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Moderne Kunst – der Weg in die Abstraktion

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten die Expressionisten Farbe und Form als Werte einer ausdrucksstarken Malerei. Einige gingen den Weg weiter zur Abstraktion. Dem Prinzip der Gleichzeitigkeit verschiedener Perspektiven folgend, fügten die Kubisten ab 1906 Grundformen zu neuen Motiven zusammen. Die Futuristen stellten durch eine Aneinanderreihung kubischer Formen Bewegung dar.

Den Ersten Weltkrieg verarbeiteten die Künstler unterschiedlich: expressiv oder im satirisch-kritischen Realismus der Neuen Sachlichkeit. Die Dadaisten führten die Fotocollage und das Prinzip des Zufalls in die Kunst ein. Einen Neuanfang wagte das Bauhaus in Weimar mit modernem Industriedesign. Das Unbewusste und den Traum als Quelle der Kunst entdeckten die Surrealisten 1924 in Paris. 1933 beendeten die Nationalsozialisten die Moderne in Deutschland. Wie auch in anderen totalitären Ländern sollte eine »realistische« Kunst den Staat und seine Ziele verherrlichen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangten erstmals die USA mit dem Abstrakten Expressionismus die Vorreiterrolle in der Kunst. Europa dagegen suchte die Inspiration für eine unverfälschte Kunst in den Malereien von Kindern oder Naturvölkern. Auch neue Materialien wie Sand, Staub, Gips oder Schwämme wurden von Künstlern genutzt. Die Pop-Art machte den US-amerikanischen Alltag zum Thema von Siebdrucken und Fotocollagen. Mit dem anschließenden Fotorealismus schienen alle Möglichkeiten der reinen Malerei ausgeschöpft zu sein. Neue Formen wie Aktionskunst und Landschaftskunst entstanden. Bei der Konzeptkunst war die künstlerische Idee wichtiger als das Kunstwerk selbst.

Die Malerei der 1980er Jahre griff im Zeichen der Postmoderne mit Georg Baselitz und den Neuen Wilden den gegenständlichen Expressionismus wieder auf. Zugleich begann die Auseinandersetzung mit den neuen Medien, etwa mit Neonschriften und Videoinstallationen.

Vincent van Goghs Selbstbildnis: Vision aus dem Inneren

Welche Ausbildung machte van Gogh zunächst?

Vincent, der Pfarrerssohn, begann mit 16 Jahren eine Lehre im ungeliebten Kunsthandel seines Onkels in Den Haag, später in London und Paris. Es folgten Anstellungen als Hilfslehrer und Buchhändler, eine abgebrochene Ausbildung zum Pfarrer und die erfolglose Bewerbung bei einer Missionarsschule.

Von einer Stelle als Prediger bei den Kohlegruben im belgischen La Borinage rief man ihn wegen seines fanatischen Eifers wieder ab. Aus Holland brachte er nervöse Erschöpfung und gefüllte Skizzenbücher mit Szenen aus dem armseligen Leben der Arbeiter zurück. In den folgenden Jahren malte van Gogh dort in einem dunkeltonigen Realismus bäuerliche Alltagsszenen wie die Darstellung der Kartoffeln essenden Bauern aus Nuenen.

Wie kam der Maler mit dem Impressionismus in Kontakt?

Im März 1886 zog van Gogh unangemeldet zu seinem jüngeren Bruder Theo, der in Paris als Kunsthändler arbeitete. Theo kümmerte sich von da an um ihn und machte ihn mit den Malern des Impressionismus bekannt. Camille Pissarro führte den jungen Holländer in die Freilichtmalerei ein. Im Atelier des Malers Cormon lernte er Henri de Toulouse-Lautrec und Émile Bernard kennen. Ein Förderer und Freund van Goghs wurde der Farbenhändler Père Tanguy, der etliche Bilder gegen Leinwand und Farbe in Zahlung nahm. Zwei Jahre verbrachte van Gogh in Paris und verarbeitete in Bildern wie den Stadtansichten die Anregungen des Impressionismus.

Was führte den Maler in die Provence?

Das Licht Südfrankreichs. Auf der Suche nach lichtdurchfluteten Landschaften reiste van Gogh im Februar 1888 in die Provence. In Arles malte er einige seiner berühmtesten Bilder: die Ansichten der Brücke von Langlois, Arles bei Sonne und beim Licht der Gaslaternen und die »Sonnenblumen«, die heute zu den teuersten Bildern der Welt zählen. Von seiner Sammlung japanischer Farbholzschnitte inspiriert, wählte er originelle Bildausschnitte, die das Hauptmotiv aus der Bildmitte verbannten und am Rand einfach abschnitten; außerdem arbeitete er mit starken Verkürzungen und einer flächigen Vereinfachung der Formen in leuchtenden Farben, die er durch Umrisslinien noch verstärkte.

Mit wem lebte van Gogh in Arles zusammen?

Im »Gelben Haus« richtete der Maler für seinen Freund Paul Gauguin, mit dem er eine Künstlerkolonie gründen wollte, ein Zimmer ein. Das Zusammenleben fand nach zwei Monaten ein dramatisches Ende. Aus Enttäuschung über Gauguins geplante Abreise in die Südsee wollte Vincent vermutlich zunächst mit dem Messer auf ihn losgehen und schnitt sich dann wohl selbst ein Stück seines Ohres ab. Gauguin verließ noch am gleichen Abend Arles und van Gogh wurde ins Hospital eingeliefert.

Was tat der Maler in Saint-Rémy?

Van Gogh begab sich 1889 freiwillig in die Nervenheilanstalt in Saint-Rémy und blieb dort, völlig unzureichend behandelt, ein Jahr. Noch heute kann man in diesem Ambiente die Motive seiner Bilder aufspüren wie das Atelier und den Innenhof des Hospitals. In den Bildern aus Saint-Rémy erscheint ein neuer Pinselduktus, Spiegelbild seines aufgewühlten Inneren. Die Zypressen wirken wie züngelnde Flammen, die Olivenbäume scheinen ebenso zu leiden, wie er es tat: Die Hoffnung, geheilt zu werden, wurde enttäuscht, Anfälle und Halluzinationen nahmen zu.

Wie lässt sich das Selbstbildnis in van Goghs Werk einordnen?

In Saint-Rémy malte van Gogh sein vorletztes Selbstporträt. Schonungslos und unsentimental zeigt es sein Leiden und seine Verzweiflung. Ernst, fast feindlich schaut sein hageres Gesicht aus dem Bild. Auch hier ist der für ihn charakteristische, dynamische Pinselstrich zu erkennen und wie so oft arbeitet van Gogh mit den kontrastierenden Primärfarben. 38 Bildnisse hat der Künstler insgesamt von sich gemalt, immer war es eine Erforschung des eigenen Wesens. Inneres Erleben und Geschautes, Vision und Expression fielen in seinen Bildern zusammen, fanden Ausdruck in heftiger Farbigkeit, die zum Teil direkt aus der Farbtube auf die Leinwand gestrichen wurde.

Wie wirkte das Werk van Goghs weiter?

Die Expressivität seiner Bilder sollte neben Cézannes Werk und Gauguins Arbeiten den Weg bereiten für die Malerei der Moderne. Die Sensibilität des zutiefst leidenden Menschen schwingt bis heute in seinen Werken nach.

Ein Jahr vor seinem Freitod malte Vincent van Gogh (1853–1890) sein vorletztes Selbstportrait. Schonungslos und unsentimental zeigt es sein Leiden und seine Verzweiflung. Zu Lebzeiten nicht ernst genommen, wurde van Gogh zum Vorbild der Expressionisten und zu einem der bekanntesten Künstler der Geschichte.

An welcher Krankheit litt der Wegbereiter der modernen Malerei?

Vermutlich handelte es sich bei van Goghs Krankheit um eine psychische Erkrankung, auch wenn die Ärzte in der Nervenheilanstalt von Saint-Rémy Epilepsie diagnostizierten. Halluzinationen und Depressionen prägten van Goghs Leben nach seinem ersten Anfall. Da sich diese Phasen immer wieder mit Zeiten ekstatischer Schaffensfreude abwechselten, vermuten heutige Psychiater eine bipolare affektive Störung, auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt.

Nach einem Besuch bei dem Bruder Theo in Paris, wo es zu Differenzen über Vincents wirtschaftliche Situation kam, zog der Maler im Mai des Jahres 1890 nach Auvers-sur-Oise zu dem Arzt und Kunstsammler Dr. Paul Gachet. Hier konnte er sich frei bewegen und malte etliche Meisterwerke wie das Bild der Kirche von Auvers. Am 27. Juli nahm er sich eine Waffe mit aufs Feld, das er kurz zuvor noch gemalt hatte, und schoss sich in die Brust. Er starb zwei Tage später.

Wussten Sie, dass …

sich der Maler durch seine zahlreichen Selbstporträts die Kosten für ein Modell sparen wollte?

die Bilder van Goghs, heute die teuersten auf dem Kunstmarkt, zu seinen Lebzeiten unverkäuflich die Wohnung seines Bruders Theo in Paris verstopften?

Der Schrei von Edvard Munch: Entladung der Seele

Was ist auf dem Bild des Norwegers zu sehen?

Schräg zieht sich eine dunkle Brücke tief in das Bild hinein, unter ihr dunkelblaues Wasser. Der Himmel färbt sich im Abendrot in leuchtenden Farben. Ganz vorn auf der Brücke steht ein Mädchen, dem Betrachter zugewandt. Sie hat die Hände an den Kopf gelegt und schreit, schreit laut mit weit aufgerissenem Mund – oder ist es ein lautloser, erstickter Schrei in letzter Ausweglosigkeit?

»Der Schrei« entstand 1893 nach einem Spaziergang mit einem Freund: »An einem Abend ging ich auf einem Weg. Auf der einen Seite lag die Stadt, unter mir der Fjord. Die Sonne ging gerade unter, die Wolken färbten sich rot wie Blut. Ich empfand das alles wie einen Schrei, der durch die Natur ging. Ich glaubte, einen Schrei zu hören. Ich malte die Wolken wie richtiges Blut, die Farben schrien.«

Welchen Stellenwert hat das Gemälde in der Kunstgeschichte?

Munchs Bild zählt zu den berühmtesten Bildern der Kunstgeschichte. Es hat seit seiner Entstehung nicht an Faszination verloren und fesselt selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch den Blick des Betrachters. Das Bild schildert den Zustand von Angst und Entsetzen. Es tut dies mit aller Heftigkeit und zugleich auf eine Weise, die ohne jedes Pathos auskommt. Munch konfrontiert uns mit einem Schrei, der seine gesamte Bildwelt durchzieht; die Welt als solche scheint einzig psychisches Erleben. Körper, Holzbrücke, Wasser und Himmel, alles ist verzerrt, gezogen und verschlungen zu einer einzigen Aussage: dem Schrei. Die arabesken Linien und Formen werden noch intensiviert durch die Farbe. Kräftige, kontraststarke Töne spiegeln die entsetzliche Angst; nicht Gegenstandsfarben, sondern vor allem Schwarz mit Orange und Blau in einem kräftigen Komplementärkontrast symbolisieren Entsetzen. Der Betrachter des »Schreis« kann nicht anders als zusammenzuschrecken vor der ausweglosen Dramatik einer offengelegten Seele.

Wie autobiografisch ist das Werk?

Edvard Munchs Bilder sind malerische Verarbeitungen persönlicher Erlebnisse oder psychologischer Grenzsituationen, wie er sie seit seiner Kindheit erlebte. Er wuchs in Kristiania, heute Oslo, in einer protestantischen Arztfamilie einflussreicher Wissenschaftler und Künstler auf. Als er fünf war, starb seine Mutter, elf Jahre später auch seine Schwester Sophie an Tuberkulose. Sein Vater litt unter Depressionen und starb ebenfalls früh. Die beherrschenden Themen von Munchs frühen Bildern waren Krankheit und Tod. »Das kranke Kind« malte er 1885 und wiederholte es noch mehrfach als Radierung und Lithografie. Streng komponiert, liegt das Gewicht des Bildes auf dem Ausdruck der Gefühle, es markiert in seiner Vereinfachung Munchs Abkehr vom Naturalismus – nicht die direkte Darstellung der Wirklichkeit interessiert ihn fortan, sondern das subjektive Erleben.

Welchen Sujets widmete sich Munch außerdem?

Den Maler beschäftigte vor allem auch das Thema der weiblichen Sexualität. Edvard Munch hatte ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu Frauen. Er schwankte zwischen der Anerkennung der weiblichen Persönlichkeit und dem Gefühl, ihr durch seine sexuellen Bedürfnisse ausgeliefert zu sein.

»Pubertät«, das Bild eines Mädchens, das sich seiner Sexualität bewusst wird, malte er 1894. Das Mädchen ist keine Verführerin, es hat Angst und ist verunsichert. Sexualität und Angst – das Verhältnis von Mann und Frau als Bedrohung sind immer wiederkehrende Motive des Künstlers. Das Bild »Pubertät« gehörte wie die verführerische »Madonna« und der »Schrei« zum Lebensfries, einer seit 1892 ständig erweiterten Werkgruppe.

Wie ließ sich der Maler am Oslofjord inspirieren?

Seit 1889 verbrachte Munch viele Sommer in dem kleinen Fischerort Asgårdstrand am Oslofjord, wo er eine kleine Hütte besaß. 1902 malte er vier kleine Mädchen, die ihm bei einem Spaziergang in ihren Sonntagskleidern aufgefallen waren. Auch dieses Thema beschäftigte ihn längere Zeit. 1920 etwa variierte Munch das Bild mit den kleinen Mädchen am Strand für ein Wandgemälde der Osloer Schokoladenfabrik Freia.

Wussten Sie, dass …

eine Liebesbeziehung des Malers zu Tulla Larssen 1902 damit endete, dass Munch angeschossen wurde? Er verletzte sich dabei an der linken Hand.

Munchs Bearbeitungen des »Schreis« als Lithografie und Radierung heute zu den wichtigsten Druckgrafiken der Moderne zählen?

die Gemälde »Der Schrei«, von dem es mehrere Versionen gibt, und »Madonna« 2004 aus dem Munch-Museum in Oslo gestohlen wurden? Sie sind im August 2006 nahezu unbeschädigt wieder aufgetaucht.

Was für ein Leben führte der norwegische Maler?

Munchs Biographie ist geprägt von schöpferischen Höhenflügen und deprimierenden Abstürzen. Nach den Katastrophen seiner Kindheit – dem Tod der Mutter und der Schwester – litt Munch wie sein Malerkollege van Gogh an einer manisch-depressiven Erkrankung.

Nach einer ersten Ausbildung in Oslo ging Munch nach Paris, wo er durch die Symbolisten stark geprägt wurde. Ausstellungen in seiner Heimatstadt verliefen recht erfolgreich.

1892 zeigte Munch seine Bilder in Berlin. Wegen heftiger Proteste des konservativen Publikums wurde die Ausstellung schon nach einer Woche wieder geschlossen. Der Skandal verhalf dem Maler aber zu einer gewissen Berühmtheit. Nach einem weiteren Paris-Aufenthalt und Reisen durch Europa übersiedelte Munch 1909 nach Norwegen. Als er 1944 starb, vermachte er seine Bilder seiner Heimatstadt Oslo. Im 1963 eröffneten Munch-Museum sind sie bis heute zu sehen.

Toulouse-Lautrecs Salon in der Rue des Moulins: Kunst im Bordell

Warum malte Toulouse-Lautrec so viele Bordellszenen?

Weil das Moulin Rouge, die Bordelle und die Varietees am Pariser Montmartre sein zweites Zuhause waren. Mit großem Einfühlungsvermögen schilderte Henri Graf de Toulouse-Lautrec (1864–1901) in seinen Gemälden, Zeichnungen und Lithografien die Nachtansichten der Belle Époque. Die Prostituierten mochten den stets vornehm gekleideten »Zwerg vom Montmartre«, weil er sie ohne Vorurteile respektierte, und gestatteten ihm auch intime Einblicke.

Auch der »Salon« in der Pariser Rue des Moulins war ein Bordell. Seit 1892 quartierte sich Toulouse-Lautrec immer wieder in Bordellen ein, um dort die Prostituierten zu zeichnen. Auch für dieses Bild, das auf dem Höhepunkt seines Erfolges entstand, machte er mehrere Monate lang Studien.

Der Empfangsraum des Bordells ist pompös im orientalischen Stil mit üppig vergoldeten Wandspiegeln und einer roten Sofalandschaft ausgestattet. Die Pracht wirkt allerdings schon etwas abgenutzt und auch die Damen, die gelangweilt auf dem Sofa auf Kundschaft warten, sind nicht mehr die Jüngsten. Im Vordergrund sitzt die schöne Mireille, deren alternden Körper Toulouse-Lautrec durch den leichten Stoff ihres Rockes durchscheinen lässt. Neben Mireille, aufrecht und korrekt gekleidet wie eine Karikatur der Anständigkeit, sitzt Madame, die Geschäftsführerin des Etablissements.

Welche Absicht verfolgte der Künstler mit seinen Bildern?

Toulouse-Lautrec wollte mit seinen Zeichnungen und Bildern nicht zuletzt Verständnis für das Leben am Rande der Gesellschaft wecken – zumindest, soweit es Tänzerinnen, Prostituierte und Bohemiens betraf. Durch seine Verkrüppelung war er selbst eine Art Ausgestoßener geworden. Und im Lauf seines Lebens driftete er immer weiter in die Pariser Halbwelt ab. Seine Alkoholkrankheit war nur eine Folge davon.

Welche anderen Kunstwerke schuf der Maler neben seinen Gemälden?

Er malte Werbeplakate. Für seinen Freund, den Sänger Aristide Bruant, zeichnete Toulouse-Lautrec Liederhüllen und später auch Plakate. Als 1889 das berühmte Moulin Rouge in Paris eröffnete, wurde er auch hier ein häufiger Gast. Für einen Auftritt der bekannten Tänzerin La Goulue mit ihrem Partner Valentin »dem Knochenlosen« schuf er 1891 sein erstes Plakat in der Technik der Lithografie. Der Tänzer im Vordergrund und die Zuschauermenge im Hintergrund sind hier zu dekorativen Silhouetten reduziert, dazwischen erscheint als Blickfang hell erleuchtet im künstlichen Licht die virtuos gezeichnete Tänzerin. Mit diesem Plakat wurde Toulouse-Lautrec über Nacht zu einer Berühmtheit. Nach dem großen Erfolg bestellten viele Künstler Plakate direkt bei Toulouse-Lautrec. So auch die gefeierte Pariser Sängerin Jane Avril, die bei ihren Tänzen unschicklicherweise ihre Unterröcke zeigte (und mit Toulouse-Lautrec liiert war). Auch bei den Plakaten kamen Toulouse-Lautrecs Gespür für die Stimmung eines Ortes und das Flair des Augenblicks sowie seine Fähigkeit, gnadenlos und zugleich einfühlsam das Lebensgefühl seiner Zeitgenossen zu schildern, zur Geltung. Sie beeinflussten viele Künstlerkollegen nachhaltig in ihrer Arbeit.

Wie kam es zu dem Spitznamen »Zwerg vom Montmatre«?

Weil nach zwei schlecht ausgeheilten Oberschenkelbrüchen im Alter von 14 und 15 Jahren seine Beine verkrüppelt blieben und ihm zeit seines Lebens ein zwergenhaftes Aussehen gaben. Doch Toulouse-Lautrec hatte in anderer Hinsicht Glück. Er wurde 1864 in Albi geboren und wuchs in Paris auf, wo seine Eltern sein großes Zeichentalent nach Kräften förderten. Toulouse-Lautrec malte im Stil des Impressionismus und zeigte ein Talent für Karikaturen. Von 1886 bis 1897 unterhielt Toulouse-Lautrec ein Atelier am Montmartre. Anders als viele seiner Kollegen war er durch seine Familie finanziell abgesichert. Er besuchte regelmäßig die Cabarets, Theater und Varietees und fand dort die Motive seiner Bilder. Sein unstetes Leben forderte allerdings einen hohen Tribut: Toulouse-Lautrec war alkoholabhängig und erkrankte an Syphilis. 1899 wurde er in eine Klinik in Neuilly gebracht, zwei Jahre später starb er.

Wussten Sie, dass …

einer der berühmtesten Künstler, der später an Toulouse-Lautrecs Studien der unteren sozialen Schichten anknüpfen sollte, Picasso war?

Toulouse-Lautrec sich für seine Lithografien von den Malern Edgar Degas und Paul Gauguin sowie von japanischen Holzschnitten inspirieren ließ?

Fernand Cormon, ein Lehrer Toulouse-Lautrecs, auch Vincent Van Gogh als Schüler hatte?

Der Montagne Sainte-Victoire von Cézanne: Das Licht der Provence

Wieso schuf Cézanne so viele Bilder dieses Berges?

Weil es ihm nicht um eine Ansicht der Landschaft, sondern um das Wesen des dargestellten Motivs ging. Der Montagne Sainte-Victoire ist ein zentrales Thema in Cézannes Spätwerk, über 60 Mal hat er ihn gemalt. Das hier abgebildete Gemälde von 1896 zeigt uns den Blick des Malers durch die grünen Zypressen über den ockerfarbenen Steinbruch, in dem er eine Hütte für seine Malutensilien besaß, auf den bläulich schimmernden Kalkstein des Bergmassivs. Cézanne beschränkte sich auf wenige Farben: auf Blau, Ocker, Grün und Rot – die Farben der Provence. Mit einem breiten Pinsel trug er sie in einer Vielzahl von Nuancen in einem oft quälend langsamen Malprozess auf.

Bereits den Impressionisten ging es nicht mehr darum, ein fotografisch genaues Bild einer Landschaft zu produzieren. Cézanne ging noch einen Schritt weiter: Er analysierte die Landschaft und zerlegte sie in ihre Formbestandteile. Diese Formen setzte er in einer festen Struktur, die das Bild erstarrt wirken lässt, zusammen. Wie durch Kristalle schimmert das Licht durch die farbigen Formen, eine eindeutige Lichtquelle gibt es nicht mehr.

Welche Wirkung wollte er durch die Reduktion der Formen erzielen?

Um den Impressionismus »zu etwas Dauerhaftem zu machen«, fügte Paul Cézanne in seine Bilder eine ganz neue räumliche Struktur ein. Im Jahr 1886 malte er das erste Stillleben, in dem er verschiedene perspektivische Ansichten miteinander verband. Im Garten seines Hauses entstanden viele Versionen der »Badenden«, die neben den Bildern des Sainte-Victoire sein künstlerisches Vermächtnis werden sollten. Durch die starke Vereinfachung und Reduzierung auf geometrische Formen versuchte der Künstler, eine allgemein gültige Darstellung von menschlichen Körpern in einem klar strukturierten Raum zu schaffen.

Im April 1904, zwei Jahre vor seinem Tod, hatte Cézanne dem jungen Emile Bernard geschrieben, man könne eigentlich alle Formen der Natur auf Zylinder, Kugel und Kegel zurückführen. Diese mehr mathematische als künstlerische Theorie wurde von Pablo Picasso und Georges Braque aufgegriffen und in die Tat umgesetzt – Cézanne war dadurch zum Wegbereiter für eine der wichtigsten Strömungen des 20. Jahrhunderts geworden, den Kubismus.

Wie verlief seine künstlerische Entwicklung?

Seine frühen, dunkeltonigen Bilder zeigen deutlich das Vorbild des Romantikers Delacroix und des Realisten Courbet. In seiner Zeit in Auvers-sur-Oise lief er jeden Tag drei Kilometer nach Pontoise, um dort unter der geduldigen Anleitung von Camille Pissarro unter freiem Himmel mit immer helleren Farben zu malen. Pissarro war neben Renoir der Einzige, der Cézannes großes Talent erkannt hatte; nur auf dessen Fürsprache hin durfte Cézanne an der ersten Impressionistenausstellung teilnehmen. Die Kritiken waren vernichtend, und nachdem er auch auf der Ausstellung 1877 nur mit Spott überhäuft wurde, zeigte der Künstler seine Bilder fortan nur noch Freunden und Kollegen.

Nachdem er im November des Jahres 1881 nach Aix zurückgekehrt war, löste sich Cézanne in den nun folgenden Jahren immer mehr vom Impressionismus. In seinen Bildern von der provenzalischen Landschaft, von Boulespielern und in seinen Stillleben gelang ihm eine neue Seh- und Malweise, in der Form und Farbe, abgelöst von jeder gegenständlichen Bedeutung, zu einem autonomen Ausdruck fanden.

Wussten Sie, dass …

sich Paul Cézanne nur in seiner Heimat, der südfranzösischen Provence, wirklich wohlfühlte?

er nicht mehr erlebte, wie seine formalen Erkenntnisse die Kunstgeschichte prägten? Erst 1908 schufen Picasso und Braque unter Berufung auf Cézanne die ersten kubistischen Bilder.

Wurde Cézanne zu Lebzeiten anerkannt?

Nein. Paul Cézanne, im Jahr 1839 in Aix-en-Provence geboren, studierte zunächst Jura und arbeitete in der Bank seines Vaters. Erst 1862 begann er in Paris das Studium an der privaten Académie Suisse, um sich auf die Aufnahmeprüfung der Kunstakademie vorzubereiten. Hier lernte er Maler wie Degas, Monet, Renoir und Camille Pissarro kennen, blieb jedoch durch sein bäuerliches Auftreten unter den Künstlern ein Außenseiter. Erfolg mit seinen Bildern hatte Cézanne nicht. Von der Jury des Salon, der offiziellen Kunstausstellung in Paris, wurden sie abgelehnt und auch die Aufnahme an die Akademie der Schönen Künste schaffte er nicht.

1872 zog Cézanne nach Auvers-sur-Oise, 1881 nach Aix, 1902 an den Chemin des Lauves mit Blick auf den geliebten Sainte-Victoire. Die »Großen Badenden« waren sein letztes Bild, bevor er am 22. Oktober 1906 an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb.

Paul Gauguins Contes Barbares: Symbolistische Tagträume in Farbe

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Zwei fast nackte junge Polynesierinnen blicken melancholisch aus dem Bild. Das schwarzhaarige Mädchen hat seine Beine überkreuzt wie bei einer der Buddhastatuen, die Gauguin von Fotos kannte. Einige wenige exotische Blumen wachsen im Vordergrund, den Hintergrund bilden Bäume und Pflanzen mit üppigen rosa Blüten. Am linken Bildrand kauert ein hellhäutiger, rothaariger Mann, der eine Hand nachdenklich unter das Kinn gelegt hat. Er trägt die Gesichtszüge des Malers Meyer de Haan, der mit Gauguin in der Bretagne gemalt hatte. Die beiden Mädchen und der Mann schweigen. Es ist Gauguin, der die »Contes Barbares« erzählt: Sagen aus dem vergangenen Leben im Einklang mit der Natur. Das Bild entstand 1902 bei Gauguins zweitem Aufenthalt in Tahiti, ein Jahr vor seinem Tod. Den flächigen und farbenreichen Malstil hatte er schon früher entwickelt, in Pont-Aven, als er sich vom Impressionismus löste.

Wie kam Gauguin zum Symbolismus?

Gauguin, der zunächst vom Impressionismus fasziniert war, entwickelte nach der Rückkehr von seinem Panama-Aufenthalt – nicht zuletzt unter dem Einfluss japanischer Farbholzschnitte – den Malstil, den er bis zu seinem Tod beibehalten sollte: reine leuchtende Farben, die nicht mehr der Gegenstandsfarbe entsprechen, flächige Formen, betont durch dunkle Konturen. Nicht die Impression eines flüchtigen Augenblicks in der Natur wollte er einfangen (wie die Impressionisten), seine Bilder sollten das Innere des Menschen zeigen. Farbe ist für ihn symbolisierende Kraft, alles Dargestellte ist Symbol, Vision, soll Imagination wecken und Meditation bewirken und verweist zugleich auf Gedanken- und Glaubenswelten, auf die vielfältigen Beziehungen zwischen Mensch und Natur.

