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Mythos Woodstock - was ist dran? (Podcast 51)

Von Hippies, Hasch und verstopften Toiletten

Woodstock war ein außergewöhnliches Konzerterlebnis, das bis heute nachwirkt. Die Veranstaltung vom 15. bis 17. August 1969 ist  zum Mythos geworden – wie die Hippiebewegung, als deren Höhepunkt die Versammlung der gut 400.000 Menschen gilt. Drei Tage „Peace & Love“, drei Tage Blues, Folk, Soul und Rock der Spitzenklasse, drei Tage Gegenkultur und Anti-Establishment. Aber was geschah bei dem Festival tatsächlich, und was ist dran an dem Kult um Woodstock? 

 

Die Vorgeschichte


Freiluftkonzerte – sogenannte „Open Airs“ – waren in den 1960er Jahren noch nicht so verbreitet wie heute, aber an sich keineswegs unbekannt. Bereits das Monterey Pop Festival im Jahr 1967 brachte es auf 200.000 Zuschauer und wartete mit Künstlern auf, von denen nicht wenige zwei Jahre später auch den Weg nach Woodstock finden sollten, darunter Grateful Dead, Jimi Hendrix und The Who. Dieses Ereignis mag Pate gestanden haben, als dem jungen Musikproduzenten Michael Lang die Idee zu einem Festival in Woodstock kam. Ob er damit seiner Generation ein Sprachrohr verschaffen wollte, wie es gelegentlich heißt, oder ob es um Geld für ein eigenes Studio ging, muss offen bleiben. Der 1944 gebürtige Lang war in der Szene kein Unbekannter und hatte etwa das Miami Pop Festival im Mai 1968 organisiert. Er wohnte in Woodstock, und sein Nachbar Artie Kornfield – selbst Sänger und Songschreiber – half ihm dabei, zwei Investoren aus New York zu finden, die auf Profit hofften. Schon war die Firma Woodstock Ventures geboren.
Santana: Soul Sacrifice

 

Woodstock oder Bethel?
 

Woodstock bot sich aus zwei Gründen als Veranstaltungsort an: Es ist nahe bei New York gelegen und war unter Einbeziehung des Umlandes schon vor dem Festival Wohnstätte vieler Musiker, darunter Bob Dylan. Ironischerweise sollte es aber gar nicht Austragungsort der Woodstock Music & Art Fair – so der offizielle Titel – werden, aber das gehört zu den vielen ironischen Details der Geschichte. Michael Lang plante das Konzert im 50 km südlich gelegenen Wallkill, hatte aber die Protestbereitschaft der dortigen Anwohner unterschätzt. Nun erhielt Bethel den Zuschlag, das etwa 150 km von New York entfernt liegt. Dass heute niemand von Bethel redet, liegt daran, dass der ursprüngliche Titel des Festivals beibehalten wurde, obwohl es gar nicht in Woodstock statt fand. Der tatsächliche Veranstaltungsort war das Grundstück eines Bauern, der hierfür 50.000 $ Miete erhielt – nicht nur 1969 eine beträchtliche Summe.
 

Die Veranstalter rechneten unterschiedlichen Quellen zufolge mal mit 60.000, dann wieder mit knapp 180.000 Besuchern. Doch wie viele sie auch im Sinn hatten, es wurden beträchtlich mehr. Gut eine Million Interessierte sollen sich per Auto, Bus oder zu Fuß auf den Weg gemacht haben – ein ernsthaftes logistisches Problem, das zum Teil durch polizeiliche Abriegelung der Zufahrtsstraßen gelöst wurde. Letztlich erreichten über 400.000 Besucher das Gelände. Übrigens: Ein Drei-Tages-Ticket kostete 18 $, das wären inflationsbereinigt heute etwa 75 $. Offenbar keine Summe, die irgendjemanden abschreckte, und die tatsächlich auch nur ein Teil der Besucher bezahlte. Denn die Umzäunung um das Festivalgelände wurde schnell abgebaut und die Veranstaltung aus schierer Not zum „Free Concert“ erklärt, weil eine effektive Einlasskontrolle gar nicht mehr möglich war.
 

