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Arthrose – die unterschätzte Volkskrankheit

Es zieht im Handgelenk, wenn man die Maus bedient. Es knackt im Knie, wenn man aufsteht. Und immer ist da dieser unbestimmte Schmerz. Mehr als ein Sechstel aller Deutschen leiden darunter, doch viel geredet wird darüber nicht. Dabei hat Arthrose derzeit leider aus diversen Gründen „gute“ Karten, zur Generationen-übergreifenden Geißel zu werden. Warum das so ist und welche Therapiemöglichkeiten es gibt, zeigen wir nun.

Älteres Paar
Je älter eine Bevölkerung wird, desto mehr Arthrosefälle gibt es. Doch Alter ist nur ein Faktor bei Deutschlands Gelenk-Volkskrankheit Nummer eins.
1. Was Arthrose ist

Eigentlich lässt sich Arthrose mit einem Wort erklären: Gelenkverschleiß. Und obwohl sich im menschlichen Körper rund hundert Gelenkverbindungen befinden, funktionieren sie doch alle auf eine ähnliche Weise: Zwischen Gelenkkopf und -pfanne befindet sich eine hyaline Knorpelschicht. Sie ist dafür verantwortlich, dass nicht buchstäblich „Knochen auf Knochen“ reibt und sorgt so für leichtgängige Bewegung des Gelenks.

Hier kommt Arthrose ins Spiel. Sie entsteht dadurch, dass dieser Knorpel aus irgendwelchen Gründen beschädigt wird. Das kann einfach Verschleiß sein oder auch durch Unfälle und/oder Überbeanspruchungen hervorgerufen werden.

Wenn die Knorpelschicht immer dünner wird, versucht der Körper, gegenzusteuern, indem er neuen Knorpel einlagert. Leider funktioniert das aber nicht „so gut wie neu“: Der hochelastische hyaline Knorpel wird durch wesentlich unflexibleren Faserknorpel ersetzt. Schon das sorgt dafür, dass das Gelenk insgesamt weniger geschmeidig ist. Allerdings ist Faserknorpel auch nicht so belastungsresistent, sodass er noch schneller wieder zerstört wird. Mit fortschreitender Krankheit wird die Knorpelschicht immer dünner. Die Bewegungen werden schwergängiger und schmerzhafter, bis im letzten Stadium der Arthrose Gelenk und Gelenkpfanne direkt aufeinander aufliegen – ein äußerst schmerzhafter Prozess.

2. Wer betroffen ist

Arthrose entsteht, sofern man angeborene Fehlstellungen außeracht lässt, primär eigentlich nur auf einem Weg: Abbau des Knorpels und verschlechterte Regeneration im Alter. Das spiegelt sich auch heute noch in den Zahlen wieder, die meisten Arthrose-Patienten sind über 65 Jahre alt.

Genau hier liegt auch ein „Problem“, wenn man so will, unsere Lebenserwartung. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts steigt die Lebenserwartung rapide an – so schnell, dass unser Körper evolutionär nicht folgen und sich anpassen kann. Das bedeutet, wo die mittlere Lebenserwartung im Jahr 1900 noch bei 67,5 Jahren lag, gab es wesentlich weniger Arthrose-Patienten als heute, wo sie bei über 80 Jahren liegt. Und je älter wir insgesamt werden, desto mehr Ausfälle wird unser Körper aufweisen, weil er evolutionär nicht auf diese höhere Lebenserwartung eingerichtet ist.

Doch das ist nur ein Grund für Arthrose. Der nächste (und gleichzeitig immer bedeutsamer werdende) ist Überlastung. In früherer Zeit war eine solche Überlastungsarthrose nur bei Menschen zu beobachten, die ihr ganzes Leben lang körperlich schwer arbeiteten. Bei Bauarbeitern beispielsweise sind Arthrose-Erscheinungen in vergleichsweise sehr jungen Jahren typisch. Verblüffender Weise sinkt die Zahl der Überlastungsarthrosen jedoch nicht, wie man ob der insgesamt verringerten Zahl „körperlicher“ Berufe annehmen sollte, sie steigt sogar.  