Bei der Weltausstellung 1889 faszinierte Gauguin der Pavillon der französischen Kolonien und sein Wunsch, in die Südsee zu reisen, wurde immer stärker. Um die Reise zu finanzieren, ließ er 30 Bilder versteigern, für stolze 10000 Franc, wie er seiner unversöhnlichen Frau berichten konnte.

Wann reiste Gauguin erstmals in die Südsee?

Im April 1891 schiffte sich Gauguin in Marseille ein und kam im Juni in Papeete an. Statt eines Paradieses erwartete ihn jedoch eine durch Kolonialismus zivilisierte Gesellschaft. Gauguin blieb ein Außenseiter, der beobachtete und malte. Später zog er nach Mataiea, 40 Kilometer weiter landeinwärts. Hier verbrachte er mit der jungen Polynesierin Tehà amana, die für viele seiner Bilder Modell saß, eine glückliche Zeit. Gauguin malte sehr viel, verkaufte jedoch nichts. Geldmangel, der Beginn der Syphilis-Erkrankung und Alkoholismus setzten dem Maler zunehmend zu.

Wie nahm man die neuen Bilder in Paris auf?

1893 reiste Gauguin mit seinen Bildern und Skulpturen nach Paris, erfüllt von der Überzeugung, dort Lob und Anerkennung zu ernten. Seine Ausstellung traf zwar auf großes Interesse, viele urteilten jedoch vernichtend. Enttäuscht und verbittert verließ er Paris nach zwei erfolglosen Jahren für immer.

Zurück in Papeete, malte er in den folgenden Jahren trotz seiner Krankheit und seines Elends viele melancholische und träumerische Meisterwerke wie die »Contes Barbares« – jedes Bild ein weiterer Beleg für seine Suche nach der Reinheit einer ursprünglichen Welt.

Wie wirkte Gauguins Werk weiter?

Die dekorativ-symbolistischen Bilder des französischen Malers beeinflussten viele Künstler: darunter die Fauves, die »Neuen Wilden«, mit Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck, die nun den Eigenwert der Farbe in den Mittelpunkt rückten. Auch die Expressionisten der »Brücke«, die mit der Verwandlung und Expression von Farbe experimentierten, stehen bis zu einem gewissen Grad bei Gauguin »in der Schuld«.

Wie wurde der Börsenmakler zum Maler der Wilden?

Noch in den 1870er Jahren arbeitete Paul Gauguin bei einem Börsenhändler in Paris. Er war verheiratet, hatte bereits vier der später fünf Kinder und sammelte Bilder der Impressionisten. Nach dem Börsenkrach von 1882 entschied er, sich nur noch der Malerei zu widmen. Seine Frau kehrte mit den Kindern nach Dänemark zurück. Ein erster Vorstoß in die Wildnis war 1887 eine Reise nach Panama. Erst 1891 kam der Maler in die Südsee. Nach der enttäuschenden Rückkehr nach Paris ging er 1893 endgültig nach Papeete.

Auf der Marquesas-Insel Hiva Oa baute er sich sein letztes Domizil, das er Maison de la Joie, »Haus der Freude«, nannte und mit Reliefs nackter Mädchen ausstattete. Hier erreichte ihn 1900 das Angebot des Kunsthändlers Ambroise Vollard, ihm für monatlich 300 Franc alle Bilder abzukaufen. Am 8. Mai 1903 starb Gauguin in seiner Hütte und wurde auf dem katholischen Friedhof von Hiva Oa begraben.

Wussten Sie, dass …

der Maler in seiner Kindheit mit seiner Mutter vier Jahre in Peru verbracht hatte?

sich der Maler bei einer Schlägerei den Knöchel verletzte, eine Verletzung, die nie mehr richtig heilte?

Gauguins Werk 1906 in einer Retrospektive in Paris ausgestellt wurde und nun die Kunstwelt in Begeisterung versetzte?

die Nachfahren der Tochter Tahiatikaometa, die ein Jahr vor Gauguins Tod zur Welt kam, noch heute auf der Südseeinsel Hiva Oa leben?

Konzertsaal und Hospital: Jugendstil à la Domènech i Montaner

Gegen welchen Baustil wandte sich Domènech i Montaner?

Wie der katalanische Architekt der Art nouveau, Antoni Gaudí, so profilierte sich Lluís Domènech i Montaner (1850–1923) mit seiner Architektur als Gegenpol zu den historisierenden Stilen des 19. Jahrhunderts. Im weltoffenen Barcelona stieß derartige Baukunst auf besonders fruchtbaren Boden, auch und gerade, weil sie es ziemlich bunt trieb. Als Bauleiter ließ Domènech i Montaner die Bauwerke mit einer Fülle an Zierrat versehen.

Was ist in den Gebäuden zu sehen?

Im Musikpalast empfängt den Besucher ein Farbenmeer aus Mosaiken aus den Händen von Luís Bru i Salellas – so die Allegorie der Musik an der Bühnenrückwand des Konzertsaals – sowie Skulpturenschmuck von Eusebi Arnau i Mascort und die Buntglasfenster von Antoni Rigalt i Blanch im Konzertsaal.

Das Hospital de la Santa Creu i Sant Pau (erster Bauabschnitt 1900–1911) überwältigt unter anderem mit der großen Treppe der Haupthalle des Verwaltungspavillons und der dortigen Gewölbeverglasung von Antoni Rigalt i Blanch sowie mit der dreischiffigen Halle (Sala d'Actes). Beeindruckend ist auch die Gartenanlage.

Wie ist der Konzertsaal gestaltet?

Domènech i Montaners Palau de la Música Catalana, der katalanische Musikpalast, besitzt eine monumental-polychrome Schale. Mosaiken, Arkaden, Säulen voller Bruchkeramik und die von Miquel Blay entworfene Skulpturengruppe »Das volkstümliche Katalanische Lied« sind die Ouvertüre des Gebäudes. Dahinter verbirgt sich der in ein Farbenmeer aus Buntglasfenstern getauchte Konzertsaal mit außerordentlich reicher Ornamentik und schwebender Leichtigkeit.

Durch die Flut an orange-blau-gelben Glaselementen der umgekehrten Kuppel, einem Zwanzigzentnerwerk von Antoni Rigalt i Blanch, tropft das Licht auf Künstler wie Zuhörerreihen hinab. Beiderseits des katalanischen Wappenmosaiks lugen aus dem Halbrund der Bühne farbige Frauengestalten hervor, die auf Leier, Violine, Flöte, Dudelsack und Laute Melodien erklingen lassen, die zum Hören nah scheinen. Darüber fliegen Wagners Walküren in ihrer steinernen Plastizität heran. Und überall scheint die Natur üppig zu gedeihen: auf Kapitellen und mosaikverzierten Pflanzensäulen zur Straße hin, als Blumenflor und Girlanden auf Glasfenstermotiven oder als Blütenstände aus Rosen, die sich reliefartig über die Decke des Konzertsaals ziehen.

Wie präsentiert sich die Eingangshalle des Hospitals?

Wenn ein Kranker die Eingangshalle des Hospitals de la Santa Creu i Sant Pau betritt und den Kopf in den Nacken legt, sieht er eine rosafarbene Kuppelwelt, und sein Blick bleibt an einem gläsernen Leuchter haften, der aus den farbigen Höhen herabhängt und jedem pompösen Opernhaus zur Ehre gereichen würde. Glaubt man sich schon auf der falschen Bühne des Lebens, entdeckt man den Hinweis auf den Wartesaal für die Notaufnahme, und unterdessen rauscht draußen ein Ambulanzwagen vorbei.

Wie unterscheidet sich das Krankenhaus von anderen Kliniken?

Hier ist manches anders als in landläufigen Kliniken: ein Krankenhaus, das als Gesamtkunstwerk kolorierte Frische statt Sterilität zu bieten hat. Der in mehr als ein Dutzend große Pavillons gegliederte Komplex ist ein avantgardistisches Kleinod.

Wie wird das Krankenhaus heute genutzt?

Noch heute anästhesieren, operieren und bandagieren Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte in einer Kulisse aus Backsteinbauten mit Schmuckeinlagen und Mosaiken, aus Pavillons mit verschnörkelten Türmchen und gekachelten Kuppeln in Blau und Gelb, in Grün und Orange. Von der Geburt bis zum Tod trägt das Leben einen gesunden Teint – Entbindungsstation und Pathologie sind gleichermaßen bunt dekoriert.

Wer nutzt den Konzertsaal?

Bis zu 2000 Besucher pro Auftritt, eine halbe Million pro Jahr, nehmen regelmäßig hier Platz, um Wohlklängen aus Klassik, Rock oder Jazz zu lauschen. Die Akustik gilt als perfekt, die Liste der Aufgetretenen liest sich wie ein »Who's who« der Musikgeschichte, von Herbert von Karajan bis Daniel Barenboim, von Plácido Domingo bis Montserrat Caballé.

Wussten Sie, dass …

der Konzertsaal von katalanischen Textilindustriellen in Auftrag gegeben worden war?

der Krankenhauskomplex mit Geldern aus dem Nachlass des Bankiers Pau Gil errichtet werden sollte? 1911 ging das Geld aus, als gerade ein Viertel der geplanten Gebäude fertiggestellt war.

beide Gebäude 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden?

Die Postsparkasse in Wien: Linear, geometrisch, funktionell

Was ist typisch für Otto Wagners Bauten?

In den Arbeiten des großen Wiener Architekten Otto Koloman Wagner spiegelt sich die Entwicklung der Architektur vom Historismus über den Jugendstil zum Funktionalismus wider. Sein letzter großer Bau, die Postsparkasse in Wien, ist ein Meisterwerk im Streben nach Vereinfachung der schönen und praktischen Form.

Mit welchen Bauten begann der Architekt seine Karriere?

In den ersten Jahren dominierten bei Wagner die Entwürfe für Mietshäuser, ob nun in der Stadiongasse oder der Universitätsstraße. 1892 gewann Wagner den Wettbewerb für einen Generalregulierungsplan für Wien und wurde mit der Durchführung beauftragt. Aus diesem Projekt wurden jedoch nur das Schleusenhaus in Nussdorf und die Stadtbahn (Wientallinie) realisiert. Äußerlich zwar noch in das florale Formenkleid des Jugendstils gehüllt, ist der in diesem Kontext entstandene Stadtbahnhof Karlsplatz eigentlich ein modernes Bauwerk mit Kern aus einem Stahlskelett.

Wie beschrieb Wagner seine künstlerische Idee?

Sein Idealbild von der Tätigkeit des Architekten präsentierte Wagner in der Antrittsvorlesung anlässlich seiner Ernennung zum Professor an der Akademie der bildenden Künste. Er forderte die Vereinigung von Architektur und Ingenieurbauwesen zu einer Baukunst, die heute unter den Begriff des Funktionalismus fallen würde. Es ging ihm um die Zusammenfassung von Fassade, Funktion und Bautechnik – oder darum, wie er es formulierte, »Form und Motive aus Zweck, Konstruktion und Material herauszubilden«. Statt dem Historismus mit seinen Mischungen aus verschiedenen Stilen zu frönen, forderte er eine neue, zeitgemäße Baukunst: sachlich, funktionell und in ausgewogenen Proportionen.

Wie fügt sich die Postsparkasse in Wagners Schaffen ein?

Das Werk markiert Wagners Hinwendung zum Linearen, zur geometrischen Gestaltung und zur Rationalität: Die Hauptfassade ist von schlichter Monumentalität und zeugt vom Verzicht Wagners auf traditionelle Bauornamentik. Die riesige Fassade wird seitlich durch deutlich betonte Fensterachsen gegliedert, in der Mitte erhebt sich der zentrale Baukörper mit Balkon und Vordach über dem Eingang. Die gesamte Fassade ist mit Marmorplatten verblendet, die mit bronzenen Bolzen geschickt befestigt wurden. Diesen teilweise gerillten, rechteckigen und gewölbten Bolzen ließ der Architekt Aluminiumköpfe aufsetzen. Dabei variiert der Beschlag zwischen Mittelbau und Seitenflügel durch die Dichte der gesetzten Beschläge, die nicht nur zweckmäßiges Bauelement, sondern zugleich Dekor sind. Die Kränze und die aus Aluminium gefertigten Frauengestalten, die in ihren Händen Kränze halten, sind hingegen ein »klassischer« Bauschmuck auf dem Dachaufbau.

Welche Rolle spielt das Licht in der Planung?

Das Licht ist ein wichtiger Faktor der Gesamtplanung. Das Gebäude wurde so angelegt, dass vier Innenhöfe zur Belichtung der Büros und der schönen Treppen dienen. Die Schalterhalle, die Wagner bis ins kleinste Detail selbst gestaltete und einrichtete, ist einer der schönsten öffentlichen Räume in Wien. Wieder verzichtet der Architekt auf Ornamente aus der Architekturgeschichte und erzielt die harmonische Raumwirkung durch das Zusammenspiel schlichter Schmuckformen. Die Lichtwirkung ist von größter Ausgewogenheit und zugleich funktionell angelegt: Das einfallende Licht scheint durch das gewölbte Milchglasdach in die Halle und von dort weiter durch die Glasbausteine im Boden in die darunterliegenden Räume.

Plante Otto Wagner mehr als er wirklich baute?

Ja – wobei er diese Erfahrung mit vielen Architekten teilt. Wagner entwickelte Entwürfe für zahlreiche Projekte in seiner Vaterstadt Wien, darunter ein technisches Museum, einen Neubau für die Kunstakademie oder Bauten für verschiedene Ministerien. Nichts davon wurde verwirklicht. Erfolgreich war Wagner dagegen mit Werken wie seiner Postsparkasse und der Kirche am Steinhof, mit verschiedenen Wohnhäusern und natürlich seinen theoretischen Schriften.

Wagner studierte Ingenieurwesen am Wiener Polytechnikum und Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Als Gewinner eines Wettbewerbs wurde er künstlerischer Kommissionsbeirat und lieferte großartige Entwürfe für die Wiener Stadtbahn und den Donaukanal.

Seine erste Ehe mit Josefine Domhart verlief unglücklich, private Erfüllung fand er, nach der Scheidung, mit seiner zweiten Frau, Louise Stiffel.

Wussten Sie, dass …

Otto Wagner gelegentlich von seinen eigenen Vorgaben abrückte? Bei der Wehr- und Schleusenanlage in Nussdorf verzierte er die Brückenköpfe mit Löwen und Laternen anstatt auf nüchterne Sachlichkeit zu achten.

Wagner sogar Möbel, Heizkörper und Lichtschalter der Postsparkasse selbst entwarf?

das Gebäude der Postsparkasse 2003–2005 umfassend saniert wurde? Dabei stand die Rückführung auf die vom Architekten beabsichtigte Gestalt im Vordergrund.

Der Kuss von Gustav Klimt: Sinnbild der Liebe

Welche Bedeutung hat Gustav Klimt?

Gustav Klimt war der Begründer und Hauptvertreter des Jugendstils der Wiener Künstlerbewegung der Sezession. »Der Kuss« entstand in seiner so genannten goldenen Periode, in der er Elemente der byzantinischen Mosaikkunst aus Ravenna aufgriff.

Wie wird der Kuss auf dem Gemälde dargestellt?

Eng umschlungen kniet ein Paar auf einem Blütenteppich. Der Mann hält den Kopf der Frau in seinen Händen und küsst sie auf die Wange. Die Frau schmiegt sich eng an ihn und legt ihren Arm um seinen Hals. Klimt hat in dem 1908 gemalten Bild in einer für ihn typischen Weise verschiedene räumliche Ebenen vermischt. Durch die Gewänder der Küssenden ist ein großer Teil des Bildes mit Blattgold bedeckt. Diese goldene, reich mit abstrakter Ornamentik geschmückte Fläche ist zweidimensional, ebenso der Blütenboden und der nicht näher charakterisierte Hintergrund. Nur die unbedeckten Gesichter sowie die Hände und Füße der Küssenden sind dreidimensional dargestellt.

Was bedeuten die Ornamente?

Die Gegenüberstellung von plastischer Körperhaftigkeit und linear-dekorativen Elementen ist typisch für Klimts Werke aus den Jahren 1900 bis 1910. Die Schönheit der Frau und die Kraft des Mannes – seit der Antike ein klassischer Gegensatz – spiegelt sich auch in der Ornamentierung: Der Umhang des Mannes ist mit rechteckigen, strengen Formen verziert, das Kleid der Frau mit weichen fließenden Blütenmotiven. Als symbolisch aufgewertetes Motiv war der Kuss ein typisches Bildthema von Symbolismus und Jugendstil in der Zeit nach 1900, in der vor allem Sexualität, Liebe und Tod die Künstler beschäftigten.

Wie verlief Klimts künstlerische Entwicklung?

Der Maler begann seine künstlerische Laufbahn in den 1880er Jahren mit Wandgemälden im Stil des gefeierten Historienmalers Makart. Bis 1880 entstanden etwa die Ausmalungen im Kurhaus und Theater in Karlsbad und im Treppenhaus des Wiener Burgtheaters. Klimt löste sich Anfang der 1890er Jahre unter dem Einfluss des Symbolismus vom Historismus. Er machte sich als Porträtmaler mit ornamental-flächig aufgefassten Bildnissen von Damen aus der Wiener Gesellschaft einen Namen. Landschaften malte er dagegen selten, aber auch bei ihnen wird die Tendenz zu mosaikhafter, flächiger Ornamentik deutlich.

Wie reagierten die Zeitgenossen auf Klimts Werke?

Der Künstler sah sich bis kurz vor seinem Tod heftigen Anfeindungen ausgesetzt. So führten seine 1901 bis 1903 entstandenen Deckenbilder für das Universitätsgebäude in Wien zu öffentlichen Protesten und kosteten Klimt die schon sicher geglaubte Professur. Die symbolischen Darstellungen von Jura und Philosophie galten als unpassend, die Darstellung einer nackten Schwangeren zum Thema Medizin wurde als obszön beschimpft.

Was wurde am »Beethovenfries« kritisiert?

Auch Klimts »Beethovenfries« wurde mit Unverständnis aufgenommen, einige Kritiker bezeichneten ihn als gemalte Pornografie. Für die Ausstellung der Sezession 1902 war ein Gesamtkunstwerk mit dem Gebäude Josef Olbrichs, der Beethovenstatue Max Klingers und Klimts Fries zu Beethovens Neunter Symphonie geschaffen worden. Schon hier findet sich in der Schlussszene das Motiv des sich umarmenden Paares und noch einmal begegnet man ihm im Palais Stoclet in Brüssel, einem Gebäude des Sezessionisten Josef Hoffman, das Klimt von 1905 bis 1909 ausschmückte.

Welche Ausbildung erhielt der spätere Gründer der Sezession?

Gustav Klimt (1862–1918) war der Sohn eines verarmten böhmischen Goldschmieds. 1876 bis 1882 studierte er an der Wiener Kunstakademie und arbeitete dann für den Maler und Dekorationskünstler Hans Makart. Er begründete 1897 gemeinsam mit 18 Gleichgesinnten die Wiener Sezession – die österreichische Variante des Jugendstils – und wurde ihr Präsident.

Zwar blieb Klimt die ersehnte Universitätsprofessur versagt, aber als Porträtist des jüdischen Großbürgertums hatte er durchaus auch finanziellen Erfolg. Der Maler blieb unverheiratet, hatte aber zu verschiedenen Frauen – unter anderem zu Alma Mahler-Werfel und Emilie Louise Flöge – erotische Beziehungen.

Gustav Klimt starb an einer Lungenentzündung als Folge eines Schlaganfalls im Kriegsjahr 1918 – kurz vor dem Ende des Österreich-Ungarischen Reiches, in dem er gelebt hatte. Er ist auf dem Hietzinger Friedhof in Wien begraben.

Wussten Sie, dass …

die Deckenbilder, die Klimt für die Universität Wien angefertigt hatte, 1945 im Zweiten Weltkrieg verbrannten?

Klimt einen unehelichen Sohn hatte, den für seine Nazi-Propagandafilme (z. B. »Heimkehr« von 1941) bekannten Regisseur Gustav Ucicky?

der österreichische Architekt und Kunsttheoretiker Adolf Loos einer der schärfsten Kritiker Klimts war? Die Verwendung von Ornamenten in der Kunst bezeichnete er als »Verbrechen«.

Georges Braques Häuser und Bäume: Formensprache des Kubismus

Was bedeutet Kubismus?

Der Kubismus führt seine Objekte auf geometrische Grundformen zurück, zerlegt sie und fügt sie in flächigen Kompositionen wieder zusammen. Das Wort leitet sich vom lateinischen »cubus« (Würfel) ab. Der französische Maler Georges Braque (1882–1963) gehört, neben Pablo Picasso, zu den Begründern dieser Richtung. Der Kubismus, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstanden, stellt eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der abstrakten Malerei dar.

Wie begann Braques künstlerische Laufbahn?

Er absolvierte zunächst ein paar Kurse in Kunstschulen und arbeitete vorerst als Dekorationsmaler. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts zog er von Le Havre, der Stadt seiner Jugend, nach Paris. In den Malklassen der Pariser Académie Humbert erfuhr er eine geregelte Ausbildung. In Museen studierte er griechische und ägyptische Skulpturen und die Impressionisten. 1904 bezog er ein eigenes Atelier. Unter dem Einfluss der »Fauves«, der »Wilden« um Henri Matisse, begann er, Bilder im neuen Stil des Fauvismus zu malen.

Welches Erlebnis brachte den Maler zum Kubismus?

Im Jahr 1907 kam es zu einer entscheidenden Begegnung mit Picasso. Zunächst hatte Braque wirtschaftlichen Erfolg und verkaufte alle Bilder, die er in einer Ausstellung präsentiert hatte. Darüber hinaus gewann er die Aufmerksamkeit des Kunsthändlers Daniel-Henri Kahnweiler, der eine wesentliche Rolle in seiner Entwicklung spielen sollte. Kahnweiler machte ihn mit dem avantgardistischen Dichter Guillaume Apollinaire bekannt, der ihn wiederum Picasso vorstellte. In dessen Atelier sah Braque das gerade entstandene Bild »Les Demoiselles d'Avignon«. Es verwirrte und faszinierte ihn zugleich. Das Bild, das fünf weibliche Aktfiguren mit maskenhaften Köpfen zeigt, läutete die Geburtsstunde des Kubismus ein. In Abwendung von der leuchtenden Farbigkeit des Fauvismus änderte Braque seine Malweise radikal. Er und Picasso sollten in den nächsten Jahren in einer Art Wettstreit und regem Gedankenaustausch den neuen Stil intensivieren und weiterentwickeln.

Wie sah die Kritik Braques erste kubistische Gemälde?

Der Kritiker Louis Vauxcelles schrieb eine denkwürdige Rezension über Braques Ausstellung in der Galerie Kahnweiler: »Braque ist ein wagemutiger junger Mann. Das verwirrende Beispiel von Picasso und Derain hat ihn erkühnt ... Er missachtet die Form und reduziert alles, Orte, Figuren und Häuser, auf geometrische Schemata, auf Kuben.«

Braques erste kubistische Gemälde, darunter auch »Häuser und Bäume«, waren 1908 während eines Aufenthalts in der ländlichen Idylle von L'Estaque entstanden, wo schon Cézanne Inspiration gesucht hatte. Der Pariser Herbstsalon lehnte die Werke ab, Kahnweiler stellte sie aus.

Was sind die wesentlichen Elemente von »Häuser und Bäume«?

Das Bild setzt sich aus wenigen elementaren Motiven und einfachsten Flächen und Formen zusammen. Braques Farbspektrum ist hier auf Ocker- und Grüntöne beschränkt, das Blau des Himmels fehlt bei diesem wie auch bei fast allen anderen Darstellungen der Landschaft von L'Estaque völlig. Das passt zur motivischen Konzentration auf Bäume und Häuser, die darüber hinaus mit ihrer hellen und dunklen Farbgebung nicht den Gesetzen von Licht und Schatten folgen. »Schraffierungen«, wie sie schon Cézanne anwandte, mildern die Härte der Kanten der kubischen Bildelemente. So erschuf Braque eine sehr dichte und kraftvolle Komposition.

Wie entwickelte Braque seinen Stil weiter?

In der Folgezeit entfernte sich Braque immer weiter von der seit der Renaissance geltenden Perspektive und machte auch die normalerweise verborgenen Seiten eines Gegenstandes sichtbar. Er wandte sich zunehmend dem Stillleben zu, während sich Picasso stärker mit dem Figürlichen beschäftigte. Der musikalisch begabte Braque erweiterte das kubistische Repertoire um Musikinstrumente und integrierte zudem mit der Schablone gezeichnete Buchstaben und Zahlen. Und er experimentierte mit Sand und Sägemehl, das er den Pigmenten beimischte. 1912 widmete er sich mit seinen Papiers Collés der Collagetechnik: Tapetenstücke, Zeitungsausschnitte, Stofffetzen, Etiketten und andere »Alltagsreste« werden mit in die Komposition aufgenommen.

Wussten Sie, dass …

sich Georges Braque 1915, im Ersten Weltkrieg, eine Kopfverletzung zuzog, die ihm bis 1917 die Arbeit unmöglich machte?

Braque, trotz angeschlagener Gesundheit, zwischen 1949 und 1956 noch die Serie »Ateliers« mit acht Ölgemälden realisierte?

der Künstler 1963, wenige Monate vor seinem Tod, in 27 Lithografien die Arbeiten des französischen Dichters René Char illustrierte?

Kirchners Mädchen unter dem Japanschirm: Farbe und Kontraste

Welche Bedeutung hatte Kirchner für den Expressionismus?

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1939) war die führende Persönlichkeit der »Brücke«, der ersten deutschen Künstlergruppe des Expressionismus. Diese Vereinigung postulierte einfache Formen, klare Farben und unmittelbaren Gefühlsausdruck als zentrale Ansprüche an die Kunst. Kirchners Werke zählen zu den kraftvollsten Schöpfungen des Expressionismus.

Was war das Besondere am Selbstverständnis der »Brücke«?

Die Begründer Ernst Ludwig Kirchner und seine Studienfreunde Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl verstanden ihren Zusammenschluss als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Im September 1906 zogen sie in ein Ladenlokal in der Dresdner Altstadt ein und statteten es mit selbst gebauten Möbeln aus. Erst im Jahr zuvor hatte Kirchner sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Dresden abgeschlossen. Gemeinsam malten die Freunde in der Natur rund um Dresden, gerne an den Moritzburger Seen. Dabei entwickelten die in ihrer Gemeinschaft eng verbundenen Künstler einen kollektiven Malstil, der sich sowohl am Neoimpressionismus Vincent van Goghs und Paul Gauguins als auch an den Pariser Fauves (die »Wilden«) um Henri Matisse orientierte. Schon bald schufen die Maler Landschaften, Badeszenen und Zirkusmotive in einem flächigen, auf reinen Farben aufgebauten Malstil, der sich nicht am Naturvorbild, sondern am Ausdruckswert der Farbe orientierte. Ursprünglich und unmittelbar sollte ihre Kunst sein, leidenschaftlich, aggressiv und ausdrucksstark – der Beginn der expressionistischen Malerei.

Welche Gestaltungselemente bestimmen das »Mädchen«?