Das Konzert
 

An Woodstock nahmen insgesamt zweiunddreißig Gruppen und Einzelinterpreten teil. Auch wenn die ganz großen Namen – wie The Beatles, The Doors oder The Rolling Stones – fehlten, war das Programm beeindruckend und geriet nicht wenigen Musikern zum Karrieresprung. Der bis dahin weitgehend unbekannte Gitarrist Carlos Santana beispielsweise begründete in Woodstock seine bis heute andauernde Weltkarriere; insbesondere das Stück Soul Sacrifice von seinem kurz zuvor veröffentlichten Debütalbum geriet zu einem Konzerthöhepunkt. Auch Joe Cocker erzielte einen Durchbruch, nämlich mit seiner Coverversion des Beatles-Songs With a Little Help From My Friends. Die Folksängerin Joan Baez hingegen nutzte hochschwanger das große Forum, um Missstände in der Welt anzuprangern und erwähnte dabei auch die Inhaftierung ihres Ehemanns, eines bekannten Gegners des Vietnamkriegs. Zum Abschluss ihres Auftritts sang sie mit We shall overcome die Hymne der Hippiebewegung. Die britische Formation The Who hatte gerade ihr Konzeptalbum Tommy veröffentlicht und ließ es sich nicht nehmen, fünfundzwanzig Stücke zu spielen, wobei es allerdings zu rüden Maßnahmen gegenüber Reportern kam. Zum Schluss zerschlug Pete Townsend standesgemäß seine Gitarre – alles andere wäre allerdings auch eine Enttäuschung gewesen. Jimi Hendrix hingegen hatte extra für das Festival eine neue Band zusammengestellt. Er spielte nicht nur seinen Hit Purple Haze, sondern auch die US-amerikanische Nationalhymne, bei der massive Verfremdungseffekte zum Einsatz kamen. Andere Künstler hatten weniger Glück oder kämpften mit technischen Schwierigkeiten, die nicht immer ihnen angelastet werden konnten. Manche erreichten trotz Hubschraubereinsatzes auch einfach nicht das Festivalgelände. Janis Joplin hingegen wurde offenbar Opfer ihrer uninspirierten Band und lieferte einen wenig erfreulichen Auftritt ab. Dafür machte sie eine oft zitierte Bemerkung: „Früher waren wir nur wenige, jetzt gibt es Massen und Massen und Massen von uns.“
 

Das Publikum
 

Genau diese Massen sind allerdings bis heute das Thema, wenn es um Woodstock geht. Die musikalische Seite des Festivals war stets nur ein Aspekt des Mythos – der andere war derjenige, dass beinahe ein halbe Million Menschen bei widrigen Witterungsbedingungen weitgehend gewaltfrei miteinander auskamen. Tatsächlich waren die hygienischen Zustände katastrophal. Natürlich hatten die Veranstalter Toilettenhäuschen gebucht, doch vor denen musste man nicht selten mehrere Stunden warten, weswegen sich manch einer zur Erledigung seins Geschäfts schlicht in die Büsche schlug. Im Hochsommer stinkt derlei schnell zum Himmel. Apropos Himmel – aus dem goss es immer wieder beträchtlich. Mehrere Wärmegewitter entluden sich während des Konzerts und verwandelten die Wiesen und Äcker in matschige Schlammflächen. Dazu kam, dass der Regen für die Musiker zum Sicherheitsrisiko wurde – die Mitglieder von Grateful Dead wollen sogar Stromstöße durch ihre Instrumente erlitten haben. Auch die Lebensmittelversorgung und die ärztliche Hilfe gerieten zu einer ernsthaften Herausforderung. Allein am ersten Tag wurden 500.000 Hamburger und Hot Dogs verzehrt. Manche Anwohner sollen die Gelegenheit genutzt haben, um überteuerte Agrarprodukte zu verkaufen, aber es gibt auch Gegenbeispiele. So verteilte die Hog Farm, eine bekannte Hippiekommune, die auch für die Sicherheit beim Festival zuständig war, selbstzubereitete Lebensmittel.
 

