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Frühkapitalismus: Die Entstehung eines neuen Wirtschaftssystems

Was ist Kapitalismus?

Als »Kapitalismus« wird die Epoche der Wirtschafts- und Sozialgeschichte bezeichnet, die den Feudalismus ablöste. Gewerbliche und industrielle Produktion überflügelte die landwirtschaftliche, der Grad der Arbeitsteilung nahm zu, und die Gesetze des Marktes wurden zur maßgeblichen Steuerungsinstanz des Wirtschaftsgeschehens. Die Hochphase des Kapitalismus begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als durch die Industrielle Revolution Massenproduktion in einem zuvor nicht möglichen Ausmaß verwirklicht werden konnte. Als »Frühkapitalismus« gilt die Zeit des Merkantilismus und des Handelskapitalismus etwa seit der frühen Neuzeit. Wichtige frühkapitalistische Entwicklungen hatten lange zuvor im Mittelalter eingesetzt.

Wo wurde die neue Ordnung entwickelt?

Die Wurzeln des Kapitalismus liegen in den mittelalterlichen Städten, wo die Macht der Fürsten schon früh durch Privilegien oder durch ein starkes, ökonomisch einflussreiches Bürgertum eingeschränkt war – besonders in Messestädten und in italienischen Handelsstädten, wo zahlreiche Händler und Waren aufeinander trafen und das Wirtschaftsgeschehen kaum reguliert wurde. Denn wichtige Voraussetzung für die Steuerung des Wirtschaftsgeschehens durch Angebot und Nachfrage war die weit gehende Freiheit von herrschaftlichem Einfluss.

Wie wurde Kapital zu Geld gemacht?

Das Kapital, insbesondere dessen Fähigkeit, durch Zinsen, Gewinne oder Pacht Einkommen zu erzielen, war von entscheidender Bedeutung. Das kirchliche Zinsverbot schränkte diese Möglichkeit zunächst noch ein, konnte aber auf verschiedenen Wegen umgangen werden: etwa durch Grundstückskauf mit anschließendem Rückkauf – in der Zwischenzeit kassierte der Käufer (Kreditgeber) eine Pacht. Außerdem bestand die Möglichkeit, einen jüdischen Geldverleiher aufzusuchen, für den das Zinsverbot nicht galt. Der Bedarf an Krediten wuchs besonders an Handelsknotenpunkten. Hier mussten Fremdwährungen gewechselt werden, und aus den Geldwechslern wurden Bankiers, die Kredite vergaben, Einlagen annahmen und ihren Kunden den örtlichen und überregionalen Zahlungsverkehr durch Kontobuchungen und Wechselbriefe erleichterten. Weil in der Lombardei (Oberitalien) ein besonders reger Handel herrschte, erhielten lombardische Kaufleute schließlich das Privileg, Geld gegen Zinsen zu verleihen.

Warum wurden Wechsel eingeführt?

Der bargeldlose Zahlungsverkehr ermöglichte den Händlern nicht nur Warenkäufe auf Kredit, sondern reduzierte auch die Menge Bargeld, die sie auf ihrer gefährlichen Anreise mit sich führen mussten. Bereits im 12. Jahrhundert setzte sich auf den Messen der Champagne die Bezahlung mit Wechseln statt Bargeld durch. Die beiden letzten Wochen einer Messe dienten der Begleichung der zuvor eingegangenen Verbindlichkeiten. Bereits Ende des 13. Jahrhunderts übertraf das Wechselgeschäft den Wert der gehandelten Waren deutlich – die Champagnemessen hatten sich zu Finanz- und Kapitalmärkten entwickelt.

Neben dem Kredit bot auch der im 14. Jahrhundert in Italien aufkommende Seeversicherungsvertrag die Möglichkeit, durch den Einsatz von Kapital zusätzliches Einkommen zu erzielen. Händler, die das große finanzielle Risiko des Seehandels nicht allein tragen konnten, beteiligten einen kapitalkräftigen Versicherer an ihrem Gewinn.

Gab es in der Renaissance große Unternehmen?

In Augsburg stieg die Händlerfamilie Fugger zu einem Großunternehmen von Weltgeltung auf. Ihre Beziehungen zu den Habsburgern sicherten ihnen Privilegien in Europa und Übersee. Konkurrenz erhielten die Fugger im 17. Jahrhundert in Handelsgesellschaften wie der East India Company (1600).

Die Medici, als Kaufleute und Bankiers groß geworden, kontrollierten seit 1434 die Politik ihrer Heimatstadt Florenz. Ihre Verbindungen zum Papst sicherten ihnen wichtige Privilegien. Bis zu ihrem Erlöschen im Jahr 1737 beherrschten die Medici Florenz bzw. die Toskana.

Wer waren die Fugger?

Die Kaufmannsfamilie der Fugger wurde begründet durch den Weber Johann Fugger, der sich 1367 in Augsburg niederließ und ein Handelshaus gründete, das seine Nachfolger auf den Fernhandel und Geldgeschäfte ausdehnten. Bedeutendster Fugger war Jakob (der Reiche, 1459–1525). Als Kreditgeber stand er in Verbindung zum Papst und zu den Habsburgern; das Geld der Fugger ermöglichte 1519 die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen Kaiser. Unter seinem Neffen Anton Fugger (1493–1560) expandierte das Unternehmen in die spanischen Gebiete Amerikas. Eine Finanzkrise in Spanien, dem die Fugger umfangreiche Kredite eingeräumt hatten, ließ im 16. Jahrhundert die Bedeutung des Unternehmens schwinden.

Wie stieg Cosimo de' Medici zum reichsten Mann Italiens auf?

Der am 27.9.1389 in Florenz geborene Cosimo de' Medici übernahm von seinem Vater Giovanni di Bicci (1360–1429) das Bankhaus Medici in Florenz. Nach kurzer Verbannung (1433) durch die herrschende Adelspartei fiel ihm 1434 faktisch die Macht in der Stadt zu, ohne dass er ein Amt bekleidete. Seine guten Geschäftsbeziehungen zum Papst wusste er beim Aufbau eines internationalen Filialnetzes zu nutzen, das neben dem Geldgeschäft auch im Handel und im Alaunabbau große Profite erwirtschaftete. Anders als damals üblich, leitete er die ausländischen Niederlassungen nicht als Patriarch mit bezahlten Befehlsempfängern, sondern mit relativ autonomen Teilhabern. Cosimo beschränkte sich auf Kontrolle, strategische Entscheidungen und Repräsentation. Er starb am 1.8.1464 in Florenz.

Wussten Sie, dass …

Cosimo de' Medici Florenz an seinem Reichtum teilhaben ließ? Er erweiterte die Bibliothek, förderte Künstler und bezahlte den Stadtpalast.

viele Finanzbegriffe italienischen Ursprungs sind? Vom Tisch der Geldwechsler, der banca, leitet sich etwa der Begriff Bank ab. Als Zeichen der Zahlungsunfähigkeit eines Wechslers wurde dieser Wechseltisch zerstört; der zerbrochene Tisch, banca rotta, gab dem Bankrott seinen Namen.

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