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Renaissance und Frühe Neuzeit – Entstehung des modernen Europas

Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert veränderte sich das politische Gesicht Europas grundlegend: Die unmittelbar mit dem Machtbereich von Papst und Kaiser verbundene, auf universalen Herrschaftsanspruch ausgerichtete mittelalterliche Ordnung zerbrach. Autonome, sich selbst bestimmende Staaten entstanden. Vielfach handelte es sich um so genannte Nationalstaaten, in denen ein Volk mit gemeinsamer Sprache und Kultur und ein Staatsverband eine Einheit bildeten.

Im Innern der Staaten vollzog sich ein Wandel vom Lehns- zum Beamtenstaat. Der feudalistische Staat mit seinem ständischen Aufbau und dem gegenseitigen Treueverhältnis von Lehnsherr (Feudalherr) und Lehnsträger (Vasall) wurde abgelöst durch ein Staatsgebilde mit einer Zentralgewalt, in dem ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Volk als Steuerzahler und dem Regenten und seinen (absetzbaren) Beamten bestand. In Frankreich und Spanien etwa konzentrierte sich diese Zentralgewalt im Wesentlichen auf den König, in England hingegen beruhte sie auf der engen Zusammenarbeit von König und Parlament.

Während der Zeitenwende vom Mittelalter zur Neuzeit gewann das Bürgertum an Selbstbewusstsein, freie Argumentation und Kritik verdrängten immer mehr blinde Autoritätsgläubigkeit: Damit wurde die Basis für große geistige Bewegungen wie Humanismus, Renaissance und Reformation geschaffen.

Einen Rückschritt stellte der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) dar, der nicht nur unzähligen Soldaten das Leben kostete, sondern auch unvorstellbares Leiden für die Bevölkerung mit sich brachte.

1517 Martin Luther verfasst 95 Thesen und leitet damit die Reformation ein
1530 Karl V. wird zum Kaiser gekrönt: Das Haus Habsburg steigt zur Weltmacht auf
1555 Der Augsburger Religionsfrieden bestätigt die Existenz zweier Konfessionen im Reich
1618–1648 Dreißigjähriger Krieg
1688 »Glorious Revolution« in England
1756–1763 Der Siebenjährige Krieg beherrscht Europa
1776 Amerikanische Unabhängigkeitserklärung

Herausbildung der Nationalstaaten: Auf dem Weg in die Neuzeit

Wie veränderte sich das Gesicht Europas?

Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert zerbrach die unmittelbar mit dem Machtbereich von Papst und Kaiser verbundene, auf universalen Herrschaftsanspruch ausgerichtete mittelalterliche Ordnung. Autonome, sich selbst bestimmende Staaten entstanden. Vielfach handelte es sich um so genannte Nationalstaaten, in denen ein Volk mit gemeinsamer Sprache und Kultur und ein Staatsverband eine Einheit bildeten. Für ein Gleichgewicht im neuen Staatensystem sorgten wechselnde Koalitionen der Mächte. Die zwischenstaatlichen Beziehungen wurden erstmals diplomatischen Gesandten anvertraut.

Welche neue Staatsform entstand?

Im Innern der Staaten vollzog sich ein Wandel vom Lehns- zum Beamtenstaat. Der feudalistische Staat mit seinem ständischen Aufbau und dem gegenseitigen Treueverhältnis von Lehnsherr (Feudalherr) und Lehnsträger (Vasall) wurde abgelöst durch ein Staatsgebilde mit einer Zentralgewalt, in dem ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Volk als Steuerzahler und dem Regenten und seinen (absetzbaren) Beamten bestand.

Was geschah nach dem Tod Kaiser Friedrichs II.?

Mit dem Tod von Friedrich II. (1250) brach das staufische Kaisertum zusammen. In Deutschland etwa setzten sich nun die Fürsten als Landesherren durch. Zugleich geriet in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Papsttum in Abhängigkeit vom französischen König. Philipp IV. (der Schöne, Reg. 1285–1314) nahm den Kirchenfürsten ihre weltliche Macht, indem er die volle Steuerhoheit über die kirchlichen Güter seines Landes beanspruchte. Nach dem empörten Widerspruch von Papst Bonifaz VIII. (Papst 1294 bis 1303) ließ er diesen verhaften und nach dessen Tod durch einen Franzosen ersetzen: Klemens V. (Papst 1305–1314). Die Päpste wurden gezwungen, ab 1309 in Avignon statt in Rom zu residieren, wo sie bis 1377 blieben. Verweltlichung und Geldgeschäfte (etwa der so genannte Ablasshandel) schadeten dem Ansehen der Kurie.

Warum wurde Frankreich ein zentralistischer Staat?

