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Dadaismus, Merzkunst und die Liebe zum Unsinn (Podcast 193)

Dada, Merz und Unsinn - Willkommen im Reich des Dadaismus!
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Kurt Schwitters

DaDaDaDaDa - daismus


Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Ohrensausen! Aus Krawatten wachsen Frauenkörper heraus, aus Hosenbeinen Augen; Wörter mutieren zu sinnlosen Lautgestalten oder Stotterschlangen: Dadadadada. Willkommen im Reich des Dadaismus! Hier ist alles erlaubt. Je witziger, ironischer, unwirklicher und unsinniger, desto besser. Man könnte meinen, da sei ein Haufen Verrückter in die infantile Trotzphase antiautoritär erzogener Kinder zurückgefallen, die - dadadadada – unhöflich mit dem Finger auf etwas weisen. Das mag so aussehen, aber damit wäre den Dadaisten Unrecht getan. Richtig ist, dass in kurzer Zeit so viel Nonsens entstanden ist, wie nie zuvor. In dem Unsinn stecken aber Wahrheiten. In Worten, Bildern und Taten führten die Dadaisten vor, was in ihren Augen zu verurteilen war: Materialismus, Fortschritt, Geld, Profit, Krieg und Heuchelei. Einer von ihnen war Kurt Schwitters, dessen 125. Geburtstag wir am 20. Juni begehen. Reisen Sie mit unserer Autorin Dorothea Schmidt in die Zeit zwischen 1916 und 1923 und entdecken die Welt des Dadadadada – daismus.
 

Alle dada, oder was?

Ist Otto Waalkes ein Dadaist? Und war Karl Valentin einer? Heute steht Dadaismus grob für alles, was lustig bis unsinnig und komisch ist, was erheitern und unterhalten soll – so wie Valentin es tat und Waalkes es tut. Kabarettisten und Moderatoren tun es, und sogar Angela Merkel wurde nachgesagt, sie habe gedadat – oder sich verdadat -  als 2011 der EHEC-Virus umging. Folgende Nachrichten erschienen auf Twitter:

„Der Einstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg in dem Einstieg aus dem Ausstieg? Angela Merkel übt sich in Dadaismus.“

Die Antwort eines anderen Zwitschernden darauf:

„Okay, also keine Gurken aus Mülltonnen essen, die vor 2 Wochen weggeworfen wurden“.

Diese Nachrichten stehen exemplarisch für die vielen Ansätze, den Dadaismus nicht wissenschaftlich, sondern dadaistisch zu erklären. Das liegt nahe, der Dadaismus hat viel Blödsinniges und Widersinniges hervorgebracht. Aber ergründen lässt er sich mit Blödsinn nicht. Natürlich haben auch Dadaisten moralische Fesseln gelöst, jegliche Logik und Konventionen aus den Angeln gehoben und alles erlaubt, was anarchistisch, satirisch, subversiv und komisch ist. Aber die Künstler verfolgten dabei ein ernstzunehmendes Ziel: Sie wollten die Boshaftigkeit und Scheinheiligkeit der Gesellschaft anprangern und taten dies, indem sie eine Anti-Kunst entwarfen. Hässlich war toll, weil so der Zorn auf die dekadente Gesellschaft nur noch besser zum Ausdruck kam. Dadaisten arbeiteten destruktiv, weil sie die Destruktion durch Krieg kritisierten.


