Lexikon

Libyen

20. und 21. Jahrhundert

1911/12 begann Italien mit der Eroberung Tripolitaniens und der Cyrenaica. 1934 wurde die italienische Kolonie Libia gebildet. Während des 2. Weltkriegs war Libyen heftig umkämpfter Kriegsschauplatz zwischen Alliierten und Italienern bzw. Deutschen. Italien verzichtete 1947 auf Libyen und am 24. 12. 1951 wurde es selbständiges Königreich unter König Idris I. 1969 stürzten Offiziere unter Führung von Oberst Muammer Al Ghadafi die Monarchie. Ghadafi verstaatlichte die Industrie, verwies die Ausländer des Landes und verfolgte eine Außenpolitik, die ihn nicht nur in Konfrontation zu westlichen Ländern, besonders den USA, brachte, sondern aufgrund häufiger Richtungswechsel auch innerhalb des arabischen Lagers umstritten blieb. So unterstützte Libyen eine Reihe von Untergrundbewegungen in afrikanischen und außerafrikanischen Ländern. Es war auch in terroristische Anschläge verwickelt (Lockerbie-Attentat). Die UNO verhängte deswegen 1992 Sanktionen, die erst 2003 nach einem libyschen Schuldanerkenntnis und Entschädigungsleistungen aufgehoben wurden. Das Verhältnis zum Westen entspannte sich weiter, als Ghadafi den Verzicht auf Massenvernichtungswaffen erklärte. 2008 löste die vorübergehende Verhaftung von Ghadafis Sohn in der Schweiz eine ernsthafte diplomat. Krise zwischen beiden Ländern aus.
Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen in Tunesien und Ägypten entstand in Libyen im Februar 2011 eine Protestbewegung gegen die Herrschaft Ghadafis. Sicherheitskräfte und Söldnermilizen des Regimes gingen mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vor. In der Folgezeit verschärften sich die Auseinandersetzungen zu einem blutigen Konflikt. Der UN-Sicherheitsrat verhängte Sanktionen gegen das Ghadafi-Regime (u. a Waffenembargo, Reisebeschränkungen), um Gewalteskalation und massive Menschenrechtsverletzungen einzudämmen. Auch die EU-Staaten verhängten Sanktionen. In Bengasi konstituierte sich ein Nationaler Übergangsrat der Ghadafi-Gegner, der im März 2011 eine interimistische Exekutive einsetzte. Zunächst drängten die Truppen Ghadafis die Rebellen im Osten des Landes immer weiter zurück. Zehntausende Libyer flohen ins benachbarte Ausland. Angesichts der dramatischen Entwicklung ermächtigte der UNO-Sicherheitsrat die internationale Gemeinschaft zur Einrichtung einer Flugverbotszone und zu allen nötigen Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Daraufhin erklärte die libysche Regierung eine sofortige Waffenruhe, die aber nicht eingehalten wurde. Zur Durchsetzung der UNO-Resolution führten alliierte Verbände unter Führung britischer, französischer und US-amerikanischer Einheiten aus der Luft und von See aus schwere Angriffe gegen libysche Militäreinrichtungen durch. Die Führung des Einsatzes ging am 26. 3. 2011 von den USA auf die NATO über. Ab Mai 2011 wurde der militärische Druck auf das Regime erhöht. Am 27. 6. 2011 erließ der Internationale Gerichtshof einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Ghadafi. Im Schutz der massiven NATO-Interventionen konnten die Rebellen die militärische Lage in der Folgezeit zu ihren Gunsten wenden. Ende August gelang die Einnahme der Hauptstadt Tripolis. Der Nationale Übergangsrat unter Führung des früheren Justizministers Mustafa Abd Al Dschalil verlegte seinen Sitz von Bengasi nach Tripolis. Einheiten des untergetauchten Despoten Ghadafis konnten sich nur noch in wenigen Orten (u. a in Sirte) behaupten, allerdings in militärisch aussichtsloser Situation. Bei der Eroberung von Sirte wurde Ghadafi am 20. 10. 2011 getötet.
Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Milizen gefährdeten in der Folgezeit die Stabilität des Landes. Am 7. 7. 2012 fanden Wahlen zum Nationalkongress statt, bei denen die gemäßigte Allianz der Nationalen Kräfte 39 der 80 für Parteien reservierten Mandate gewinnen konnte. Am 9. 8. 2012 wurde Mohammed Al Magarief (* 1940; Nationale Front) zum Parlamentsvorsitzenden und damit zum interimistischen Staatsoberhaupt gewählt. Bei einem Angriff auf das amerikanische Konsulat in Bengasi kam am 11. 9. 2012 der amerikanische Botschafter Christopher Stevens (* 1960) ums Leben.
  1. Einleitung
  2. Natur und Klima
  3. Bevölkerung
  4. Staat und Politik
  5. Wirtschaft und Verkehr
  6. Geschichte
    1. Von der Antike bis zur osmanischen Herrschaft
    2. 20. und 21. Jahrhundert
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