Die französischen Könige herrschten im Mittelalter im Wesentlichen nur über die unmittelbare Umgebung von Paris. Das in acht große, fast selbständige Fürstentümer zerfallene Land fand jedoch durch seine kriegerischen Konflikte mit England zur inneren Einheit. Dieser Prozess erstreckte sich vom Sieg der mit den Staufern verbündeten Franzosen gegen die mit den Welfen verbündeten Engländer in der Schlacht bei Bouvines (1214) bis zur Vertreibung der Engländer vom europäischen Festland (1453). Großen Anteil an dieser Entwicklung hatten die Könige Ludwig IX. (der Heilige, Reg. 1226–1270), der die Grafschaft Toulouse erobern konnte, und Philipp IV. (der Schöne), der das Gebiet des Erzbischofs von Lyon und andere Teile Burgunds seinem Herrschaftsbereich einverleibte.

Nachdem der englische Sieg in der Schlacht von Azincourt (1415) die Selbständigkeit Frankreichs in Frage zu stellen drohte, wendete sich das Schicksal durch das Auftreten Jeanne d' Arcs. Unter ihrer Führung gelang 1429 die Befreiung des von den Engländern eingeschlossenen Orléans sowie die Krönung des schwächlichen Königs Karl VII. (Reg. bis 1461) in Reims. Am Ende der Regierung Karls VII. war Frankreich wieder französisch. Die Schaffung eines neuzeitlichen Staatswesens oblag dann König Ludwig XI. (Reg. 1461–1483) und seinen Nachfolgern.

Wie entstand das englische Parlament?

Der englische König Johann ohne Land (Reg. 1199–1216) stimmte 1215 der »Magna Charta Libertatum« (große Freiheitsurkunde) zu. Dieses Verfassungsdokument sicherte dem Adel das Recht auf Widerstand gegen ungerechte Entscheidungen des Königs zu und legte den Grundstein für die unbeschränkte Entscheidungsbefugnis des englischen Parlaments über die Staatsfinanzen. Dieses Ständeparlament wurde 1265 aus Vertretern des Feudaladels und der hohen Geistlichkeit (House of Lords) sowie des niederen Adels und des Bürgertums (House of Commons) gebildet. 1297 gestand König Eduard I. (Reg. 1272–1307) ihm eine Mitwirkung bei der Steuererhebung zu. Fortan konnte in England nur noch mit Zustimmung des Parlaments Geld für einen Krieg aufgebracht werden.

Welche weiteren Nationalstaaten bildeten sich?

Spanien erreichte die nationalstaatliche Einheit 1479 durch die zehn Jahre zuvor vollzogene Heirat von Isabella von Kastilien und León (Reg. 1474–1504) mit König Ferdinand II. von Aragón (Reg. 1479–1516). Das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl entstand aus dem Kampf gegen die muslimischen Mauren. Die Eroberung des Königreichs Granada (1492) beseitigte den Rest der arabischen Herrschaft in Spanien und vollendete die so genannte Reconquista (»Rückeroberung«), die beinahe 800 Jahre gedauert hatte.

Vergleichbare Feinde für Russland waren seit Mitte des 13. Jahrhunderts die mongolischen Reiterheere. Nachdem der Großfürst von Moskau, Iwan III. (der Große, Reg. 1462–1505), 1480 formell die tatarische Oberherrschaft beendet hatte, konnte er sich erstmals »Zar von ganz Russland« nennen. Zugleich erklärte er sich zum Haupt der orthodoxen Kirche.

In der Schweiz hatten die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 zur Verteidigung ihrer Freiheit vor allem gegen die Habsburger einen »Ewigen Bund« geschlossen und diesen mit einem Eid (Rütlischwur) besiegelt. Nachdem weitere Kantone dem Bund beigetreten waren, mussten sie mehrere österreichische Angriffe abwehren. 1474 wurde ihre Unabhängigkeit von den Habsburgern und 1499 vom Heiligen Römischen Reich anerkannt, aus dem sie 1648 ausschieden.

Wussten Sie, dass …

während der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit besonders das Bürgertum an Selbstbewusstsein gewann? Freie Argumentation und Kritik verdrängten blinde Autoritätsgläubigkeit: Die Basis für geistige Bewegungen wie Humanismus, Renaissance und Reformation wurde geschaffen.

König Johann ohne Land (John Lackland) 1215 nur deshalb der »Magna Charta« zustimmte, weil ihm nach einer Revolte seiner Barone nichts anderes übrig blieb?

der englische König Richards II. (Reg. 1377–1399), einen Versuch unternahm, die Alleinherrschaft der Krone wiederherzustellen, der aber scheiterte?

die Stadt Calais nach der Vertreibung der Engländer aus Frankreich noch bis 1558 in englischer Hand blieb?

Humanismus und Renaissance: Der Mensch rückt ins Zentrum

Was war die Renaissance?

Die geistigen Strömungen des 14. bis 16. Jahrhunderts werden gern unter dem Begriff »Wiedergeburt der klassischen Antike« zusammengefasst und entsprechend französisch als »Renaissance« bezeichnet. Einige zeitgenössische und auch Gelehrte späterer Jahrhunderte haben diese Epoche als goldenes Zeitalter verklärt und von ihren Menschen gesagt, sie seien erstmals »geistige Individuen« gewesen und hätten sich auch als solche erkannt. Diese Sichtweise unterschlägt, dass die so genannten Renaissancemenschen auch noch stark im Mittelalter verwurzelt waren.