Hier kommt eine weitere Tatsache ins Spiel: Wir werden nicht nur älter, sondern auch immer schwerer. Geschlechterbereinigt sind 48% aller Deutschen übergewichtig. Und das sorgt dafür, dass vor allem in den unteren Extremitäten, vom Hüftgelenk abwärts, die Zahl der Arthrosen auch bei jüngeren Menschen steigt. Und auch andere zivilisatorische Errungenschaften sind für bislang eher gering verteilte Arthrosen verantwortlich. So etwa der Handydaumen – nichts anderes als eine Gelenksarthrose durch exzessives Smartphone-Benutzen.

Röntgenbild eines Kniegelenkpaares
Je dünner und unflexibler die Knorpelschicht (Kreis) wird, desto stärker schreitet die Arthrose fort und desto problematischer werden auch bestehende Haltungsfehlstellungen.

3. Was kann man tun?

Das Hauptproblem an Arthrose ist, dass man nicht zwingend die einwirkenden Ursachen abstellen kann, etwa bei der Altersarthrose. Egal was man tut, ob man nun die Belastung durch Übergewicht mittels einer massiven Diät abstellt oder Fehlhaltungen korrigieren lässt, eine bereits bestehende Arthrose kann nur ausgebremst, jedoch kaum rückgängig gemacht werden, weshalb sich die meisten Therapieansätze auch auf das Lindern der Schmerzen fokussieren. Und genau dabei zeigt sich aktuell ein neuer, vielversprechender Therapie-Ansatz, die sogenannte Orthokin-Therapie. Dabei wird dem Patienten zunächst Blut entnommen und dies in speziellen Spritzen für einige Zeit gelagert. Dadurch geben die Blutzellen entzündungshemmende und wachstumsfördernde Proteine ab. Dieses „gereifte“ Blut wird anschließend in den schmerzenden Gelenkbereich gespritzt. Mit großem Erfolg: In mehreren Studien wurde eine starke Schmerzlinderung beobachtet, teilweise sogar völlige Schmerzfreiheit.

Allerdings hat auch die Orthokin-Therapie, so wirksam sie ist, ihre Grenzen, weil sie nur die Schmerzen selbst, nicht aber die Ursache aufhalten kann – den Ab- bzw. Umbau des Knorpelgewebes. Mit fortschreitendem Alter und/oder Belastung durch Übergewicht kommt der Punkt, an dem das Gelenk zu stark beschädigt ist. In diesem Fall kann nur noch auf chirurgischem Wege Abhilfe geschaffen werden – in Form einer Gelenkprothese.

Dabei werden – stark vereinfacht – der Gelenkkopf sowie in schwereren Fällen auch die Pfanne durch prosthetische Teile ersetzt. Der größte Vorteil: Wo sich gar kein natürliches Gelenk mehr befindet, kann natürlich auch kein Schmerz mehr entstehen. Allerdings darf auch die Liste der Nachteile nicht vernachlässigt werden:

  • Es ist in jedem Fall ein langer chirurgischer Eingriff unter Vollnarkose notwendig
  • Die OP ist irreversibel, weil dabei Knochenmaterial komplett entfernt wird
  • Prothesen halten i.d.R. kein Menschenleben. Je jünger der Patient, desto wahrscheinlicher, dass die Prozedur wiederholt werden muss
  • Je nach Lage der Prothese ist anschließend eine mehr oder weniger langwierige Physiotherapie notwendig, um den Umgang mit dem neuen Gelenk zu erlernen und die es umgebende Muskulatur zu kräftigen

Dabei sei allerdings deutlich unterstrichen, dass es gerade für Arthrosen im Endstadium derzeit keinen adäquaten Ersatz zur Prothese gibt. Zudem sind sowohl die Technik wie die Operationsweisen gut erforscht, sodass man selbst bei komplizierteren Eingriffen (etwa Hüftgelenk) absolut von Routine-OPs sprechen kann.

Fazit

Wir werden immer älter und schwerer. Dadurch steigen die Zahlen an Arthrose-Patienten beinahe jährlich. Leider ist es nach wie vor praktisch unmöglich, den Knorpelabbau rückgängig zu machen, obwohl intensiv daran geforscht wird. Aber: Schon durch eine Veränderung der Lebensweise kann gerade im Anfangsstadium eine Arthrose fast zum Stillstand gebracht werden. Erst recht, wenn man noch jung ist

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