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Giuseppe Verdis Otello: Ein Drama der extremen Emotionen

Wer war Giuseppe Verdis künstlerisches Vorbild?

Giuseppe Verdis (1813–1901) Credo lässt sich in einem Schlagwort zusammenfassen – es hieß William Shakespeare, den er verehrungsvoll »Papa« nannte: »Wenn man die Wahrheit nachahmt, kann etwas recht Gutes herauskommen; aber Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. Vielleicht scheinen Ihnen diese drei Worte – das Wahre erfinden – einen Widerspruch zu enthalten; aber befragen Sie darüber den Papa. Es kann sein, dass er eine Art Falstaff [im Leben] angetroffen hat, aber schwerlich wird er so einen Erzverbrecher wie Jago angetroffen haben und nie, niemals Engel wie Cordelia, Imogen, Desdemona; und doch sind sie so wahr!« Im Sinne Shakespeares die Wahrheit erfinden, das hieß, die Möglichkeiten menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns in einer Figur paradigmatisch verdichten, das hieß, das Typische in einem Seelenspiegel entdecken, der den Blick auf den Kern der menschlichen Existenz freigibt.

Welche Shakespearestücke hatte Verdi schon vertont?

»Macbeth« war Giuseppe Verdis erster, früher Versuch mit Shakespeare, ein grandioser Geniewurf, der so sehr dem Opernklischee widersprach, dass sich seine wahre Bedeutung erst im 20. Jahrhundert erschloss. »King Lear« blieb ein unerfüllter Traum, an den Verdi ein paar Dramenentwürfe erinnerten. Je intensiver er sich mit den Dramen des Engländers auseinander setzte, desto fester wurde die Überzeugung, dass nur ein Dichter mit librettistischem Gespür, aber kein herkömmlicher Librettist in der Lage sein würde, ein Textbuch im Geiste Shakespeares zu verfassen.

Warum denn ausgerechnet »Otello«?

Verdi bekam ein verlockendes Angebot. Als ihm 1879 Arrigo Boito – Komponist und Dichter, Librettist und Publizist, Kritiker und Übersetzer in Personalunion – ein »Otello«-Textbuch zur Vertonung anbot, überzeugte ihn sofort die Qualität dieser Arbeit. Aufs Neue bestätigte sich Boitos Ruf als Shakespeare-Autorität. Verdi war zwar entschlossen, keinerlei kompositorische Verpflichtungen mehr einzugehen, umso mehr aber reizte die Herausforderung, sich ohne Terminvorgaben und ohne Festlegung auf eine Beendigung an die Arbeit machen zu können. In dieser Schaffensfreiheit reifte »Otello« heran.

Was ist neu am italienischen Musikdrama?

Musik und Wort bilden hier eine untrennbare Einheit. Giuseppe Verdi steht mit »Otello« im Zenit seiner kompositorischen Meisterschaft. In diesem Zenit wächst dem Werkverzeichnis mehr zu als nur eine neue Oper, denn »Otello« verkörpert eine neue musikalische Gattung: das italienische Musikdrama, das die schematische Einteilung in Nummern verlässt, ohne zu den Mitteln Wagners zu greifen. Nie zuvor hat Verdi seine Musik in solchem Maße am Wort orientiert. Von der Deklamation bis zur melodischen Verdichtung bietet er eine breite Palette emotionaler Ausdrucksmöglichkeiten.

Wie übersetzt Verdi die Emotionen in Musik?

Er gießt die individuellen Gefühlszustände in die passende Form. Desdemonas Musik ist nur als Kantilene denkbar, Jagos Musik hingegen wäre als solche undenkbar. Sein Credo setzt den Nihilismus in Noten. Desdemonas schicksalsergebene Liebestreue, Otellos ins Pathologische gewendete Liebesdiktatur, Jagos entfesselter, aus einem dämonischen Urtrieb des Bösen entspringender Hass – das sind ins Typische transponierte Affekte und Lebensäußerungen, die in ihrer Absolutheit nur zu ertragen sind, weil sie in den Handlungsablauf eines Seelendramas gebannt und damit strukturiert sind.

Wie manifestiert sich die Entwicklung der Figuren?

Durch den sich wandelnden Ton. So wie Otello vom siegreichen Feldherrn zum willenlosen Gespenst seiner Eifersucht degeneriert, verfällt sein strahlender Ton zu ohnmächtiger Hörigkeit; und erst im Tode gewinnt seine Musik ihre Würde zurück. Denn auch die Musik zappelt im Netz der Intrigen, das Jago, der »Herr der Finsternis«, über seine Opfer wirft. Verdis »Otello« entfaltet eine derart eigenständige Kraft, dass die üblichen Hinweise auf Wagner überflüssig erscheinen. Und als autonomes Kunstwerk erweist er sich dem Original ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen.

Warum rechnete niemand mehr mit dem »Otello« von Verdi?

Weil das Lebenswerk des am 9. oder 10.10.1813 in Roncole bei Parma als Gastwirtssohn geborenen Giuseppe Verdi, der seine musikalische Ausbildung einem Mäzen verdankte, bereits vollendet schien. Das Requiem (1874) war ein würdiger sakraler Epilog nach 22 Bühnenwerken und sechs Neufassungen – mit »Aida« (1871) als letztem Glied einer Kette, deren Leuchtkraft die italienische Opernkunst ihren Glanz verdankt. Fortan regierte Verdi als padrone seines Landguts Sant' Agata. Aber nach 15 Jahren kehrte er überraschend mit dem »Otello« an die Mailänder Scala zurück. Das Werk, das von 1884 bis 1886 entstanden war, wurde am 5. Februar 1887 im Teatro alla Scala uraufgeführt. 1891 folgte mit »Falstaff« noch ein weiterer Shakespeare-Stoff. Verdi starb am 27.1.1901 in Mailand.

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