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Tintorettos Kreuzigung: Spiritualität in grandiosen Dimensionen

Welche Fähigkeiten machten Tintoretto zum »gewaltigsten Geist« der Malerei?

Tintoretto, einem Hauptmeister des europäischen Manierismus mit großem Einfluss auf die Barockmalerei, gelang es, das Spirituelle, Geisterhafte, Jenseitige – also das eigentlich nicht Darstellbare – auf die Leinwand zu bringen. Der Kunsthistoriker Giorgio Vasari notierte bereits 1568, Tintoretto sei liebenswürdig in all seinem Tun, nur in der Malerei sei er wunderlich, bizarr, flink und kühn und der gewaltigste Geist, den die Malerei je besessen habe. Kaum einer verstand es wie Tintoretto, komplizierte Körperhaltungen und -bewegungen stimmig darzustellen. Atemberaubend sind seine Kompositionen und Bilderfindungen, gewöhnungsbedürftig sein oft gespenstisch wirkendes Kolorit, schier unglaublich ist der Umfang seiner Produktion meist großformatiger Ölgemälde auf Leinwand.

Wie kam Tintoretto zu dem Auftrag für die »Kreuzigung«?

Die Scuola di San Rocco, eine der von Bruderschaften getragenen sozialen Einrichtungen Venedigs, wollte einen Neubau künstlerisch ausgestalten lassen und dafür einen Wettbewerb ausschreiben. Tintoretto kam dem Wettbewerb zuvor, indem er in nur drei Wochen heimlich die Apotheose des heiligen Rochus (Rocco) malte und in der Scuola anbringen ließ. Er wollte kein Geld dafür, nur den Auftrag für weitere Bilder. Ein solches Angebot konnte man nicht ablehnen. Tintoretto wurde direkt beauftragt und in die Bruderschaft aufgenommen. Für die Sala dell'Albergo, die einstige Herberge der Bruderschaft, malte Tintoretto zwischen 1564 und 1567 einen Passionszyklus, dessen Hauptwerk die 60 Quadratmeter große »Kreuzigung« ist.

Wie ist das Bild aufgebaut?

Mittelpunkt des Gemäldes ist die Figur des gekreuzigten Christus, eine gemarterte, aber körperlich makellose Erscheinung – wir sehen einen von Lichterglanz umgebenen Heiland, der über dem Geschehen und damit förmlich über den Dingen schwebt. Ein Schwamm mit Essig wird ihm gereicht, während seine Mutter am Fuß des Kreuzes zusammenbricht und von den wenigen Getreuen Christi umsorgt wird. Ein Alter beugt sich vor, als wolle er seine Anteilnahme durch einen Handkuss bezeugen.

Die Hinrichtung der beiden Schächer, die links und rechts von Jesus gekreuzigt werden, schildert Tintoretto in den unterschiedlichen Stadien: Zunächst werden Löcher für die Kreuze ausgehoben, dann die Verurteilten, die am Boden liegen, an Holzbalken gefesselt und diese schließlich aufgerichtet. Die Durchführung der grausamen Handlungen erfolgt mit einer Routine und handwerklichen Perfektion, die den Betrachter schaudern lassen.

Für wie viele Auftraggeber war Tintoretto tätig?

Für einen: Zwischen 1565 und 1587 fertigte er rund 30 Gemälde für die Scuola di San Rocco. 1577 verpflichtete er sich vertraglich, den Rest seines Lebens dieser Arbeit zu widmen. Auch wollte er jedes Jahr zum Festtag des heiligen Rochus »drei große, fertig installierte Bilder« schenken. Tintoretto war nicht nur ein ausgezeichneter Maler, sondern auch ein gewiefter Geschäftsmann, wie seine finanziellen Verhandlungen zeigen. So schrieb er der Scuola di San Rocco: »Was die Bezahlung der Decke des Kapitelsaals angeht, bescheide ich mich mit den zweihundert Dukaten … Jenen Preisaufschlag, zu dem es bei gewissenhafter Schätzung und Beurteilung meines Werkes … käme, schenke ich der Scuola, allerdings unter der Bedingung, dass mir in Anerkennung meiner Mühen und der oben genannten Werke, die ich auf Lebenszeit zu machen habe, jedes Jahr am Rochustag ... eine Pension von einhundert Dukaten ausgezahlt wird.« Die Rochus-Bruderschaft willigte ein.

Die venezianische Scuola

Die so genannten Schulen Venedigs waren keine Bildungsanstalten, sondern von Bürgern getragene Einrichtungen, die wichtige soziale Aufgaben wie Waisen- und Witwenfürsorge übernahmen oder auch Herbergen und Hospitäler unterhielten. Ihre Ursprünge lagen in den religiösen Laienbruderschaften des Mittelalters, in denen sich Angehörige eines bestimmten Berufs oder einer ethnischen Gruppe zusammenfanden. So gab es beispielsweise auch die Scuola Grande Tedesca der in Venedig lebenden Deutschen. Ab 1539 mussten in Venedig alle Handwerker und Arbeiter einer solchen »Scuola« angehören.

Zu den bedeutendsten gehörte die Scuola Grande di San Rocco, die heute noch existiert. Der heilige Rochus hatte als Patron der Pestkranken einen hohen Stellenwert in der Hafen- und Fernhandelsstadt Venedig, die öfter als andere Städte von der Seuche heimgesucht wurde. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ließ sich die wohlhabende Rochus-Bruderschaft einen neuen monumentalen Bau errichten. Entsprechend repräsentativ sollte die künstlerische Ausgestaltung ausfallen. So wurde 1564 ein Wettbewerb ausgeschrieben.

Doch das Geschehen zieht auch unzählige Schaulustige an, biblische und zeitgenössische Gestalten, die der Kreuzigung mit Betroffenheit oder Neugier beiwohnen. Im Hintergrund erscheinen skizzenhaft zwei Orientalen. Ihre schemenhafte Erscheinung ist typisch für eine Malweise, die Tintoretto begründete und die einer seiner besten Schüler, El Greco, übernehmen sollte.

Wie kam Jacopo Robusti zu dem Namen »Tintoretto«?

Der in der Kunstgeschichte als Tintoretto bekannte Maler hieß eigentlich Jacopo Robusti. Da sein Vater Seidenfärber war, wurde er in der Nachbarschaft alsbald Tintoretto – das Färberlein – gerufen. Niemand konnte ahnen, dass dieser Spitzname einmal in jedem Buch über italienische Malerei stehen würde.

Geboren wurde Tintoretto am 29.9.1518 in Venedig, dort starb er auch am 31.5.1594, und bis auf eine mutmaßliche Reise nach Rom (1547/48) kam er wohl nie aus seiner Heimatstadt heraus.

Über Tintorettos Lehrzeit ist nicht viel bekannt, für kurze Zeit soll er jedoch im Atelier Tizians (1477 bis 1576), des Hauptmeisters der venezianischen Renaissance, gearbeitet haben. Mit dem »Markuswunder« schuf er 1548 ein erstes viel beachtetes Werk, bald folgten größere Staatsaufträge.

Tintorettos Werkstatt wurde nach seinem Tod von seinem Sohn Domenico weitergeführt.

Wussten Sie, dass …

Tintoretto auch in den Vorstand der Bruderschaft von San Rocco gewählt wurde?

die »Scuola«, also »Schulen« genannten Einrichtungen in Venedig soziale Aufgaben wie Waisenfürsorge oder Krankenpflege übernahmen?

es in Venedig auch eine »Scuola Grande Tedesca« hab, in der sich die in Venedig lebenden Deutschen zusammenfanden?

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