Welche Ideen bestimmten das Denken?

Hatten die Philosophen des Mittelalters den christlichen Glauben zum Hauptgegenstand ihres Denkens gemacht, so wandten sie seit dem 14. Jahrhundert, angeregt durch die intensive Beschäftigung mit der Kultur der Antike, als Humanisten ihren Blick dem Menschen und der irdischen Welt zu. In der Philosophie Platons (428/27–348/47 v. Chr.) fanden sie das Leitbild des Leib, Seele und Geist harmonisch verbindenden Menschen, den sie zum vollkommenen Abbild Gottes umdeuteten. Humanistisches Ideal war ein Leben, in dem sich jeder Mensch frei von kirchlichen Vorgaben entfalten, universell bilden und die Herrlichkeit des Diesseits genießen konnte. Ausgehend von Oberitalien verbreitete sich das Gedankengut des Humanismus über die italienischen Stadtrepubliken und weiter bis zu den Universitäten ganz Europas.

Frühe Humanisten waren die Literaten Francesco Petrarca (1304–1374) und Giovanni Boccaccio (1313–1375). Es folgten Erasmus von Rotterdam (1466/69–1536), Enea Silvio de' Piccolomini, der spätere Papst Pius II. (1405– 1464), Philipp Melanchthon (1497–1560) und der englische Lordkanzler Thomas Morus (1477–1535). Niccolò Machiavelli (1469–1527) machte in seinem Buch »Der Fürst« (»Il principe«, 1513) ein vom humanistischen Geist erfülltes Individuum zum selbstherrlichen Machtmenschen.

An welchen Vorbildern orientierte sich die Kunst?

Das Schönheitsideal der Kirchenbaumeister war nicht länger die Gotik. Sie orientierten sich vielmehr an Grundplänen antiker Bauten mit ihrer symmetrischen Anordnung von Türen und Fenstern, Säulen und Kuppeln. So plante Filippo Brunelleschi (1377–1446) den zwischen 1420 und 1436 erbauten Dom von Florenz mit einer imposanten Zweischalenkuppel, Bramante (eigentlich Donato d'Angelo, 1444–1514) entwarf den Petersdom in Rom als Zentralbau, dem Michelangelo (eigentlich Michelangelo Buonarroti, 1475 bis 1564) die Kuppel gab. Der Baumeister Leon Battista Alberti (1404–1472) bildete seine Kirchenfassaden antiken Tempelfronten nach.

Die Bildhauerei, im Mittelalter noch Bestandteil der Baukunst, verselbständigte sich. Berühmt wurden unter anderem die beiden Florentiner Lorenzo Ghiberti (1378–1455) und Donatello (um 1386 bis 1466) sowie später vor allem Michelangelo mit Plastiken wie »David« (1501–1504), »Moses« (1507–1516) und der so genannten »Pietà Rondanini« für das eigene Grab (1548–1555).

Was bildete den Gegenstand der Malerei?

In der Malerei kamen mehrere Aspekte von Humanismus und Renaissance zusammen: das Interesse am schönen menschlichen Körper, genaue Naturbeobachtung und die Befolgung der neu entdeckten Gesetze der Perspektive. Die Fresken von Giotto di Bondone (1266 bis 1337) zeigen nach dem Bild von Zeitgenossen gemalte, seelisch bewegte Menschen, auch wenn es sich um Madonnen, Engel und Heiligengestalten handelt. Masaccio (eigentlich Tommaso di Giovanni di Simone Guidi, 1401 bis 1428) und Piero della Francesca (1415/20–1492) porträtierten menschliche Gestalten in fest umgrenzten Räumen. Sandro Botticelli (1444/45– 1510) zeigt in Gemälden wie »Triumph des Frühlings« (1476–1480) und »Geburt der Venus« (1482–1489) Grazien von zart vergeistigter Schönheit in detailreich ausgeschmückten Landschaften. Die Kunst der Hochrenaissance fand ihre Vollendung in den Werken von Michelangelo, Leonardo da Vinci (1452–1519), dessen berühmtestes Gemälde »Mona Lisa« (1503–1506) ist, und Raffael (eigentlich Raffaello Santi, 1483–1520).

Wer griff die Renaissance in Deutschland auf?

In Deutschland war der bekannteste Künstler der Renaissance Albrecht Dürer (1471–1528), der stark von der italienischen Kunst seiner Zeit beeinflusst war und sich u. a. 1494/95 zu Studienzwecken in Venedig aufhielt. Für Erasmus von Rotterdam schildert Dürer in seiner Grafik »den ganzen Menschengeist, wie er sich im Verhalten des Körpers abspiegelt, und fast auch noch die Stimme«. Der Augsburger Hans Holbein d. J. (1497/98 bis 1543) erwies sich mit diesseitigen Porträts freier Menschen als vollkommener Humanist.