Kirchners bevorzugtes Motiv in seiner Dresdner Zeit war der erotische weibliche Akt, so auch bei diesem Bild aus dem Jahr 1909. Das Bild lebt ganz durch die Farbe, sie ist gemäß der Ideen der »Brücke« von der Form und dem realen Vorbild befreit und spricht eine eigene, lebhafte Sprache. So ist die Haut des Mädchens gelborange, die Schatten darauf sind rosa, blau und grün. Die Farben werden in breiten Flächen aufgetragen und durch dunklere Konturen zusätzlich betont. Kirchner und seine Kollegen von der »Brücke« arbeiteten wie ihre Vorbilder van Gogh und Gauguin mit Komplementär-Kontrasten, um die Leuchtkraft der Farben in ihren Bildern zu steigern. Solche Kontraste entstehen, wenn eine der reinen Farben Rot, Gelb oder Blau mit einer Mischung aus den anderen beiden kombiniert wird: also Rot mit Grün, Gelb mit Violett und Blau mit Orange.

Wie seine Mitstreiter war Kirchner leidenschaftlich an außereuropäischer Kunst interessiert, man schätzte deren vermeintlichen Ausdruck des Ursprünglichen – der japanische Schirm spiegelt dieses Interesse.

Hatte die »Brücke« öffentlichen Erfolg?

Ja, und zwar erstmals in Berlin, wohin Kirchner den anderen Mitgliedern der »Brücke« im Oktober 1911 gefolgt war. Die hektische Atmosphäre der Großstadt mit ihrem Verkehr, dem Nachtleben und den sozialen Gegensätzen brachte für die »Brücke«-Maler viele neue Anregungen, die jeder von ihnen auf eigene Weise in seinen Werken verarbeitete. Kirchner begann in Berlin Straßenszenen mit mondänen Halbweltdamen in einem neuen Malstil mit kurzen, heftigen Farbstrichen und zugespitzten Formen zu malen. Er versuchte, die Hektik Berlins in Form und Farbe umzusetzen, bevorzugt in schrillen Kontrasten von kaltem Rot, Lila, Blau und Grün.

1912 fand die erste umfassende Präsentation der Gruppe und eine Einzelausstellung von Kirchner statt. Bei der zweiten Ausstellung der Münchner Künstlergruppe »Blauer Reiter« war die »Brücke« mit ihrer Druckgrafik vertreten. Vor allem der Holzschnitt entsprach ihrer Vorstellung von einer urtümlichen handwerklichen Kunstform.

1913 kam es zur Auflösung der »Brücke«. Der Anlass war eine von Kirchner verfasste Chronik der Vereinigung – Heckel, Schmidt-Rottluff und Otto Mueller warfen ihm vor, seine eigenen Verdienste zu stark betont zu haben.

Wussten Sie, dass …

Kirchner das Programm der »Brücke« als Holzschnitt gestaltete?

die Nationalsozialisten Ernst Ludwig Kirchners Bilder ächteten? 639 seiner Werke wurden beschlagnahmt, einige davon 1937 als »entartete Kunst« ausgestellt.

der Künstler sich am 15. Juni 1938 in seinem Haus im Davoser Tal erschoss? Eines der Motive war das Entsetzen über den Umgang Deutschlands mit seiner Kunst.

Welche Folgen hatte der Militärdienst für Kirchner?

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Im September 1915 wurde er nach einem Zusammenbruch freigestellt und in ein Sanatorium gebracht. Die Angst wieder eingezogen zu werden, lähmte ihn regelrecht. Nach seiner Genesung ließ er sich im Davoser Tal in der Schweiz nieder. Die Sommer verbrachte er auf der Staffelalp und widmete sich seinem neuen großen Themenbereich, den grandiosen Alpen und dem naturverbundenen Leben der Davoser. Nun überarbeitete er viele seiner alten Gemälde und datierte sie vor, um seinen Führungsanspruch in der »Brücke« zu belegen.

Emil Noldes Tanz um das Goldene Kalb: Neue Form religiösen Ausdrucks

Wie begann Noldes künstlerische Entwicklung?

Während seiner Zeit als Lehrer in der Schweiz, ab 1892, beschäftigte sich Nolde intensiv mit der zeitgenössischen Malerei. Es entstanden erste künstlerische Arbeiten, vor allem Landschaftsaquarelle, deren Anerkennung es ihm bald ermöglichte, als freischaffender Maler zu arbeiten. Nolde ging nach München, bildete sich weiter. Größere Erfolge erlangte er ab 1906, als er sich vorübergehend der »Brücke« anschloss, der in Dresden gegründeten Vereinigung expressionistischer Künstler. Das Unmittelbare, Unverfälschte, das die »Brücke«-Maler verfochten, war auch Noldes künstlerisches Ziel. Er suchte die Tiefe des Gefühls in seinem Schaffen.

Die verschiedenen figürlichen Kompositionen und Naturdarstellungen lassen bereits deutlich erkennen, dass die leuchtende, kontrastreiche Farbigkeit zum elementaren Ausdrucksmittel seiner Malerei werden sollte. Sein Stil zeigt das Holzschnittartige, das für die Künstler des deutschen Expressionismus so charakteristisch ist, bei Nolde aber auch Ausdruck seiner Ausbildung zum Holzbildhauer.

Wie beurteilte die Kirche Noldes religiöse Bilder?

Die Kirche konnte mit Noldes seit 1909 entstandenen religiösen Bildern lange nichts anfangen. Der Maler verknüpfte darin Ekstase, Exotik, expressionistische Ausdruckskraft und christliche Religiosität zu einer sehr eigenwilligen Darstellung biblischer Themen. Doch für Nolde war der Glaube eine unmittelbare, sehr subjektive Offenbarung, die seine Bilder vermitteln sollten.

Welche Motive bestimmen den »Tanz« ?

Der entfesselte und rauschhafte Tanz der vier exotischen Frauenfiguren vor dem goldenen Standbild des Stieres wirkt wie ein »heidnisches« Motiv, das an antike oder »primitive« Riten erinnert. Ekstase und Rausch waren für Nolde, der selbst leidenschaftlich tanzte, grundlegende Elemente des Tanzes. Diese dionysische, abgründige Seite des Tanzes, die den Tänzer zu seinen tiefsten Empfindungen und in die selbstvergessene Trance führt, stellte er in mehreren Bildern dar.

Inspiriert wurde Nolde dabei von der damals modernen Bewegung des Ausdruckstanzes. Der Maler, der mit Mary Wigman (1886–1973) und anderen Tanzpionierinnen seiner Zeit befreundet war, hat diesen Einfluss immer wieder bestätigt. In seinem »Tanz um das Goldene Kalb« äußert sich ganz unmittelbare, ursprüngliche und sinnliche Religiosität, zu der auch die erotischen Anklänge des Bildes keinen Widerspruch bilden.

Welche Funktion haben Form und Farbe im »Tanz um das Goldene Kalb«?

Darstellungen wilder Tänze finden sich bei Nolde seit 1909, als er die »Wildtanzenden Kinder« malte. Im »Tanz um das Goldene Kalb« ist die Farbe noch freier und ungestümer aufgetragen. Auch das Kleinteilige, typisch Impressionistische, das die frühen Bilder noch prägte, ist hier zugunsten einer Konzentration auf einfache, kraftvolle Formen und wenige leuchtende Farben verschwunden.

Die vier Frauen, die stampfend umherwirbeln, sind umgeben von schemenhaft angedeuteten Zuschauern und Musikern. Die Körper dreier Tänzerinnen leuchten golden, ebenso der Stier im Hintergrund, ihre Haare wehen rot. Die vierte Tänzerin, violett mit blaugrünem Haar, nimmt farblich das kalte Blau des Himmels auf und kontrastiert mit dem warmen Grundton – Gelb, Orange und Rot– des Bildes. Die extreme Stimmung des Themas spiegelt sich in der äußerst kontrastreichen Farbgestaltung.

Wussten Sie, dass …

der Schriftsteller Siegfried Lenz in seinem berühmten Roman »Die Deutschstunde« (1968) Emil Nolde ein literarisches Denkmal gesetzt hat? Die Romanfigur des Malers Max Ludwig Nansen geht auf Emil Nolde zurück. Die bitteren Jahre des Künstlers in der NS-Zeit fanden hier ihren literarischen Niederschlag.

das Nolde-Museum in Seebüll in dem 1927 vom ihm selbst entworfenen, ehemaligen Wohnhaus des Künstlers untergebracht ist?

Wie wurde aus Emil Hansen Emil Nolde?

Emil Nolde (1867–1956), eigentlich Hansen, stammte aus einem Dorf in Nordschleswig. Der Name des Dorfs: Nolde. Seit 1902 nannte sich Emil Hansen also Nolde.

Als Bauernkind und viertes von fünf Geschwistern lernte er die harte Arbeit auf dem Land kennen, absolvierte dann eine Lehre als Holzbildhauer, arbeitete als Schnitzer und Zeichner in Möbelfabriken und schließlich als Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Sankt Gallen. Er war schon Mitte 30, als sich sein immenses künstlerisches Potenzial offenbarte. Mit seinen Landschaften, Porträts, Blumenbildern und nicht zuletzt den religiösen Motiven wurde er zu einem führenden Vertreter des deutschen Expressionismus.

Überzeugt vom überlegenen Wert der »germanischen Kunst«, sympathisierte er stark mit dem Nationalsozialismus, zog sich aber 1941 verbittert zurück, als die Nazis seine Bilder als »entartete Kunst« einordneten.

Wassily Kandinskys Aquarell Ohne Titel: Wege zur Abstraktion

Wie stieg Kandinsky in die Kunstszene ein?

1896 kam Wassily Kandinsky (1866–1944), eigentlich Jurist, aus Russland nach München. Nach kurzer Studienzeit bei Anton Azbé und Franz von Stuck gründete er die Künstlervereinigung »Phalanx«. Hier lernte der verheiratete Kandinsky die Malerin Gabriele Münter (1877 bis 1962) kennen. Auf gemeinsamen Reisen entstanden impressionistische Landschaftsbilder und märchenhafte Bilder im Jugendstil, die Kandinskys Heimat zum Thema hatten.

Wie veränderte sich Kandinskys Stil in Murnau?

Gabriele Münter mietete 1909 im idyllischen Murnau am Staffelsee ein Haus, »Russenhaus« nannten es die Murnauer. Die Zeit in Murnau bedeutete den Abschied von der impressionistischen Malweise und die Hinwendung zum Expressionismus. Kandinsky übertrug die leuchtende Farbigkeit seiner früheren Bilder auf die Landschaften und Dorfansichten aus Murnau. Die Farben lösten sich zunehmend von der Gegenstandsfarbe und immer öfter schlichen sich undefinierbare, ungegenständliche Elemente in seine Bilder.

Wer war der »Blaue Reiter«?

Der Name einer Künstlervereinigung. Zu den wenigen Bewunderern der Murnauer Bilder gehörte der Maler Franz Marc (1880–1916). Mit ihm, Münter und August Macke (1887–1914) verließ Kandinsky die von ihm gegründete »Neue Künstlervereinigung München«, in der seine zunehmende Abstraktion auf Unverständnis stieß. Kandinsky und Marc schlossen sich zur Redaktion »Der Blaue Reiter« zusammen, veranstalteten zwei Ausstellungen und veröffentlichten 1912 einen Almanach unter gleichem Namen. Mit dem frühen Tod Franz Marcs und August Mackes im Ersten Weltkrieg war die Zeit des »Blauen Reiters« vorüber.

Was macht das namenlose Bild so interessant?

Das Aquarell »Ohne Titel« gilt als Kandinskys erstes vollkommen abstraktes Bild. Es entstand nach Angaben des Malers schon 1910, vermutlich aber erst 1913. Verschiedene Erlebnisse wie Spiegelungen Moskaus in der Moskwa, Farbhalluzinationen während einer Lohengrin-Aufführung und der Eindruck, den ein auf dem Kopf stehendes Bild in der Dämmerung auf ihn machte, hatten Kandinsky dazu gebracht, die gegenständlichen Elemente in seinen Bildern zunehmend zu reduzieren. Das Ziel seiner Bilder sollte sein, im Betrachter durch Formen und Farben einen »inneren Klang« hervorzurufen, ähnlich wie es die Musik vermag. Auf die Musik weisen jetzt auch die Bildtitel hin wie »Komposition« oder »Improvisation«.

Was bedeuten die Farben?

In seiner theoretischen Schrift »Über das Geistige in der Kunst« von 1911 notierte Kandinsky, Farben und Formen besäßen Klänge und Eigenschaften. Gelb sei eine spritzige, aggressive Farbe, Rot dynamisch und voller Energie, Grün die Farbe der Ruhe, und Blau sei die Farbe des Himmels, des Transzendenten. Mit diesen Worten vollzog Kandinsky den revolutionären Schritt zur reinen Abstraktion in der Kunst. Auch in der Praxis setzte er seine Überlegungen um: Gemeinsam mit den Formen, dem aggressiven Dreieck, dem energiereichen Quadrat und dem in sich ruhenden Punkt finden wir die Farben in seinen Bildern wieder, wo sie Bewegung, Spannungen und Harmonie ausdrücken.

Wo lebte Kandinsky?

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste Kandinsky 1914 Deutschland verlassen und fand in Russland Anschluss an die Konstruktivisten. Enttäuscht von den politischen Entwicklungen ging er 1922 als Lehrer ans Bauhaus nach Weimar. Immer noch beschäftigte ihn der Charakter von Farben und Formen und er machte Umfragen unter den Studenten über Fragen wie »Welche Farbe hat ein Quadrat?« Die Bilder der Bauhauszeit waren Weiterentwicklungen seiner früheren Kompositionen aus Formen und Farbklängen, aber viel klarer und grafischer als zuvor.

1933 trieben Kandinsky die politischen Verhältnisse ins Exil nach Paris. Dort setzte er sich am Ende seines künstlerischen Schaffens mit dem Surrealismus seiner Freunde Joan Miró und Hans Arp auseinander.

Wussten Sie, dass …

die Künstlervereinigung »Phalanx« wegen ihrer Avantgarde-Ausstellungen auch als »Freche Wanze« bezeichnet wurde?

das »Russenhaus« in Murnau heute ein Museum ist, in dem sehr persönliche Kunstwerke wie von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky bemalte Möbel zu besichtigen sind?

Kandinskys Bilder 1937 von den Nationalsozialisten in der Ausstellung »Entartete Kunst« gezeigt wurden?

Franz Marcs Blaues Pferd I: Natursymbolik des Expressionismus

Warum malte Franz Marc vorzugsweise Tiere?

Marcs Schaffen war getragen von einem fast religiösen Streben nach künstlerischer »Reinheit« und das Tier erschien ihm als Sinnbild mystischer Einheit mit der Natur. In zahllosen Skizzen, Aquarellen und Gemälden beschäftigte er sich mit Tierdarstellungen, bevorzugte Motive waren Pferde und Rehe. Mit einem an dem französischen Maler Robert Delaunay (1885–1941) geschulten Kolorismus und stark stilisierter Formgebung gelang es ihm auf der Leinwand, der Präsenz der Tiere höchste Eindringlichkeit zu verleihen. Zwischen 1911 und 1914 schuf Franz Marc eine ganze Serie von Bildern mit Pferden in allen drei Primärfarben, darunter »Die großen blauen Pferde«, »Rotes und blaues Pferd«, »Die kleinen gelben Pferde« und »Blaues Pferd I«.

Wie komponierte der Maler »Blaues Pferd I«?

»Blaues Pferd I« zählt zu den besonders reizvollen und charakteristischen Marc-Bildern: Vor einer Hügelkette in den Primärfarben Blau, Gelb und Rot sowie den abgetönten Sekundärfarben Violett und Grün verharrt auf einer kleinen Fläche – in den Komplementärfarben Grün und Rot – ein blaues Pferd im Halbprofil, den sanften Schwung der Hügelrücken durch den leicht gesenkten Kopf anmutig in die entgegengesetzte Richtung fortführend. Die Geste steigert die Ausdruckskraft des edlen Tieres und suggeriert eine fast menschliche Empfindsamkeit, etwa an das Porträt eines scheuen Mädchens erinnernd.

Mit der – gegenüber Franz Marcs späterem Werk und dessen stärker zersplitterten Struktur – noch sehr dem Gegenständlichen verhafteten Darstellung kontrastiert deutlich die antinaturalistische Kolorierung in verschiedenen Blautönen.

Welche Funktion hat die Farbe Blau?

Die formatfüllende Präsenz des blauen Pferdes betont den Führungsanspruch dieser Farbe als Symbol des Geistigen, das damit seine Dominanz über das Materielle – verkörpert durch die Farbe Rot – demonstriert. Die meisten Bilder des Künstlers Marc basieren auf einer differenzierten Farbsymbolik, die teils schon im Titel – »Die roten Pferde«, »Die gelbe Kuh«, »Rotes Reh« – zum Ausdruck kommt. Doch die Farbe Blau nahm für Marc und seinen künstlerischen Weggefährten Kandinsky eine Sonderstellung ein, was allein schon durch die Benennung des Almanachs »Der Blaue Reiter«, einer Art Programmschrift der modernen Kunst, deutlich wird. Damit stellten sie sich in eine aus der Romantik gespeiste Tradition; erinnert sei an das Sehnsuchtssymbol der »Blauen Blume« des Dichters Novalis (1772–1801).

Wie definierte Marc sein Farbsystem?

»Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal, schwer und stets die Farbe, die von den anderen bekämpft und überwunden werden muss!«, heißt es dazu in Marcs Farbtheorie. Dieser furiose Kampf der Farben ist allegorisch zu verstehen – nicht zuletzt als vage Hoffnung auf einen visionären Neuanfang in einer höheren, geistigen Welt, den sich der 1916 vor Verdun gefallene Künstler für die Zeit nach dem Krieg erhofft hatte.

Wer prägte den Namen »Blauer Reiter«?

Wassily Kandinsky (1866–1944), Mitglied dieser Künstlervereinigung, die er gemeinsam mit Franz Marc, Paul Klee (1879–1940) und August Macke (1887–1914) gegründet hatte, erinnerte sich später: »Den Namen —Blauer Reiter‹ erfanden wir am Kaffeetisch … beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich Reiter«. Kandinsky steuerte das Motiv des blauen Reiters mit aufgebäumtem Ross – sein Bild »Der Heilige Georg« von 1906 – für den Umschlag des 1912 erschienenen Almanachs »Der Blaue Reiter« bei.

Die Künstler des »Blauen Reiters«, dem auch Gabriele Münter (1877–1962), Marianne von Werefkin (1860–1938), Alexej Jawlensky (1864–1941), Alfred Kubin (1877–1957) sowie der Komponist Arnold Schönberg (1874 bis 1951) angehörten, fanden sich nicht nur in programmatischer Hinsicht zusammen. Sie verfolgten mit ihren Ausstellungen auch den Zweck, ihre Kunst »unters Volk« zu bringen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs löste sich die Vereinigung auf.

Wussten Sie, dass …

Franz Marc einer verstörten Ausstellungsbesucherin schlagfertig konterte? Die Dame hatte angesichts von Marcs Gemälden angemerkt, Pferde seien doch nicht blau. Marc soll geantwortet haben, dass es sich ja auch nicht um ein Pferd handle, sondern um das Bild eines Pferdes.

die Eheschließung des Malers mit der Künstlerin Maria Franck 1911 in London in Deutschland nicht anerkannt wurde und deshalb wiederholt werden musste?

Wie wurde Franz Marcs Interesse an der Kunst geweckt?

Vielleicht liegt einer der Gründe im Beruf seines Vaters. Dieser war nämlich Professor an der Akademie der Schönen Künste in München, wo Franz Marc am 8. Februar 1880 geboren wurde. Franz wollte zunächst Priester, dann Gymnasiallehrer werden, fand aber schließlich doch zur Kunst und schrieb sich 1900 an der Münchner Kunstakademie ein. Reisen nach Frankreich machten ihn mit den Werken der französischen Impressionisten vertraut. 1910 hatte er seine erste Einzelaustellung und 1911 nahm er an der ersten Ausstellung des »Blauen Reiters« teil. Im folgenden Jahr, 1912, hatte eine »Blauer-Reiter«-Ausstellung in Berlin großen Erfolg.

1914, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, meldete sich Franz Marc als Freiwilliger und erfuhr bald die Schrecken des Krieges. Am 4. März 1916 fiel Franz Marc, von einer Granate getroffen, in Verdun.

Marcel Duchamps Fontaine: Kunst aus dem Alltag

Worin besteht Duchamps Beitrag zur Entwicklung der Kunst?

Der französische Dadaist Marcel Duchamp (1887–1968) erfand in New York das so genannte Readymade, das vorgefertigte Kunstwerk aus dem Alltag. Mit Arbeiten wie »Fontaine« wurde er zum Vorbild für die Pop-Art und die Konzeptkunst der 1960er Jahre.

In einem New Yorker Haushaltswarengeschäft kaufte Marcel Duchamp ein Pissoirbecken aus Porzellan, signierte es mit R. Mutt (was an den Namen der Herstellerfirma, Mott, erinnerte) und der Jahreszahl 1917. Dann präsentierte er das Objekt als Kunstwerk für eine Ausstellung. Die Veranstalter wiesen den Beitrag zurück. Der Name »Fontaine« (zu deutsch »Brunnen«) entstand als witzige Umkehrung der eigentlichen Funktion eines Pissoirbeckens.

Was ist ein »Readymade«?

Readymades (eigentlich »Konfektionsware«) sind industriell vorgefertigte Gebrauchsgegenstände, die vom Künstler, ohne dass er sie verändert (aber signiert), zu Kunstwerken erklärt werden. Duchamp führte diesen Begriff für Kunstwerke wie »Fontaine« ein. Das Pissoirbecken war für Duchamp ab dem Zeitpunkt ein Kunstwerk, an dem er es dazu erklärt hatte: Kunst als kreativer Akt der Auswahl. Die Zufälligkeit dieser Auswahl spielte in der Kunstströmung des Dadaismus eine wichtige Rolle, half sie doch mit, gegen das traditionelle Kunstverständnis zu rebellieren. »Fontaine« ist nur ein Beispiel für Duchamps kompromissloses, radikales Vorgehen gegen den herkömmlichen Kunstbegriff, das das gesamte Kunstschaffen des 20. Jahrhunderts beeinflussen sollte. Seine »Anti-Kunst« wurde zum Vorreiter zahlreicher späterer Entwicklungen.

Wie begann Duchamps Karriere als Künstler?

Duchamp studierte an der Académie Julian in Paris Malerei. Kubismus und italienischer Futurismus waren die Vorbilder für das Gemälde »Akt, eine Treppe herabsteigend« (1912). Mit dem Stilmittel der futuristischen Simultan-Darstellung, die kubistisch zerlegte Formen nebeneinanderreiht, malte Duchamp die Bewegungsabläufe eines weiblichen Aktes beim Heruntersteigen einer Treppe. Bei der Armory-Show 1913, der großen Ausstellung zeitgenössischer Malerei in New York, erregte das Werk großes Aufsehen und machte den 26-jährigen Künstler berühmt. Und doch gab Duchamp die Malerei, die er als »Netzhautkunst« abtat, bald auf und wandte sich seinen Readymades zu, die die Kunstwelt provozierten. Das erste Readymade war das »Fahrrad-Rad« (1913), 1914 folgte der »Flaschentrockner«, 1917 dann »Fontaine«. Mit den – beabsichtigten – negativen Reaktionen der Kunstwelt auf diese Werke hatte Duchamp deren nur scheinbar liberale Haltung entlarvt.

Was ist Dada?

Dada entstand 1916 als literarische Bewegung in der Schweiz, der Name wurde zufällig beim Blättern in einem Wörterbuch gefunden und ist ein Schweizer Kinderwort für Schaukelpferd. Das Mouvement Dada war eine Reaktion auf die Barbarei des Ersten Weltkriegs. Dada war »Antikunst« mit dem Ziel, Sinn aus Unsinn und in einer Welt aus Bruchstücken Kunst aus Bruchstücken zu schaffen. Schnell ergriff die Dada-Bewegung auch Maler und Bildhauer. Duchamp war 1915 nach Amerika gereist und hatte dort mit seinem Pariser Freund Francis Picabia und dem Fotografen Man Ray einen Ableger der Dada-Gruppe gegründet.

Was verbirgt sich hinter »L.H.H.O.Q.«?

Duchamp und Picabia malten 1919 auf eine Postkarte von Leonardo da Vincis »Mona Lisa« der berühmten Dame einen Lippen- und Kinnbart und schrieben darunter die geheimnisvollen Buchstaben L.H.H.O.Q. Liest man sie laut auf Französisch, erschließt sich die obszöne Bedeutung: Elle a chaud au cul: »Sie ist heiß«. Diese »Neufassung« der »Mona Lisa« ist ein typisches Dada-Produkt.

Wussten Sie, dass …

ein Kritiker Duchamps Gemälde »Akt, eine Treppe herabsteigend« als »Explosion in einer Ziegelfabrik« beschrieb?

Duchamps letztes Gemälde eine pseudomechanische Installation aus Ölfarbe, Lack, Bleidraht und Staub zwischen zwei zerbrochenen Glasscheiben ist, die als verschlüsseltes Symbol für die Mechanismen einer Hochzeitsnacht steht? Das Gemälde heißt »Die Braut selbst, von ihren Junggesellen entkleidet, sogar«.

Wie kam der Konzeptkünstler zur Schacholympiade?

Kunsthistoriker vermuten, dass er sich damit dem etablierten Kunstbetrieb entziehen wollte, den er in seiner aktiven Zeit als Maler und Konzeptkünstler reichlich provoziert hatte. Tatsächlich beschäftigte sich Duchamp von 1928 bis 1933 im Wesentlichen mit Schach, wurde Mitglied der französischen Nationalmannschaft und nahm an mehreren Schacholympiaden teil. Schach interessierte ihn nicht nur als geistige Herausforderung, sondern auch unter künstlerischem Aspekt. 1968 veranstaltete er zusammen mit dem Komponisten John Cage eine Performance, bei der die beiden Künstler Schach spielten und Sensoren im Schachbrett die Bewegungen der Figuren in Tonfolgen umsetzten.

Seine Berufung zur Kunst erkannte der am 28. Juli 1887 in Blainville bei Rouen geborene Duchamp früh: Mit 15 Jahren begann er bereits zu malen – und befand sich dabei in einer Familie von Künstlern in bester Gesellschaft.

Marc Chagalls Wandgemälde Musik: Poesie aus Farbe und Licht

Warum gehört Marc Chagall zu den beliebtesten Malern der Moderne?

Die Bilder des aus Weißrussland stammenden Malers (1887–1985) sprechen die Menschen an, nicht über den Intellekt, sondern über das Gefühl. Chagalls Gefühl für Farbe und Licht tragen entscheidend zu dieser Wirkung bei. Seine Gemälde entstammen der eigentümlich traumverlorenen Welt eines großen Künstlers. Sie erzählen Geschichten, die die Grenzen von Raum und Zeit überschreiten.

Welche Einflüsse prägten den Maler?

In Chagalls Bildern finden sich als Motive immer wieder die Orte seiner Kindheit und Jugend: das Dorf bei Witebsk, die große Familie und nicht zuletzt der Chassidismus, die mystisch-spirituelle Erneuerungsbewegung des Ostjudentums.

Chagalls Muttersprache war das Jiddische, auf Jiddisch hat er sogar noch als 30-Jähriger seine Memoiren geschrieben, die 1931 unter dem Titel »Ma vie« (Mein Leben) auf Französisch erschienen. Da hatte er Weißrussland längst für immer verlassen, doch die Erinnerungen an die Kindheit haben ihn ein Leben lang begleitet. Sie wurden das dominierende Thema seines umfangreichen malerischen Werks. Liebevoll-verklärt und märchenhaft, wie im Traum verdichtet, ließ er die verlorene Welt in Bildern wie »Musik« auferstehen.

Was bedeutet der Geiger in Chagalls Werk?

