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Oskar Schlemmers Bauhaus-Treppe: Bewegung im Raum

Wie stellt Schlemmer seine Figuren dar?

Im Gegensatz zu seinem Freund und Kollegen Willi Baumeister (1889–1955) ging Schlemmer nicht den Weg des Abstrakten, sondern hielt am Prinzip der figürlichen Darstellung fest, ja stellte seine Menschen groß und dominierend ins Zentrum seiner Bilder. Dennoch wirken sie nicht realistisch, sondern wie gedrechselte, massive Figurinen, stereotype Wesen, die auf Grundformen reduziert sind. Im Streben nach Konzentration auf das Wesentliche mussten alle ihre individuellen Züge bis hin zur Haartracht konsequenterweise weichen. Schlemmer typisierte und abstrahierte: Seine Geschöpfe stehen symbolisch für das Dasein des Menschen, als Sinnbild des Lebens schlechthin.

Zu welcher Zeit entstand das Bild?

Die »Bauhaus-Treppe« von 1932 – heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen – ist das letzte großformatige Bild, das der Künstler vollenden konnte, und gleichzeitig auch sein bekanntestes. Drei Jahre zuvor hatte Schlemmer das Bauhaus verlassen und eine Professur an der Akademie der Künste in Breslau angenommen. Später wurde er von den Nationalsozialisten unehrenhaft aus dem Amt entlassen. Deutsche Kunst am Vorabend von Hitlers Machtergreifung: Was künstlerisch ambitioniert und dem Kunstverständnis der Mächtigen nicht geheuer schien, wurde diffamiert. Wie viele Künstlerkollegen musste auch Schlemmer erleben, dass seine Kunst als »entartet« disqualifiziert wurde und die künstlerische Existenz verloren ging.

Was veranlasste den Maler zu dem Gemälde?

Anlass für die Entstehung des Bildes war möglicherweise die Schließung des Dessauer Bauhauses, die kurz zuvor bekannt geworden war. Das Bauhaus zog damals für kurze Zeit nach Berlin, wo es jedoch – als »Brutstätte des Bolschewismus« beschimpft – im Jahr 1933 endgültig schließen musste.

In einem Brief vom 28. Juli 1932 schrieb Schlemmer an einen Freund: »Eine Schande, dass sich die Kulturwelt nicht erhebt und ein Veto einlegt. Aber wir sind alle anscheinend so mürbe und resigniert, dass alles geschehen kann.« Immerhin scheint Schlemmer zumindest ein künstlerisches Veto eingelegt zu haben, denn das Bild der Bauhaus-Treppe wirkt wie ein Manifest: Im Gegensatz zu anderen Gemälden handelt es sich hier sehr wahrscheinlich um eine reale Architektur, geprägt von der Bauphilosophie eines Walter Gropius, dessen streng funktionales Treppenhaus mitsamt dem Geländerlauf und den großen, unterteilten Fenstern in diesem Bild wieder auflebt.

Was ist auf dem Bild zu sehen?

Bildbestimmend sind drei übereinander gestaffelte stereotype Rückenfiguren, unterscheidbar lediglich durch die Farbe der Kleidung. Insgesamt sechs Figuren gehen die Treppe hinauf, die von dem durch die Fensterflächen einströmenden Licht hell erleuchtet ist. Nur zwei Personen – und auch diese nur angeschnitten – gehen abwärts. Eine weitere steht auf dem Treppenansatz und wendet sich frontal dem Betrachter zu. Die Figuren sind nach dem typischen Schlemmer-Schema konstruiert und strikt vereinfacht und geometrisch stilisiert. Sie tragen alle die gleiche Frisur und Kleidung, nur die Farbgebung differenziert sie.

Die Menschen machen die strenge Architektur human, sie füllen den Raum fast vollständig, akzentuieren ihn durch ihre aus abgerundeten Formen bestehenden Körper und durch die Farbe ihrer Kleidung. Vor allem das leuchtende Rot der mittleren Rückenfigur macht diese zur zentralen Bildgestalt.

Gegenspieler ist der Innenraum: Die perspektivisch sich nach oben verjüngende Treppe mit dem strengen Rhythmus ihrer Stufen sowie die Treppenmauer mit ihrem kühnen Winkel und dem Schatten der Fenster – all diese Elemente sind in kühles Blau getaucht und verleihen dem Bild seine aufstrebende Gesamtwirkung; die treppauf steigenden Figuren werden gleichsam zum Hinaufgehen gezwungen.

Wer sind die Figuren?

Aufgrund ihrer Körperhaltung und Körperspannung handelt es sich um junge Leute, wahrscheinlich um Bauhaus-Studenten, die über die Treppe zu ihren Klassen oder in die Vorlesungssäle eilen. Mit dem Anschneiden der Figuren betont der Künstler das Ausschnitthafte der dargestellten Situation. Vor dem Hintergrund der rauen tyrannischen Gegenwart, die sich auch gegen die moderne Kunst richtet, transformiert Schlemmer die Szene ins Allgemeingültige: Die »Bauhaus-Treppe« wird verklärt zum Symbol der aufstrebenden Jugend, die einem hellen Ziel zustrebt.

Wo erhielt der Bauhaus-Lehrer selbst seine Ausbildung?

Geboren 1888 in Stuttgart, studierte Schlemmer zunächst an der dortigen Kunstgewerbeschule, bevor er an die Akademie der Bildenden Künste kam. 1914 arbeitete er für den Werkbund, wo der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, auf ihn aufmerksam wurde.

Als er 1920 als Lehrer ans Bauhaus nach Weimar berufen wurde, übernahm Oskar Schlemmer die Leitung der Bildhauerklasse und ab 1923 auch die der Bauhaus-Bühne. Es war vor allem die Bühnenerfahrung, die sein bildnerisches Werk prägen sollte. Denn Schlemmer, heute vor allem als Maler und Grafiker bekannt, arbeitete auch als Tänzer und Choreograf und entwickelte neue Tanzformen, Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Oskar Schlemmer nach und nach seine Lebensgrundlage. Er starb 1843 und wurde auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch begraben.

Wussten Sie, dass …

der Vater des Künstlers der Komödiendichter Carl Leopold Schlemmer war?

der Maler freiwillig am Ersten Weltkrieg teilnahm?

Schlemmer die Ausstattung zu Bühnenwerken Kokoschkas, Hindemiths, Strawinskys und Schönbergs übernahm?

der Maler in der Ausstellung »Entartete Kunst« mit fünf Gemälden vertreten war?

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