Welche Fortschritte gab es in der Wissenschaft?

Leonardo da Vinci (1452–1519), ein umfassend gebildeter »homo universalis« nach humanistischem Ideal, betätigte sich nicht nur als Maler, Bildhauer und Architekt, sondern auch als Naturforscher, Ingenieur und Erfinder. Zahlreiche Erfindungen, darunter eine Tauchglocke, Maschinen zur Tuchherstellung, Pumpen und Brennspiegel sowie die Konstruktionszeichnungen für Fallschirme und Unterseeboote und hervorragende Landkarten entstanden in Leonardos Werkstatt.

Einzelne wissenschaftliche Disziplinen brachten unter anderem die Sprachforscher Erasmus von Rotterdam (kritische Ausgabe des Neuen Testaments im griechischen Urtext, 1516) und Johannes Reuchlin (1455–1522, Begründer der hebräischen Studien) sowie Paracelsus (eigentlich Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493/94–1541, Wegbereiter der neuzeitlichen Medizin auf Grundlage der Heilkräfte der Natur) voran.

Nikolaus Kopernikus (1473–1543) erkannte nach dem Studium griechischer Schriften und eigenen astronomischen Beobachtungen, dass die Sonne den Mittelpunkt des Planetensystems bildet (»kopernikanisches Weltsystem«) – eine Erkenntnis, die das mittelalterliche Weltbild von der Erde als Mittelpunkt des Universums erschütterte und ein neues wissenschaftliches Zeitalter einläutete.

Wussten Sie, dass …

Italien, das Zentrum der Renaissance, im 14. und 15. Jahrhundert durch Fremdherrschaft und tyrannische Fürsten geprägt war? Diese auf den ersten Blick für die Kunst hinderliche Situation hat mit zu ihrer Entwicklung beigetragen. Um hier Selbstvertrauen entwickeln zu können, mussten die Künstler Werke schaffen, die es qualitativ mit denen des römischen Altertums aufnehmen konnten.

die Verbreitung des Gedankenguts der Renaissance durch eine technische Neuerung maßgeblich unterstützt wurde? Johannes Gutenberg (ca. 1400 bis 1468) hatte Mitte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden.

Frühkapitalismus: Die Entstehung eines neuen Wirtschaftssystems

Was ist Kapitalismus?

Als »Kapitalismus« wird die Epoche der Wirtschafts- und Sozialgeschichte bezeichnet, die den Feudalismus ablöste. Gewerbliche und industrielle Produktion überflügelte die landwirtschaftliche, der Grad der Arbeitsteilung nahm zu, und die Gesetze des Marktes wurden zur maßgeblichen Steuerungsinstanz des Wirtschaftsgeschehens. Die Hochphase des Kapitalismus begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als durch die Industrielle Revolution Massenproduktion in einem zuvor nicht möglichen Ausmaß verwirklicht werden konnte. Als »Frühkapitalismus« gilt die Zeit des Merkantilismus und des Handelskapitalismus etwa seit der frühen Neuzeit. Wichtige frühkapitalistische Entwicklungen hatten lange zuvor im Mittelalter eingesetzt.

Wo wurde die neue Ordnung entwickelt?

Die Wurzeln des Kapitalismus liegen in den mittelalterlichen Städten, wo die Macht der Fürsten schon früh durch Privilegien oder durch ein starkes, ökonomisch einflussreiches Bürgertum eingeschränkt war – besonders in Messestädten und in italienischen Handelsstädten, wo zahlreiche Händler und Waren aufeinander trafen und das Wirtschaftsgeschehen kaum reguliert wurde. Denn wichtige Voraussetzung für die Steuerung des Wirtschaftsgeschehens durch Angebot und Nachfrage war die weit gehende Freiheit von herrschaftlichem Einfluss.

Wie wurde Kapital zu Geld gemacht?

Das Kapital, insbesondere dessen Fähigkeit, durch Zinsen, Gewinne oder Pacht Einkommen zu erzielen, war von entscheidender Bedeutung. Das kirchliche Zinsverbot schränkte diese Möglichkeit zunächst noch ein, konnte aber auf verschiedenen Wegen umgangen werden: etwa durch Grundstückskauf mit anschließendem Rückkauf – in der Zwischenzeit kassierte der Käufer (Kreditgeber) eine Pacht. Außerdem bestand die Möglichkeit, einen jüdischen Geldverleiher aufzusuchen, für den das Zinsverbot nicht galt. Der Bedarf an Krediten wuchs besonders an Handelsknotenpunkten. Hier mussten Fremdwährungen gewechselt werden, und aus den Geldwechslern wurden Bankiers, die Kredite vergaben, Einlagen annahmen und ihren Kunden den örtlichen und überregionalen Zahlungsverkehr durch Kontobuchungen und Wechselbriefe erleichterten. Weil in der Lombardei (Oberitalien) ein besonders reger Handel herrschte, erhielten lombardische Kaufleute schließlich das Privileg, Geld gegen Zinsen zu verleihen.