Der Geiger war für Chagall zunächst eine Erinnerung an seine Kindheit. Wenn gefeiert wurde im Dorf, bei Hochzeiten und Taufen, wenn Jahrmarkt war oder ein religiöser – ob jüdischer oder christlicher – Feiertag, dann waren die Musikanten immer mit dabei. Chagall hat einmal erzählt, dass es in seiner Kindheit keine Kunst gegeben habe. Doch die Musik war präsent und die Geige ihr prominentestes Instrument: reich an Stimmungen und Farben und nicht angewiesen auf Begleitung. Der Geiger ist für Chagall gleichzeitig aber auch Verkörperung des Künstlers an sich und dessen Dasein und Lebensform. Der Geiger gehört zu den Motiven, die Chagalls gesamtes Schaffen begleiteten.

1912/13 wird dieses Motiv zur titelgebenden Figur und zum Mittelpunkt der Bildkomposition bei »Der Geiger«. Die Figur dieses Pariser »Geigers« ist erheblich größer als die russischen Häuser und die Kirche, die ihn wie ein Kranz umgeben. Und sein Gesicht ist grün – wie das des Geigers im Wandgemälde »Musik«, das Marc Chagall 1920 in Moskau malte.

Welche märchenhaften Elemente finden sich in Chagalls »Musik«?

In »Musik« sieht sich der Betrachter in eine Welt versetzt, in der die Naturgesetze aufgehoben sind. Der in einen violetten Mantel gekleidete Geiger mit dem grünen Gesicht – die ungewöhnlichen Farben betonen die Individualität und Besonderheit– steht oder tanzt auf den Häuserdächern. Über seinem Kopf fliegt ein Mensch durch die Lüfte. In diesem Bild gibt es keine geraden Linien und keine einheitliche Perspektive. Häuser und Mantel zeigen, wie sehr Chagall durch den Kubismus beeinflusst wurde – er hat dessen »Geburtsstunde« in Paris miterlebt.

Chagall entdeckte diese Form der Fantasie erst in der Metropole Paris unter Intellektuellen und Avantgardisten. Er malte die Motive der Erinnerung in einer komplexen Formensprache und freier räumlicher Komposition. Das Werk – heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau – entstand mit dem Titel »Musik« als Wandbild für das Moskauer Jüdische Theater.

1923/24 malte Chagall einen ganz ähnlichen Geiger, der sich von dem Moskauer Bild nur in Details unterscheidet (heute Guggenheim Museum, New York). Dieser »Grüne Geiger« war 1967 das Plakatmotiv einer Ausstellung zum 80. Geburtstag des Meisters in Haifa.

Wussten Sie, dass …

Picasso seinen Kollegen Chagall für dessen Arbeit mit dem Licht bewunderte? Er meinte, »dass es seit Renoir niemanden mehr mit einem solchen Gefühl für Licht gegeben hat wie Chagall«.

Marc Chagall auch verschiedene Bücher illustrierte? Dazu gehören die Fabeln von La Fontaine und »Tote Seelen« von Gogol.

der in Chagalls Bildern immer wieder vorkommende Hering an die Arbeit von Chagalls Vater in einer Fischfabrik erinnert?

War Chagall ein religiöser Maler?

Ein größerer Teil seines Werks legt nahe, dass religiöse Themen Chagall besonders anzogen. So zählen zu seinen großen Werken diverse Kirchenfenster (Mainzer Dom, Kathedralen von Metz und Reims, Synagoge der Hadassah-Klinik in Jerusalem) und der aus 17 Bildern bestehende Zyklus »Biblische Botschaft«, für den der französische Staat in Nizza ein eigenes Museum errichtete.

Seine Ausbildung erhielt der am 7. Juli 1887 in Liosno bei Witebsk (Weißrussland) als Sohn armer jüdischer Eltern geborene Moishe Zakharovich Shagalov an der Schule der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Künste in St. Petersburg, 1908–1910 besuchte er dann die Malschule von Léon Bakst. 1910 ging er nach Frankreich, das ihm zur Wahlheimat wurde. Als Frankreich von NS-Truppen besetzt wurde, emigrierte er 1941 in die USA, kehrte aber nach Kriegsende nach Frankreich zurück. Marc Chagall starb am 28. März 1985 in St. Paul de Vence in Südfrankreich.

Piet Mondrians Tableau I: Der Neoplastizismus und De Stijl

Welchen Stil begründete der Niederländer?

Nachdem Piet Mondrian in Paris den Kubismus kennengelernt hatte, entwickelte er ihn zum so genannten Neoplastizismus (französisch néoplasticisme nach dem holländischen nieuwe heeldung) weiter: der »neuen Formgebung«, mit der er die universale Harmonie in allen Lebewesen abbilden wollte. Diese Stilrichtung wandte sich von der realistischen Malerei ab, um sich auf geometrische Formen zu konzentrieren. Die Natur wurde von Mondrian assoziiert mit ungeformter Materie, die noch »unerlöst ist vom Geist«.

Wann malte Mondrian das »Tableau«?

Mondrian malte dieses ungegenständliche Bild 1921 – auf dem Höhepunkt der von ihm entwickelten Richtung des Konstruktivismus. Das Bild ist das Ergebnis einer radikalen Beschränkung der künstlerischen Mittel. Mondrian hatte diesen Entschluss als persönliche Konsequenz aus dem Kubismus gezogen. Die weiß grundierte Leinwand überzieht ein Gitterwerk aus vertikalen und horizontalen schwarzen Linien. An den Ecken sind in das Gitter rechteckige Flächen in Rot, Gelb und Blau eingefügt, die rote Fläche ist ein Quadrat. Rot, Gelb und Blau sind Primärfarben, also Farben, die nicht durch Mischen gewonnen werden können, aus denen sich jedoch alle anderen Farben mischen lassen.

Was wollte der Maler mit dem Bild zeigen?

Das Bild soll keinerlei Assoziationen an die sichtbare Wirklichkeit wecken. So gibt es etwa keine Illusion von Tiefenräumlichkeit, etwa durch die Anwendung von Perspektive. Mondrian zielte auf etwas anderes: jeden Zufall und jede Willkürlichkeit zu verbannen zu Gunsten eines präzise angelegten Gleichgewichts aller Teile mit dem Ziel der Sichtbarmachung der universalen Harmonie. Erstmals in der Geschichte der Kunst wurde dieses Gleichgewicht aus der Asymmetrie heraus entwickelt – eine Vorgehensweise, die nicht nur radikal neu, sondern für viele Künstler der Folgezeit richtungweisend werden sollte.

Wer beeinflusste Mondrians Stil?

Bis 1919 lebte der Maler in dem Dorf Laren bei Hilversum und lernte hier den Philosophen M. H. J. Schoenmakers kennen. Dieser hatte 1915 in seiner Schrift »Das neue Weltbild« formuliert, die Grundformen der Natur seien vollkommene Gegensätze, nämlich Horizontale und Vertikale. Rückwirkend schrieb Mondrian 1925 in den Bauhausbüchern über die Zeit in Laren: »Schrittweise wurde ich gewahr, dass der Kubismus die logische Folgerung aus seinen eigenen Entdeckungen nicht annahm. Er entwickelte die Abstraktion nicht zu ihrem letzten Ziel, dem Ausdruck der reinen Realität … Mehr und mehr schloss ich alle Kurvenlinien aus, bis mein Werk schließlich nur noch aus vertikalen und horizontalen Linien bestand … Vertikale und Horizontale sind der Ausdruck zweier entgegengesetzter Kräfte; dieses Gleichgewicht von Gegensätzen existiert überall und beherrscht alles.«

Was ist mit »De Stijl« gemeint?

Eine Künstlervereinigung. Mit Theo van Doesburg, dem Architekten Geritt Rietveld – Schöpfer des Utrechter Haus Schröder – und anderen gründete Mondrian 1917 in Laren die Gruppe De Stijl (»Der Stil«) und veröffentlichte die Theorie des Neoplastizismus in dem Aufsatz »Die neue Gestaltung der Malerei«.

Wonach strebte Mondrian mit seinen Werken?

Vor allem nach einer radikalen Beschränkung der Darstellungsmittel. Mondrians Bilder aus dem Jahr 1918 waren erstmals Arrangements aus farbigen Rechtecken in rechtwinkligem Gittermuster. Nach seiner Rückkehr nach Paris 1919 ging die Reduktion weiter. Ab 1925 verwendete er ausschließlich Primärfarben und ab den 1930er Jahren reduzierte er auch diese auf zwei oder nur ein farbiges Element. 1925 verließ Mondrian De Stijl – aus Protest gegen die Einführung einer Diagonalen durch Doesburg.

Was prägte das Spätwerk des Neoplastizisten?

Vor dem drohenden Zweiten Weltkrieg flüchtete Mondrian 1938 zuerst nach London und zwei Jahre später nach New York. Hier war der 70-Jährige offen für neue Impulse. Eines seiner letzten Gemälde, »Broadway Boogie-Woogie«, spiegelt die Vitalität New Yorks und das Gefühl von Lebensfreude – nicht umsonst hatte Mondrian einmal gesagt, der Neoplastizismus sei eine Kunst der Städte.

Wie fand der niederländische Maler zur Kunst?

Aufgewachsen in einer künstlerisch begabten Lehrerfamilie, studierte der puritanisch erzogene Pieter Cornelis Mondriaan an der Reichsakademie in Amsterdam, um ebenfalls Lehrer zu werden. Zunächst beeindruckte ihn der Impressionismus und anschließend, um 1907, der Fauvismus (der französische Expressionismus).

1911 reiste Piet Mondrian (so sein Künstlername) nach Paris und fand dort Anschluss an die Kubisten Picasso und Fernand Léger. Von nun an malte er im Stil des analytischen Kubismus, dessen klare Theorie und Prinzip der Formenzerlegung ihn stark beeindruckte. Während eines Besuchs bei seinen Eltern im Jahr 1914 wurde Mondrian vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und musste in den Niederlanden bleiben. Hier entwickelte er den neoplastischen Stil, der ihn berühmt machte. 1919 kehrte er nach Paris zurück. 1940 emigrierte Mondrian nach New York, wo er 1944 starb.

Wussten Sie, dass …

Mondrians malerisches Vokabular aus Linien, Quadraten und Rechtecken von Künstlern und Architekten, Grafikern und Designern in ganz Europa und den USA aufgegriffen und weiterverarbeitet wurde?

die Bilder des Niederländers bis heute zu den wohl bekanntesten der Welt zählen?

Der Seefahrer von Paul Klee: Farbe, Licht und Dunkel

Welche Elemente prägen Paul Klees Malerei?

Der Maler arbeitete mit wenigen Elementen: abstrakte Formen, Punkte und Linien. Daraus schuf Paul Klee (1879–1940) in seinen Gemälden und Aquarellen eine märchenhafte Welt voller Humor und Poesie. Diesen speziellen Stil entdeckte er 1914 auf einer Reise nach Tunis. Die kubische Architektur des Südens, das Licht und die üppigen Farben führten ihn zu einer neuen Art der Bildgestaltung. Seine Bilder wiesen nun Strukturen auf, die an eine architektonische Formensprache erinnern: Sie waren vielfarbig, fast abstrakt. Dieser Stil blieb typisch für Klees weiteres Schaffen.

Wie ist »Der Seefahrer« komponiert?

Der Seefahrer steht auf einem Kahn und kämpft mit einer Lanze gegen drei rötlichlilafarbene Ungeheuer. Eines der Ungeheuer ist verletzt, dicke Blutstropfen fallen herab. Eines sieht aus wie ein Kugelfisch – Fische hat Klee gerne gemalt. Die witzigen Wesen sind aus einfachen Formen zusammengesetzt, fast so, als hätte sie ein Kind gezeichnet. Der Hintergrund ist in ein rechteckiges, leicht verzogenes Raster eingeteilt und die einzelnen Felder sind mit verschiedenen durchscheinenden Schattierungen von Blau gefüllt. Die hellsten Felder liegen in der Bildmitte, rundherum ist die Farbe abgedunkelt. So scheint der Seefahrer vor einer dunklen Grotte zu stehen; wo in diesem Bild jedoch vorne, hinten, unten oder oben ist, kann man eigentlich gar nicht sagen.

Der vollständige Titel des Bildes lautet »Kampfszene aus der komisch-fantastischen Oper —Der Seefahrer‹«. Mit dem »Kampf« ist im übertragenen Sinne das musikalische Zusammenspiel der verschiedenen Töne gemeint, das Terzett der Drachen und der Heldentenor des Seefahrers. Paul Klee, Sohn eines Musiklehrers, Ehemann einer Pianistin und selbst ausgezeichneter Violinist, hatte eine enge Beziehung zur Musik.

Wann entstand das Bild?

»Der Seefahrer« entstand 1923 in Weimar. 1920 hatte Klee der Ruf ans Bauhaus in Dessau erreicht. Er lehrte in der Werkstatt für Weberei und Glasmalerei und hielt einen Vorkurs über elementare Gestaltungsmittel, in dem er die Studenten unter anderem mit Punkten vertraut machte, denen er Eigenschaften wie lustig, frech oder gefräßig zuschrieb. »Der Seefahrer« spiegelt Klees Kunstkonzept zu diesem Punkt seiner Schaffenszeit perfekt wieder.

Wie erlebte Paul Klee den Ersten Weltkrieg?

Paul Klee wurde 1915 eingezogen und erhielt eine Infanterieausbildung. Von 1916 bis 1918 absolvierte Klee seinen Kriegsdienst bei der Fliegerabteilung in Schleißheim bei München und der Fliegerschule in Gersthofen bei Augsburg. Der Fronteinsatz blieb dem Künstler erspart. Dafür musste er die Tarnbemalung der Flugzeuge ausbessern. Klees Künstlerkollege August Macke fiel kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Im Jahr darauf traf es den Freund aus dem »Blauen Reiter« Franz Marc. In sein Tagebuch schrieb Klee damals: »Je schreckensvoller diese Welt (gerade heute), desto abstrakter ist die Kunst.«

Nach Kriegsende konnte Klee mit ersten Ausstellungen, seinen Buchillustrationen zu Voltaires »Candide« und mit seinen ersten Ölbildern wie der »Villa R« von 1919 den Direktor des Bauhauses Walter Gropius auf sich aufmerksam machen.

Warum änderte sich Klees Stil in der Spätphase?

Verantwortlich dafür waren Klees geänderte Lebensumstände. Nachdem Paul Klee infolge der NS-Kunstpolitik seine Professur an der Düsseldorfer Akademie verloren und Mal- und Ausstellungsverbot erhalten hatte, emigrierte er 1933 in die Schweiz. Unter dem Eindruck der drohenden Kriegsgefahr und seiner eigenen Erkrankung an Sklerodermie veränderte sich sein Stil drastisch. In seiner neuen Expressivität spiegelte sich der Einfluss Picassos. Die Bilder aus der letzten sehr produktiven Schaffensphase Paul Klees wirken wie Vorboten seines eigenen Todes. »Tod und Feuer« aus dem Jahr 1940 zeigt eine maskenhaft verzerrte Fratze in grellen Farbkontrasten, gerahmt von schwarzen Balkenstrichen.

Am Bauhaus traf Klee Kandinsky wieder, den er vor rund 20 Jahren in München kennen gelernt hatte. Dort hatte er auch die Bekanntschaft von Franz Marc und August Macke gemacht und war bei der zweiten Ausstellung der Künstlergruppe Blauer Reiter mit seinen Zeichnungen und Grafiken vertreten gewesen. Über den Blauen Reiter lernte Klee 1912 Robert Delaunay kennen, dessen farbiger Kubismus ihn sehr beeindruckte und ihn selbst zur Auseinandersetzung mit der Farbe brachte.

Als die Repressalien gegen das Bauhaus in Dessau immer stärker wurden, akzeptierte Klee 1930 einen Ruf an die Kunstakademie in Düsseldorf. Der Umzug fiel zusammen mit einer neuen Schaffensphase im Stil des Divisionismus, aus der das Bild »Ad Parnassum« stammt: Kleine Farbflächen setzt Klee zu einem Mosaik zusammen und kombiniert sie mit linearen und flächigen Zeichen von Sonne und Mond. Das Motiv ist der in den mythischen Musenhügel Griechenlands verzauberte Berg Niesen.

In war kein Platz für geistreichen und feinsinnigen Humor.

Wann entdeckte Paul Klee seine Berufung als Maler?

Der am 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee (Schweiz) geborene Paul Klee fühlte sich hin und her gerissen zwischen seinen Begabungen für Malerei, Literatur und Musik. Nach seinem Umzug nach München 1898 neigte sich die Waage zur Malerei, bald schon studierte er an der Münchner Kunstakademie bei Franz von Stuck. Zunächst Mitglied der Künstlervereinigung »Blauer Reiter«, fand Klee seinen eigenen Stil spätestens bei einer Reise nach Tunis im Jahr 1914. Der vielfältige Künstler fertigte Aquarelle, Plastiken, Zeichnungen und Grafikblätter. 1921 ging er als Werkstattmeister ans Bauhaus in Dessau, das er 1931, entnervt von internen Richtungskämpfen, zugunsten einer Professur an der Kunstakademie Düsseldorf verließ. Von den Nazis als »entarteter Künstler« diffamiert, kehrte er 1933 zurück in die Schweiz, wo er am 29. Juni 1940 starb.

Wussten Sie, dass …

Paul Klee und Wassily Kandinsky während ihrer Zeit an der Münchner Kunstakademie in derselben Straßen wohnten, sich aber nicht kannten?

Klee erst nach seinem Tod die Schweizer Staatsbürgerschaft zuerkannt bekam? Er war zwar in der Schweiz geboren, hatte aber als Sohn eines Deutschen die deutsche Staatsangehörigkeit.

Edward Hoppers Automat: Szenen aus dem amerikanischen Leben

Was verraten Hoppers Bilder über sein Leben?

Der introvertierte Charakter des Malers spiegelt sich auch in seinem Werk. Edward Hopper (1882–1967) lebte zurückgezogen mit seiner Frau, einer Malerin, und hielt sich von der Kunstszene fern. Seine Gemälde zeigen vereinzelte Menschen in weiten, einsamen Landschaften oder in kargen Innenräumen. Manchmal kommen seine Hausansichten, Straßenzüge oder Interieurs auch ganz ohne Menschen aus. Es sind Bilder von hypnotischer Klarheit und Entrücktheit. Man kann die Stille spüren. Die Menschen in seinen Bildern – es sind immer kleinste Gruppen, oft nur einer– werden verweilend oder sinnend dargestellt, nie während einer produktiven Tätigkeit. Ihre Bewegungen wirken wie eingefroren, was ihre Einsamkeit und Bindungslosigkeit noch verstärkt. Was sie denken, wer sie sind, verschließt sich dem Betrachter. Dass Hoppers Werke trotz ihrer forcierten Distanziertheit eine hochemotionale Wirkung erzielen, ist die große Kunst dieses Malers.

Was verkörpert die einsame Frau in »Automat«?

Sie steht symbolhaft für die moderne (amerikanische) Massengesellschaft. Die junge, mit grünem Mantel und beigem Hut bekleidete Frau sitzt alleine an einem runden Tisch in einem hell erleuchteten Restaurant. Sie wirkt bewegungslos, in sich gekehrt, ihr Blick ist gesenkt. Mit der einen, bloßen Hand– die andere steckt in einem Handschuh– umfasst sie den Henkel der Kaffeetasse. Setzt sie die Tasse gerade ab oder will sie trinken? Vielleicht hält sie sich nur daran fest. Man weiß nicht, was sie vorhat, was sie hier will, was sie sonst tut, woher sie kommt, wohin sie geht. Der Betrachter erfährt wenig über diese Frau, sie ist ein Geheimnis. Da sie völlig alleine ist, kein anderes Lebewesen zu sehen ist, weiß man auch nichts über die Art ihrer Beziehungen zu anderen Menschen. Sie fügt sich ein in die kahle, unpersönliche Atmosphäre des Ortes und verkörpert die Kälte und Einsamkeit der modernen Welt.

Hopper nannte sein Bild aus dem Jahr 1927 »Automat« (englisch für Automatenrestaurant). Der Betrachter weiß nur aufgrund des Bildtitels, dass sich die Frau in einem Automatenrestaurant befindet, denn es sind ja keine Automaten zu sehen. Hopper könnte mit »Automat« auch die Frau selbst gemeint haben, zumindest schließt er die Doppeldeutigkeit nicht aus. Tatsächlich wirkt sie in ihrer verschlossenen Haltung und blicklosen Starrheit alles andere als lebendig. Die Künstlichkeit des Raums überträgt sich auf die Frau.

Wie ist das Bild aufgebaut?

Hoppers Bildkompositonen sind eng verwandt mit der Ästhetik des Kinos. Der Bildausschnitt in »Automat« wirkt zufällig, wie das auf der Leinwand eingefrorene Bild eines Films. Das Restaurant ist blendend hell erleuchtet. Draußen herrscht undurchdringliche Dunkelheit. Im Fenster spiegeln sich die Lampenreihen des Innenraums perspektivisch. Die Perspektive weist aber nicht in die Ferne, sondern wieder zurück in den hermetisch abgeschlossenen Raum.

Im scharfen Kontrast zum Schwarz der Umgebung steht die helle Haut der Frau. Ihre schwarz behandschuhte Hand liegt wie tot auf der weißen Tischfläche.

Hinter der Frau, am Fenster, steht eine Schale mit Früchten, als ob sich ein Rest von Natur eingeschlichen hätte. Das kräftige Rot der Früchte korrespondiert zwar farblich mit dem Lippenstiftrot des Mundes der Frau, bleibt aber als Element lebendiger Natürlichkeit eine Ausnahme und unterstreicht nur die leblose Künstlichkeit der Szene.

Wussten Sie, dass …

Edward Hopper 20 Jahre lang seinen Lebensunterhalt als Werbegrafiker verdiente? Sein erstes Gemälde verkaufte er im Jahr 1913 für 250 Dollar.

Filmregisseure in der intensiven Atmosphäre von Hoppers Gemälden Inspiration fanden? So entdeckte Alfred Hitchcock das Vorbild für das düstere Gebäude in seinem berühmten Thriller »Psycho« im Hopper-Gemälde »House by the Railroad«.

Wie prägte Europa den amerikanischen Maler?

Edward Hopper absolvierte mehrere Aufenthalte in Europa, wo auch die für seine künstlerische Entwicklung bedeutsame Auseinandersetzung mit dem Impressionismus stattfand. 1910 kehrte er von seiner letzten Europareise zurück. Später bekannte er: »Als ich zurückkam, kam mir hier alles äußerst grob und unreif vor. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um Europa zu überwinden.« Aber die Distanz war wohl nötig gewesen, um den klaren Blick auf Amerika zu entwickeln. Hopper arbeitete als Illustrator, bis er im Alter von 42 Jahren endlich den Durchbruch als Maler schaffte. In den 1920er Jahren und während der großen Depression der 1930er Jahre, als der unbeirrbare Glaube an den materiellen Fortschritt schwand, fand er seine Grundmotive, die er zeit seines Künstlerlebens beibehielt und variierte. Hopper drückt auf unnachahmliche Weise ein allgemeines Lebensgefühl der modernen Gesellschaft aus.

Mies van der Rohes Pavillon des Deutschen Reiches: Weniger ist mehr

Wozu diente der Pavillon Mies van der Rohes?

Er war der deutsche Beitrag zur Weltausstellung in Barcelona 1929 und ist eines der Architekturmeisterwerke des 20. Jahrhunderts. Am 29. Mai 1929 wurde der Deutsche Pavillon eröffnet und stieß damals auf überraschend viele positive Reaktionen. Trotzdem wurde er im Januar 1930 demontiert. Seit der Rekonstruktion 1986 ist er eine der Touristenattraktionen Barcelonas.

Was macht den Bau so spektakulär?

Bereits der erste Eindruck macht deutlich, wie revolutionär van der Rohes Entwurf 1929 war. Vertikale und horizontale Flächen gliedern einen offenen Raum, der nichts mit der herkömmlichen geschlossenen Bauweise mit Fenstern und Türen gemein hat. Auf einem Travertinsockel stehen mehrere einzelne Wände aus mattem, farbigem oder durchsichtigem Glas, aus poliertem Marmor oder Onyx. Auf acht verchromten, im Querschnitt kreuzförmigen Säulen liegt eine flache Stahlbetonscheibe als Dach auf. Zum ersten Mal verwendete Mies hier das Motiv der strukturierten Stütze. Allerdings hätten diese Stützen die Last des Daches allein nicht tragen können, deshalb musste er zwischen die doppelten Marmorplatten der Außenwände zusätzliche unsichtbare Stützen einbauen. Der offene Charakter, die fließenden Übergänge zwischen innen und außen, die streng rechteckigen Formen und die Materialvielfalt wirken auch auf den Besucher des 21. Jahrhunderts noch ungeheuer »modern«.

Was hatte der Architekt zuvor gebaut?

Ein erster Höhepunkt seiner Tätigkeit war die Planung der vom Deutschen Werkbund 1927 initiierten Mustersiedlung »Am Weißenhof« in Stuttgart. An einem sonnigen Hang entwarf Mies eine moderne Siedlung mit einzeln stehenden Häusern, Reihenhäusern und Hauszeilen, gebaut von den führenden Architekten der Avantgarde. Sein eigenes Appartementhaus weist alle Merkmale des Internationalen Stils auf: Es ist eine schlichte Stahlskelettkonstruktion mit Flachdach, Fensterbändern und variablen Innenwänden, die aus preiswerten, typisierten Formen erstellt ist.

Bei dem Haus der Industriellenfamilie Tugendhat von 1928 bis 1930 im tschechischen Brünn übertrug Mies van der Rohe das Prinzip des offenen Raums auf einen Wohnbau.

Was entstand in den USA?

Die Amerikaner empfingen den exilierten Architekten mit offenen Armen. In Chicago wurde er 1938 Leiter der Architekturfakultät am Illinois Institute of Technology und baute die neuen Institutsgebäude. Dabei führte er das sichtbare Stahlskelett mit T-Trägern als neues Gliederungselement ein. In den 1950er Jahren errichtete er gemeinsam mit Philip Johnson das New Yorker Seagram-Building, das zu einem der Prototypen der internationalen Bürohausarchitektur werden sollte.

Welche Bauwerke von Mies van der Rohe stehen in Deutschland?

Trotz seines internationalen Erfolgs hatte Mies nach dem Krieg noch nichts in Deutschland gebaut. Als lang fällige Hommage wurde 1962 der inzwischen 75-Jährige vom Berliner Kultursenator mit dem Bau der neuen Nationalgalerie betraut. Mies, für den gute Architektur nie zweckgebunden war, wandelte einen Entwurf für Bacardi auf Kuba ab. Auf dem offenen transparenten Glaskubus über einem steinernen Podest ruht ein schweres Kassettendach. Das Museum wirkt streng und technisch, wie ein moderner Tempel der Kunst. Für Mies war dies die Krönung seines Alterswerkes.

Wussten Sie, dass …

die feierliche Eröffnung der Weltausstellung durch das spanische Königspaar im deutschen Pavillon stattfand?

der Architekt für den Pavillon Möbel entworfen hatte? Zu ihnen zählt der Barcelona-Sessel aus Stahlrohr.

nach dem Architekten der bedeutende Mies van der Rohe Award for European Architecture benannt ist?

Wie verlief Mies van der Rohes Karriere als Architekt?

Obwohl er keine akademische Architektenausbildung genossen hatte, wurde Mies zu einem der einflussreichsten Raumschöpfer des 20. Jahrhunderts. Seine ersten eigenständigen Architekturentwürfe machte der junge Aachener nach seiner Mitarbeit im Büro des Architekten Peter Behrens. Um 1920 entstanden visionäre Hochhausentwürfe aus Stahlbeton und Glas, bei denen er zum ersten Mal Fensterbänder einsetzte. 1930 übernahm Mies die Leitung des Bauhauses in Dessau, später Berlin, und behielt sie bis zur erzwungenen Schließung 1933. Im nationalsozialistischen Deutschland war kein Platz mehr für moderne Architektur. Bei der Weltausstellung in Paris 1937 wurde Deutschland nun durch den Neoklassizismus von Albert Speer vertreten. Mies emigrierte in die USA, wo er seine erfolgreiche Karriere fortsetzte und zum führenden Vertreter des Internationalen Stils aufstieg. 1969 starb Mies van der Rohe in Chicago.

