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„Frei von…“: Was ist dran am neuen Anti-Weizen-Trend?

Weizen ist gerade in aller Munde: Jedoch nicht im Sinne eines schmackhaften Brötchens oder eines leckeren Kuchens. Sondern eher im Gegenteil: Angeblich macht das Getreide fett, krank, dumm, alt – so die Bestseller „Weizenwampe“, „Dumm wie Brot“ oder „Wie Weizen uns vergiftet“. Aber was steckt dahinter? Bringen uns Weizen und sein Klebereiweiß Gluten – ganz drastisch ausgedrückt - häppchenweise ins Grab?
MAH / Universität Hohenheim

Riskieren wir mit Weizenbrötchen unsere Figur?

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Der Mediziner William Davis argumentiert in seiner Einleitung zum Buch „Weizenwampe“ leidenschaftlich wie ein Revolutionär und vergleicht die dicke heutige Gesellschaft mit der drahtig schlanken von vor 50 Jahren. Dabei ist er so nett und nimmt die Schuld, an Übergewicht zu leiden, von den Schultern eines Einzelnen und legt sie auf die der Weizenindustrie: Alles Übel liegt ihm zufolge in dem Getreide. Dem widersprechen allerdings einige Experten, wie Friedrich Longin, Weizen-Spezialist der Universität Hohenheim. Sie verteidigen vehement den Ruf des Weizens.

Heutiger Weizen ist Schuld

Laut Davis und vieler anderer Verfechter des Weizenverzichts ist der Weizen seit seiner Urform von der Menschheit zum heutigen Übel gezüchtet worden. Er meint „die Zuchtbemühungen im Laufe der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“ hätten den Weizen so weitgehend verändert, dass er mit dem Urweizen genauso viel gemein hat, wie die Menschheit mit dem Affen.

Longin widerspricht, dass die enthaltenden Proteine sich kaum geändert haben, da schier das Interesse für eine solche Züchtung fehlte. Denn die Inhaltsstoffe des Weizens standen niemals im Blickpunkt der Züchter, sondern der Ertrag an sich – und von alleine passiert da erst mal nicht so viel. Dabei ist auch der Begriff „Urweizen“ nur schwer zu definieren, so Longin, und dass diese „alten“ Weizenarten besser bekömmlich sind, ist noch nicht einmal geklärt.

„Viele Hypothesen werden in den Büchern als wissenschaftlich bewiesen dargestellt“, sagt Longin, „und oft werden Kausalzusammenhänge hergestellt, die so nicht haltbar sind.“ Das sorge für massive Verunsicherung bei den Verbrauchern.

Das Maß macht‘s

Dabei hat Davis Recht: Weizen kann dick machen. Zucker aber auch, Fett auch, Fleisch auch. Und die begleitenden Symptome sind etwa die Gleichen wie bei einem erhöhten Weizenkonsum. Aber wenn der Mediziner die damalige Gesellschaft mit der heutigen vergleicht, dann hat sich doch vor allem eins geändert: das Maß. In unserer Überflussgesellschaft nehmen wir schlicht mehr Kalorien zu uns, als wir verbrauchen.

Gerade im dicken Amerika, Großbritannien und Deutschland steht dabei vor allem eins auf dem Speiseplan: Kohlenhydrate. Toast zum Frühstück, Nudeln zum Mittag, Fast Food zu Abend. Der Weizen ist dabei nur einer der vielen Kohlenhydrat-Lieferanten auf unserem täglichen Speiseplan. Dass wir abnehmen oder zumindest nicht zunehmen, wenn wir auf einen Teil dieser Kalorienschwemme verzichten, erscheint da nur logisch. Fraglich ist dabei nur, ob dieser Effekt dann spezifisch am Verzicht auf Weizen liegt oder doch nicht vielleicht eher an der geringeren Menge an Kohlenhydraten, die wir aufnehmen.

Ausgewoge Ernährung macht den Unterschied

Denn betrachtet man die Empfehlungen der Ernährungspyramide, die unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben wird, dann rangieren Obst und Gemüse an vorderster Stelle. Und Hand aufs Herz, haben Sie heute schon mehr Gemüse und Obst als Brot, Kartoffeln oder Nudeln zu sich genommen? Oder gleichviel?

Dabei ist Weizen bei uns das Kohlenhydrat Nummer 1 und somit einer der Dickmacher des 21. Jahrhunderts, das bestreitet wohl keiner. Das Problem sind dabei aber auch die vielen versteckten Kohlenhydrate, die sich gerade in Fertigprodukten, Süßem und Fast Food tummeln. Auch das ist heute anders als früher. Verzichten muss aber nicht gleich die ganze Menschheit und ebenso wenig muss zwangsläufig jedes Weizenkorn vom Speiseplan gewischt werden.

Die Sache mit dem Gluten

Dabei gibt es natürlich Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Weizen und das in ihm enthaltene Gluten nicht vertragen. Gluten ist das Klebereiweiß, das in einigen Getreidesorten, darunter Weizen und Dinkel, enthalten ist und ohne das ein Brötchen nicht so schön aufgehen würde.

Wie Longin erklärt, gibt es drei anerkannte Krankheitsbilder im Zusammenhang mit Weizen. Unstrittig seien die Weizenallergie und die durch Gluten ausgelöste Zöliakie. Zöliakie ist eine chronische Erkrankung des Dünndarms und beruht auf einer lebenslangen Unverträglichkeit gegenüber Gluten. Beide Krankheiten sind jedoch eher selten, sie treten bei weniger als ein bis zwei Prozent der Bevölkerung auf. Die Zöliakie sei dabei klar diagnostizierbar, gewisse Unsicherheiten bestünden noch bei der Weizenallergie, ergänzt der Mediziner Detlef Schuppan der Universität Mainz.

Schwieriger verhalte es sich mit der Weizensensitivität. „Die Ursache ist entgegen anderslautender Meinungen in Presse, Büchern und Internet wissenschaftlich leider noch nicht geklärt“, so Professor Schuppan. Und auch eine richtige Diagnosetechnik ist noch nicht gefunden. Bis zu acht Prozent der Weltbevölkerung soll davon betroffen sein, das ist eine Menge, aber es sind nicht alle. Es scheint also, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Weizen gut vertrage, betont der Experte.

Wer sollte nun verzichten?

Davis spricht am Anfang seines Buches von den Leuten in seiner Heimat, den Leuten, die er auch behandelt und nennt sie „fett“: „Nicht ein bisschen rundlich, sondern richtig fett.“ Gerade in Amerika sind stark übergewichtige Menschen keine Seltenheit, das ist aber nicht die Norm der Welt. Allerdings ist Weizen- oder Glutenverzicht inzwischen zum Trend geworden und wird von vielen befolgt, die auf der einen Seite den Verzicht nicht nötig haben und auf der anderen nicht einmal wissen, was mit Gluten eigentlich gemeint ist.

Wer sich ohne Weizen und Gluten besser fühlt, der soll darauf verzichten, egal, ob er eine Allergie oder Unverträglichkeit hat. Wer Ersatzprodukte kauft, sollte sich jedoch im Klaren sein, dass als „glutenfrei“ betitelte Produkte wie Brot, oft als Hauptbestandteil Maisstärke enthalten. Dieses hat mehr Kalorien, mehr Kohlenhydrate und weniger Proteine als normales Weizenmehl. Wer einfach abnehmen und seinem Körper etwas Gutes tun möchte, der reduziert Kohlenhydrate im Allgemeinen und lässt Fertigprodukte und Fast Food weg - das ist keine neue Wissenschaft.
 

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