Warum wurden Wechsel eingeführt?

Der bargeldlose Zahlungsverkehr ermöglichte den Händlern nicht nur Warenkäufe auf Kredit, sondern reduzierte auch die Menge Bargeld, die sie auf ihrer gefährlichen Anreise mit sich führen mussten. Bereits im 12. Jahrhundert setzte sich auf den Messen der Champagne die Bezahlung mit Wechseln statt Bargeld durch. Die beiden letzten Wochen einer Messe dienten der Begleichung der zuvor eingegangenen Verbindlichkeiten. Bereits Ende des 13. Jahrhunderts übertraf das Wechselgeschäft den Wert der gehandelten Waren deutlich – die Champagnemessen hatten sich zu Finanz- und Kapitalmärkten entwickelt.

Neben dem Kredit bot auch der im 14. Jahrhundert in Italien aufkommende Seeversicherungsvertrag die Möglichkeit, durch den Einsatz von Kapital zusätzliches Einkommen zu erzielen. Händler, die das große finanzielle Risiko des Seehandels nicht allein tragen konnten, beteiligten einen kapitalkräftigen Versicherer an ihrem Gewinn.

Gab es in der Renaissance große Unternehmen?

In Augsburg stieg die Händlerfamilie Fugger zu einem Großunternehmen von Weltgeltung auf. Ihre Beziehungen zu den Habsburgern sicherten ihnen Privilegien in Europa und Übersee. Konkurrenz erhielten die Fugger im 17. Jahrhundert in Handelsgesellschaften wie der East India Company (1600).

Die Medici, als Kaufleute und Bankiers groß geworden, kontrollierten seit 1434 die Politik ihrer Heimatstadt Florenz. Ihre Verbindungen zum Papst sicherten ihnen wichtige Privilegien. Bis zu ihrem Erlöschen im Jahr 1737 beherrschten die Medici Florenz bzw. die Toskana.

Wer waren die Fugger?

Die Kaufmannsfamilie der Fugger wurde begründet durch den Weber Johann Fugger, der sich 1367 in Augsburg niederließ und ein Handelshaus gründete, das seine Nachfolger auf den Fernhandel und Geldgeschäfte ausdehnten. Bedeutendster Fugger war Jakob (der Reiche, 1459–1525). Als Kreditgeber stand er in Verbindung zum Papst und zu den Habsburgern; das Geld der Fugger ermöglichte 1519 die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen Kaiser. Unter seinem Neffen Anton Fugger (1493–1560) expandierte das Unternehmen in die spanischen Gebiete Amerikas. Eine Finanzkrise in Spanien, dem die Fugger umfangreiche Kredite eingeräumt hatten, ließ im 16. Jahrhundert die Bedeutung des Unternehmens schwinden.

Wie stieg Cosimo de' Medici zum reichsten Mann Italiens auf?

Der am 27.9.1389 in Florenz geborene Cosimo de' Medici übernahm von seinem Vater Giovanni di Bicci (1360–1429) das Bankhaus Medici in Florenz. Nach kurzer Verbannung (1433) durch die herrschende Adelspartei fiel ihm 1434 faktisch die Macht in der Stadt zu, ohne dass er ein Amt bekleidete. Seine guten Geschäftsbeziehungen zum Papst wusste er beim Aufbau eines internationalen Filialnetzes zu nutzen, das neben dem Geldgeschäft auch im Handel und im Alaunabbau große Profite erwirtschaftete. Anders als damals üblich, leitete er die ausländischen Niederlassungen nicht als Patriarch mit bezahlten Befehlsempfängern, sondern mit relativ autonomen Teilhabern. Cosimo beschränkte sich auf Kontrolle, strategische Entscheidungen und Repräsentation. Er starb am 1.8.1464 in Florenz.

Wussten Sie, dass …

Cosimo de' Medici Florenz an seinem Reichtum teilhaben ließ? Er erweiterte die Bibliothek, förderte Künstler und bezahlte den Stadtpalast.

viele Finanzbegriffe italienischen Ursprungs sind? Vom Tisch der Geldwechsler, der banca, leitet sich etwa der Begriff Bank ab. Als Zeichen der Zahlungsunfähigkeit eines Wechslers wurde dieser Wechseltisch zerstört; der zerbrochene Tisch, banca rotta, gab dem Bankrott seinen Namen.

Die Habsburger: Eine europäische Herrscherdynastie

Woher stammen die Habsburger?