Lyonel Feiningers Marktkirche zur Abendstunde: Der fotografische Blick

Wie kam es zum Halle-Zyklus Feiningers?

Im Jahr 1928 beschloss der Magistrat von Halle an der Saale, eine Stadtansicht malen zu lassen. Alois Schardt, der damalige Direktor des Museums Moritzburg in Halle, sollte einen Maler empfehlen. Er nannte seinen Freund, den am Dessauer Bauhaus lehrenden Künstler Lyonel Feininger (1871–1956). Der malte jedoch nicht nur eine, sondern eine ganze Serie von einzigartig transparenten Stadtansichten. Das bekannteste Gemälde des Zyklus ist das Bild »Marktkirche zur Abendstunde«, das im Jahr 1930 entstand.

Wie ist das Bild aufgebaut?

Die spätgotische Architektur der Marienkirche, die wegen ihrer Lage am Marktplatz von den Hallenser Bürgern Marktkirche genannt wird, füllt beinahe den gesamten Bildraum. Dunkle Schatten und sonnig helle Flächen akzentuieren die gewaltige Baumasse des imposanten Gotteshauses, dessen vier Türme den oberen Rand des Bildes berühren. Sie strecken sich in den blauen Himmel, der den Hintergrund des Bildes ausfüllt. Am rechten Bildrand platziert Feininger den Roten Turm als farblichen Kontrast.

Die Marienkirche ist aus der Untersicht dargestellt. Da fühlt sich der Betrachter angesichts des übermächtigen Baukörpers ganz klein, so klein wie die im Vordergrund angedeuteten Menschen. Als schwarze Silhouetten verlieren sie sich auf dem Vorplatz der Kirche. Lyonel Feininger, der seine künstlerische Laufbahn als Karikaturist begonnen hat, nimmt das Figürliche völlig zurück; einzig die Architektur strukturiert den Bildraum.

Welche Folgen hatte der Auftrag für den Maler?

Nachdem Feininger 1928 vom Magistrat Halles den Malauftrag erhalten hatte, fand er Gefallen an der Stadt im Braunkohlerevier, deren Himmel seinen typischen blauen Schimmer den Rußpartikeln verdankte. Man gab dem Maler ein Atelier im Torturm der alten Moritzburg, wo er mehrere Monate im Jahr arbeitete. Zwischen 1929 und 1931 entstanden elf Ölgemälde und 29 Zeichnungen mit Ansichten von Halle.

Am Beginn der künstlerischen Erschließung der Stadt stand die Fotografie: Feininger machte sich mit den Straßen, Plätzen und Baulichkeiten vertraut, indem er sie zu allen möglichen Tageszeiten und bei unterschiedlichen Wetterlagen fotografierte. »Das Fotografieren hat mir das Sehen auf eine neue Art gesteigert ... Ich finde, dass die Aufnahmen mit jedem Male besser gesehen und gelungen sind, so dass es sich lohnt, einiges mehrere Male zu fotografieren«, schrieb er aus Halle an seine Frau. Er experimentierte auch mit Doppelbelichtungen. Die Fotografie gewann eine herausragende Position in seinem bildnerischen Schaffen und die Fotos wurden die Vorlage für seine Zeichnungen und Gemälde.

Unterscheidet sich die »Marktkirche« von Feiningers vorherigen Arbeiten?

Unter dem Einfluss der Ästhetik des Bauhauses, wo Feininger von 1919 bis 1933 als Lehrer in Weimar und dann in Dessau wirkte, verloren seine Bilder in den 1920er Jahren das Dynamische, dabei auch Unruhige, das seine früheren Werke gekennzeichnet hatte. So steht die Marktkirche klar und geordnet vor uns, trotz der kubistisch aufgebrochenen Formen. Exakt ausgeführte Geraden gliedern die Oberfläche in geometrische Formen, als ob ein grafisches Raster über das ursprüngliche Motiv gelegt wäre. Es entstehen prismatische Flächen, in denen sich das Licht bricht. Die in mehreren, unterschiedlich dicken Schichten aufgetragene Farbe erlaubt höchsten Reichtum an künstlerischen Nuancen und erzielt die Wirkung von sich überschneidenden Farbschleiern.

Mit dem Gemälde zeigte sich der 59-jährige Feininger im Zenit seines Schaffens. Die internationale Anerkennung kam zwar erst später, doch alles, was Feiningers Kunst so unverwechselbar macht, ist bei »Marktkirche zur Abendstunde« in Vollendung ausgeführt.

Was geschah mit dem Halle-Zyklus?

Für 31200 Reichsmark, ausgezahlt in drei Raten, erwarb der Magistrat Halles von Feininger alle Stadtansichten und präsentierte sie dann im Museum in der Moritzburg. Doch schon kurze Zeit später, im Jahr 1933, verschwanden die Gemälde im Magazin des Museums. Die Nationalsozialisten hatten in Deutschland die Macht übernommen und auch die Kunst ihrem Diktat unterworfen. Die Bilder wurden beschlagnahmt, einige landeten 1936 in der berüchtigten NS-Propagandaschau »Entartete Kunst«. Heute sind Lyonel Feiningers Werke in den bedeutendsten Museen der Welt zu sehen.

Wussten Sie, dass …

Lyonel Feininger als Maler ein Spätberufener war? Bis in seine »besten Jahre« hinein arbeitete er als Karikaturist, erst mit 36 Jahren fand er zur Malerei.

Feininger fünf Kinder mit zwei verschiedenen Frauen hatte?

der Künstler auch als Musiker talentiert war und eine Fuge komponierte?

Feininger Modelle von Eisenbahnen entwickelte, die als Vorbilder für die Spielzeugproduktion dienten?

War Feininger ein deutscher oder ein amerikanischer Maler?

Wohl beides, wenn Deutschland ihn auch schlecht behandelte. Nachdem die nationalsozialistische Kulturpolitik 1933 zur Schließung des Bauhauses geführt hatte, verlor Lyonel Feininger seine Dozentenstelle und damit seine Existenzgrundlage. 1937 verließ Feininger Deutschland, seine zweite Heimat, wo er als 16-Jähriger seine künstlerische Ausbildung begonnen hatte, für immer. Er kehrte zurück nach New York, in die Stadt, in der er 1871 als Sohn eines deutschen Geigers und einer amerikanischen Sängerin geboren war.

Der Neubeginn fiel schwer, in den USA war er als Maler kaum bekannt. Über alte Kontakte erhielt er 1938 den Auftrag für mehrere große Wandbilder für die New Yorker Weltausstellung. 1944 kam dann endlich die internationale Anerkennung seiner Größe: Das Museum of Modern Art ehrte ihn mit einer Retrospektive, die 75 Werke umfasste, sowohl frühere als auch die neuen, in Amerika entstandenen Gemälde. 1956 starb Lyonel Feininger in New York.

Empire State Building: Berühmtester Wolkenkratzer der Welt

Welches sind die höchsten Gebäude der Welt?
1903 Flatiron Building, New York, 87 Meter
1904 Times Tower, New York, 120 Meter
1908 Singer Building, New York, 200 Meter
1913 Woolworth Building, New York, 260 Meter
1930 Chrysler Building, New York, 319 Meter
1931 Empire State Building, New York, 381 Meter
1973 World Trade Center, New York, 417 Meter (2001 zerstört)
1974 Sears Tower, Chicago, 447 Meter
1997 Petronas Twin Towers, 452 Meter, Kuala Lumpur
2003 Taipeh 101, Taipeh, 508 Meter

Wie kam es zum Bau des Empire State Buildings?

In den 1930er Jahren, als die Grundstückspreise in Manhattan explodierten und ein Höhenrausch die Architekten erfasst hatte, wurde das Empire State Building als reines Spekulationsobjekt geplant. Geldgeber waren die Geschäftsleute John Jacob Raskob von General Motors und Pierre S. du Pont von Du Pont de Nemours, politische Schützenhilfe leistete der ehemalige Gouverneur Alfred E. Smith. So bekannt das Gebäude ist, so unbekannt sind seine Architekten geblieben. Das Büro der Architekten Sheve, Lamb & Harmon in New York war auf kommerzielle Großprojekte spezialisiert. Sie bekamen den Auftrag mit strengsten Vorgaben für die Zahl der Räume, die Kosten und die Bauzeit – 20 Monate!

Wie verlief der Bau?

Die Bedingungen für den Bau waren denkbar schwierig. Die Baustelle lag direkt an zwei Hauptverkehrsstraßen, die nicht gesperrt werden konnten. Von der Grundsteinlegung im März 1930 bis zur Einweihung am 1. Mai 1931 vergingen dank guter Logistik und neuester Technik nur 15 Monate. Völlig neu war die Konstruktion der Baukräne, die nicht neben dem Gebäude standen, sondern auf dem wachsenden Gebäude selbst. Nach Fertigstellung eines Stockwerks baute man sie ab und ein Stockwerk höher wieder auf. Im Schnitt wurde so pro Tag ein Stockwerk errichtet.

Warum verjüngt sich das Gebäude nach oben?

Die Gesetze von 1916 schrieben vor, dass kein Gebäude an der Fifth Avenue höher sein durfte als 38 Meter und dass alles, was darüber hinausging, abgestuft werden musste, um ausreichend Licht und Frischluftzufuhr auf Bodenhöhe zu garantieren. So ist die äußere Erscheinung des Empire State Buildings nicht zuletzt auch ein Ergebnis der Bauvorschriften: Während die unteren fünf Stockwerke das gesamte Grundstück einnehmen, wird der schmalere Turm über der Basis durch symmetrisch angelegte Rücksprünge noch einmal im 86. Stockwerk und im 102. Stockwerk verjüngt. Das Empire State Building ist zweifellos nicht so fantasievoll und elegant wie das 1930 errichtete Chrysler Building – seine Auftraggeber forderten auch kein baukünstlerisches Engagement, sondern eine Höchstrendite durch maximale Nutzung. Immerhin entschieden die Architekten, der vernieteten, mit Mauerwerk gefüllten Stahlkonstruktion eine ansehnliche Fassade aus grauem Kalkstein, Granit, Aluminium und Nickel zu geben. Die Fenster rahmen profilierte Aluminiumleisten und sind am oberen Abschluss jedes Gebäudeteils mit einem stilisierten Blumenmotiv eingefasst, das seine Herkunft aus dem Art déco verrät – das Eleganteste nach damaligem Geschmack.

Welche Funktionselemente hat das Gebäude?

Über den zwei Stockwerk tiefen Fundamenten sind in unterirdischen Geschossen die technischen Einrichtungen wie die Klimaanlage, die Fahrstuhltechnik und Kellerräume untergebracht. Die repräsentative Empfangshalle zur Fifth Avenue ist mit Marmor aus verschiedenen Steinbrüchen Europas ausgekleidet. Eine stilisierte Karte von New York und eine Ansicht des Gebäudes empfangen die eintretenden Besucher. 73 Aufzüge erschließen das Gebäude bis hinauf in das 102. Stockwerk in einer Höhe von stolzen 381 Metern.

Der Finanzier Raskob soll kurz vor der Fertigstellung erklärt haben, das Gebäude brauche einen Hut – vermutlich dachte er an den angestrebten Höhenrekord. So wurde ein Ankermast für Zeppeline auf dem Dach angebracht, der jedoch nie benutzt wurde und den heute ein Fernmeldemast ersetzt.

Wie wurde das Empire State Building berühmt?

Dafür sorgte ein Affe auf der Spitze: Spätestens seit dem Film »King Kong« ist das Empire State Building weltweit berühmt. Bis heute ist es jedenfalls Anziehungspunkt Nummer eins für alle Besucher des Big Apple: Rund eine Million Besucher locken die beiden Aussichtsterrassen jedes Jahr an.

Dem Büro Sheve, Lamb & Harmon gelang es, unter Einhaltung der bestehenden Zonenverordnungsgesetze die maximalen Geschossflächen auf dem Grundstück herauszuholen: Hinter der Fassade liegen immerhin 610000 Quadratmeter Bürofläche.

Das Gebäude machte 1945 Schlagzeilen, als an einem Samstagmorgen ein kleines Flugzeug der amerikanischen Luftwaffe gegen den 76. Stock knallte. 16 Menschen kamen damals ums Leben, das Gebäude erlitt jedoch nur geringe Schäden.

Wussten Sie, dass …

das Empire State Building auf dem Gelände des 1929 abgerissenen altehrwürdigen Waldorf-Astoria-Hotels steht?

die New Yorker das Gebäude Ende der 1930er Jahre »Empty State Building« nannten? Aufgrund der Wirtschaftskrise standen damals fast alle Büros leer, daher der Name »Leeres Staatsgebäude«.

der Wolkenkratzer über 40 Jahre lang das höchste Gebäude der Welt war? Erst 1973 wurde es von den Zwillingstürmen des World Trade Centers überflügelt.

Salvador Dalís Beständigkeit der Erinnerung: Über der Realität

Was zeigt die »Beständigkeit der Erinnerung«?

Kunsthistoriker wie Psychologen erkennen in dem Gemälde viel mehr als nur die zerfließenden Zeitmesser. Betrachten wir aber zunächst das Sichtbare: Vier Uhren gibt es in einer kargen Küstenlandschaft zu sehen. Eine Uhr liegt mit der Rückseite nach oben auf dem hölzernen Podest, Ameisen krabbeln auf ihr herum. Die Uhr gleich daneben fließt zur Hälfte von der Podestkante herunter. Wie eine Zunge hängt die dritte Uhr über einem abgestorbenen Ast. In der Mitte des Vordergrundes liegt ein weißliches Gebilde mit der vierten Uhr. Zunächst erinnert das Gebilde an ein Pferd mit einem Sattel, betrachtet man es jedoch von der Seite, erkennt man plötzlich das Gesicht des Malers mit den Wimpern des geschlossenen Auges und der markanten Nase.

Welche Rolle spielten Träume in Dalís Bildern?

Der Maler war stark beeinflusst von den Arbeiten des Psychoanalytikers Sigmund Freud, der in den Träumen verborgene Botschaften über den Menschen erkannt hatte. Wie in einem Traum wechseln die Gegenstände in Dalís Bildern plötzlich ihre Bedeutung. Der Mund, in der Deutung der Psychoanalyse Sigmund Freuds ein Symbol für das weibliche Geschlechtsteil, fehlt bei Dalís Malergesicht– nicht zufällig: Freuds Theorien über das Unbewusste und den Traum waren für den Surrealismus Leitfaden. Die Künstler wollten das Unbewusste ans Licht holen, die Zwänge der Logik sprengen und eine neue magisch-poetische Gegenwelt zur Realität erschaffen. Dalís Uhren sind ein Symbol des Freud'schen Realitätsprinzips. Durch das Zerfließen werden sie zu Symbolen des konkurrierenden Lustprinzips. Das Fehlen des Mundes und die Schlaffheit der Uhren deuten auf Potenzängste des Malers hin – Sexus und Libido waren schon früh ein zentrales Thema seiner Werke.

Was verband Dalí mit der Metaphysischen Schule?

Die Pittura Metafisica war eine von dem italienischen Maler Giorgio de Chirico entwickelte Kunstrichtung. Dalí hatte Chiricos Zeitschrift »Valori Plastici« schon während seines Studiums gelesen. Die scheinbar sinnlose Kombination von Gegenständen, der überzogene Realismus, das harte Licht und der verwirrende Einsatz von Perspektive sind Charakteristika der Metaphysischen Schule, zu der sich Dalí Anfang der 1920er Jahre bekannte.

Wann kam Dalí zum Surrealismus?

Dalí reiste 1926 nach Paris, das seit zwei Jahren die Hauptstadt des Surrealismus war. In seinem »Surrealistischen Manifest« hatte André Breton 1924 geschrieben, eines der Grundübel der Gesellschaft sei die Trennung von Rationalität und Fantasie. Aufgabe der Künstler sei es, diese Trennung aufzuheben und das Unterbewusste sichtbar zu machen. Der Surrealismus sollte so eine Realität über (sur) der tatsächlichen Realität darstellen. Die Surrealisten waren keine stilistisch einheitliche Gruppe. Es gab unter ihnen gegenständlich malende Künstler wie Dalí oder René Magritte, aber auch Abstrakte wie Ives Tanguy oder Joan Miró. Viele Surrealisten kamen aus der Dada-Bewegung, etwa Max Ernst. 1936 malte Dalí mit »Weiche Konstruktionen mit gekochten Bohnen« eine düstere Vorahnung des Spanischen Bürgerkriegs und ein Jahr später tauchten erstmals brennende Giraffen wie apokalyptische Wesen in seinem Motiv-Repertoire auf.

Wie verbrachte Dalí die zweite Lebenshälfte?

Auf der Flucht vor dem Krieg in Europa lebten Dalí und seine Partnerin Gala ab 1940 für acht Jahre in den USA, wo Dalí als berühmtester Maler seiner Zeit galt. Er arbeitete erfolgreich an Filmen, Bühnenbildern für Oper und Ballett und als Schriftsteller. 1948 kehrten Dalí und Gala nach Spanien zurück und lebten in dem katalanischen Küstendorf Cadaqués. Nach Dalís Hinwendung zum katholischen Glauben begann er um 1951, eine Reihe großformatiger religiöser Bilder zu malen, darunter der »Christus des heiligen Johannes am Kreuz« in einer ungewohnten Perspektive. Nach dem Tod von Gala 1982 zog Dalí zurück in seine Heimatstadt Figueras und wurde dort nach seinem Tod 1989 in der Krypta seines Theater-Museums beigesetzt.

Er war einer der populärsten Vertreter des Surrealismus und bezeichnete sich selbst als »malenden Fotografen von Träumen«: der Katalane Salvador Dalí (1904–1989). »Beständigkeit der Erinnerung« von 1931 ist eines seiner Meisterwerke. Die weichen Uhren des Bildes zählen zu den wohl berühmtesten Bildmotiven der Kunstgeschichte.

Dalí kam 1904 im katalonischen Figueras in Nordspanien zur Welt. 1921 lernte er im Studentenheim in Madrid den Schriftsteller Federico García Lorca und den Regisseur Luis Buñuel kennen, mit dem er später mehrere Filme drehte.

Schon 1926 entstand mit »Honig ist süßer als Blut« das erste eigenständige surrealistische Bild Dalís. In Spanien löste das seltsame Gemälde einen Skandal aus, in Paris wurden jedoch die Surrealisten um den Dichter Breton auf Dalí aufmerksam.

Wie fand Dalí seine Muse Gala?

Im Kreis der Pariser Surrealisten lernte Dalí die Frau des surrealistischen Dichters Paul Eluard kennen: Helena Diakonova, genannt Gala. Sie wurde seine Lebensgefährtin und sein Modell. Deswegen und wegen politischer und künstlerischer Differenzen wurde Dalí 1937 aus der Gruppe der Surrealisten wieder ausgeschlossen. Gala sollte für mehr als 50 Jahre Dalís Künstlerleben managen.

Wussten Sie, dass …

Dalí auf die Idee mit den zerfließenden Uhren nach eigenen Worten im Anschluss an ein gutes Essen beim Anblick eines sehr reifen Camemberts kam?

der Maler auch im Filmgeschäft mitmischte? Mit dem Regisseur Luis Buñuel arbeitete er bei mehreren Filmen zusammen.

Dalí ein Verehrer des spanischen Diktators Franco war und 1964 mit einem der höchsten Orden des Landes ausgezeichnet wurde?

Oskar Schlemmers Bauhaus-Treppe: Bewegung im Raum

Wie stellt Schlemmer seine Figuren dar?

Im Gegensatz zu seinem Freund und Kollegen Willi Baumeister (1889–1955) ging Schlemmer nicht den Weg des Abstrakten, sondern hielt am Prinzip der figürlichen Darstellung fest, ja stellte seine Menschen groß und dominierend ins Zentrum seiner Bilder. Dennoch wirken sie nicht realistisch, sondern wie gedrechselte, massive Figurinen, stereotype Wesen, die auf Grundformen reduziert sind. Im Streben nach Konzentration auf das Wesentliche mussten alle ihre individuellen Züge bis hin zur Haartracht konsequenterweise weichen. Schlemmer typisierte und abstrahierte: Seine Geschöpfe stehen symbolisch für das Dasein des Menschen, als Sinnbild des Lebens schlechthin.

Zu welcher Zeit entstand das Bild?

Die »Bauhaus-Treppe« von 1932 – heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen – ist das letzte großformatige Bild, das der Künstler vollenden konnte, und gleichzeitig auch sein bekanntestes. Drei Jahre zuvor hatte Schlemmer das Bauhaus verlassen und eine Professur an der Akademie der Künste in Breslau angenommen. Später wurde er von den Nationalsozialisten unehrenhaft aus dem Amt entlassen. Deutsche Kunst am Vorabend von Hitlers Machtergreifung: Was künstlerisch ambitioniert und dem Kunstverständnis der Mächtigen nicht geheuer schien, wurde diffamiert. Wie viele Künstlerkollegen musste auch Schlemmer erleben, dass seine Kunst als »entartet« disqualifiziert wurde und die künstlerische Existenz verloren ging.

Was veranlasste den Maler zu dem Gemälde?

Anlass für die Entstehung des Bildes war möglicherweise die Schließung des Dessauer Bauhauses, die kurz zuvor bekannt geworden war. Das Bauhaus zog damals für kurze Zeit nach Berlin, wo es jedoch – als »Brutstätte des Bolschewismus« beschimpft – im Jahr 1933 endgültig schließen musste.

In einem Brief vom 28. Juli 1932 schrieb Schlemmer an einen Freund: »Eine Schande, dass sich die Kulturwelt nicht erhebt und ein Veto einlegt. Aber wir sind alle anscheinend so mürbe und resigniert, dass alles geschehen kann.« Immerhin scheint Schlemmer zumindest ein künstlerisches Veto eingelegt zu haben, denn das Bild der Bauhaus-Treppe wirkt wie ein Manifest: Im Gegensatz zu anderen Gemälden handelt es sich hier sehr wahrscheinlich um eine reale Architektur, geprägt von der Bauphilosophie eines Walter Gropius, dessen streng funktionales Treppenhaus mitsamt dem Geländerlauf und den großen, unterteilten Fenstern in diesem Bild wieder auflebt.

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Bildbestimmend sind drei übereinander gestaffelte stereotype Rückenfiguren, unterscheidbar lediglich durch die Farbe der Kleidung. Insgesamt sechs Figuren gehen die Treppe hinauf, die von dem durch die Fensterflächen einströmenden Licht hell erleuchtet ist. Nur zwei Personen – und auch diese nur angeschnitten – gehen abwärts. Eine weitere steht auf dem Treppenansatz und wendet sich frontal dem Betrachter zu. Die Figuren sind nach dem typischen Schlemmer-Schema konstruiert und strikt vereinfacht und geometrisch stilisiert. Sie tragen alle die gleiche Frisur und Kleidung, nur die Farbgebung differenziert sie.

Die Menschen machen die strenge Architektur human, sie füllen den Raum fast vollständig, akzentuieren ihn durch ihre aus abgerundeten Formen bestehenden Körper und durch die Farbe ihrer Kleidung. Vor allem das leuchtende Rot der mittleren Rückenfigur macht diese zur zentralen Bildgestalt.

Gegenspieler ist der Innenraum: Die perspektivisch sich nach oben verjüngende Treppe mit dem strengen Rhythmus ihrer Stufen sowie die Treppenmauer mit ihrem kühnen Winkel und dem Schatten der Fenster – all diese Elemente sind in kühles Blau getaucht und verleihen dem Bild seine aufstrebende Gesamtwirkung; die treppauf steigenden Figuren werden gleichsam zum Hinaufgehen gezwungen.

Wer sind die Figuren?

Aufgrund ihrer Körperhaltung und Körperspannung handelt es sich um junge Leute, wahrscheinlich um Bauhaus-Studenten, die über die Treppe zu ihren Klassen oder in die Vorlesungssäle eilen. Mit dem Anschneiden der Figuren betont der Künstler das Ausschnitthafte der dargestellten Situation. Vor dem Hintergrund der rauen tyrannischen Gegenwart, die sich auch gegen die moderne Kunst richtet, transformiert Schlemmer die Szene ins Allgemeingültige: Die »Bauhaus-Treppe« wird verklärt zum Symbol der aufstrebenden Jugend, die einem hellen Ziel zustrebt.

Wo erhielt der Bauhaus-Lehrer selbst seine Ausbildung?

Geboren 1888 in Stuttgart, studierte Schlemmer zunächst an der dortigen Kunstgewerbeschule, bevor er an die Akademie der Bildenden Künste kam. 1914 arbeitete er für den Werkbund, wo der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, auf ihn aufmerksam wurde.

Als er 1920 als Lehrer ans Bauhaus nach Weimar berufen wurde, übernahm Oskar Schlemmer die Leitung der Bildhauerklasse und ab 1923 auch die der Bauhaus-Bühne. Es war vor allem die Bühnenerfahrung, die sein bildnerisches Werk prägen sollte. Denn Schlemmer, heute vor allem als Maler und Grafiker bekannt, arbeitete auch als Tänzer und Choreograf und entwickelte neue Tanzformen, Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Oskar Schlemmer nach und nach seine Lebensgrundlage. Er starb 1843 und wurde auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch begraben.

Wussten Sie, dass …

der Vater des Künstlers der Komödiendichter Carl Leopold Schlemmer war?

der Maler freiwillig am Ersten Weltkrieg teilnahm?

Schlemmer die Ausstattung zu Bühnenwerken Kokoschkas, Hindemiths, Strawinskys und Schönbergs übernahm?

der Maler in der Ausstellung »Entartete Kunst« mit fünf Gemälden vertreten war?

Beckmanns Triptychon Versuchung: In der Tradition sakraler Kunst

Wie ist »Die Versuchung« aufgebaut?

Das Werk von 1936/37 hat die dreiteilige Triptychon-Form des Flügelaltars. So verschaffte sich Beckmann die Möglichkeit, unterschiedliche Aspekte seines Themas zueinander in Beziehung zu setzen. Wie auf einer Simultanbühne werden mehrere Aktionen gleichzeitig lebendig. Den gotischen Flügelaltären ähnlich flankieren und unterstützen die Seitentafeln das breiter angelegte mittlere Hauptbild und seine Aussage. Beckmann stellte sich damit in die Tradition europäischer Sakralkunst, bezeugte seine Auseinandersetzung mit der abendländischen Kunstgeschichte und sein Ringen mit Religion und Glauben. Angesichts zweier Weltkriege mit all ihrer Unmenschlichkeit wurde er zum zweifelnden Gläubigen: »Meine Religion ist Hochmut vor Gott, Trotz gegen Gott. Trotz, dass er uns so geschaffen hat, dass wir uns nicht lieben können.«

Worauf bezieht sich der Titel des Werks?

Der Titel des Werks bezieht sich auf die Legende von der Versuchung des heiligen Antonius, die Beckmann in seine Zeit versetzt. Die Inspiration für das Bildmotiv entstammt zum einen der mehrmaligen Lektüre von Gustave Flauberts gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1874, zum anderen der Beschäftigung mit dem spätgotischen »Isenheimer Altar«, der auf einer Tafel die Versuchung des Einsiedlers Antonius zeigt. Bei Beckmann ist das Motiv jedoch ins allgemein Menschliche ausgedehnt und kryptisch verrätselt.

Wie korrespondieren die Teile des Triptychons miteinander?

