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LEXIKON

Wkinger

Bezeichnung für die Skandinavier des frühen Mittelalters, die zum Teil zwischen 800 und der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts ihre Länder vorübergehend oder dauerhaft verließen. Das altnordische Wort Wikinger bezeichnete einen Räuber und wurde nie als Selbstbezeichnung der Skandinavier benutzt. Außerhalb Skandinaviens waren u. a. die Bezeichnungen Normannen in westeuropäischen Quellen und Waräger (wahrscheinlich „durch Eide Verpflichtete“) in Osteuropa und Byzanz üblich.
Seit 793 (Überfall auf das nordenglische Kloster Lindisfarne) unternahmen dänische und norwegische Piraten Plünderungszüge zu den Britischen Inseln. Seit 835 nahmen diese Überfälle große Ausmaße an und führten dazu, dass Wikingerverbände längere Zeit auch im Hinterland heerten. In Irland gründeten die Wikinger Handelsplätze (insbesondere Dublin, daneben Cork, Wexford, Waterford), von denen sie Handel trieben, sich aber auch an den innenpolitischen Kämpfen der irischen Kleinkönige beteiligten. In England landete 866 ein großes dänisches Heer und eroberte York, die Hauptstadt Northumberlands. Zehn Jahre später begann die Einwanderung dänischer Siedler in Ostengland, die im so genannten Danelaw (Land dänischen Rechts) ein auf Dauer skandinavisch geprägtes Gebiet besiedelten. Die Skandinavier blieben dort auch nach der Rückeroberung durch die englischen Könige, die bald nach dem Sieg Alfreds des Großen über ein Wikingerheer 878 begann. Neben dem Danelaw gründeten die Wikinger v. a. in Dublin und York vorübergehend selbständige Reiche. Gegen Ende des 10.  Jahrhunderts begannen erneut Wikingerüberfälle auf England, an denen sich immer stärker der dänische König Sven Gabelbart beteiligte, der schließlich 1013 sogar den englischen Thron bestieg. Dessen Sohn Knut der Große (10161035) vereinte Dänemark, England und Norwegen unter seiner Krone. Sein letzter dänischstämmiger Nachfolger wurde 1066 von den Normannen unter Wilhelm dem Eroberer besiegt.
Mit Ausnahme der Normandie (911) konnten sich die Wikinger auf dem Festland dauerhaft nicht festsetzen. Seit 800 suchten sie immer häufiger Küsten- und Flussgebiete (Loire, Seine, Rhein) des Frankenreichs heim, wo sie wiederholt Paris angriffen, 845 Hamburg zerstörten, 881/82 im Rheinland plünderten und die Kaiserpfalz Aachen überfielen. Mehrmals wurde seit 834 der bedeutende Handelsplatz Dorestad bei Utrecht ihr Opfer; unter den zahlreichen ausgeplünderten Klöstern befand sich das Kloster Prüm in der Eifel. Die Wikingerzüge wurden durch die Zerstrittenheit der fränkischen Herrscher erleichtert, die sogar Wikinger als Söldner in ihren Dienst nahmen. Ende des 9. Jahrhunderts klangen die Wikingerzüge im West- und Ostfränkischen Reich allmählich aus (u. a. wegen des Sieges König Arnulfs von Kärnten über die Wikinger 891 bei Löwen).
Wikingerflotten unternahmen einzelne Plünderungszüge nach Spanien, wo sie 844 das arabische Sevilla angriffen, und durchs westliche Mittelmeer, dessen Küsten 859-862 geplündert wurden (Marokko, die Balearen, die Provence und die Toskana). Von Norwegen aus unternahmen die Wikinger Fahrten in den Nordatlantik, um neues Siedelland zu suchen. Dort besiedelten sie die Färöer, die Orkney- und Shetland-Inseln, ab etwa 874 kamen die ersten Siedler nach Island, wo 930 eine von Norwegen unabhängige Republik entstand. Um 985 besiedelte man von dort unter der Führung Eriks des Roten Gebiete an der Süd- und Westküste Grönlands. Um 1000 stießen Wikinger auf die nordamerikanische Küste (Baffin Island, Labrador), wo sie vorübergehend in Neufundland eine kleine, archäologisch nachgewiesene Siedlung anlegten.
Die schwedischen Wikinger (Waräger) drangen über die Ostsee nach Osteuropa vor und gelangten über die Flüsse Dnjepr und Wolga ins Schwarze Meer bzw. zum Kaspischen Meer, von wo sie bis nach Konstantinopel (Byzanz) und ins arabische Kalifat (Bagdad) gelangten. Sie traten dabei v. a. als Händler auf, verdingten sich aber auch am Hof des byzantinischen Kaisers als Söldner (Warägergarde). Seit 862 kamen Schweden nach Nordrussland und ergriffen dort gemeinsam mit slawischen Häuptlingen und Kriegern die Macht. Sie gründeten die Reiche von Nowgorod und Kiew, die 882 zum Reich der Rus vereinigt wurden. Daraus erwuchs der erste russische Staat, in dem die Wikinger neben slawischen Herrschern die Führungsschicht stellten; bereits im Lauf des 10. Jahrhunderts wurden sie slawisiert. Allerdings bestanden zwischen dem Reich der Rus und Skandinavien noch länger enge Beziehungen. Die Rus und verbündete Wikinger pflegten mit Byzanz enge Handelsbeziehungen, die sich in mehreren Handelsverträgen ausdrückten. Andererseits drangen ihre Flotten mehrmals bis Konstantinopel vor, das erfolglos belagert wurde (860, 907, 941).
Die Wikinger traten während der so genannten Wikingerzeit (793 Überfall auf Lindisfarne bis 1066 Schlacht von Hastings) nicht nur als Räuber, Söldner und Kolonisten auf, sondern spielten auch als Kaufleute und Händler eine herausragende Rolle. Die größten skandinavischen Handelsplätze Birka (im Mälarsee, Schweden) und Haithabu (bei Schleswig) gehörten neben Dublin und York zu den Drehscheiben des europäischen Handels, dessen Routen sich im frühen Mittelalter vom Mittelmeer nach Norden in die Nord- und Ostsee verlagerten. Von dort verliefen die Handelswege über die russischen Flüsse bis nach Byzanz und in die arabischen Länder.
Für Skandinavien selbst war die Wikingerzeit von außerordentlicher Bedeutung. Damals entstanden aus zahlreichen untereinander zerstrittenen Stammesgebieten und Kleinkönigreichen die Königreiche der Dänen, Norweger und Schweden sowie der isländische Freistaat. Während das nordgermanische Heidentum noch bis ins 11. Jahrhundert verbreitet war, wurde das Christentum zur vorherrschenden Landesreligion, um 960 in Dänemark, 1000 auf Island, im 11. Jahrhundert endgültig in Norwegen und Schweden. Damit fanden die skandinavischen Nationen den Anschluss an das christliche Abendland, was sich in der Gründung von Städten, Kirchen und Bistümern, aber auch in der Übernahme des lateinischen Alphabets und der damit verbundenen Buchkultur zeigte.
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