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CO₂-Bilanz beim Hausbau: Wie viel Klimaschutz steckt wirklich im Neubau?
Seitdem müssen Neubauten noch deutlich energieeffizienter geplant werden. Das GEG ist Teil der politischen Ziele zum Klimaschutz und soll dazu beitragen, den Energieverbrauch und den CO₂-Ausstoß im Gebäudesektor zu senken. Doch wie viel Klimaschutz steckt wirklich im Neubau?
Klimaschutz ab dem ersten Spatenstich?
Beim Thema Klimaschutz im Bauwesen liegt der Fokus häufig auf dem Energieverbrauch im laufenden Betrieb. Moderne Neubauten gelten als besonders effizient, weil sie weniger Heizenergie benötigen und oft mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Doch die CO₂-Bilanz eines Hauses beginnt deutlich früher, nämlich bereits bei der Herstellung der Baustoffe und dem eigentlichen Bauprozess.
Laut Tobias Beuler von Fertighausexperte.com unterschätzen viele Bauherren, wie groß der Einfluss der Bauphase auf die Gesamtbilanz ist. Entscheidend sei nicht nur, wie viel Energie ein Haus später verbrauche, sondern auch, wie viele Emissionen bereits vor dem Einzug entstehen. Dabei spielt auch die sogenannte graue Energie eine Rolle, die noch immer nur den wenigsten ein Begriff ist. Sie umfasst alle CO₂-Emissionen, die bei der Gewinnung, Verarbeitung und dem Transport von Materialien entstehen. Erst wenn diese Faktoren mit einbezogen werden, lässt sich die Klimabilanz eines Neubaus realistisch bewerten.
Beton und Stahl treiben die CO₂-Bilanz nach oben
Ein erheblicher Teil der CO₂-Emissionen beim Hausbau entsteht bereits, bevor ein Gebäude überhaupt genutzt wird. Vor allem die Herstellung zentraler Baustoffe wie Beton und Stahl verursacht hohe Emissionen. Beim Beton ist insbesondere der enthaltene Zement problematisch. Laut Umweltbundesamt entstehen bei der Herstellung von Zement rund 600 bis 800 kg CO₂ pro Tonne.
Auch weltweit zählt die Zementproduktion nach Angaben der International Energy Agency (IEA) zu den größten Emissionsquellen und verursacht etwa 7 bis 8 % der globalen CO₂-Emissionen. Auch die Stahlproduktion ist mit einem hohen CO₂-Ausstoß verbunden. Laut IEA fallen bei der konventionellen Herstellung im Schnitt rund 1,8 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl an. Beton wird im Hausbau vor allem für Bodenplatten, Fundamente, Decken oder Keller eingesetzt. Stahl wird unter anderem zur Verstärkung von Beton eingesetzt sowie in Trägern und anderen tragenden Bauteilen verbaut. Beide Materialien sind aus dem Neubau kaum wegzudenken, weil sie für viele Teile der Konstruktion benötigt werden.
Wer über Klimaschutz beim Neubau spricht, muss deshalb nicht nur auf Wärmepumpe, Dämmung oder Solaranlage schauen, sondern auch auf die Materialien, aus denen das Haus überhaupt besteht.
Wie Dämmung, Wärmepumpe und Solaranlage die Bilanz verbessern
Die entscheidende Frage ist deshalb, ob die hohe Energieeffizienz moderner Neubauten die CO₂-Bilanz später wieder verbessern kann. Tatsächlich gibt es dafür mehrere Gründe. Neue Häuser verbrauchen im Alltag deutlich weniger Energie als viele ältere Gebäude. Das liegt vor allem an der besseren Dämmung, an Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen sowie an der stärkeren Nutzung erneuerbarer Energien.