Der linke Flügel des Triptychons zeigt eine junge Frau mit entblößter Brust und an eine Lanze gebundenen Händen. Es könnte die griechische Sagengestalt Helena sein, hier in der Gewalt eines Matrosen, der mit unheilvoll schwarzem Kopf hinter ihr auftaucht. Dieser geht auf Flauberts Romanfigur Hilarion zurück, ist Personifikation des Teufels und des Wassers zugleich. Im Vordergrund erkennt man im Profil eine gepanzerte Figur. Antike Kleidung und Haltung verweisen auf die griechische Göttin Athene, Kämpferin für die Keuschheit und gegen die Laster. So lässt sich das Untier zu ihren Füßen als Symbol für Lüsternheit und Begierde lesen, die Athene bekämpft hat.

Der rechte Flügel des Triptychons zeigt deutliche Entsprechungen zum linken: wieder eine gefangene Frau mit entblößter Brust, diesmal in einem Käfig. Auch sie wird von einem düsteren Wesen bewacht, einem Vogel mit bedrohlichem Schnabel. Vermutlich hat Beckmann hier die sagenhafte Königin von Saba mit ihrem Zaubervogel Simorganka dargestellt. Der gepanzerten Figur des linken Bildes entspricht auf der rechten Seite der gleichfalls androgyn wirkende Hotelboy des Hotels Kempinsky mit der Krone. Er führt eine am Boden kriechende Frau an der Leine – ein Bild masochistischer Unterwerfung.

Gefesselt ist im Mittelbild der Maler – ein »Antonius«, der Versuchungen ausgesetzt ist: der sexuellen Begierde und der Sehnsucht nach Schönheit – angesichts der schönen Frau – wie auch dem Hunger nach Macht, symbolisiert durch die Krone im rechten Flügel. Nichts von alledem kann der Künstler erreichen. Er liegt gefesselt am Boden, kann nur betrachten und das Gesehene durch seine Kunst weitergeben.

Wussten Sie, dass …

Max Beckmann sich unter dem Eindruck des Nationalsozialismus ab Mitte der 1930er Jahre erneut dem Thema des gedemütigten, erniedrigten Menschen zuwandte? Gitter, Fesseln, Folter sind Motive, die auf seinen Bildern immer wieder auftauchen.

das monumentale Triptychon insgesamt sechs Meter breit ist?

Beckmann in seiner Spätphase zwischen 1932 und 1950 insgesamt neun große Triptychen malte?

der Maler heute einer der teuersten deutschen Künstler überhaupt ist?

Wo war Beckmanns Werk besonders erfolgreich?

Vor allem im Ausland. Im Jahr der Vollendung der »Versuchung« wurde Max Beckmann, der bereits 1933 nach Hitlers Machtübernahme sein Lehramt in Frankfurt verloren hatte, von den Nationalsozialisten offiziell verfemt: 1937 zeigte die NS-Ausstellung »Entartete Kunst« auch Werke von Beckmann. Hitlers Rede zur Ausstellungseröffnung, ein hasserfülltes Manifest der neuen deutschen Kunstideologie, hörte der Maler im Radio. Tags darauf ging er mit seiner Frau in die Emigration. In den USA, wo er 1950 auch starb, wurde Beckmanns Kunst hoch geschätzt. »Die Versuchung« erhielt 1939 auf der Ausstellung »Golden Gate« in San Francisco den ersten Preis.

Pablo Picassos Guernica: Gegen die Barbarei des Krieges

Wie kam es zu dem Monumentalbild »Guernica«?

Ab 1936 wurde die demokratische Republik Spanien von den Nationalisten unter General Franco bedroht. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 wollte Spanien in seinem modernen Glaspavillon abseits der neoklassischen Protzburgen des nationalsozialistischen Deutschland und des stalinistischen Russland auf diese Gefahr aufmerksam machen. Dann geschah das Verbrechen in Guernica. Am 24. April 1937 zerstörte die deutsche Legion Condor, die Hitler zur Unterstützung Francos nach Spanien schicken ließ, die älteste Stadt des Baskenlandes mit über 3000 Brandbomben und metzelte anschließend die Einwohner mit Maschinengewehren nieder. Zwei Tage nach dem Massaker erschienen in den Pariser Zeitungen Fotografien der zerstörten baskischen Stadt Guernica. Picasso beschloss, dieses Verbrechen zum Thema seines Beitrages für die Weltausstellung zu machen. So entstand das wohl berühmteste Anti-Kriegsbild des 20. Jahrhunderts.

Wie verlief der künstlerische Weg Picassos bis 1937?

Noch geprägt vom spanischen Jugendstil, malte Picasso um die Jahrhundertwende in Paris, in der melancholischen Atmosphäre von Bars und Zirkuszelten, seine Bilder der so genannten Blauen und Rosa Periode. Danach entwickelte er zusammen mit Georges Braque die Malerei des Kubismus: das Zerlegen der Bildobjekte in Formen wie Würfel, Kugeln oder Kegel und das anschließende Zusammensetzen auf der Leinwand. Sie wollten den Bildgegenstand gleichzeitig von mehreren Seiten darstellen, verzichteten also auf eine einheitliche Perspektive. Es gab keine einheitliche Lichtquelle mehr und nur wenige Farben, vor allem Braun, Grau und Weiß. Der Kubismus war der einflussreichste Stil der Moderne und Grundlage für viele weitere Entwicklungen. Den Aufsehen erregenden künstlerischen Startschuss bildete Picassos berühmtes Bild »Les Demoiselles d'Avignon« aus dem Jahr 1907. Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Picasso schließlich einen eigenen, figürlichen Stil mit kubistischer Mehransichtigkeit und vereinfachten Formen. Er prägt auch das Bild »Guernica«.

Welche Szenen zeigt das Gemälde?

Das weltberühmte Bild ist heute im Madrider Museo Reina Sofia ausgestellt. Man blickt auf eine dunkle Szenerie in Schwarz, Grau und Weiß. Die Bombardierung der Stadt fand am helllichten Tag statt – Picasso wollte jedoch die Dunkelheit des Schreckens ausdrücken. Eine Glühlampe, wie das Auge Gottes in ein Dreieck gestellt, und eine Kerze sollen die Wahrheit über Guernica ans Licht bringen. Verschiedene Frauen malte Picasso als Sinnbilder der unschuldig getöteten und leidenden Menschen. Rechts schreit eine Frau aus einem brennenden Haus heraus, eine Zweite läuft davon. Am linken Bildrand hält eine klagende Frau mit einer ergreifenden Geste ihr getötetes Kind empor. Manche Motive wirken für den Betrachter vieldeutig: Ist die zerbrochene Kriegerstatue ein Symbol der zerstörten spanischen Kultur, ist die Blume in der Hand ein Zeichen der Hoffnung? Der Stier, sonst Picassos stolzes Symbol des spanischen Volkes oder auch verstecktes Selbstbildnis, ist hier vollkommen hilflos, unfähig, den Menschen zu helfen. Das Pferd, passives Opfer der Stierkämpfe, schreit seinen Schmerz und seine Qual heraus. Eindrücklich ist das Leid der Opfer dargestellt – der Feind, die Täter, sind dafür nirgends zu sehen.

Wussten Sie, dass …

ein deutscher Soldat einmal Picassos Atelier besuchte und dort eine Abbildung von »Guernica« sah? Erstaunt fragte der Soldat den Maler: »Das haben Sie gemacht?« Picasso antwortete: »Nein, Sie!«

die Bilder Picassos zu den teuersten Objekten auf dem Kunstmarkt gehören?

Picasso die Rückkehr des bis 1981 in New York ausgestellten Bildes »Guernica« nach Spanien bis zum Tode des Diktators Franco untersagt hatte?

Warum gilt Picasso als das Malergenie des 20. Jahrhunderts?

Sein Leben und sein Werk geben die Antwort: Pablo Ruiz Picasso wurde am 25. Oktober 1881 in Málaga als Sohn eines Zeichenlehrers geboren. Bereits mit 15 Jahren wurde er an der Kunstakademie in Barcelona aufgenommen, ab 1898 pendelte er zwischen Barcelona und Paris. Mit den Bildern der Blauen Periode (1901 bis 1904) begann eine Künstlerlaufbahn, die an Fülle, Vielfalt und Bedeutung von keinem anderen Künstler des 20. Jahrhunderts übertroffen wird. Viele von Picassos Arbeiten wurden zu Schlüsselwerken für die unterschiedlichsten Strömungen der Moderne. Als erstem Maler überhaupt widmete ihm der Pariser Louvre eine Ausstellung, noch während er lebte.

Nach der Rosa Periode (1905–1907) und zahlreichen Harlekin- und Gauklerbildern wandte sich Picasso 1907 dem Kubismus zu, den er gemeinsam mit Georges Braque begründete. Dieser Phase folgten ab 1916 klassizistisch anmutende Bilder, ab 1925 arbeitete er unter dem Einfluss des Surrealismus. In den Jahren zwischen 1934 und 1945 entwickelte der Künstler eine eigene, expressiv-realistische künstlerische Handschrift, die künftig als »Stil Picasso« bezeichnet werden wird. 1947 begann Picasso im südfranzösischen Vallauris mit Töpferarbeiten und Lithografien, anschließend setzte er sich gründlich mit den Werken alter Meister auseinander. Mit über 70 Jahren wandte er sich wie selbstverständlich nochmals neuen Ausdrucksweisen zu, schuf Skulpturen aus Schrott und Fundstücken. Pablo Picasso starb am 8. April 1973 im Alter von 91 Jahren. Er liegt in Vauvenarges in der Provence begraben.

Jackson Pollocks Alchimia: Abstraktion und Aktion

Für welche Vorstellung von Kunst steht der Name Jackson Pollock?

Jackson Pollock vertrat die Idee von einem internationalen Konzept und einer allgemein gültigen Bedeutung von Kunst – und erteilte damit als einer der ersten Künstler der bis dahin gültigen Vorstellung von »Kunst-Landschaften« und »Kunst-Nationen« eine klare Absage. Er ging stattdessen von einem– heute wieder sehr aktuellen – globalen Anspruch der Kunst aus. Berühmt geworden ist Pollock durch seine drippings und all over paintings wie »Alchimia«: großformatige Arbeiten, in denen er Rationales und Unterbewusstes, Subjektives und Objektives verschmilzt und als Ausschnitt eines größeren Ganzen erfahrbar werden lässt.

Gab es für Pollock eine amerikanische Kunst?

Pollock schien diese Vorstellung befremdlich. Ein Journalist fragte den Künstler 1943: »Herr Pollock, glauben Sie, dass es eine rein amerikanische Kunst geben kann?« – Pollocks Antwort: »Die Idee einer isolierten amerikanischen Malerei scheint mir ebenso absurd wie die Idee einer rein amerikanischen Mathematik oder Physik. Und in gewissem Sinne stellt sich dieses Problem gar nicht; oder wenn, erledigt es sich von selbst: Ein Amerikaner ist ein Amerikaner und dies wird sich natürlich in seiner Malerei niederschlagen, ob er will oder nicht. Doch die Grundprobleme der zeitgenössischen Malerei sind nicht nationenspezifisch.« Pollock stand auch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges, während in New York seine erste Einzelausstellung in der Art of this Century Gallery stattfand, in der während des Krieges zahlreiche europäische Surrealisten ausgestellt wurden.

Aus welchen Quellen schöpfte Pollock?

Für seine Zeit sehr ungewöhnlich, verwies der Künstler auf den Vorbildcharakter der Kunst der vor allem in Mexiko lebenden Indianer, denn »die Indianer zeigen echtes malerisches Gespür in der Treffsicherheit ihrer Bildsprache und in ihrer Auffassung von malerischen Sujets. Ihre Koloristik ist urwestlich, ihre Vision hat die elementare Universalität aller wahren Kunst. Manche Betrachter finden in meinen Bildern Anklänge an indianische Kunst und Kalligrafie.« Bereits 1936 hatte Pollock Spritztechniken und die Verwendung synthetischer Materialien im Experimental Workshop am Union Square in New York erlernt, angeregt durch die großformatigen Wandmalereien mexikanischer Revolutionskünstler wie Siqueiros, Orozco und Rivera.

Ist »Alchimia« ein typisches Pollock-Bild?

In »Alchimia« (1947) entwirft der Künstler ebenso formal durchdachte wie zufällig erscheinende, offensichtlich schnell realisierte Kompositionen. Die für ihn typische Technik des Tropfens (dripping) und des Farbschleuderns (pouring) hatte Pollock seit 1946 entwickelt. Die Gemälde entwerfen ihren Bildraum über die Staffelung der Malschichten in der Ebene, das Einzelwerk scheint ein Ausschnitt aus einem größeren Ganzen, es gibt weder oben noch unten, weder rechts noch links.

»Alchimia« stammt aus der für Jackson Pollock »legendären« Werkphase der späten 1940er und 1950er Jahre, in denen die unverwechselbaren drippings entstehen – Freunde geben Pollock den Spitznamen »Jack the Dripper« –, gefolgt von den all over paintings der späteren Jahre. »Im Bild sein«, so hat der Künstler den kraftvollen Malvorgang beschrieben. Gemeint ist die Symbiose von Mensch und Bild im und über den Prozess des Malens. Rationales und Unterbewusstes, Verstand und Gefühl, objektive Wahrnehmung und subjektiver Ausdruck verschmelzen zu großen, breitformatigen Leinwänden.

Wie veränderte sich der Stil des Malers nach »Alchimia«?

Zu Beginn der 1950er Jahre beginnt sich Pollocks Stil zu wandeln. Große, in Schwarz Weiß gehaltene Kompositionen mit kreuz und quer gemalten Farblinien bestimmen nun das Werk des Künstlers. Die Entwicklung der Abstraktion gipfelt im Jahre 1951, in dem Pollock ausschließlich schwarz-weiße Bilder anfertigt, etwa »Number 14«. Der Betrachter kann hier nur schwer zwischen »traditioneller« Malerei, Tropf- und Schleudertechnik unterscheiden und vermutet ebenso eine rein abstrakte Komposition wie einzelne Gegenstände. Pollock beschrieb diese Phase seines Schaffens selbst: »Meine Malerei kommt nicht von der Staffelei her. Selten spanne ich die Leinwand vor dem Malen auf. Ich befestige sie lieber an der …Wand oder auf dem Boden. Ich fühle mich dem Bild näher, mehr als ein Teil von ihm, denn so kann ich mich um das Bild herum bewegen, von allen vier Seiten her arbeiten und buchstäblich im Bild sein.«

Der action painter Jackson Pollock – gestorben 1956 bei einem Autounfall – gilt Experten heute als wichtigster Vertreter des abstrakten Expressionismus der USA.

Wussten Sie, dass …

2005 in einem Lagerhaus in New York 32 bis dahin unbekannte Bilder von Jackson Pollock gefunden worden sein sollen?

der Filmregisseur Ed Harris 2000 einen Kinofilm über den Maler drehte? Die Schauspielerin Marcia Gay Harden erhielt für ihre Rolle als Pollocks Frau den Oscar. Den Künstler spielte übrigens der Regisseur selbst.

Pollocks Bild Nr. 12 von 1949 im Jahr 2004 auf einer Auktion für 15 Millionen Franken versteigert wurde?

Welche Bedeutung hatte der Prozess des Malens für Jackson Pollock?

Wie für viele Künstler des Actionpainting hatte auch für Jackson Pollock der Entstehungsprozess des Kunstwerkes mindestens dieselbe Bedeutung wie das fertige Bild selbst. Die dynamische Bewegung des Malers beim Malen bildete sich nämlich im fertigen Werk ab.

Geboren wurde Jackson Pollock am 28. Januar 1912 in Cody (Wyoming), er starb mit nicht einmal 44 Jahren bei einer Trunkenheitsfahrt mit dem Auto am 11. August 1956. Seine Ausbildung erhielt er an Kunstschulen in Los Angeles und New York. 1943 schloss Pollock mit der Galeristin Peggy Guggenheim einen Vertrag über die Ausstellung seiner Arbeiten. 1945 heiratete er seine Künstlerkollegin Lee Krasner.

Jackson Pollocks aktive Schaffensperiode währte nur kurz, aber in den Jahren zwischen 1946 und 1951 schuf er ein kongruentes und in hohem Maß innovatives Werk, das ihm einen festen Platz in der Kunstgeschichte sichert.

Le Corbusiers Wallfahrtskirche Ronchamp: Poesie der Architektur

Was war Le Corbusiers Vorstellung von Architektur?

Le Corbusier, der es ohne formelle Architektenausbildung zur herausragenden Gestalt der Architektur des 20. Jahrhunderts gebracht hatte, veröffentlichte 1923 in der Schrift »Vers une architecture« seine erste kompromisslose Forderung nach einer funktionellen, ökonomischen Architektur, die nach den gleichen Prinzipien konzipiert werden sollte wie Ingenieurbauten – das war ein radikal neuer Gedanke. Die moderne Baukunst sollte der neuen, industriellen Maschinenwelt entsprechen. Seine Planungen zeigten nun streng mathematisch ausgerichtete Architektur aus geometrischen Formen wie Würfel, Zylinder und Kugel.

Mit der Villa Savoye in Poissy bei Paris ab 1929 und seinem Beitrag für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) realisierte Corbusier seine »Fünf Punkte zu einer neuen Architektur«: Stahlskelettbauten auf so genannten Pilotis (Säulen), Fensterbänder anstelle herkömmlicher Fenster, variable Raumaufteilung im Innern und ein Dachgarten. Typisierte, industriell gefertigte Elemente sollten die Entwürfe preiswert und flexibel machen.

Le Corbusier war maßgeblich an der »Charta von Athen« (1933) beteiligt, die das Ideal einer autogerechten Stadt mit strikter Teilung von Wohn- und Arbeitswelt und Raum sparenden Zeilenbauten und Hochhäusern verfocht. Seine radikalen Pläne aus den 1930er Jahren für Paris und den Wiederaufbau französischer Städte nach 1945 blieben unrealisiert. Gebaut wurde die Unité d'Habitation in Marseille: ein Mietshaus, entworfen nach den fünf Punkten der Architektur, bei dem alle Bedürfnisse der Mieter innerhalb des Hauses erfüllt wurden.

Ist Ronchamp typisch für Le Corbusiers Stil?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam mit der Kirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp Le Corbusiers Absage an den Rationalismus und die Hinwendung zu einer irrationalen, plastisch-organischen Architektur, die weniger lehrhaft war, vielmehr einfühlsam entworfen. Der Architekt baute nun keine Prototypen mehr, sondern individuelle Architektur-Ereignisse für den einen Ort und den einen Zweck.

Als Le Corbusier 1950 den Auftrag annahm, einen Ersatz für die von den Deutschen zerstörte Kapelle zu bauen, entwarf er eine Kombination von Außen- und Innenkirche. Im Innern finden bis zu 200 Gottesdienstbesucher Platz; an den Marienfeiertagen im Sommer noch Tausende mehr vor dem Altar im Freien.

Wie ist Ronchamp gebaut?

Betrachtet man die 1954 fertig gestellte Kirche von Süden, fällt ihre Massigkeit auf. Schwer scheint das Dach auf den meterdicken, leicht nach innen geneigten Mauern zu liegen, der hohe Glockenturm wirkt wie ein Monolith. Doch dieser Eindruck täuscht: Fast alle Außenwände sind in Wirklichkeit aus leichten zweischaligen Mauern konstruiert. Mit einer Maschine, die Le Corbusier »Zementkanone« nannte, wurde dafür Beton von zwei Seiten auf feinmaschige Stahlgitter aufgesprüht. Das Dach wird nicht von den Wänden getragen, sondern ist in Betonpfeiler eingehängt, die innerhalb der Wände stehen. Eine vom Wasser polierte Muschel, die der Architekt 1946 am Strand von Long Island gefunden hatte und bei sich trug, soll ihm als Anregung für die organisch wirkende Dachform gedient haben.

Die Nordwand, die keine tragende Funktion hat, ist aus den Steinen der alten Kirche gemauert und konnte durch viele Fenster geöffnet werden. Zwischen den niedrigen Zwillingstürmen liegt der Werktagseingang, das Dach ist von Norden nicht zu sehen.

Welche Rolle spielt das Licht?

Dem Licht kommt in dieser Architektur eine besondere Bedeutung zu. Der Innenraum ist überraschend hell. Die Fenster, die von außen klein und trutzig wie Schießscharten wirken, scheinen durch ihre schräge Laibung zum Inneren hin größer. Einige Fenster wurden nach den Entwürfen des Architekten bemalt. Zwischen Wänden und Dach zieht sich ein schmaler verglaster Streifen, der das gewölbte Dach leicht und schwebend wirken lässt.

»Der Schlüssel ist das Licht, und das Licht erhellt die Formen, und die Formen haben gefühlsmäßige Kraft«, schrieb Le Corbusier als Vorwort zu seinem Buch über Ronchamp.

Diesen Stil setzte er bis zu seinem Tod fort, so bei dem Kloster Sainte-Marie-de-la-Tourette und bei den Verwaltungsbauten von Candighar in Indien.

Wie kam Le Corbusier zu seinem Namen?

Der am 6. Oktober 1887 im schweizerischen La-Chaux-de-Fonds geborene Charles Édouard Jeanneret nannte sich seit Beginn der 1920er Jahre »Le Corbusier«, nach seinem Großvater und in Verehrung seines Lehrmeisters L'Eplattenier an der Kunstgewerbeschule. Architekt wurde er ohne besondere Ausbildung, einfach indem er als solcher arbeitete.

Im Laufe seines langen Architektenlebens baute Le Corbusier große Wohnhäuser, Villen, Studentenheime oder Verwaltungsgebäude. Am 27. August 1965, im Alter von 78 Jahren, erlitt er beim Baden im Meer einen Herzinfarkt und ertrank.

Wussten Sie, dass …

Le Corbusier auch journalistisch tätig war? Gemeinsam mit dem Maler Amédée Ozenfant und dem Dichter Paul Dermée gründete er die Zeitschrift »L'Esprit Nouveau«, die sich mit Kunst und Architektur befasste.

Le Corbusiers Büro 1927 zwar den Wettbewerb für den Bau des Völkerbundpalastes in Genf gewann, aber nicht bauen durfte? Man hatte versäumt, die geforderten Tuschezeichnungen der Entwürfe einzureichen.

Jasper Johns' Flag: Was ist Identität?

Welcher Frage geht Jasper Johns in seinem Kunstwerk nach?

Der Künstler provoziert die Frage nach der Identität: »Ist es eine Flagge oder ist es ein Gemälde?« Jasper Johns' »Flag« lässt Gegenstand und Abbild deckungsgleich werden und konfrontiert den Betrachter mit der Frage nach der Identität von Ding und gemaltem Ding (= Bild). Dabei geht es dem Maler um mehr als um einen kunstinternen Diskurs: Mit schnellem Spachtel- und Pinselaufstrich hat er die amerikanische Nationalflagge maßstabgerecht und farblich korrekt reproduziert. Doch bereits der deutlich sichtbare malerische Arbeitsvorgang weist diese Flagge eindeutig als gemalte aus, so dass die oben angeführte, vom Künstler selbst formulierte Frage eher lauten sollte: »Ist es eine gemalte Flagge oder ein abstraktes Gemälde?«

Wie kam Johns zur malerischen Wiedergabe der Alltagskultur?

Für den Künstler war es ein Neubeginn. 1954 hatte er, 24 Jahre alt, alle bisher entstandenen Arbeiten seines Frühwerkes zerstört. Mit »Flag« begann Jasper Johns seine künstlerische Karriere dann ein zweites Mal. Nun konzentrierte er sich auf die malerische Reproduktion, gleichsam das Recycling, der in der Alltagskultur vorgefundenen Bildmotive wie Fahnen, Zielscheiben, Landkarten, Zahlen, Buchstaben und so weiter. »Der Anblick einer Sache kann manchmal dazu animieren, etwas Anderes zu machen. In manchen Fällen finden sich dann in dem neuen Werk – gewissermaßen als Sujet – Hinweise auf das, was man ursprünglich gesehen hat. Und weil es zwischen Werken der Malerei in der Regel viele Gemeinsamkeiten gibt, kann die eigentliche Arbeit Erinnerungen an andere Werke in Gang setzen. Diese —Geister‹ zu benennen oder zu malen erscheint manchmal wie ein Mittel, ihrem Nörgeln ein Ende zu setzen«, so Johns 1982.

Wo setzt Johns' Werk kunstgeschichtlich an?

Jasper Johns knüpft mit seiner Malerei an eine Diskussion an, die in Europa durch den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus für mehr als 20 Jahre unterbrochen gewesen war. Es ging um die Entwicklung der Abstraktion durch Expressionismus, Konstruktivismus und Dadaismus, die dann in den 1950er Jahren auch in den USA erneut diskutiert wurde. Hier setzen die Gemälde eines Jasper Johns an, der sich in radikaler Art erneut auf den vorgefundenen Gegenstand, also Objekte des Alltags, konzentrierte: »Ich interessiere mich für Dinge, die Dinge nahelegen, die einfach sind, statt für Urteile über Dinge. Das konventionellste Ding, das gewöhnlichste Ding – mit denen kann man, glaube ich, umgehen, ohne sie beurteilen zu müssen; sie scheinen ohne alle ästhetische Hierarchie als eindeutige Tatsachen.«

Beschränkte sich der Künstler auf die Malerei?

Nein, in »Tango« (1955) hatte Jasper Johns versucht, Tanz und Musik, Bewegung und Rhythmus in einem ebenso einfarbigen wie vielfarbigen Gemälde zu verarbeiten. Bereits ein Jahr früher – also parallel zur Entstehung von »Flag« – hatte der Künstler mit »Star« eine Mischform aus Malerei und Skulptur geschaffen. Eine Mischform, so könnte man formulieren, aus Raumbild und Bildraum. Bei dieser Arbeit handelt es sich um ein in formaler und konzeptueller Hinsicht »offenes Kunstwerk«, das keine vorgegebene Bedeutung an den Betrachter heranträgt, ganz in dem Sinn, wie es der italienische Wissenschaftler und Schriftsteller Umberto Eco in den 1960er Jahren entwickelt hat. Vor allem für die junge Künstlergeneration des beginnenden 21. Jahrhunderts wird die Form des offenen Kunstwerks wieder interessant.

Als der französische Künstler Marcel Duchamp in den 1920er Jahren einen Flaschentrockner ausstellte, verwies er mit diesem Readymade (fertiger Kunstgegenstand) auf den kreativen Akt der Wahl des Gegenstandes. Der Trockner wurde zur Ikone der so genannten Dada-Bewegung (eine literarisch-künstlerische Bewegung gegen die Vorstellung, dass Kunst Inhalte vermitteln muss). Den Vertretern der Pop-Art– und damit neben Roy Lichtenstein, Andy Warhol und anderen auch Jasper Johns– warf Duchamp dann in den 1960er Jahren die völlige Umkehrung seiner ursprünglichen Ablehnung des bürgerlichen Kunstgeschmacks vor: »Im Neo-Dada benutzen sie die Readymades, um ihren —ästhetischen Wert‹ zu entdecken. Ich warf ihnen den Flaschentrockner ins Gesicht als Herausforderung, und jetzt bewundern sie ihn als das ästhetisch Schöne.«

Sinnfällig hat Jasper Johns das Thema der »Flag« von 1954 in den folgenden Jahren mehrfach variiert und mit dem »vorgefundenen Gegenstand« der US-amerikanischen Nationalflagge geradezu experimentiert: In »White Flag« wird der ursprüngliche farbliche Wechsel der Stars and Stripes in ein »Grau in Grau« transformiert. In »Three Flags« nimmt Johns deutlich ein Übereinanderstaffeln desselben Sujets vor. Gerade der Vergleich dieser drei Variationen zum Thema »Flag« zeigt deutlich, worum es dem Künstler hier geht: um die Entwicklung der zweidimensionalen Farbfläche in einen dreidimensionalen Bildraum.

Wussten Sie, dass …

Jasper Johns sich seinen Lebensunterhalt eine Zeit lang als Schaufensterdekorateur verdiente? Zuvor hatte er dem Künstler und Freund Robert Rauschenberg bei derselben Tätigkeit assistiert.