Dadaistische Kunst

Sie zerschnibbelten beispielsweise Zeitungen und Magazine, um dann Buchstaben und Wörter neu zusammenzufügen. Oder sie zerstückelten Sätze und Wörter, setzten sie neu zusammen, pfiffen, stöhnten, stotterten, und nannten das - „Gedicht“. Laut- und Buchstabengedichte gehören zu den bekanntesten dadaistischen Werken. Ein Beispiel:


„Karawane“ von Hugo Ball

jolifanto bambla o falli bambla
großiga m'pfa habla horem
egiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung
blago bung
bosso fataka
ü üü ü


Nichts verstanden? So soll’s sein, das war ein Ausdrucksmittel der Dadaisten. Sie wollten anecken und provozieren – egal, ob mit Gedichten, Collagen, Bildern, Geräuschkonzerten oder Plakaten. Ihre Werke durften gern irgendwie zufällig entstehen, wobei das Unterbewusstsein eine Rolle spielte, wie es später im Surrealismus Gang und Gebe war: Dadaisten malten zum Beispiel drauf los und schauten zu, was unter ihrem Stift entstand.
Kein Wunder, dass dabei manchmal kompletter Nonsens herauskam, der unverständlich war und beliebig wirkte. Für Dada-Kenner Michel Sanouillet war aber eben diese Beliebigkeit die zentrale Eigenart des Dadaismus. Allein das bedeutungslose Wort „Dada“, das allenfalls für Babygebrabbel gehalten werden könne, stehe als Platzhalter für alles Mögliche. Es war also nur konsequent, dass es keine einheitliche Richtung im Dadaismus gab. Wichtig war nur, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten – öffentlich, versteht sich. Interessanterweise taten die Künstler das unabhängig voneinander in vielen Teilen Europas und Amerikas.


Die Anfänge: Das Cabaret Voltaire

In Europa entstand der Dadaismus unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges. Das beginnende 20. Jahrhundert war geprägt von Umwälzungen; politischen, aber auch künstlerischen. In der Zeit zwischen 1900 und 1937 entstanden viele Kunststile, darunter Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Blauer Reiter, Suprematismus, Surrealismus und eben Dada. Die Umwälzungen verunsicherten die Menschen. Auf politischer Ebene lösten sie Wut aus, weil die Machthaber nicht fähig waren, auf die schnellen Veränderungen infolge der Industrialisierung zu reagieren. Dieser Zorn entlud sich bei den Dadaisten in Provokation. Die Herrscher sollten buchstäblich sehen, was sie falsch machten, wie materialistisch sie dachten, wie verlogen und scheinheilig sie waren und wie dumm Krieg war.


Als offizieller Beginn des Dadaismus gilt der 5. Februar 1916. Der Schriftsteller Hans Arp lud junge Dichter und Künstler ein, im von Hugo Ball gegründeten Cabaret Voltaire antibürgerliche Werke auszustellen. Schließlich war es das Bürgertum, das für die „grandiosen Schlachtfeste und kannibalischen Heldentaten“ des Krieges verantwortlich war, sagte Arp.
Kein Wunder übrigens, dass so viele den Dadaismus als Synonym für Komik betrachten. Er war oft einfach komisch. Hans Arp selbst beschrieb eine seiner Aufführungen:


„Tzara lässt sein Hinterteil hüpfen wie den Bauch einer orientalischen Tänzerin, Janco spielt auf einer unsichtbaren Geige und verneigt sich bis zur Erde. Frau Hennings mit einem Madonnengesicht versucht Spagat. Huelsenbeck schlägt unaufhörlich die Kesselpauke, während Ball, kreidebleich wie ein gediegenes Gespenst, ihn am Klavier begleitet.“


Kurt Schwitters

Eine Besonderheit des Dadaismus war die Kunst des 1887 in Hannover geborenen Kurt Schwitters. Viele verbinden ihn mit der Prosa- und Gedichtsammlung „Anna Blume“, mit der Schwitters über Hannovers Grenzen bekannt wurde – nicht zuletzt deshalb, weil er sie selbst zu seinem Aushängeschild machte. Ein paar Ausschnitte:

An Anna Blume
Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, ---- wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!

Anna Blume, Anna, A----N----N----A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weisst Du es Anna, weisst Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A------N------N------A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich-------liebe-------Dir!

