Lexikon
Serbien
20. und 21. Jahrhundert
König Peter I. Karadjordjević (1903–1921) betrieb eine prorussische Außenpolitik und förderte die südslawische Bewegung. Nach der Annexion von Bosnien und der Herzegowina 1908 wurde Österreich-Ungarn zum politischen Hauptgegner. In den Balkankriegen (1912/13) gewann Serbien das nördliche Makedonien. Der serbisch-österreichische Konflikt erreichte seinen Höhepunkt, als der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo, der Hauptstadt Bosniens, am 28. 6. 1914 ermordet wurde. Das Attentat löste den 1. Weltkrieg aus.
Nach dem Ende des 1. Weltkriegs wurde Serbien ein Teil des südslawischen Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen, das 1929 in Königreich Jugoslawien umbenannt wurde. Im 2. Weltkrieg geriet Serbien unter deutsche Militärverwaltung. Gegen die deutschen Besatzer kämpften monarchistische und kommunistische Partisanenverbände. Nach Kriegsende wurde Serbien Teilrepublik der von Josip Broz Tito proklamierten Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (seit 1963 Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien).
Der Tod Titos 1980 wurde zum Ausgangspunkt des Zerfalls dieses Vielvölkerstaates, da bisher unterdrückte soziale und nationale Ungleichheiten verstärkt zum Vorschein kamen. Insbesondere der Kosovo entwickelte sich zur Krisenregion. Der Auflösungsprozess beschleunigte sich, nachdem Slobodan Milošević 1987 die Führung der serbischen Kommunisten übernahm u. 1990 auch serbischer Präsident wurde. Er ließ die Autonomierechte der Provinzen Kosovo und Vojvodina aufheben und stellte die Gebiete unter die vollständige Kontrolle Serbiens. Schließlich brach die Volksrepublik Jugoslawien in blutigen Wirren auseinander. Serbien und Montenegro schlossen sich 1992 zur neuen Bundesrepublik Jugoslawien zusammen, deren Politik von Milošević bestimmt wurde. Die Annullierung der Ergebnisse der serbischen Kommunalwahlen 1996 zu Lasten der Opposition führten zu Massendemonstrationen, die das Milošević-Regime in eine schwere Krise stürzten. 1998 eskalierte die Lage im Kosovo, wo die albanische Bevölkerungsmehrheit unterdrückt wurde, zum militärischen Konflikt zwischen der albanischen Befreiungsarmee des Kosovo (UČK) und serbischen Sondereinheiten, die auch massiv gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Erst die Militärintervention der NATO 1999 beendete die Auseinandersetzungen. Die Provinz kam unter UN-Verwaltung. Nach schweren Unruhen 2000 verlor Milošević schließlich seine politische Macht, 2001 wurde er an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert.
Die montenegrinischen Unabhängigkeitsbestrebungen wurden 2003 auf Drängen der EU durch die Bildung der Staatengemeinschaft Serbien und Montenegro zunächst unterlaufen. Im selben Jahr fiel der reformorientierte serbische Ministerpräsident Zoran Djindjić, der seit 2002 regierte, einem Mordanschlag zum Opfer. 2004 wählte die serbische Bevölkerung Boris Tadić (DS) zum Präsidenten Serbiens. Vojislav Koštunica (DSS) übernahm im selben Jahr das Amt des serbischen Regierungschefs. Nach der Unabhängigkeitsproklamation Montenegros am 3. 6. 2006 erklärte sich die Republik Serbien zum Nachfolger der aufgelösten Staatengemeinschaft.
Am 28./29. 10. 2006 sprach sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Annahme einer neuen Verfassung aus, in der das Kosovo und die Vojvodina als autonome serbische Provinzen bezeichnet werden. Bei den Parlamentswahlen 2007 konnte die rechtsnationalistische SRS ihre Position als stärkste parlamentarische Kraft behaupten. Vojislav Koštunica bildete eine Mehrparteienregierung aus DSS, DS und G17 Plus.
Boris Tadić konnte 2008 erneut die Präsidentschaftswahlen gewinnen. Im selben Jahr proklamierte das Kosovo gegen den Widerstand Serbiens einseitig die Unabhängigkeit. In der Folge zerbrach die von Koštunica geführte Koalition am Streit über eine weitere Annäherung an die EU vor dem Hintergrund des Kosovo-Problems. Staatspräsident Tadić löste daraufhin im März 2008 das Parlament auf. Die Neuwahlen im Mai 2008 gewann das Bündnis Für ein europäisches Serbien unter Führung von DS und G17 Plus. Nach schwierigen Koalitionsverhandlungen bildeten die proeuropäischen Parteien DS und G17 Plus ein von der LDP und den Abgeordneten der ethnischen Minderheiten gestütztes Kabinett mit der früher von Milošević beherrschten SPS. Neuer Ministerpräsident wurde Mirko Cvetković.
2009 erhielt Serbien vor dem Hintergrund der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise vom IWF einen Hilfskredit von 3 Mrd. €. Im selben Jahr beantragte das Land den Beitritt zur EU. Grenz- und Zollstreitigkeiten mit gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Kosovo-Serben und kosovarischen Polizeieinheiten belasteten 2011 die ohnehin angespannten Beziehungen zu dem von Serbien weiterhin nicht als unabhängig anerkannten Kosovo. Nach einer Einigung auf gemeinsame Grenzkontrollen unter Vermittlung der EU erhielt Serbien im März 2012 den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Im April 2012 erklärte Tadić seinen Rücktritt, um vorzeitige Präsidentschaftswahlen einzuleiten. Die Parlamentswahlen am 6. 5. 2012 gewann ein von der SPS geführtes Wahlbündnis mit 24,0 % der Stimmen vor einem Wahlbündnis der DS (22,1 % der Stimmen). Bei den zeitgleich abgehaltenen Präsidentschaftswahlen erhielt keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit. Wie schon 2004 und 2008 kam es daher zu einer Stichwahl zwischen T. Nikolić und B. Tadić, die Nikolić für sich entscheiden konnte. Der SPS-Politiker I. Dačić, als Pressesprecher der SPS 1992–2000 eine Hauptstütze des Milošević-Regimes, übernahm das Amt des Ministerpräsidenten an der Spitze einer von SNS und SPS dominierten Mehrparteienkoalition.
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