Lexikon
Historịsmus
Geisteswissenschaften
im weiteren Sinne eine geistige Bewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die das Prinzip verfolgte, die Wirklichkeit geschichtlich, als einen Prozess ständiger Veränderungen und Entwicklungen zu erfassen. Der Historismus wurde vor allem in Deutschland Grundlage für die theoretische Begründung der historischen Wissenschaften, insbesondere der Geschichtswissenschaft. Kennzeichnende geschichtstheoretische Elemente des Historismus, wie sie schon L. von Ranke entwickelt hat, sind das Vertrauen, mit Hilfe der quellenkritischen Methode (historische Methode) objektive Erkenntnisse über die Vergangenheit erlangen zu können, und das Individualitätsprinzip, wonach nicht nur historische Persönlichkeiten, sondern auch Institutionen, Staaten und Völker jeweils Individuen eigener Art sind und nur aus sich selbst heraus verstanden werden können. Der Historismus lehnte daher sowohl die Annahme von Gesetzmäßigkeiten als auch die Idee des Fortschritts in der Geschichte ab und beharrte auf der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des historischen Geschehens.
Als Erkenntnistheorie des Historismus entwickelte W. Dilthey die Lehre vom Verstehen. Danach gehe es in der Geschichte und in den Geisteswissenschaften anders als in den Naturwissenschaften nicht darum, Erscheinungen zu erklären und nach Gesetzen zu suchen (nomothetische Methode), sondern darum, die historischen Individualitäten durch Anschauung und Bedeutung zu verstehen (idiographische Methode).
Die Kritik am Historismus setzte bereits um 1900 ein und richtete sich vor allem gegen seine geschichtsphilosophischen Prämissen wie das Individualitätsprinzip und die Verstehenslehre. F. Nietzsche („Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ 1874) z. B. sah im Historismus eine rein antiquarische Geschichtsbetrachtung, die auf ein wertendes Urteil verzichte und damit einem völligen Relativismus verfalle.
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