 

Nicht dada, sondern Merz

Schwitters Werk geht über die Stilrichtung des Dadaismus hinaus. Es umfasst ebenso den Surrealismus und den Konstruktivismus, mit dem er einen Kontrast zur destruktiven Arbeit der Dadaisten setzte. Seine Skulpturen und Bilder sollten ein Zeichen für Wiederaufbau sein. Er selbst erklärte:
„Aus Sparsamkeit nahm ich dazu, was ich fand, denn wir waren ein verarmtes Land [...] Kaputt war sowieso alles, und es galt, aus den Scherben Neues zu bauen.“
Dafür steht auch der Name der von ihm entwickelten, eigenen Stilrichtung: der Merz-Kunst. Der Name „Merz“ ist ein Wortschnipsel, den er aus einer Zeitungsanzeige der „Commerz- und Privatbank“ ausschnitt sowie unter anderem eine Anlehnung an die Jahreszeit März als Frühlingsanfang im Sinne eines Neubeginns. Der Künstler grenzte sich mit seiner Kunst vom Dadaismus ab, und er legte großen Wert darauf, auch so wahrgenommen zu werden. Nach dem berühmten Holland-Feldzug, der laut Schriftsteller Hermann Korte letzten Aktion der Dadaisten, stellte er sich dem Publikum vor:
„Kurt Schwitters, nicht dada, sondern Merz“.

Die Merz-Kunst wurde zum Markenzeichen des durchaus eigensinnigen Kreativen. Ideen des Dadaismus waren für Schwitters lediglich ein Ausgangspunkt, eine Quelle der Inspiration für eigene Gedanken. Viele seiner Werke veröffentlichte er in der Zeitschrift „Merz“, die er zwischen 1923 und 1932 herausbrachte. Zu der Zeit war ein Großteil der Dada-Gruppen schon aufgelöst. Die Rebellion hatte sich verbraucht. Der Dadaismus zerfloss im Surrealismus.

Schwitters Kunst lebte weiter. Der Künstler verwirklichte sich als Maler, Dichter, Werbegestalter, Grafiker und Typograph, nahm dadaistische Darstellungsformen wie Lettrismus, Lautpoesie, Assemblagen und  Collagen her, um sie - wie er es nannte - zu vermerzen, Details auszumerzen – und den Künsten so einen individuellen Stempel zu verleihen.

 

Schwitters‘ Abfallkunst

Schwitters wollte Beziehung schaffen, „am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“, wie er einmal schrieb, alle Kunstarten sollten zu einer künstlerischen Einheit verschmelzen. Er selbst machte vor, wie das geschehen sollte: Auf Bilder und Zeichnungen verknüpfte er mit Texten, seine Bilder waren ein Patchwork mit 3D-Effekt aus zusammengenagelten Einzelteilen.
Für sein Bildmaterial wühlte Schwitters in Mülltonnen, sammelte Bustickets, Zeitungsschnipsel, Nägel, Haare, für Dichtungen lauschte er Gesprächen in Straßenbahnfahrten oder Cafés, um Wörter und Sprüche aufzuschnappen. Dazu schrieb er: „Elemente der Dichtkunst sind Buchstaben, Silben, Worte, Sätze. Durch das Werten der Elemente gegeneinander entsteht die Poesie. Der Sinn ist nur wesentlich, wenn er auch als Faktor gewertet wird. Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine rein persönliche Angelegenheit. Mir tut der Unsinn leid, daß er bislang so selten künstlerisch geformt wurde, deshalb liebe ich den Unsinn.“

Auf seinen MERZ-Abenden trug Schwitters seine unsinnigen Werke vor. Dazu gehörten auch seine Stottergedichte:


„Kkkkkkkkkk ich ich ich i i i i i ich…“


Er spielte mit Worten, mit Satz- und Sprachstrukturen, manchmal auch noch spontan auf der Bühne. Ein solches Sprachwerk ist seine berühmte Ursonate. Auch hier wird das Verwischen verschiedener Künste deutlich. Schwitters vermengte Wörter und Buchstaben mit der Sonatenform der Musik. Über Kunst lässt sich streiten, aber dada ist das allemal!

Von Dorothea Schmidt

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