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Hitler und die Salami-Taktik (Podcast 15)

Von Hitlers Salami-Taktik, Dampfhammer-Diplomatie und fehlgeschlagenem Appeasement

Für die Demokratien ist 1938 ein Jahr der Niederlagen – auch wenn der drohende Weltkrieg noch verhindert werden kann. Die Aggressivität der autoritären Regime wird immer offensichtlicher; nur mit Mühe können die demokratischen Staaten den Frieden mit Beschwichtigungen und Zugeständnissen erhalten. Adolf Hitler, seit fünf Jahren an der Macht, feiert 1938 zwei außenpolitische Triumphe: Im März kann er Österreich dem Deutschen Reich einverleiben, und im Münchener Abkommen akzeptieren Frankreich und Großbritannien im September den Einmarsch reichsdeutscher Truppen in die sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei.
 

Autonomie für das Sudentenland
 

Seit dem sogenannten "Anschluss" Österreichs im März 1938 grenzt fast die gesamte Tschechoslowakei an das Deutsche Reich. Im Rahmen seiner territorialen Expansionspläne Richtung Osten ist es für Hitler nun von zentraler Bedeutung, die Tschechoslowakei in seine Hände zu bringen. Bereits im März 1938 steht die "Lösung" der tschechoslowakischen Frage auf der Tagesordnung. Diese ist aus der ohne Volksabstimmung durchgeführten Eingliederung von rund 3,7 Mio. Sudetendeutschen in den 1918 gegründeten tschechoslowakischen Staat entstanden. Nationalitätenkonflikte sind die Folge. Da die Prager Regierung dem Verlangen nach Selbstverwaltung nicht entspricht, steigert Hitler nach 1933 die Autonomiebemühungen der Sudetendeutschen. Am 28. März 1938 trifft er Konrad Henlein, den Führer der Sudetendeutschen Partei (SdP), und gibt ihm Weisungen für das künftige Verhalten gegenüber der Regierung in Prag. Hitler erklärt, dass „von Seiten des SdP Forderungen gestellt werden sollen, die für die tschechische Führung unannehmbar sind“. Auf Geheiß Hitlers verabschiedet die SdP am 24. April 1938 das „Karlsbader Programm“. Darin wird die Autonomie des Sudentenlandes gefordert – was das faktische Ende des tschechoslowakischen Staats bedeutete. Prag lehnt die Forderungen ab.
 

Die Maikrise
 

Am 20. Mai beruft die Prager Regierung ihre Truppen ein. Grund für die Mobilmachung sind unbestätigte Meldungen über deutsche Truppenbewegungen an der Grenze. Die deutsche Führung spricht von einer Provokation. Der tschechoslowakische Staatspräsident Eduard Benes erklärt am 21. Mai, man durchlebe nun die „ernstesten Augenblicke seit Beendigung des Krieges“. Um die Ausweitung des Konflikts zu vermeiden, intervenieren Frankreich und Großbritannien in Berlin. Mit nur sehr kurzfristigem Erfolg. Am 30. Mai formuliert Hitler seine militärischen Pläne sehr konkret in einer internen Weisung „Grün“: „Es ist mein unabänderlicher Entschluss, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen ... Ausführung muss spätestens ab 1.10.39 sichergestellt sein“.
 

Dramatische Zuspitzung der Lage
 

Nach zahlreichen Schießereien zwischen SdP-Anhängern und tschechoslowakischer Polizei versucht Großbritannien über seinen Vermittler Lord Walter Runciman auf die Entwicklungen in der Tschechoslowakei einzuwirken. London ist bereit, mit Deutschland über Grenzanpassungen in Osteuropa zu verhandeln. Am 12. September fordert Hitler das Selbstbestimmungsrecht für die Sudetendeutschen und erklärt: „Die Deutschen in der Tschechoslowakei sind weder wehrlos, noch sind sie verlassen. Das möge man zur Kenntnis nehmen.“ Am 17. September schließlich gründet der ins Deutsche Reich geflohene SdP-Vorsitzende Henlein das Sudetendeutsche Freikorps mit der Zielrichtung „ständige Beunruhigung im sudetendeutschen Grenzgebiet hervorzurufen“.
 

Fieberhafte Vermittlungsversuche
 

Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Der britische Premierminister Neville Chamberlain berät am 15. September als Vermittler mit Adolf Hitler auf dem Obersalzberg. Dabei hat Hitler eine Abtrennung des Sudentenlandes gefordert und zu erkennen gegeben, dass er vor einem Krieg nicht zurückschrecke. Nur eine Woche später akzeptiert Chamberlain auf der Godesberger Konferenz Hitlers Forderung nach Abtretung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich. Doch Hitler reicht das nicht, jetzt will er auch den Einmarsch der Wehrmacht sowie eine Volksabstimmung über die nationale Zugehörigkeit erwirken – mit dem Ultimatum 28. September. Krieg scheint unausweichlich, zumal die Tschechoslowakei am 23. September mobil gemacht hatte.
 

Das Münchner Abkommen
 

Am 29. September lädt Adolf Hitler die Regierungschefs Italiens, Frankreichs und Großbritanniens zu einer Konferenz über die die Sudetenfrage nach München ein und legt Benito Mussolini, Edouard Daladier und Neville Chamberlain die deutschen Forderungen vor. Die Tschechoslowakei ist nicht eingeladen. Nach mehreren Verhandlungsrunden unterzeichnet der deutsche Reichskanzler dann am 30. September um 0:28 das Münchner Abkommen über die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das deutsche Reich. Es folgen die Unterschriften der anderen Teilnehmer. Damit hat Hitler nach der Annexion Österreichs ein weiteres Ziel seiner Politik erreicht. Frankreich und Großbritannien gewinnen eine Atempause vor dem befürchteten Krieg.
Die Tschechoslowakei verliert an das Deutsche Reich etwa 29.000 km2 Fläche und rund 3,7 Millionen Menschen. Die deutsche Wehrmacht marschiert ab dem 1. Oktober in die Tschechoslowakei ein, die im Münchner Abkommen als Gegenstand, nicht aber als Subjekt des Völkerrechts behandelt wurde. Mit Verbitterung nimmt man in Prag die Entscheidungen auf und beugt sich, alleingelassen vom Verbündeten Frankreich, den Entscheidungen. Ferner unterzeichnen Hitler und Chamberlain im München eine Erklärung, wonach beide Völker „niemals wieder gegeneinander Krieg führen“ und fortan alle Streitfragen „nach der Methode der Konsultation“ behandeln wollen. Ein Jahr später ist diese Erklärung nur noch Makulatur. Der Zweite Weltkrieg beginnt.

Jörg Peter Urbach, wissen.de-Redaktion

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