Die seit dem 10. Jahrhundert bekannte Adelsfamilie der Habsburger verfügte anfangs über Besitzungen im Oberelsass und im Breisgau, darüber hinaus über die Grafschaft Klettgau. Die Habsburg wurde um 1020 von Bischof Werner von Straßburg am Zusammenfluss von Aare und Reuss errichtet. Die Habsburger erweiterten durch Erbschaften, Heirat und Familienfehden mit schwäbischen Geschlechtern ihren Besitz. Die Wahl des Grafen Rudolf von Habsburg 1273 in Frankfurt am Main zum römischen König Rudolf I. war der erste Schritt des Geschlechts zur einflussreichen Macht auf Reichsebene. Sie beendeten das seit dem Zusammenbruch des staufischen Kaisertums (1250) bestehende Interregnum, eine Schwächeperiode der Zentralgewalt in Deutschland, und stellten sich demonstrativ in die Staufernachfolge.

Wie stiegen die Habsburger im Reich auf?

Rudolf I. (reg. 1273–1291) gelang es, den mächtigsten Landesherrn im Reich, König Ottokar II. Premysl von Böhmen (reg. 1253–1278), seit 1251 auch Herzog in Österreich, mit einem ungarischen Heer 1278 auf dem Marchfeld (Niederösterreich) vernichtend zu schlagen. Die Herzogtümer Österreich und Steiermark gingen an die Habsburger und wurden Rudolfs Söhnen Albrecht I. und Rudolf II. (†1290) als Lehen gegeben. Die Habsburger stiegen vom Grafen- in den Fürstenstand auf.

Wer begründete die Herrscherdynastie?

Albrecht ließ sich 1298 nach der Absetzung von König Adolf (reg. seit 1292) durch eine Kurfürstenversammlung in Mainz zum zweiten König wählen und schlug seinen Widersacher in der Schlacht von Göllheim (bei Worms). Mit König Albrecht II. (reg. 1438/39) begann die Jahrhunderte währende Habsburger Königs- und Kaiserdynastie: Während König Maximilian I. (reg. 1493–1519) im Jahre 1508 noch mit päpstlicher Zustimmung im Dom von Trient den Titel eines Erwählten Römischen Kaisers annahm, fiel diese Zeremonie für seine Nachfolger mit der Königskrönung im Aachener Dom zusammen.

Wie sah die Reichsreform unter Maximilian I. aus?

Maximilian I. wollte das Reich durch eine neue Ordnung innerlich festigen. Ein jährlich tagender Reichstag sollte zusammen mit dem Kaiser die äußere Politik und die innere Ordnung bestimmen. Zu ersten grundlegenden Reformbeschlüssen kam es 1495 auf dem Reichstag zu Worms. Besonders wichtig war die Einrichtung eines Reichskammergerichts in Frankfurt am Main als unabhängiger oberster Gerichtshof, dem je zur Hälfte Richter und Laien angehörten. Die Errichtung einer ständischen Reichsregierung scheiterte am Veto Maximilians. Ohne dauerhaften Erfolg blieb die Einführung einer Reichskopfsteuer, da es an Beamten fehlte, um sie einzutreiben.

Wie wurde das Reich erweitert?

Das Habsburgerreich wurde durch weitere Heiraten vergrößert: Maximilian von Habsburg (der spätere König Maximilian I.) hatte 1477 Maria von Burgund geehelicht, wodurch die burgundischen Niederlande und die Freigrafschaft Burgund gewonnen wurden. Die Ehe seines Sohnes Philipp (der Schöne) von Burgund mit Johanna (der Wahnsinnigen), der Tochter von Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien, hatte zur Folge, dass Spanien nach Ferdinands Tod 1516 ebenfalls an Habsburg fiel.

In der nächsten Generation sicherte eine Doppelhochzeit unter Beteiligung zweier Geschwister des späteren Karl V. die Herrschaft über Böhmen und Ungarn ab 1526: Ferdinand heiratete Anna von Böhmen, während Maria von Österreich Ludwig II. von Ungarn das Jawort gab. Somit erlangte das Habsburgerreich unter König Karl V. (reg. 1519–1556) seine größte Ausdehnung und Bedeutung. Es erstreckte sich von der Nordsee bis nach Spanien und von den Alpen bis zu den baltischen Ländern. Hinzu kamen Kolonien in Übersee.

Welche Bedrohungen musste Karl V. abwehren?

Karl V. wurde 1519 mit finanzieller Unterstützung der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger zum römisch-deutschen König gewählt. Er verfügte über weit verstreut liegende Erblande und gebot als deutscher Kaiser (ab 1530) über eine Universalmonarchie. Seine Macht brachte ihm aber auch viele Gegner ein, die ihn in einen Krieg mit mehreren Fronten zwangen. Seine Hauptfeinde waren Frankreich, das ihn in Oberitalien sowie an den Grenzen zu Deutschland und zu Spanien angriff, und das auf Expansion bedachte Osmanische Reich unter Sultan Süleiman II. (der Prächtige, Reg. 1520–1566), das nach seinen Eroberungen von Belgrad (1521) und Ungarn (1526) im Jahr 1529 erstmals Wien bedrohte. In Deutschland aber musste Karl V. seine kaiserliche Autorität gegenüber zunehmend selbständiger werdenden Reichsständen durchsetzen sowie den Katholizismus gegen die Reformation verteidigen. Wichtigster Gegenspieler Karls V. auf internationaler Ebene blieb sein ehemaliger Konkurrent um die deutsche Königskrone, der französische König Franz I. (reg. 1515 bis 1547). Dieser erteilte einem gemeinsamen Kreuzzug zur Vertreibung der Türken aus Europa eine Absage, weil er das Osmanische Reich als notwendiges Gegengewicht zur aufstrebenden habsburgischen Macht verstand, und unterstützte zugleich militärisch die protestantischen Reichsfürsten.