Werke von Jasper Johns zu den am höchsten gehandelten Objekten am internationalen Kunstmarkt gehören und Preise von bis zu 12 Millionen Dollar erzielen?

Johns' Werke in allen wichtigen Museen moderner Kunst vertreten sind?

Wie populär war Jasper Johns zu Beginn seiner Karriere?

Eine Weile musste er auf den Erfolg schon warten. Aber der Durchbruch kam noch vor seinem 30. Lebensjahr: In seiner eben eröffneten Galerie präsentiert Leo Castelli eine Einzelausstellung der Werke Jasper Johns'. Seine Bilder sind auf der wichtigen Kunstbiennale in Venedig vertreten und sogar das New Yorker Museum of Modern Art kauft drei Johns-Werke an. Vor seinen Triumphen hatte Johns in den Jahren 1947/48 an der University of South Carolina studiert, von 1949-1951 dann an der Schule für angewandte Künste in New York. 1960 erhielt er auf der Biennale in Pittsburgh den Carnegie-Preis, die Biennale von Venedig verlieh ihm in ihrer Edition von 1964 den ersten Preis. Jasper Johns gilt als Wegbereiter der Pop-Art und Minimal Art. Heute lebt und arbeitet er in New York.

L'Homme qui marche von Giacometti: Annäherung an das Sein

Was drücken Giacomettis fragile Skulpturen aus?

Die Werke des Schweizers Alberto Giacometti strahlen eine eigenartige Zerbrechlichkeit aus. Sie weisen überlange Proportionen und unruhig strukturierte Oberflächen auf. Sich selbst fremd und eigenartig beziehungslos scheinen sich die Figuren im Raum zu bewegen. Giacomettis Freund, der französische Schriftsteller Jean-Paul Sartre, sah in seinen Skulpturen eine Verkörperung des Menschenbildes der existenzialistischen Philosophie.

Wie erzielte Giacometti die eigenartige Wirkung?

Beispielhaft lässt sich Giacomettis Gestaltungsweise anhand der Skulptur »L'Homme qui marche« erläutern. Auf einer Platte steht eine 1,90 Meter große, extrem dünne männliche Gestalt. Wie eine archaisch-griechische Statue hat »L'Homme qui marche«, der »Gehende Mann«, die Beine in Schrittstellung geöffnet, die Arme parallel zum Körper. Die einzelnen Glieder der Figur wirken fragil, anatomische Einzelheiten wie Knochen, Muskeln oder Haut sind nur andeutungsweise, Füße und Hände übergroß wiedergegeben. Die Einzelheiten des Gesichts sind stark vereinfacht. Der Eindruck der Bewegung entsteht durch den abgehobenen hinteren Fuß und den vorgebeugten Oberkörper. Zusammen mit den unruhigen Lichtreflexen auf der zerklüfteten Oberfläche der Bronzeplastik ergibt sich das Bild eines rastlosen, unruhigen menschlichen Wesens in dauernder Bewegung.

Wie fand der Künstler zu seinem eigenen Stil?

Nach einem Ausflug in den Surrealismus zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn in Paris orientierte sich Giacometti ab Mitte der 1930er Jahre wieder am menschlichen Modell, geriet aber prompt in eine Schaffenskrise. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte er in Genf von Möbelentwürfen, die sein Bruder Diego ihm vermittelte. Diego saß ihm auch Modell für winzige Köpfe und Figurinen aus Gips oder Ton.

Mit der »Frau auf dem Wagen« schuf er 1942 seine erste großformatige Arbeit. Viele Stilmerkmale späterer Werke wie dem »Gehenden Mann« nimmt sie voraus: den langen schmalen Körper, die strenge Frontalität, die bewegte Oberfläche. Die Frau wirkt wie eine alte Kultfigur, etwa eine etruskische Bronzegöttin. Um sie bei der Arbeit bewegen zu können, hatte Giacometti sie auf den Spielzeugwagen seines Neffen gestellt und diese Kombination bei der Ausführung auch beibehalten. Der Kontrast zwischen einer unbeweglich stehenden Figur und einem beweglichen Wagen beschäftigte ihn danach immer wieder.

Wie wurde Giacometti zum Bildhauer des Existenzialismus?

Mit seinen Skulpturen in der Manteltasche kehrte Giacometti zu Kriegsende nach Paris zurück. Hier vertiefte sich die Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die Giacometti erst nur als geistreichen Gesprächspartner im Café de Flore, dann aber auch als Bildhauer schätzten. In seinen Skulpturen sahen sie eine künstlerische Umsetzung der existenzialistischen Idee vom Ausgeliefertsein des Menschen in einer feindlichen Umgebung, auf einer nur schmalen Grenze zwischen dem »Sein« und dem »Nichts«. Sartres Schriften über Giacometti machten den Künstler zu dem Bildhauer des Existenzialismus.

Wann gelang der künstlerische Durchbruch?

Im Paris der Nachkriegszeit konnte Giacometti dann endlich auch die großformatigen Skulpturen schaffen, für die er berühmt geworden ist. Nun entstanden jene überlängten, zerbrechlich wirkenden Gestalten, deren Distanz psychologisch wie physisch erlebbar ist. Zugleich eröffneten sie dem Betrachter eine neue Wahrnehmung der Beziehung zwischen Plastik und Raum. Ab dem Jahre 1945 malte Giacometti auch zahlreiche Porträts von Menschen aus seiner Umgebung, seine Frau Annette, seinen Bruder Diego oder verschiedene Freunde wie den Schriftsteller Jean Genet. Stilistische Übereinstimmungen mit seinen Plastiken findet man in der Frontalität der Porträts und ihrer Längung. Ein Netz von Strichen in Grau, Weiß oder Braun ohne festen Umriss ist in seiner Unruhe der Oberfläche der Skulpturen sehr ähnlich.

Wussten Sie, dass …

Giacomettis Vater Giovanni ein bekannter impressionistischer Maler war? Früh förderte er das Talent seines Sohnes; auch Giacomettis Brüder wurden Maler, Architekten und Designer.

Alberto Giacometti einen Gehfehler hatte? 1938 wurde er von einem Auto angefahren und am Fuß verletzt, ein traumatisches Erlebnis, das er nie verarbeitete.

der Künstler bekannt für seine äußerst ungesunde Lebensweise war? Sein Kaffee- und Zigarettenkonsum waren Begleiterscheinungen seiner rastlosen Arbeitsweise.

Wie verlief Alberto Giacomettis künstlerische Entwicklung?

Der am 10. Oktober 1901 geborene Giacometti stammte aus Stampa im Schweizer Kanton Graubünden. Ab 1919 studierte er ein Jahr lang Bildhauerei in Genf und nach einer Italienreise seit 1922 weiter in Paris. 1925 bezog Giacometti mit seinem Bruder Diego ein Atelier in Paris und experimentierte mit Kubismus und Konstruktivismus. Gegen 1927 luden ihn die Surrealisten um André Breton ein, sich ihnen anzuschließen. Aus dieser Zeit stammt »Der Palast um vier Uhr morgens«, eine räumliche Konstruktion aus Holz, Draht und Schnur, die Giacometti 1932 nach einem Traumerlebnis schuf. Die surrealistische Phase fand 1935 ein jähes Ende, als Giacometti seine Absicht verkündete, wieder nach der menschlichen Gestalt arbeiten zu wollen. Auf dem Höhepunkt der künstlerischen Anerkennung erkrankte Giacometti in den 1960er Jahren an Magenkrebs. Im Juni 1966 starb er im schweizerischen Chur an Herzversagen.

Francis Bacons Innozenz X.: Obsession und Gewalt

Wie verlief Francis Bacons Weg zur Kunst?

Francis Bacon (1909–1992) wurde im irischen Dublin geboren, als Sohn eines Pferdetrainers und -züchters und Nachkomme des bedeutenden britischen Philosophen und Staatsmanns gleichen Namens (1561–1626). Im Ersten Weltkrieg zog die Familie nach London, wo der Vater im Kriegsministerium arbeitete. Dann lebte der Junge wieder eine Zeit lang bei der Großmutter in Irland. Der frühe Tod zweier Geschwister, die Ortswechsel, die Kriegswirren und eine schwere Asthmaerkrankung verunsicherten den jungen Bacon zutiefst. Auch an einen regelmäßigen Schulbesuch war nicht zu denken.

Mit 16 Jahren verließ er seine Familie und verdiente sein Geld fortan mit Gelegenheitsarbeiten. Außerdem fertigte er Designermöbel und entwarf Innenraumgestaltungen. Er lebte in London, Paris und Berlin. Er begann, Ölbilder zu malen und ab 1933 nahm er an ersten Ausstellungen teil. Wegen des geringen Erfolgs zog er sich immer wieder von der Malerei zurück und ging anderen Beschäftigungen nach, unter anderem war er Croupier. Den Großteil seiner künstlerischen Produktion vernichtete er. Erst im Jahr 1944 begann er wieder ernsthaft zu malen. Die Malerei wurde nun zum Mittelpunkt seines Lebens.

Wie kam Bacon auf das Motiv eines Papstes aus dem 17. Jahrhundert?

Francis Bacon schuf seine hochemotionalen, expressiven Gemälde meist nach Fotografien oder Reproduktionen von Kunstwerken. Eine dieser Vorlagen, welche ihn seit 1951 über 14 Jahre lang beschäftigte, war das berühmte Porträt des Papstes Innozenz X. von Diego Velázquez aus dem Jahr 1649. In insgesamt 45 Werken setzte sich Bacon damit auseinander. Warum spielte gerade dieses Bild für ihn eine so große Rolle? »Weil ich glaube, dass es eines der größten Porträts ist, die je gemacht worden sind, und ich davon geradezu besessen bin. Ich kaufe jedes Buch, das die Abbildung dieses Papstes von Velázquez enthält, weil es mich einfach verfolgt und sogar alle Arten von Gefühlen und Bereiche der Fantasie ... in mir freilegt.« Im Original hat Bacon das Bild nie gesehen, obwohl er bei einem Romaufenthalt die Gelegenheit gehabt hätte. Er arbeitete ausschließlich mit Fotografien des Gemäldes.

Welche Elemente finden sich in »Innozenz X.«?

Bacons Innozenz-Bild aus dem Jahr 1953 verknüpft das Porträt von Velázquez mit einem Standfoto der schreienden Kinderfrau aus dem Film »Panzerkreuzer Potemkin«, dem Meisterwerk des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein aus dem Jahr 1925. Mit dem Motiv des Schreis hat sich Bacon intensiv beschäftigt und in diesem Kontext auch medizinische Fachbücher studiert. Der Schrei, dessen bildnerische Darstellbarkeit viele Philosophen und Künstler lange bezweifelten, ist bei Bacon der elementare Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung. Als weiteres Bildelement diente Bacon ein Foto von Pius XII. (Papst 1939–1958), der auf seinem Thronsessel durch die Menschenmenge im Petersdom getragen wird.

Das alles fließt in die Komposition seines grandiosen Porträts »Innozenz X.« ein, das Francis Bacon wie viele seiner Gemälde als »Studie« bezeichnete. Krampfhaft hält sich Innozenz an den Armlehnen des Sessels fest. Doch der allgemeine Auflösungsprozess lässt sich nicht aufhalten. Der Mensch scheint wie eine Flamme zu lodern, das Gesicht scheint zu zerfließen.

Welche Motive beherrschen Bacons Werk?

Bacon hat die Tragik und Grausamkeit der menschlichen Existenz so intensiv und schockierend wie kaum ein anderer Maler des 20. Jahrhunderts dargestellt. Nicht nur aus den alptraumhaften Papstbildern, auch aus seinen Kreuzigungen, die er mit Schlachthausszenen assoziiert, den Studien menschlicher Körper, den Porträts und Selbstporträts sprechen Tragik und Gewaltsamkeit. Geradezu obsessiv sucht Francis Bacon die schmerzhafte Verbindung von Animalischem und Menschlichem, die um so verstörender wirkt, als sie immer eher instinktiv zu ahnen, denn begrifflich zu fassen ist.

Wie beschrieb Bacon seine Arbeit als Künstler?

Francis Bacon benutzte häufig das Wort Zufall in seinen Gesprächen mit dem Kunstkritiker David Sylvester. Es steht für eine Malerei, die direkt aus dem Nervensystem des Künstlers kommt und ebenso unmittelbar auf das Nervensystem des Betrachters zielt, ohne den Umweg über das Gehirn. Deswegen verzichtete er auch auf Entwürfe und Zeichnungen, die ihm zu stark vom Bewusstsein gesteuert wurden und die Spontaneität nahmen. In den Worten des Künstlers: »All mein Malen ist Zufall ... natürlich sehe ich es voraus, ich habe es im Kopf, und doch führe ich es fast niemals so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es verwandelt sich beim Malen … Ich sehe mich stets nicht so sehr als Maler, sondern als Medium für Zufall und Glück ... Doch ich glaube nicht, dass ich besondere Gaben besitze ... Ich glaube nur, dass ich als Maler diese besondere Art der Einfühlung habe, die Dinge, die mir in die Hände fallen, einfach zu gebrauchen.«

Wussten Sie, dass …

Francis Bacon nie eine Kunstakademie besuchte? Er war reiner Autodidakt.

der Maler wegen chronischen Asthmas vom Wehrdienst befreit wurde?

Bacon eine Schwäche für das Glücksspiel hatte und deswegen gern ins Spielcasino nach Monte Carlo fuhr?

der Maler 1991 bei einem Besuch in Madrid schwer erkrankte, und zwar ausgerechnet, nachdem er eine Velázquez-Ausstellung besucht hatte? Kurz danach, am 28.4.1992, starb er.

Christo und Jeanne-Claude, Berliner Reichstag: Kunst der Verhüllung

Welche künstlerische Strategie steckt hinter »Kunst im öffentlichen Raum«?

Seit den 1960er Jahren entzieht sich eine neue Kunstform dem traditionellen Verständnis der klassischen Kunstgattungen und Disziplinen: Aus Land Art und Konzeptkunst entwickelt sich die »Kunst im öffentlichen Raum«. Ihre Zielsetzung beschränkt sich nicht allein auf städtebauliche Situationen, sondern schließt auch die Funktion und Geschichte des Orts, dessen Flair und atmosphärische Besonderheit mit ein. Die Aktionen sind in der Regel zeitlich befristet und leben vor allem in der Dokumentation wie auch in der Rezeption des Betrachters fort – um genau zu sein: Sie wirken nach. Das Publikum sieht und erlebt den jeweiligen Ort nach dem Eingriff des Künstlers mit anderen Augen. Diese Manipulation setzt beim Betrachter einen geistigen Prozess in Gang.

Was bedeutet die Verhüllung eines Gegenstandes?

Durch das Verpacken von Geschenken in dekorative Hüllen verklären wir den Inhalt, machen ihn kostbarer, geben ihm etwas Geheimnisvolles. Der Moment der Enthüllung bedeutet eine eigene Inszenierung – der Gegenstand ist danach nicht mehr derselbe wie unverpackt zuvor. Er wird mit anderen Augen gesehen, als Geste gewertet und auf seinen Zeichengehalt hin untersucht. Ähnliches stellen wir an unserem Sehverhalten fest, wenn ein Gebäude wie der Berliner Reichstag ohne funktionale Absicht ver- und enthüllt wird.

Durch die mögliche symbolische Aufladung der an sich wertneutralen Aktion wurde die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes im Sommer 1995 durch Christo und Jeanne-Claude zum bisher wohl meist beachteten Projekt der »Kunst im öffentlichen Raum«. Die Diskussionen und politischen Debatten um die Verhüllung des Berliner Reichstags gehörten zum Kalkül und waren fester Bestandteil des künstlerischen Konzepts, bei dem ein ritualisiertes Verhaltensmuster aus unserem Alltag zur künstlerischen Strategie wird. Für das Künstlerpaar erfüllte sich damit ein lang gehegter Traum. Erst 24 Jahre nach den ersten Planungen im Jahre 1971 ließ sich das Projekt realisieren.

Wie und womit wurde der Reichstag verhüllt?

Der komplette Bau mit Ecktürmen, Fenster- und Türöffnungen, Dächern, Außen- und Hoffassaden war zwei Wochen lang vollständig verpackt. 109400 Quadratmeter silbrig glänzendes Polypropylengewebe wurden von blauen Seilen mit einer Länge von insgesamt 15600 Metern umschnürt – mit einem außergewöhnlich sinnlichen Effekt: Die Hülle entfaltete je nach Licht und Witterung immer wieder neue Farbnuancen und reflektierte die jeweilige atmosphärische Stimmung.

Das Künstlerpaar achtete bei der Umhüllung auf eine kunstvolle gleichmäßige Drapierung der Stoffbahnen. Auch die Verteilung der Seilwindungen und Knoten unterlag einem präzisen zeichnerischen Schema. Das Einschnüren sollte dem Baukörper eine straffe und windresistente Form verleihen und vor allem seine plastischen Qualitäten wirkungsvoll in Szene setzen. So wurde der monumentale Quaderbau zur gegenstandslosen Skulptur, der die stoffliche Außenhaut optisch die Schwere nahm.

Eine zusätzliche ästhetische Eigenschaft entwickelte dabei die zeitliche Begrenzung des Kunstwerks: Wie bei allen Dingen, von denen wir wissen, dass sie nicht von Dauer sind, wird ihm in seiner temporären Qualität eine besondere Wertschätzung zuteil.

Wussten Sie, dass …

Christo und Jeanne-Claude beide am gleichen Tag geboren sind? Ihr Geburtstag ist der 13. Juni 1935.

das Künstlerpaar nie zusammen im gleichen Flugzeug fliegt?

Christo und Jeanne-Claude alle Projekte selbst finanzieren? Sie lehnen öffentliche Mittel, Stipendien und Sponsoren ab, um sich in ihrer künstlerischen Freiheit in keiner Weise beeinflussen zu lassen. Ihre Unkosten bestreiten sie nur durch den Verkauf von Original-Entwürfen wie Zeichnungen oder Modellen der Projekte an Museen und Galerien.

Seit wann arbeitet das Künstlerpaar schon mit der Umhüllungstechnik?

Seit 1958 machen Christo und Jeanne-Claude mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam, bei denen der Einsatz von fragilen textilen Stoffen die zeitliche Vergänglichkeit der Kunstwerke symbolisieren soll. Aufsehen erregten die Projekte »Der Eiserne Vorhang«, Paris (1961–1962), »Talvorhang« (1970–1972), »Laufender Zaun« (1972–1976), »Umsäumte Inseln« (1980–1983), »Die Schirme«, (1984–1991), »Berliner Reichstag« (1995) und zuletzt »Die Tore« im New Yorker Central Park (2005). Als populärstes Künstler(ehe)paar der Gegenwart sind Christo und Jeanne-Claude Pioniere einer neuen Kunstgattung, der »Kunst im öffentlichen Raum«, die sich aus der Land Art und der Konzeptkunst entwickelte. Christo Vladimirov Javacheff wurde 1935 in Gabrovo, Bulgarien, als Sohn einer Industriellenfamilie geboren. Jeanne-Claude, geborene Denat de Guillebon, kam 1935 als Tochter einer französischen Militärfamilie im marokkanischen Casablanca zur Welt.

Das Kapital Raum 1970–1977 von Beuys: Kreative Denkanstöße

Was bedeutet der Begriff Installationskunst?

Anfang der 1980er Jahre wurden Installationen zum festen Begriff für raumgreifende, ortsgebundene oder auch ortsbezogene künstlerische Werke. Dabei handelt es sich meist um eine dreidimensionale, raumrelationale Kunstform im Innenraum, die die Verwendung jeglichen Materials, wie auch von Zeit, Licht, Klang und Bewegung im Raum ermöglicht.

Wie wird bei Beuys die Kunst zum Kapital?

Joseph Beuys propagierte den Menschen als »Bildhauer eines sozialen Organismus«. Mit seinen Aktionen, Gesprächen und Installationen erschloss der gesellschaftspolitisch engagierte Künstler seit den 1960er Jahren neue formale und inhaltliche Dimensionen der Kunst und damit einen erweiterten Kunstbegriff.

Kreativität und menschliches Potenzial, die so genannten »Wirtschaftswerte I«, waren für Beuys das Kapital für Produktionsmittel, aus denen wiederum die »Wirtschaftswerte II«, nämlich die »geistigen und materiellen Güter«, gewonnen werden. Geld ist dabei nur ein rechtliches Instrument, das dazu verpflichtet, die Umsetzung des kreativen Kapitals in produktive Prozesse zu sichern.

Wie ist das Kunstwerk aufgebaut?

Im Jahr 1984 richtete Joseph Beuys seine Installation »Das Kapital Raum 1970–1977« in den Hallen für neue Kunst Schaffhausen ein. Sie umfasst insgesamt 50 mit Kreide beschriebene Schultafeln sowie 30 Objekte, die auf einer Bodenfläche von 118 Quadratmetern weiträumig angeordnet sind. Nach Westen erzeugt eine breite Fensterfront einen lichtdurchfluteten Raum, dessen seitliche Öffnungen eine geschlossene Raumwirkung unterbinden und wechselnde Perspektiven ermöglichen. An den zweigeschossigen Wänden von acht Metern Höhe hängen und lehnen 41 Tafeln (die neun übrigen sind auf dem Boden ausgelegt). Die schwergewichtigen Tafeln an den Wänden wirken in der dichten, subtilen Hängung filigran, fast schwebend. In ihrer lebhaften Asymmetrie und der teilweisen Überlagerung erwecken sie den Anschein, als würden sie ihre Positionen immer wieder ändern. Vertikale Motive, wie knapp unter der Decke hängende Tafeln und steil aufgerichtete Latten, lenken die Aufmerksamkeit nach oben und deuten die im Einklang mit Beuys' vielschichtigen Bemühungen stehende Ausweitung und Öffnung des traditionellen Kunstbegriffes an.

Welchem Leitmotiv folgen die Elemente?

Der Anordnung in Paaren. Die 30 Objekte der Installation sind höchst uneinheitlicher Natur: Projektoren und Mikrofon, Konzertflügel, Waschzuber, Gelatine und vieles mehr. Alles scheint auf den ersten Blick großzügig im weiten Raum verteilt, trotzdem ist die planvoll »komponierte« Anordnung erkennbar, die aber nicht allein ästhetischen Gesichtspunkten folgt: Wie ein Leitmotiv durchzieht das Prinzip der Paarbindung weite Teile der Installation. Man stößt auf gleiche und ungleiche Paare aus sich ergänzenden Gegenständen, die einander bis hin zu völlig gegensätzlichen Objekten zugeordnet werden. Nur sehr wenige Paare bestehen aus wirklich deckungsgleichen Elementen. Dass die gesamte Komposition bis ins kleinste Detail durchdacht ist, beweisen zum Beispiel zwei wie zufällig verlaufende Stromkabel, die ein schwarzweißes Gegensatzpaar formen. Sie verweisen auf den unbunten Charakter der gesamten Rauminstallation, in der Schwarzweiß-Kontraste dominieren. Auf eine farbige Gestaltung hat Beuys bewusst verzichtet – mit Ausnahme einer grünen Fläche, die wie ein Hoffnungsschimmer den Zyklus der Tafeln abschließt.

Die ganze Installation erscheint wie eine vorübergehend stillgelegte, mit Denkanstößen gefüllte Werkstatt, deren Betrieb wieder aufgenommen werden will.

Was für ein Konzept steckt hinter der Rauminstallation?

Beuys hatte »Das Kapital Raum 1970–1977« ursprünglich als temporäre Präsentation für die venezianische Kunstausstellung »La Biennale« 1980 konzipiert, bevor er sie schließlich in Schaffhausen als dauerhafte Rauminstallation einrichtete.

Das Werk stellt gewissermaßen ein Resümee von Beuys' Aktionen während der 1970er Jahre dar. »Formreste«, also Elemente und Gegenstände, die Beuys bei seinen Aktionen »Celtic (Kinloch Rannoch) Schottische Symphonie« 1970 in Edinburgh und »Celtic +« 1971 in den Baseler Zivilschutzräumen verwendete, sind ebenso darunter wie Relikte der Documenta-Ausstellungen in Kassel von 1972 und 1977, an denen Beuys jeweils 100 Tage lang über grundlegende Fragen des Lebens dozierte und diskutierte. Dazu gehören auch die mit Schlüsselbegriffen beschriebenen und signierten Tafeln, zum Beispiel mit »menschliche Wärme«, einem für Beuys wesentlichen Element in dem sensiblen Gefüge der von ihm eindringlich geforderten »direkten Demokratie«. Daneben finden sich auch Zeichnungen und Symbole wie das »Wirbelzeichen«, das für Beuys ein Schlüsselzeichen der Evolution verkörperte – und die »einzige evolutionäre Kraft« sei eben die Kunst.

Wie wurde der Hut zum Markenzeichen?

Als junger Soldat stürzte Joseph Beuys während des Zweiten Weltkrieges in einem Kampfflugzeug über der Krim ab – eine traumatische Erfahrung, die ihn zeit seines Lebens verfolgte. Infolge der schweren Kopfverletzungen, die er dabei davontrug, wurde der Stetson-Hut zum Markenzeichen und ständigen Begleiter. Von 1946 bis 1952 studierte Joseph Beuys, der heute zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt, bei Joseph Enseling und Ewald Mataré an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er von 1961 bis 1972 selbst als Professor tätig war. In seiner Kunst nahm der Gedanke, dass der Prozess des kreativen Denkens und politischen Handelns wichtiger ist als das Herstellen eines materiellen Kunstobjekts, einen zentralen Raum ein. Es war sein leidenschaftliches Bestreben, rein zweckorientiertes Denken und Handeln in allen Lebensbereichen durch die Wertschätzung menschlicher Kreativität als solcher zu ersetzen. In der festen Überzeugung, dass jeder Mensch ein Künstler sei, rief er jeden dazu auf, das dem Einzelnen von Natur aus innewohnende schöpferische Potenzial auch zu nutzen.

Wussten Sie, dass …

Joseph Beuys seinen Stetson-Hut nur bei besonderen Anlässen abnahm, z. B. bei der Beerdigung seines Galeristen Alfred Schmela? An diesem Tag trug er statt Jeans und Anglerweste ausnahmsweise einen grauen Filzanzug.

die »Fettecke«, die Joseph Beuys in einer Raumnische seines Düsseldorfer Ateliers installiert hatte, unbeabsichtigt einer Reinigungsaktion zum Opfer fiel?

Bruce Naumans Musical Chair: Kunst als Schlag ins Genick

Wer ist Bruce Nauman?

Der 1941 geborene US-Amerikaner Bruce Nauman gilt als einer der vielseitigsten Künstler der Gegenwart. Seine Arbeiten werden aufgrund ihrer Material- und Ausdrucksvielfalt und wegen ihres zeitkritischen Ansatzes immer wieder mit denen von Joseph Beuys verglichen.

Welche Bedeutung hat »Musical Chair« in Naumans Gesamtwerk?

Der »Musical Chair« gehört zu einer Werkgruppe von Stuhlskulpturen aus den 1980er Jahren. In dieser Zeit konzentrierte sich Bruce Naumans Interesse auf politische und sozialkritische Themen wie Gewalt, Aggression, Folter und Tod. Auslöser dafür waren Zeitungsberichte über die politischen Zustände in Südamerika und Afrika. Der Stuhl ist ein Symbol für die Folter, die Isolation und für den Menschen, der darauf Platz nehmen muss. 1981 schuf Nauman mit »Diamond Africa with chair tuned dead« (Diamantenes Afrika mit auf Tod gestimmtem Stuhl) die erste dieser Skulpturen. Bei dem Wort »dead« handelt es sich um ein Wortspiel: Die vier Stuhlbeine geben bei Berührung den Klang der Noten d, e, a und wieder d von sich.

Wie ist die Skulptur aufgebaut?

