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Tibet: Die farbigste Spielart des Buddhismus

Welche Ausprägung hat der Buddhismus in Tibet?

Tibet ist das klassische Land des Vajrayana oder »Diamantfahrzeugs« – einer späteren Entwicklungsstufe des Buddhismus. In ihr finden wir eine Synthese unterschiedlicher Elemente der buddhistischen Lehre, wie sie – teilweise in demselben Kloster – bis zur Vertreibung des Buddhismus in Indien im 12. Jahrhundert nebeneinander existierten. Im Vajrayana verschmolzen die Mönchsregeln des Hinayana mit den Heilswegen des Mahayana und den magischen Praktiken des Tantra. Wegen der zentralen Bedeutung tantrischer, esoterischer Lehren zur Verkürzung des Heilsweges spricht man auch vom »tantrischen Buddhismus«. Diese Variante ist wegen ihrer Vielzahl an Lehren und Zeremonien und ihrer ausufernden Ikonografie die farbigste Spielart des Buddhismus.

Wie verlief der erste Anlauf zur Missionierung?

Die »Frühe Verbreitung« endete um 850; auf sie berufen sich die Nyingmapa, die noch in geringem Maße klösterlich organisierten »Schulen der Alten«. Die Grundlagen für die Mission schuf König Trisong Detsen im Bemühen, sich gegen den dem alten Bön-Glauben anhängenden Adel und die chinesischen und zentralasiatischen Missionare durchzusetzen. Er holte den indischen Tantriker Padmasambhava ins Land, der durch Dämonenbannungen den beharrlichen Widerstand der Tibeter überwand und die vorbuddhistischen, bisweilen Furcht erregend anmutenden Gottheiten und Geister als »Beschützer der Lehre« in den Buddhismus integrierte. Der Buddhismus indischer Prägung auf der Grundlage des Bodhisattva-Weges wurde im Jahr 775 mit Gründung des ersten Klosters Samye zur Staatsreligion. Das chinesische Chan, mit seiner Lehre vom spontanen Gewahrwerden der Buddha-Natur, konnte sich in Tibet nicht durchsetzen. Um das Jahr 850 fiel nach der Ermordung des den Buddhisten feindlich gesonnenen Königs Langdarma das Reich auseinander. Der verfemte Glaube lebte in Osttibet weiter.

Wie wurde Tibet endgültig buddhistisch?

Um das Jahr 1050 kam auf Initiative bekehrter westtibetischer Herrscher die zweite Mission in Schwung: Der ostindische Mönchsgelehrte Atisha wurde nach Tibet eingeladen. Im Lauf des 11. Jahrhunderts entstanden zwei der Hauptorden Tibets, die Kagyüpa und die Sakyapa. Nach 300 Jahren intensiver Übersetzertätigkeit aus dem Sanskrit hatte sich der tibetische Kanon der heiligen Texte, Kangyur, konstituiert. Er wurde 1410 in Peking gedruckt. In dieser Zeit bildete sich die besondere Stellung religiöser Meister, der so genannten Lamas, im tibetischen Buddhismus heraus. Auf ihr beruht die im Westen geprägte Bezeichnung »Lamaismus«. Diese Meister übertrugen die verschiedenen Lehr- und Ritualtraditionen auf ihre Schüler.

Der letzte der vier Hauptorden, die Gelugpa oder Gelbmützen, und die großen Staatsklöster Drepung, Sera und Ganden im Umkreis von Lhasa, gehen auf den Reformator der Kloster- und Mönchsdisziplin Tsongkhapa (1357–1419) zurück.

Warum sind weltliche und geistliche Macht miteinander verschmolzen?

Diese Tradition wurzelt in der Mongolenzeit des 13. Jahrhunderts: Der Abt der damals führenden Sakyapa bekam von Kublai Khan zunächst die weltliche Macht übertragen und wurde dann im Zuge der Mission unter den Mongolen auch höchste geistliche Autorität. Im 16. Jahrhundert gingen die weltlichen und spirituellen Führer, die »Dalai Lamas«, aus der Gelugpa-Tradition hervor: Das 3. Oberhaupt des Ordens erhielt den Titel »Lehrer, dessen Weisheit so groß wie der Ozean ist« (Dalai Lama) vom Mongolenfürst Altan Khan verliehen. Dieser Titel ging dann auf seine Nachfolger über. Die Vormachtstellung des Ordens der Gelbmützen über Tibet und die bis zum Einmarsch der Chinesen im Jahr 1959 gültige Staatsform begründete der 5. Dalai Lama. Sichtbares Zeichen ihrer Macht war der Ausbau des Potala, ihrer Residenz in Lhasa.

Welche Besonderheiten weist der Lamaismus auf?

Eine Sonderentwicklung ist die seit dem 12. Jahrhundert bestehende Vorstellung von der Wiedergeburtsreihe herausragender Persönlichkeiten einzelner Lehrrichtungen. Ist ein bedeutender Meister gestorben, so deuten Orakel darauf hin, wo nach seiner Wiedergeburt zu suchen ist. Eine besondere Betonung findet im tibetischen Buddhismus auch die tantrische Polaritätslehre von der Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips zum uranfänglichen Zustand der »Nicht-Dualität«, des Absoluten, dargestellt als die geschlechtliche Vereinigung männlicher und weiblicher Gottheiten. In der tantrischen Meditation vereinigt und identifiziert sich der Meditierende mit den so genannten transzendenten Buddhas, Bodhisattvas und Schutzgottheiten. Bei diesen Visualisierungen helfen farbenprächtige und handgemalte Darstellungen auf Rollbildern, die so genannten Tankas.

Wussten Sie, dass …

der großteils aus dem 17. Jahrhundert stammende Potala-Palast im tibetischen Lhasa bis zur chinesischen Invasion 1959 auch der Sitz des gegenwärtigen 14. Dalai Lama war, der heute im Exil lebt?

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