Welche Bilanz zog Karl V.?

Am Ende legte Karl V. 1556 enttäuscht und resigniert die Kaiserkrone nieder und zog sich nach Spanien zurück. Hatte er zuvor im Sinne des Toleranzgedankens des Erasmus von Rotterdam für eine Versöhnung von Katholiken und Protestanten plädiert, war er nun zum prinzipienfesten Katholiken geworden: Seinem Sohn Philipp II., dem er die Herrschaft über Spanien, Neapel, Mailand, Burgund und die Niederlande anvertraute, riet er: »Reißt die Ketzerei aus, sonst schlägt sie Wurzeln und zerstört die staatliche und soziale Ordnung.«

Wussten Sie, dass …

die Habsburger-Dynastie 1438–1806 (außer 1742–1745) die römisch-deutschen Könige und Kaiser stellte?

durch die Eheschließung der Habsburger Erbtochter Maria Theresia mit Franz Stephan von Lothringen 1736 das Haus Habsburg-Lothringen, entstand, das bis 1918 Österreich-Ungarn regierte?

Europas Expansion in Übersee: Errichtung der Kolonialherrschaft

Wer trieb die Entwicklung der Seefahrt voran?

Spanien und Portugal lieferten sich einen Wettlauf auf dem Meer. Infant (Prinz) Heinrich der Seefahrer (1394–1460), Sohn König Johanns I. von Portugal, unterstützte die Erforschung Afrikas. Den Anfang machte 1415 die Eroberung von Ceuta an der marokkanischen Küste. Es folgten unter anderem die Erkundung der Azoren (1427–1431) und die Entdeckung von Kap Verde (1445). Heinrich ließ die hochseetüchtige Karavelle entwickeln und die Navigation verbessern. Nach seinem Tod finanzierte König Johann II. (Reg. 1481–1485) die Seefahrt. In dessen Auftrag umschiffte Bartolomëu Diaz (um 1450 bis 1500) 1487 die Südspitze Afrikas (Kap der Guten Hoffnung). Der Portugiese Vasco da Gama (1469–1524) fand 1498 den Seeweg nach Indien und Admiral Pedro Alvares de Cabral (um 1467/68 – um 1526) segelte 1500 als erster Portugiese nach Brasilien.

In Spanien übernahm Isabella I. von Kastilien (Reg. 1474–1504) die Finanzierung der Expeditionen. Ihren wichtigsten Kapitän fand sie in dem Genuesen Christoph Kolumbus (1451–1506).

Wie teilten Spanien und Portugal die Welt auf?

Die Ansprüche auf ihre Entdeckungen regelten Portugiesen und Spanier in Abkommen. So wurden 1479 im Vertrag von Alcacovas die Kanarischen Inseln Spanien, ganz Westafrika und die vorgelagerten Inseln Portugal zugesprochen. Der Vertrag von Tordesillas (1494) trennte den Globus entlang des 370 Meilen westlich der Kapverdischen Inseln verlaufenden Längengrades in eine spanische und eine portugiesische Einflusszone. Danach blieb die von Vasco da Gama entdeckte Route nach Indien unter der Kontrolle Portugals.

Wie wurde Amerika entdeckt?

Bei seiner ersten Fahrt im Auftrag der spanischen Krone, die Christoph Kolumbus 1492/93 auf der Suche nach der Westpassage nach Indien unternahm, entdeckte er die Insel Guanahani, eine der Bahamainseln, der er den Namen San Salvador gab, sowie Kuba und Haiti (in seinen Augen Inseln Japans). Giovanni und Sebastiano Caboto aus Genua nahmen 1498 im Auftrag der englischen Krone die nordamerikanische Ostküste zwischen Sankt-Lorenz-Strom und der Hudson-Mündung in Besitz. Im gleichen Jahr erreichte Kolumbus nahe der Orinoko-Mündung erstmals das südamerikanische Festland.

Wie erhielt die neue Welt ihren Namen?

Namenspatron war Amerigo Vespucci (1454–1512). Der Florentiner Agent der Medici-Bank in Sevilla entdeckte mit dem spanischen Konquistador Alonso de Ojeda († 1515) die Amazonas-Mündung. Die zweite Reise Vespuccis (nunmehr in portugiesischem Auftrag) diente der Erkundung der brasilianischen Küste zwischen Pernambuco und dem Río de la Plata. Er bezeichnete die Gegend als »Neue Welt«. Der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller (um 1475–um 1521) nannte den neuen Kontinent 1507 auf einer seiner Karten »America« und ehrte damit Amerigo Vespucci, den er für den Entdecker der Neuen Welt hielt.