Der »Musical Chair« in der Hamburger Galerie der Gegenwart ist ein Mobile. Zwei kreuzförmig miteinander verschraubte Eisenträger hängen von der Decke herab und versperren dem Besucher den Weg. Sie wurden exakt nach Bruce Naumans Anweisungen so in Kopfhöhe angebracht, dass sie den Betrachter aggressiv zu bedrohen scheinen. Dazu wurde ein Stuhl aus Stahl gehängt, der, wenn er gegen die Eisenträger stößt, einen durchdringenden Klang verursacht. Diesem Stuhl fehlt mit der Sitzfläche auch jeglicher Gebrauchswert. Eigens für die Installation hergestellt, wirkt er durch die Rohheit des unbearbeiteten Stahls – ganz gewiss kein Stuhl, auf dem man es sich gemütlich machen möchte.

Was bedeutet der Name »Musical Chair«?

In Amerika bezeichnet »Musical Chair« auch das Spiel, das in Deutschland als »Reise nach Jerusalem« bekannt ist. Es geht so: Stühle werden in einer Reihe oder im Kreis aufgestellt, einer weniger, als Mitspieler da sind. Solange die Musik spielt, laufen alle um die Stühle herum. Sobald die Musik abbricht, muss sich jeder schnell auf einen Stuhl setzen. Ein Mensch bleibt dabei immer übrig – für Nauman ein grausames Spiel, ein Gleichnis für den Ausschluss eines Menschen aus der Gemeinschaft wie auch für das Verschwinden von Menschen in den Terrorregimen der Welt.

Wie verlief Naumans Entwicklung als Künstler?

In den 1960er Jahren waren Naumans eigener Körper und sein Atelier in Los Angeles sein Thema. Er fotografierte sich, filmte seine Bewegungen im Atelier oder machte Abgüsse, wie den »Abguss des Raums unter meinem Stuhl« von 1965. »Weil ich so wenig Leute kannte, verbrachte ich viel Zeit im Atelier, weil ich rausfinden wollte, warum man ein Künstler ist und was man dazu tun muss …«

In den 1970er Jahren baute Nauman so genannte Korridore aus zwei gegenüberstehenden Wänden. Wie Versuchsobjekte in einem Experiment schickte er die Ausstellungsbesucher durch diese Korridore, setzte sie in Käfigen wie dem »Doppelten Stahlkäfig« von 1974 der Neugier anderer aus oder versuchte, sie durch raffiniert eingesetzte, nur scheinbar live gesendete Videoaufnahmen aus den Korridoren zu verwirren. Arbeiten wie »Diamond Mind II.« von 1975–1977 stellten die Sehgewohnheiten der Betrachter in Frage. Eine Gruppe von 60 Würfeln aus Gips oder Stein steht aufgestellt auf dem Boden. Sie sind in sich schräg, verzerrt, scheinen sich dadurch im Raum zu drehen. Der Boden scheint zu schwanken, der Gleichgewichtssinn wird irritiert und zwingt den Betrachter dazu, auf das Gesehene unmittelbar zu reagieren.

Seit den 1980er Jahren beherrschte das Thema Gewalt an Menschen und Tieren Naumans Videoarbeiten, Wachsabgüsse und Neoninstallationen, in denen er auch seine Homosexualität thematisierte.

Heute lebt Bruce Nauman zurückgezogen auf einer Farm in Pecos, New Mexiko, und hält sich vom Ausstellungsrummel fern. Auch die stilistische Einordnung seiner Arbeiten unter den Begriff der »Konzeptkunst« lehnt er ab. Die Nähe zur Konzeptkunst der 1960er und 1980er Jahre, bei der die Idee eines Zusammenwirkens von Kunstwerk und Publikum bestimmend war, ist jedoch nicht zu leugnen.

Wussten Sie, dass …

Nauman für sein Werk »Wachsmodelle von den Knien fünf berühmter Künstler« den Gipsabguss seines eigenen Knies fünf Mal in Glasfaser goss? Allerdings war das 1966 entstandene Werk ironisch gemeint.

Bruce Nauman Kunst als Instrument zur Aufrüttelung der Menschen verstand? In seinen eigenen Worten: »Ich habe von Anfang an versucht, Kunst zu machen … Wie ein Hieb ins Gesicht mit einem Baseballschläger oder besser, wie ein Schlag ins Genick. Man sieht diesen Schlag nicht kommen, er haut einen einfach um.«

Probierte Bruce Nauman mehrere Kunstrichtungen aus?

Ja, der am 6. Dezember 1941 in Fort Wayne (Indiana) geborene Künstler experimentierte mit Malerei und Bildhauerei, Fotografie, Installationen oder Performance. Sein Studium lief zunächst aber in eine andere Richtung: Ab 1960 studierte er Mathematik und Physik, daneben auch Kunst. 1966 schloss er sein Studium dann schließlich mit einem Master-Titel in Kunst ab. Unmittelbar nach Studienende unterrichtete er am Art Institute in San Francisco. Die Lehre sollte eine Konstante in seinem weiteren Leben bleiben. 1966 wagte eine Galerie in Los Angeles auch die erste Einzelaustellung mit Naumans Werken. Seine erste Ausstellung in Europa erlebte er 1968 in Düsseldorf. Der Erfolg hielt an und in den Jahren 1993 bis 1995 wurde eine vom Walker Art Center in Minneapolis organisierte Retrospektive in Los Angeles, Madrid und Zürich gezeigt.

Der Abgarkopf von Baselitz: Ein wahres Bild Christi?

Worin besteht Georg Baselitz' Markenzeichen?

Seit 1969 stehen alle seine Motive auf dem Kopf. Wie viele seiner Künstlerkollegen setzte sich Baselitz mit der Frage nach der Bedeutung des Bildmotivs auseinander und damit, wie ein dargestellter Gegenstand die Wirkung eines Bildes beeinflusst. Der Künstler selbst: »Die Umkehrung des Motivs im Bild gab mir die Freiheit, mich ausschließlich mit malerischen Problemen auseinanderzusetzen.«

Während die Mehrheit der Künstler seiner Generation in der Abkehr vom Gegenstand den richtigen Weg zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk sah, blieb Baselitz gegenständlich: »Das Charakteristikum meiner Bilder war und ist … der Gegenstand, und der hatte oft mit meiner Biografie zu tun – Personen, Landschaften, Ereignisse.«

Was ist ein Abgarbild?

Baselitz nannte sein Gemälde »Der Abgarkopf«. Der Begriff »Abgarbild« geht zurück auf die christliche Legende von dem antiken Fürsten Abgar, der durch die Berührung mit einem Schweißtuch mit dem Gesichtsabdruck Jesu von einer schweren Krankheit geheilt wurde. Bei einem Abgarbild handelt es sich also um eine Vera Icon, ein »wahres Abbild« Christi, das angeblich durch den unmittelbaren Abdruck und nicht durch menschliche Gestaltung entsteht.

Wie ist der »Abgarkopf« aufgebaut?

Das Gesicht ist auf einige wenige expressive Farbflächen und derb gezogene Pinselstriche reduziert, die beiden Gesichtshälften – die eine blau, die andere rosarot – dominieren das Gemälde. Nase, Augen, Mund und Stirnfalten durchbrechen und relativieren diese Zweiteilung, dabei nimmt die Nase die Zweifarbigkeit des Gesichts auf und kehrt sie um: Die Nasenhälfte des blauen Gesichtsfeldes ist rosarot und umgekehrt. Auf dem Kopf sind Haare und/oder eine Dornenkrone angedeutet, auch der Hintergrund ist farblich zweigeteilt und nimmt wiederum die Gestaltung des Gesichts auf. Der Künstler gestaltet, stilisiert und reduziert das Christusantlitz und verfremdet es schließlich vollends, indem er es auf den Kopf stellt. Und doch lässt sich das Bild durchaus als »wahres Abbild« Christi im Sinne der christlichen Bildtradition sehen. Die Intensität der Farben und Formen, die Expressivität der Bildsprache und die starke Verfremdung, die den Blick des Betrachters auf das Kunstwerk schärft und die Betrachtung vertieft, verleihen dem Bild eine geradezu sakrale Aura, die an die Ausdruckskraft und Magie von Ikonen erinnert.

Wie ist der »Abgarkopf« im Werk Georg Baselitz' einzuordnen?

Der »Abgarkopf« vom 19. Mai 1984 zählt zu einer Serie ähnlicher, ebenfalls 1984 entstandener Abgarbilder. Diese Jesusdarstellungen gehören wiederum mit Bildern wie »Die Verspottung« oder »Das Nachtessen in Dresden« – einer Abendmahlsdarstellung – zu einer Reihe von Gemälden mit christlichen Motiven, die Georg Baselitz 1983 und 1984 malte. In der abendländischen Kunst haben diese Themen eine sehr lange Tradition. Sie wurden seit der Antike von zahllosen Künstlern bearbeitet und sind im visuellen Bewusstsein des Betrachters fest verankert; schon der Titel weckt eine bestimmte Vorstellung von Inhalt und Ausdruck eines Bildes. Zugleich sind diese Bilder aber auch so vertraut, dass sie oft gar nicht mehr wirklich wahrgenommen werden. Und diese festgefügte, eingefahrene und oft oberflächliche Wahrnehmung sprengt Baselitz, indem er altbekannte Motive in jeder Hinsicht auf den Kopf stellt: Da gibt es kein spontanes Wiedererkennen, der Betrachter muss für sich erst einen – vielleicht auch ganz neuen – Standpunkt gegenüber dem Kunstwerk finden!

Wussten Sie, dass …

die große Baselitz-Retrospektive in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn 2004 das Markenzeichen des Künstlers zum Titel machte? »Bilder, die den Kopf verdrehen« hieß die Ausstellung.

sich in manchen Baselitz-Gemälden seine Fußabdrücke finden? Oft sind die Bilder so groß, dass der Künstler über die Leinwand laufen muss, um an alle Stellen des Bildes zu gelangen.

Wie war Georg Baselitz' Haltung zum sozialistischen Realismus?

Sie war sehr kritisch. Der am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz (Oberlausitz) geborene Hans-Georg Kern geriet bei seinem Studium an der Ostberliner Hochschule für Bildende Künste schon bald in Konflikt mit den Ansprüchen der DDR und wurde wegen »gesellschaftspolitischer Unreife« der Akademie verwiesen. Er zog nach Westberlin und wechselte an die dortige Hochschule für Bildende Künste. Damals nahm er den Namen Baselitz an, aus Verbundenheit mit seinem Heimatort. In der Zeit seines Studiums wurde in der DDR der sozialistische Realismus propagiert, in Westdeutschland dagegen beherrschten die abstrakten Stile des Informellen die Kunstszene. Baselitz rebellierte gegen beides. Er blieb als einer der wenigen deutschen Künstler seiner Generation immer gegenständlich.

Nam June Paiks TV-Buddha: Ikone der Videokunst

Was ist Videokunst?

Die Videokunst ist eine in den 1960er Jahren entwickelte Kunstform, die besonders in den USA und Deutschland gepflegt wurde. Die Kamera gilt den Videokünstlern als Erweiterung oder gar Ersatz des menschlichen Auges, der Bildschirm – Ersatz für die Leinwand– ist das Gemälde. Dank der Technik können sogar »Gemälde« mit bewegten Bildern entstehen.

Was bedeutet Nam June Paik für die Videokunst?

Der gebürtige Koreaner Nam June Paik ist der »Vater der Videokunst«. Er hat bereits seit den frühen 1960er Jahren den Übergang der westlichen Welt von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts prognostiziert und deshalb auch die neuen Medien zum Hauptthema und gleichzeitig zum Realisierungsmittel seines künstlerischen Schaffens gemacht.

Wie funktioniert der TV-Buddha?

Eine sitzende Buddhastatue blickt in einen Fernseher und wird dabei von einer Kamera gefilmt. Auf dem Bildschirm erscheint allerdings kein herkömmliches Fernsehprogramm, sondern die Videoübertragung der Filmkamera. Der Buddha sieht im Fernsehen sein eigenes Bild – aus der Perspektive des Gegenüber: Die konkrete Präsenz der sitzenden Bronzestatue wird unmittelbar mit der virtuellen Erscheinung des eigenen Abbildes konfrontiert. Darüber hinaus vermischen sich die Dimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer neuen Realitätserfahrung. Das Motiv des Buddhas, der vor dem Fernseher zu meditieren scheint, ist Sinnbild von Vergangenheit und Gegenwart, von Tradition und Innovation, von Realität und Virtualität. Der meditierende TV-Buddha ist somit Symbol der Videokunst überhaupt und damit exemplarisches Sinnbild des eigenen Lebenswerks von Nam June Paik.

Wie kam Nam June Paik zur Videokunst?

Zur bildenden Kunst führten ihn einige Umwege. Zunächst studierte der am 20. Juli 1932 in Seoul als fünftes Kind eines Textilfabrikanten geborene Paik in Tokio Musikwissenschaft und schloss sein Studium mit einer Arbeit über den Komponisten Arnold Schönberg ab. 1956 setzte er seine Musikstudien an den Universitäten München und Freiburg fort, arbeitete danach viele Jahre im WDR-Studio für elektronische Musik in Köln. Als Mitglied der Künstlergruppe Fluxus (einer gegen das bürgerliche Verständnis von Kunst gerichteten Strömung ab 1962) und durch deren Performances gelangte er schließlich zur Arbeit mit Kamera und TV-Monitor. Über das Medium Fernsehen wollte er elektronische Musik sichtbar machen. 1965 kaufte Paik eine der ersten tragbaren Videokameras und verkündete im Rahmen des Happenings »24 Stunden« in einer Wuppertaler Galerie: »Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert, jetzt schlagen wir zurück und machen unser Fernsehen selbst.«

Was meinte Paik mit der Datenautobahn?

Den Begriff des electronic superhighway, der Datenautobahn des Internet, verwendete Nam June Paik bereits 1974 in einer wissenschaftlichen Studie. 1993 wurde die Datenautobahn zum Thema einer monumentalen Videowand. Der Betrachter wurde mit rasender Schnelligkeit von Kürzeln aus der Werbung, Spielfilmen, Videoclips und anderem geradezu überrollt, die Einzelinformation war somit unverständlich – oder, wie Paik es ausdrückt: »Information als Kunst, Kunst als Information ... Die elektronische Datenautobahn ist die Breitbandkommunikation, die Verdichtung komplexer Informationen – wenn du willst, kannst du sogar elektronischen Sex haben ... Du kannst aber auch ein intellektuelles Experiment über die Frage machen, wie viele Informationen ein Mensch aufnehmen kann.«

Was verbirgt sich hinter Paiks Installation »Mongolian Tent«?

Mit der Installation »Mongolian Tent« hat sich Paik im Grunde sein eigenes Mausoleum geschaffen. In einem Zelt mongolischer Nomaden befindet sich wiederum eine sitzende Buddhastatue, hier allerdings vor einem leeren Fernsehgehäuse, in dem langsam eine Kerze herunterbrennt. In einem Kreis davor liegen acht bronzene Totenmasken, die der Künstler von seinem Gesicht hat modellieren lassen.

Die Kerze als Symbol der Vergänglichkeit wie auch der Ewigkeit verweist auf die bereits 1988 realisierte Installation »One Candle« und hat gerade im Zeitalter digitaler Informationsübertragung noch eine viel ursprünglichere Funktion und deshalb einen wesentlich aktuelleren Symbolgehalt. In Paiks Worten: »Das Licht ist die wirkungsvollste Form der Informationsübertragung.«

Alle Zeit ist eins

Kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts hat sich mit technologischen Innovationen aus Wissenschaft und Forschung und ihren konkreten gesellschaftlichen Auswirkungen so intensiv beschäftigt wie der Koreaner Nam June Paik. Er hat sich selbst als cultural terrorist bezeichnet und auch deshalb den Fernseher als Ikone der westlichen Industriegesellschaften ebenso kritisch wie ironisch in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens gestellt.

Seine Freundschaften mit Karlheinz Stockhausen, John Cage und Joseph Beuys machten ihn allerdings innerhalb weniger Jahre zu einem der ersten Künstler des Fluxus. Als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf bildete er bis in die 1990er Jahre hinein junge Studenten aus und kann daher als einer der Wegweiser und Mitbegründer nicht nur der deutschen Kunstszene nach 1945 bezeichnet werden.

Wie beurteilte Nam June Paik die Funktion des Internets?

In gewissermaßen visionärer Voraussicht legte der Künstler bereits 1974 dar, dass die anhaltende Wirtschaftskrise der führenden Industrienationen am besten durch den Aufbau weltweiter elektronischer Informations- und Datennetze aufzufangen sei. Kauf und Verkauf von »Hardware« – Waschmaschine, Auto, Fernseher – durch den Handel mit »Software« – Daten, Wissen, Informationen – zu ersetzen, sei nur möglich, so Paik, durch die Einführung eines »Internationalen Freihafens für Informationen«.

Wussten Sie, dass …

Nam June Paik viele Auszeichnungen erhielt? Dazu gehören die Picassomedaille der Unesco oder der Kaiserring der Stadt Goslar.

der Künstler seit 1979 als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf wirkte? Dort bildete er bis in die 1990er Jahre junge Kunststudenten aus.

Norman Fosters Hongkong & Shanghai Bank: Hightech-Architektur

Wie kam es zum Bau der neuen Bankzentrale?

In den 1930er Jahren hatte die 1870 gegründete Hongkong & Shanghai Bank ein erstes Bankgebäude errichten lassen. Es war damals der höchste Bau der Stadt und Sinnbild für die Unabhängigkeit vom kommunistischen China – das sah wohl auch Mao Tse-Tung so, denn eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, das benachbarte Gebäude der Bank of China aufstocken zu lassen, bis es höher war als das der Konkurrenz.

1979 lud die Bank sieben renommierte Architekten aus den USA, England und Australien zu einem Wettbewerb für einen Neubau ein. Auch er stand wieder im Zusammenhang mit politischen Ereignissen: Die Bank sollte über den Tag der Übergabe Hongkongs an China im Jahr 1996 hinaus Selbstbewusstsein symbolisieren. Man erwartete eine monumentale und repräsentative Architektur, mit der sich sowohl chinesische als auch internationale Kunden identifizieren konnten. Überlegungen, die Außenkonstruktion des Baus in Rot anzustreichen, der traditionellen chinesischen Farbe des Glücks, wurden verworfen.

Wie waren die Baubedingungen?

Die Voraussetzungen waren denkbar schwierig. Das Grundstück lag mitten im eng bebauten Stadtzentrum und war sehr schmal. Der Verkehr durfte nicht blockiert und das Gebäude musste während der Bauarbeiten weiter genutzt werden. Die Bank sollte wegen der astronomischen Grundstückspreise in Hongkong möglichst hoch sein, zugleich galt es, die vorgeschriebene Höhenstaffelung und die bedrohlichen Kräfte der Taifun-Winde zu berücksichtigen.

Wie verlief der Bau?

Der Baubetrieb wurde auf ein Mindestmaß reduziert, indem sämtliche Konstruktionselemente von der Türklinke über Stühle, Bänke und Nasszellen bis hin zu Abdeckgittern der Klimaanlage von Foster Associates entworfen und von zahlreichen Unternehmen weltweit vorgefertigt wurden. Erst rechtzeitig zur Installation brachte man die einzelnen Elemente vor Ort und setzte sie mittels mobiler, auf den Konstruktionsteilen sitzender Kräne ein. Das Baugerüst war dagegen ganz traditionell aus Bambusstangen gefertigt, die mit Nylonbändern zusammengehalten wurden. Bei der Fertigstellung nach nur knapp fünf Jahren Bauzeit hatte der Neubau fünf Milliarden Hongkong-Dollar verschlungen und war damit die teuerste Bank der Welt.

Was zeichnet Fosters Gebäude aus?

Seine konsequente Hightech-Architektur. Charakteristisch für diese Bauten sind große Spannweiten mit sichtbar gemachter Kräfteführung: Konstruktive und technische Elemente werden nicht hinter Vorhangfassaden versteckt, sondern gezeigt, ja prägen die gesamte Ästhetik der Bauten.

In Hongkong löste Foster die komplexen Aufgaben mittels einer Stahlhängekonstruktion. Acht Turmmasten aus je vier bis zu 180 Meter hohen Stahlröhren tragen den Bau. Auf fünf Ebenen spannen sich je 33 Meter lange Querträger, von denen die insgesamt 47 Geschosse separat abgehängt sind – so herrschte immer nur in einer Etage Baustellenbetrieb, während auf den anderen weitergearbeitet werden konnte. Die gesamte Technik sowie Aufzüge und Toiletten sind in eigenen Versorgungstürmen in 139 Modulen untergebracht. Die Fenster passen sich durch ein feinmaschiges Netzgewebe mit integriertem Sonnenschutz den klimatischen Bedingungen an.

Wussten Sie, dass …

Foster besonders viele Bauten in Deutschland entwarf, darunter Verwaltungs-, Sport- oder Bankgebäude? Der bekannteste Bau ist die Reichstagskuppel in Berlin.

das von Fosters Büro entworfene Viaduc de Millau in Südfrankreich, eine Autobahnbrücke, auf den höchsten Brückenpfeilern der Welt ruht?

in dem Hongkonger Bankgebäude das Sonnenlicht mittels einer Spiegelkonstruktion bis weit nach unten geleitet wird?

Wie viele Auszeichnungen wurden Norman Foster schon verliehen?

Mit den vielen Anerkennungen und Preisen für seine Arbeit könnte der Architekt wohl schon ganze Regale füllen. Die auffälligsten Auszeichnungen sind sicher die Erhebung in den Adelsstand (»Sir«) 1990 und die Ernennung zum »Lord Foster of the Thames Bank« 1999. Daneben wurde Norman Foster im Lauf seines Berufslebens mit den renommiertesten Architektur- und Design-Preisen der Welt geehrt.

Geboren wurde Norman Foster am 1. Juni 1935 in Manchester, als Sohn einer Familie in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Dennoch schaffte er es bis zu einem Abschluss in Städtebau und Architektur an der Universität Manchester. 1963 machte er sich zusammen mit seiner Frau und zwei weiteren Partnern als Architekt selbstständig. Eine bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte begann. Fosters Büro erhielt im Lauf der Jahre über 200 Auszeichnungen und gewann zahlreiche Architekturwettbewerbe.

Zaha Hadids Feuerwache: Avantgarde in Weil am Rhein

Worin liegt der Überraschungseffekt beim Anblick der Feuerwache?

Schon aus der Ferne erkennt man, dass der Bau den traditionellen Vorstellungen einer Feuerwache trotzt. Die extravagante Feuerwache Zaha Hadids entstand in Weil am Rhein als Wachstation für die Betriebsfeuerwehr des Büromöbelherstellers Vitra. Hadids Bau steht am Ende der Hauptachse des Vitra-Firmengeländes. Hier steht man vor einem Gebilde aus provozierenden Schrägen, Kanten und Ecken. Über allem ragt spitz und aggressiv, fast wie ein Flugzeugflügel mit scharfen Konturen, das Dach in den Himmel. Mit seiner »Anmutung eines gefrorenen Blitzes« (so die Kunstzeitschrift »Art«) steht es für Dynamik und Aufbruch, aber auch für die Kraft elementarer Energien.

Wie ist der Bau strukturiert?

Von einer irritierenden Vielgestaltigkeit sind die Außenansichten. Das Gebäude bietet keinen optischen Fixpunkt, sondern ändert je nach Betrachterperspektive seine Gestalt: Bald wirkt es leicht und fast schwerelos, dann wieder gedrungen und massiv, dramatisch-theatralisch oder streng und asketisch in seiner scheinbar anspruchslosen Sichtbetonästhetik. Betrachtet man den Grundriss, erkennt man ein Dreieck und ein extrem in die Länge gezogenes Parallelogramm, die sich durchdringen. Zwischen einer Abfolge geschichteter Wände öffnen sich die Innenräume. Sie haben dort Durchbrüche, wo es funktional notwendig war – für den an traditionelle Architektur gewohnten Blick sind Überraschungseffekte garantiert.

Wie viele Projekte hat Hadid bisher realisiert?

Obgleich Hadid mehr Architekturwettbewerbe gewonnen hat als die meisten ihrer Kollegen, konnte die in London lebende und arbeitende Architektin bislang kaum einen ihrer Entwürfe verwirklichen. Damit steht sie in einer Reihe mit ihren Vorbildern aus dem Umkreis des russischen Konstruktivismus der 1920er Jahre. Kasimir Malewitsch, El Lissitzky oder Wladimir Tatlin nahmen mit der Idee zersplitterter geometrischer Körper das Prinzip der Entgrenzung des Raumes vorweg. Tatlins bis heute avantgardistisch wirkender Entwurf für das Monument der III. Internationale (1919/20) blieb ebenfalls Modell.

Was ist charakteristisch für Hadids Stil?

Die Geometrie der extremen Formen Hadids erschließt sich am besten anhand der Modelle und grafischen Entwürfe, in denen sie ihre Raumfantasien bis ins Detail auslotet: bizarr gezackte, wild bewegte, sich aufbäumende Architektur-Skulpturen, die manchmal abzuheben scheinen, manchmal auch harmonisch dahinfließen wie bei ihrem aktuellen Entwurf für das Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Rom. Visuelle Vorbilder findet sie dabei in der Natur, deren Kraftlinien und Brüche sie ergründet: Wellen und Ströme, übereinandergeschichtete Schollen, aber auch abrupte Aufrisse.

Welche Einwände gibt es gegen Hadids Entwürfe?

Das Hauptargument ihrer Gegner lautet, ihre Bauten seien exaltiert und selbstverliebt und verweigerten sich Kompromissen hinsichtlich funktionaler Notwendigkeiten. Unglücklich war diesbezüglich die Tatsache, dass die Feuerwache ihre Funktionsfähigkeit nur kurz unter Beweis stellen konnte: Die Feuerwehrtruppe musste kurz nach dem Einzug aufgelöst werden. Geplant ist jetzt eine Nutzung als Dependance des Baseler Designmuseums. Andererseits konnte Hadid inzwischen eindrucksvoll die Kritik widerlegen – in Weil am Rhein so erfolgreich, dass ihr kurz nach ihrem ersten Projekt der Feuerwache mit dem Pavillon der Landesgartenschau gleich ein weiteres in der badischen Kleinstadt anvertraut wurde.

Wussten Sie, dass …

Hadids Auftraggeber Vitra sich zuvor für die firmeneigene Designsammlung ein Museumsgebäude von dem nicht weniger unkonventionellen Frank O. Gehry hatte planen lassen?

Hadids Opernhausentwurf für die walisische Stadt Cardiff, eines ihrer ambitioniertesten Unternehmen der jüngsten Zeit (mit dem sie gleich zwei Architekturwettbewerbe gewann), endgültig ad acta gelegt zu sein scheint?

Wie wurde die Irakerin zur berühmten Architektin?

Hadid stammt aus einer der herrschenden Familien des Iraks – ihr Vater war Manager und Vorsitzender der Demokratischen Partei. Sie erhielt eine Schulausbildung auf verschiedenen Internaten Europas. Nach einem Studium der Mathematik in Beirut studierte sie in London, wo sie inzwischen ihr Architekturbüro betreibt, unter anderem bei Rem Kohlhaas Architektur. Sie begann als Mitarbeiterin von Kohlhaas und als Lehrerin an der Londoner Architectural Association School, bevor sie 1979 ihr eigenes Büro eröffnete.

Nach einer langen Reihe von unrealisierten Entwürfen gelang Hadid mit der Feuerwache in Weil am Rhein der Durchbruch. Sie lehrt weiter, inzwischen an Universitäten in der ganzen Welt von Wien bis Chicago und New York. Ihr Büro entwirft neben Gebäuden auch Möbel und verschiedene Gebrauchsgegenstände. Inzwischen hat die Irakerin auch die renommiertesten Architekturpreise gewonnen.

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