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LEXIKON

Swift, Jonathan: Gullivers Reisen

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Anonym ließ Swift 1726 „Reiseberichte“ drucken, in denen sein Held Gulliver Merkwürdiges von „entlegenen Völkern“ erzählt. Nach einem Schiffbruch sieht sich Gulliver, wie ein Paket verschnürt und an den Strand von Liliput gepflockt, von zahllosen Zwergen umlagert. Befreiungsversuche sind zu schmerzhaft, und so nimmt er die sonderbare Gastfreundschaft des Königs, der ihn zum Staatseigentum erklärt, an. Gulliver ist rücksichtsvoll gegenüber den kleinen Leuten. Er liefert dem Hof Belustigungen und steigt, da er 50 Kriegsschiffe der Leute von Blefuscu raubt und einen Krieg verhindert, zum Würdenträger des Landes auf. Obgleich Gulliver immer human handelt, wird er zum Hochverräter erklärt. Einem grausamen Tod entkommt er durch die Flucht von den Inseln der Zwerge, unter denen die Heimtücke ebenso groß ist wie in seiner Heimat.
Während einer zweiten Seereise an die Küste von Brobdingnag verschlagen, hat Gulliver die höchst gegenteilige Empfindung eines Däumlings. Er wird ein Spielzeug in den Händen geschäftstüchtiger, aber auch gutmütiger Riesen und Riesinnen, verteidigt sich heldenhaft gegen Insekten, Ratten und einen Narren. Er zeichnet sich bei Hof durch niedliche Manieren und Erfindungsreichtum aus. Seine Mini-Existenz wird durch die Fürsorge Glumdalclitchs, einer neunjährigen Riesin, erträglich, beinahe angenehm durch die Zuneigung der Königin und lehrreich im Gespräch mit dem König. Beklommen muss er zur Kenntnis nehmen, dass seine Landsleute das scheußlichste Ungeziefer sind, „dem die Natur jemals erlaubt hat, auf der Erdoberfläche herumzukriechen“. Swift lässt aber auch seine persönliche Meinung durchblicken: Brobdingnag wird mit etwas mehr Vernunft, maßvoller regiert als das britische Weltreich unter der Führung der Liberalen.
Gullivers dritter Bericht Aussetzung durch Piraten, Flug in der Raum-Insel Laputa, Stippvisiten zu unbekannten Inseln entfaltet sich zur utopischen Satire. Hier bereits karikiert der Autor inhumane Möglichkeiten der Politik, Wissenschaften und Technik, noch bevor jemand an die Verwirklichung der versponnenen Ideen Swifts geglaubt, geschweige denn über die Vor- und Nachteile ihrer Anwendung nachgedacht hätte. Laputa hat sich, vielleicht sogar gegen die Erwartung des Autors, als eine sich nach einem Vierteljahrtausend bewahrheitete Prophetie erwiesen, wenn man an die hierin angeschnittenen Probleme wie Kunstsprachen, Eingriffe ins menschliche Gehirn, Globalsteuerung der Politik und an die sich perfektionierenden Überwachungssysteme denkt. Swift prangerte aber bewusst die Naturwissenschaften an als eine sich verbreitende Krankheit, als Auswucherungen der menschlichen Fantasie, als borniertes Spezialistentum, das zur Zerstörung der Umwelt und zurn Abbruch menschlicher Beziehungen führt. Auch heute noch umstrittene medizinisch-ethische Probleme greift er auf, wenn er für den Gnadentod eintritt und das endlose Leiden der unsterblichen Struldbrugs ausmalt.
Diese düsteren Zukunftsperspektiven leitet der Autor im vierten Bericht Gullivers aus der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur ab. Gulliver, Kapitän einer meuternden Besatzung, wird auf einer Insel ausgesetzt. Hier haben sich die Herrschaftsverhältnisse zwischen Menschen und Tieren umgekehrt. Pferde, Houyhnhms genannt, halten ekelhafte Menschen, die Yahoos, in Schranken. Gulliver kann die Kardinaltugenden der edlen Pferde: Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit, nicht übernehmen, weil er wegen seines Körperbaus ein Yahoo ist. Er muss in die von den sieben Todsünden beherrschte Welt der Menschen zurückkehren. Swift lässt Gulliver gerade an dem Laster zugrunde gehen, das er am meisten hasst. Er macht ihn zum Außenseiter der Gesellschaft, der die Gegenwart anderer Menschen nicht mehr ertragen kann, der seine Frau und Kinder als gelehrige Tiere betrachtet und damit hochmütig wird.
Swift indessen hält die Menschen für vernunftbegabt; er hasst Massen und Institutionen, obwohl er „John, Peter usw.“ herzlich liebt. Die beiden ersten Reisen Gullivers wurden aufgrund ihrer Anschaulichkeit zu einem klassischen Jugendbuch.
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