschein, als würden sie ihre Positionen immer wieder ändern. Vertikale Motive, wie knapp unter der Decke hängende Tafeln und steil aufgerichtete Latten, lenken die Aufmerksamkeit nach oben und deuten die im Einklang mit Beuys' vielschichtigen Bemühungen stehende Ausweitung und Öffnung des traditionellen Kunstbegriffes an.

Welchem Leitmotiv folgen die Elemente?

Der Anordnung in Paaren. Die 30 Objekte der Installation sind höchst uneinheitlicher Natur: Projektoren und Mikrofon, Konzertflügel, Waschzuber, Gelatine und vieles mehr. Alles scheint auf den ersten Blick großzügig im weiten Raum verteilt, trotzdem ist die planvoll »komponierte« Anordnung erkennbar, die aber nicht allein ästhetischen Gesichtspunkten folgt: Wie ein Leitmotiv durchzieht das Prinzip der Paarbindung weite Teile der Installation. Man stößt auf gleiche und ungleiche Paare aus sich ergänzenden Gegenständen, die einander bis hin zu völlig gegensätzlichen Objekten zugeordnet werden. Nur sehr wenige Paare bestehen aus wirklich deckungsgleichen Elementen. Dass die gesamte Komposition bis ins kleinste Detail durchdacht ist, beweisen zum Beispiel zwei wie zufällig verlaufende Stromkabel, die ein schwarzweißes Gegensatzpaar formen. Sie verweisen auf den unbunten Charakter der gesamten Rauminstallation, in der Schwarzweiß-Kontraste dominieren. Auf eine farbige Gestaltung hat Beuys bewusst verzichtet – mit Ausnahme einer grünen Fläche, die wie ein Hoffnungsschimmer den Zyklus der Tafeln abschließt.

Die ganze Installation erscheint wie eine vorübergehend stillgelegte, mit Denkanstößen gefüllte Werkstatt, deren Betrieb wieder aufgenommen werden will.

Was für ein Konzept steckt hinter der Rauminstallation?

Beuys hatte »Das Kapital Raum 1970–1977« ursprünglich als temporäre Präsentation für die venezianische Kunstausstellung »La Biennale« 1980 konzipiert, bevor er sie schließlich in Schaffhausen als dauerhafte Rauminstallation einrichtete.

Das Werk stellt gewissermaßen ein Resümee von Beuys' Aktionen während der 1970er Jahre dar. »Formreste«, also Elemente und Gegenstände, die Beuys bei seinen Aktionen »Celtic (Kinloch Rannoch) Schottische Symphonie« 1970 in Edinburgh und »Celtic +« 1971 in den Baseler Zivilschutzräumen verwendete, sind ebenso darunter wie Relikte der Documenta-Ausstellungen in Kassel von 1972 und 1977, an denen Beuys jeweils 100 Tage lang über grundlegende Fragen des Lebens dozierte und diskutierte. Dazu gehören auch die mit Schlüsselbegriffen beschriebenen und signierten Tafeln, zum Beispiel mit »menschliche Wärme«, einem für Beuys wesentlichen Element in dem sensiblen Gefüge der von ihm eindringlich geforderten »direkten Demokratie«. Daneben finden sich auch Zeichnungen und Symbole wie das »Wirbelzeichen«, das für Beuys ein Schlüsselzeichen der Evolution verkörperte – und die »einzige evolutionäre Kraft« sei eben die Kunst.

Wie wurde der Hut zum Markenzeichen?

Als junger Soldat stürzte Joseph Beuys während des Zweiten Weltkrieges in einem Kampfflugzeug über der Krim ab – eine traumatische Erfahrung, die ihn zeit seines Lebens verfolgte. Infolge der schweren Kopfverletzungen, die er dabei davontrug, wurde der Stetson-Hut zum Markenzeichen und ständigen Begleiter. Von 1946 bis 1952 studierte Joseph Beuys, der heute zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt, bei Joseph Enseling und Ewald Mataré an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er von 1961 bis 1972 selbst als Professor tätig war. In seiner Kunst nahm der Gedanke, dass der Prozess des kreativen Denkens und politischen Handelns wichtiger ist als das Herstellen eines materiellen Kunstobjekts, einen zentralen Raum ein. Es war sein leidenschaftliches Bestreben, rein zweckorientiertes Denken und Handeln in allen Lebensbereichen durch die Wertschätzung menschlicher Kreativität als solcher zu ersetzen. In der festen Überzeugung, dass jeder Mensch ein Künstler sei, rief er jeden dazu auf, das dem Einzelnen von Natur aus innewohnende schöpferische Potenzial auch zu nutzen.

Wussten Sie, dass …

Joseph Beuys seinen Stetson-Hut nur bei besonderen Anlässen abnahm, z. B. bei der Beerdigung seines Galeristen Alfred Schmela? An diesem Tag trug er statt Jeans und Anglerweste ausnahmsweise einen grauen Filzanzug.

die »Fettecke«, die Joseph Beuys in einer Raumnische seines Düsseldorfer Ateliers installiert hatte, unbeabsichtigt einer Reinigungsaktion zum Opfer fiel?

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