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Innovative Lösungen für den Ärztemangel?

Der Mangel an Ärzten ist besonders in ländlichen Gebieten ein echtes Problem. Doch auch in der Stadt müssen Patienten teilweise monatelang auf einen Termin beim Facharzt warten, während in manchen Städten ein mobiler ärztlicher Notdienst bereitsteht, der Privatpatienten problemlos daheim oder im Büro betreut. Alles in allem eine unausgewogene Situation, die – im schlimmsten Fall – in einer Katastrophe münden könnte.

Arzt
Der deutschlandweite Ärztemangel spitzt sich weiter zu.
Mangel an Ärzten – Ursache und Wirkung

Der Ärztemangel ist eine wahre Epidemie. Schon 2015 fehlten 2600 Hausärzte und 2000 Fachärzte in Deutschland, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete. Auch in den Krankenhäusern soll es an Tausenden Ärzte mangeln, eine Situation, die sich ohne konkrete Lösungen in den nächsten Jahren weiter verschlimmern wird.

Die Auswirkungen sind schon jetzt deutlich zu spüren. Besonders auf dem Land ist die Lage vielerorts schon dramatisch, und sie wird noch schlimmer werden. Bis 2000 werden 50.000 Ärzte in den Ruhestand gehen und große Lücken hinterlassen. Was sind die Gründe?

Ärzte sind einem deutlich höheren, auch bürokratischen Aufwand ausgesetzt, als es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Zudem sind immer weniger Mediziner bereit, sich für ihren Beruf aufzuopfern, denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist natürlich auch für diesen Berufsstand ein wichtiges Thema. Knapp die Hälfte aller Ärzte sind Frauen, bei den Studienanfängern sind es 63%. Und natürlich wollen diese eines Tages Kinder haben und mit diesen auch Zeit verbringen, anstatt von morgens bis abends in der Praxis zu sitzen. Generell scheint der Gedanke, als angestellter Arzt zu arbeiten oder sich eine Gemeinschaftspraxis zu teilen, wesentlich interessanter zu sein, als allein eine Landarztpraxis zu führen.

Diese dramatische Lage ruft selbst die Politik auf den Plan, die zum Beispiel mit dem im Juni 2015 gestarteten Versorgungsstärkungsgesetz gegenhalten will. So soll etwa jeder Mediziner, der sich als Hausarzt niederlässt, einen Zuschuss von 20.000 Euro bekommen. So recht will die Maßnahme nicht greifen, was daran abzulesen ist, dass Mecklenburg-Vorpommern Medizinern, die eine bestehende Hausarztpraxis übernehmen, wenn der bisherige Arzt in den Ruhestand wechselt, mit 50.000 Euro belohnen will. Die Länder kämpfen als weiter mit dem Problem, und Hessen macht seit einigen Wochen Nägel mit Köpfen: Es hat die E-Health-Initiative gestartet.

Die E-Health-Initiative – die Lösung?

Mit der E-Health-Initiative will die Bundesregierung die medizinische Versorgung gerade in ländlichen Gebieten verbessern. Hessen hat als erstes Bundesland konkrete Maßnahmen ergriffen, um diese Pläne in die Tat umzusetzen. E-Health bedeutet, bei der Versorgung von Patienten auf elektronische Unterstützung zu setzen. So ist etwa denkbar, dass ein Arzt per Videoübertragung konsultiert werden kann, der dann anhand der Sichtung des Patienten, dessen Schilderungen und bestimmten körperlichen Daten, die der Patient selbst bestimmen kann, eine Diagnose stellt. Es können jedoch auch Arzthelferinnen oder Krankenschwestern anstehende Hausbesuche erledigen und die ermittelten Daten in die Praxis übertragen. Der Arzt schaltet sich dann per Videokonferenz hinzu, wenn es nötig ist. Auch die zentrale Verwaltung von Patientendaten oder die Nutzung spezialisierter Apps kann den verwalterischen Aufwand reduzieren und Ärzten somit Zeit sparen.

Die Frage ist nur: Wird dieses System von Patienten und Ärzten angenommen? Wird sich ein Arzt nicht noch mehr wie ein Fließbandarbeiter vorkommen, wenn ihm Patienten im Minutentakt per Videochat zugeschaltet werden? Wo bleibt in diesen Fällen der persönliche Kontakt, der dem Arzt auch erlaubt, seine sensorischen Fähigkeiten bei der Untersuchung einzusetzen?

Viel eher denkbar ist etwa die Einrichtung von flächendeckenden Online-Terminvergaben, bei denen die Zeitpläne von Ärzten online einsehbar sind und von Patienten direkt reserviert werden können. Das spart nicht nur eine Menge Organisation hinter dem Empfangstresen, es ermöglicht eine schnellere Terminvergabe und eine größere Transparenz. In manchen Ländern hat sich diese Praxis schon bewähren können, die auch in einigen deutschen Praxen schon auf dem Prüfstand ist. Ein weiterer Vorteil: Abgesagte Termine sind gleich wieder verfügbar und können direkt wieder vergeben werden. So bleiben die Praxen gut gefüllt.

Allerdings kratzen wir hier an einem weiteren Problem des deutschen Gesundheitssystems, und zwar an der Zwei-Klassen-Medizin, die durch die Aufteilung in gesetzlich und privat versicherte Patienten entsteht.

Privatpatienten warten weniger lang auf Termine

Privat versicherte Patienten bekommen in der Regel deutlich schneller einen Termin beim Facharzt als gesetzlich Versicherte. Das liegt ganz einfach daran, dass Ärzte an Kassenpatienten deutlich weniger verdienen und sich daher häufig auf die Behandlung von Privatpatienten spezialisieren, was die langen Wartezeiten bei der Terminvergabe erklärt.

Ein Beispiel: Weniger als neun Millionen Menschen sind privat versichert, mehr als 70 Millionen gesetzlich. Dennoch erzielen deutsche Orthopäden gerade einmal die Hälfte ihrer Umsätze mit Kassenpatienten. Sind diese etwa weniger häufig krank, oder brauchen seltener eine orthopädische Behandlung? Natürlich nicht, sie sind einfach nur weniger lukrativ und werden darum seltener behandelt, wobei man den Ärzten hier auch keinen Vorwurf machen darf. Sie erhalten für jeden Patienten nur eine festgelegte Vergütung, egal wie häufig dieser im Quartal zur Behandlung kommt. Und wie hoch diese Vergütung ist, hängt von der Summe ab, welche die Krankenkassen den Kassenärztlichen Vereinigungen auszahlen. Hierbei kommt es zu deutlichen regionalen Unterschieden. Und wer will es einem Arzt verdenken, dass er nicht in einer armen Gegend arbeiten will, wo er nicht einmal für jede einzelne Behandlung eines Patienten bezahlt wird?

Das Solidarprinzip der gesetzlichen Kassen steht auf tönernen Füßen, wenn zu viele Besserverdienende in die privaten Kassen flüchten. Hier gilt es, nach neuen Lösungen zu suchen.

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