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Hat der Roman auch poetische Momente?

Ja, denn die Privatsphäre der Personen erfasst Roth mit differenziertem Gespür für die Poesie des Alltäglichen – beispielhaft dafür steht etwa die Szene, in der der Bezirkshauptmann den »Tafelspitz«, einen Klassiker der Wiener Kochkunst, mit den Augen genießt, bevor er ihm mit Messer und Gabel zu Leibe rückt: »Sein Auge liebkoste zuerst den zarten Speckrand, der das kolossale Stück Fleisch umsäumte, dann die einzelnen Tellerchen, auf denen die Gemüse gebettet waren, die violett schimmernden Rüben, den sattgrünen ernsten Spinat, den fröhlichen hellen Salat, das herbe Weiß des Meerrettichs, das tadellose Oval der jungen Kartoffeln …« Solche Passagen machen deutlich, dass der »Radetzkymarsch« für Roth auch einen wehmütigen Abschiedsblick auf die Lebenskultur seiner Heimat bedeutete.

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