Eine gute Dämmung sorgt dafür, dass im Winter weniger Wärme nach außen verloren geht und im Sommer weniger Hitze ins Haus gelangt. Dadurch sinkt der Energiebedarf für Heizung und Kühlung spürbar. Bei älteren Gebäuden hingegen entweicht die Energie oft über schlecht gedämmte Dächer und Außenwände oder undichte Fenster. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wärmepumpe, die heute in vielen Neubauten eingebaut wird. Anders als eine Öl oder Gasheizung verbrennt sie keinen fossilen Brennstoff, sondern nutzt Wärme aus der Luft oder aus dem Boden. Dadurch wird beim Heizen weniger CO₂ verursacht. Das wirkt sich positiv auf die Bilanz des Hauses im laufenden Betrieb aus. Zusätzlich spielt die Photovoltaikanlage eine wichtige Rolle. Sie erzeugt Solarstrom direkt auf dem eigenen Dach und kann einen Teil des täglichen Energiebedarfs abdecken. Wird dieser Strom etwa für die Wärmepumpe genutzt, sinkt der Bedarf an extern bezogener Energie weiter. Das verbessert die Bilanz zusätzlich.
Allerdings dauert es etwas, bis tatsächlich so etwas wie mathematische Klimaneutralität entsteht. Die beim Bau entstandenen Emissionen bleiben zunächst in der Bilanz und können nur nach und nach durch den geringeren Energieverbrauch im laufenden Betrieb ausgeglichen werden. Wie schnell das gelingt, hängt davon ab, wie sparsam das Haus tatsächlich arbeitet und welche Techniken dauerhaft genutzt und auch weiter optimiert werden.
Neubau oder Sanierung: Was ist klimafreundlicher?
Die Frage, ob ein Neubau oder die Sanierung eines bereits existierenden Gebäudes klimafreundlicher ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Beide Ansätze haben unterschiedliche Auswirkungen auf die CO₂-Bilanz und müssen immer im Einzelfall betrachtet werden. Was die CO₂-Bilanz betrifft, hat die Sanierung in vielen Fällen einen klaren Vorteil. Die Bausubstanz ist bereits vorhanden und es muss kein oder nur wenig neuer Beton oder Stahl zum Einsatz kommen. Die graue Energie hält sich also vergleichsweise in Grenzen und viele Experten sehen in der Sanierung bestehender Altbauten ein erhebliches Potenzial für langfristige Energieeinsparungen, sofern die Modernisierung gezielt und gut durchdacht angegangen wird.
Allerdings kommt es sehr auf den aktuellen Zustand des zu sanierenden Gebäudes an. Längst nicht jedes Haus lässt sich wirtschaftlich sinnvoll modernisieren. In manchen Fällen kann ein Abriss in Betracht gezogen werden, insbesondere wenn beim ursprünglichen Bau Materialien verwendet wurden, die heute als gesundheitsschädlich gelten, wie beispielsweise Asbest. Auch Faktoren wie Gebäudegröße, tatsächliche Nutzung, Dämmstandard und Heizsystem spielen eine Rolle. Die Entscheidung zwischen Sanierung und Neubau ist daher immer individuell zu treffen. Sie sollte sowohl die bestehende Substanz als auch die langfristige Nutzung und die angestrebte Energieeffizienz berücksichtigen.
Fertighäuser als Ansatz für klimafreundlicheres Bauen
Fertighäuser werden oft als alternative Möglichkeit gesehen, um die CO₂-Bilanz beim Neubau zu verbessern. Das liegt zum einen am Baumaterial. Viele Fertighäuser bestehen zu großen Teilen aus Holz, das im Gegensatz zu Beton oder Stahl während seines Wachstums als Baum CO₂ speichert. Dadurch fällt die Klimabilanz in der Bauphase rechnerisch oft günstiger aus. Hinzu kommt, dass viele Teile bereits in einer Produktionshalle gefertigt werden und später auf der Baustelle dann praktisch nur noch zusammengesetzt werden. Das sorgt für einen präziseren Materialeinsatz und reduziert vor allem den beim Hausbau typischen Abfall auf der Baustelle. Außerdem müssen letzten Endes weniger einzelne Materialien zur Baustelle geliefert werden und das Haus kann schneller aufgebaut und auch bezogen werden. Natürlich ist auch diese Bauweise nicht pauschal und immer klimafreundlich. Es kommt auch hier darauf an, welche Materialien konkret verwendet werden, wie groß das Gebäude ist und ob später mit Wärmepumpe, Photovoltaikanlage und guter Dämmung gearbeitet wird.