Das Echo
 

Positive Erlebnisse wie diese sind es, die bis heute die Erinnerungen an Woodstock prägen. Trotz der verklärenden Tendenz, die Rückblicken immer zueigen ist, weist das Festival tatsächlich einige Merkmale auf, die es zu einem besonderen Element der Kulturgeschichte machen. Woodstock fand zu einer Zeit statt, in der sich die US-amerikanische Gesellschaft in einem Wandlungsprozess befand. Einerseits war man soeben auf dem Mond gelandet, andererseits stellte das Zusammenleben farbiger und weißer Bevölkerungsanteile weiterhin ein großes Problem dar. Eine beispiellose Attentatserie – von John F. Kennedy über seinen Bruder Bobby bis hin zu den Bürgerrechtlern Malcolm X. und Martin „Luther“ King – richtete sich dezidiert gegen jene soziale Reform, die das Hauptanliegen der Hippiebewegung und der mit ihr verbundenen Underground-Kultur war. Außerdem führten die USA noch immer Krieg in Vietnam. In diesem mit repressiven Zügen versehenen Klima wurde Woodstock zum  Symbol jeder Form von Gegenkultur,  zum Beleg dafür, dass eine Politik „von unten“ sehr wohl machbar war und dass die Anhänger des „Flower Power“ über einen nennenswerte Größe verfügten. Aus dieser Perspektive geriet Woodstock zu einer überzeugenden Demonstration und zum Höhepunkt der Hippiebewegung. Leider war es auch ihr Endpunkt. Spätestens bei dem kostenlosen Konzert, das die Rolling Stones nur vier Monate später am Ende des Jahres in Altamont veranstalteten, verlor die Bewegung ihre Unschuld, als ein drogenumnebelter Besucher seinen Revolver zog und von einem Hell’s Angel niedergestochen wurde. Pünktlich zum neuen Jahrzehnt waren die sechziger Jahre in jeder Hinsicht vorbei.   
 

Die Erben
 

Woodstock war trotz aller idealistischen Begleitumstände im Kern eine kommerzielle Veranstaltung, für die Eintritt erhoben, Rechte verkauft und Gagen gezahlt wurden. Aus dieser Perspektive war das Konzert für die Veranstalter ein Fehlschlag. Zwar erschienen kurz darauf ein Film und zwei Mitschnitte auf LP, doch an denen verdiente die Firma Woodstock Ventures nichts. Michael Lang wurde trotzdem ein erfolgreicher Musikproduzent und Konzertveranstalter. Woodstock fand zwei Nachfolger: Woodstock II und III, die 1994 und 1999 stattfanden; doch insbesondere Woodstock III wurde von gewalttätigen Auseinandersetzungen überschattet. Spätestens hier macht sich der Effekt breit, der nach Meinung vieler Teilnehmer auch bei der Love Parade oder beim Wacken Open Air zu beobachten ist: Ursprünglich von Enthusiasten gegründet, überwiegen nach kurzer Zeit kommerzielle Bestrebungen. Die wahren Erben von Woodstock sind daher vielleicht Veranstaltungen wie das seit 1971 stattfindende Roskilde-Festival, dessen Einnahmen komplett für humanitäre Zwecke verwendet werden, oder Benefizkonzerte wie Live Aid aus dem Jahr 1985. Doch dies soll niemanden davon abhalten, sich auch vierzig Jahre nach dem Ereignis auf die Spurensuche zu begeben – nach dem Geist von Woodstock.
 

Barbara Steiger, Michael Fischer, Charles Kenwright und Jörg Peter Urbach, wissen.de-Redaktion 

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