Kolumbus' vierte und letzte Reise im Auftrag der spanischen Krone führte 1502–1504 zur mittelamerikanischen Ostküste von Honduras bis nach Panama. Erst als Fernão de Magalhães (Magellan, 1480–1521) und Juan Sebastián de Elcano (um 1476–1526) zwischen 1519 und 1522 die ganze Welt umsegelten, war bewiesen, was noch immer von einigen angezweifelt wurde: dass die Erde eine Kugel ist.

Was geschah mit den neu entdeckten Gebieten?

Auf die Entdeckung der fremden Gegenden folgte unmittelbar ihre Inbesitznahme, um sie wirtschaftlich nutzbar zu machen. Konquistador (Eroberer) Hernán Cortés (1485–1547) unterwarf ab 1519 das Reich der Azteken im heutigen Mexiko, während Francisco Pizarro (um 1478–1541) ab 1524 das Inkareich in Peru einnahm. Pedro de Mendoza (1487 bis 1537) erforschte 1536 das La-Plata-Gebiet und gründete Buenos Aires, Pedro de Valdivia (1500–1553) eroberte 1540 Chile.

Wer verdiente am Handel?

Vom lukrativen Überseehandel profitierten neben Lissabon, Sevilla und Cádiz auch London, Antwerpen und Amsterdam, während vormals führende Handelszentren wie Venedig und Genua infolge der neuen Handelsströme an Bedeutung verloren. Große europäische Handelshäuser hatten teil am Erfolg: So wandte sich das Haus der Welser aus Augsburg dem Überseehandel zu, gründete eine Sklavenhandelsgesellschaft und gewann vorübergehend die Handelsherrschaft über Venezuela. Übrigens: Wichtigste Importgüter aus Amerika waren neben dem Silber Mexikos und dem Gold Perus Nahrungsmittel wie Mais, Kakao, Tabak, Vanille, Erdnüsse, Tomaten und die dann auch in Europa heimisch gemachten Kartoffeln.

Wie wurden die Ureinwohner behandelt?

Die Spanier gingen mit größter Härte gegen die eingeborene Bevölkerung vor, die sie zu Sklaven machten oder sogar ausrotteten. Hernán Cortés nahm 1519 den sich ihm widersetzenden Aztekenherrscher Motecuzoma II. (1467–1520) gefangen, der im Folgejahr bei einem Aufstand seines Volkes ums Leben kam. Francisco Pizarro ließ den Inkafürsten Atahualpa (nach 1500–1533) hinrichten. Das Volk wurde mit Gewalt unterworfen, dem spanischen Recht unterstellt und zu hohen Steuerzahlungen gezwungen. Siedlern in den spanischen Kolonien wurden im Auftrag der spanischen Krone Ländereien zugewiesen und erlaubt, sich zu deren Bewirtschaftung der Ureinwohner zu bedienen (System der Encomiendas). Zusätzlich wurden Indianerreservate (Reduktionen) eingerichtet.

Hinter diesem Vorgehen stand die Ansicht, dass die Ureinwohner Amerikas (wie auch Afrikas) keine vernunftbegabten Menschen wie die Europäer, sondern auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe seien. Mit den Eroberern kamen auch Missionare, die den Ureinwohnern den christlichen Glauben auf brachiale Weise vermittelten. Die Götterbilder der Ureinwohner wurden als Dämonen zerstört, ihre kultischen Bauten ebenso.

Gab es Widerstand gegen die unmenschliche Behandung der Indios?

Gegen die gewaltsamen Methoden der Eroberer wehrten sich Ordensleute wie etwa der spanische Dominikanermönch Francisco de Vitoria (zwischen 1483 und 1493–1546) an der Universität Salamanca, der die Legalität der Eroberungen insgesamt in Frage stellte, und der Dominikanerpater Bartolomé de Las Casas (1474–1566), der sich in mehreren Schriften zum Anwalt der Indios machte. Letzterer setzte 1542 bei Kaiser Karl V., als Karl l. König von Spanien, »Neue Gesetze« (Leyes Nuevas) zum Schutz der indianischen Urbevölkerung durch. Darin wurden die Indios steuerlich mit den Spaniern gleichgestellt. Ihre Versklavung wurde untersagt. Das wurde zwar nicht immer umgesetzt, hatte aber zur Folge, dass nun afrikanische Sklaven nach Amerika verschleppt wurden.

Wie war der Sklavenhandel organisiert?

Die unfreiwilligen Arbeitskräfte wurden anfangs von Handelskarawanen zum Verkauf an nordafrikanische Küstenplätze geschleppt, mit Zunahme der Seeschifffahrt dann direkt in ihren Heimatländern aufgegriffen. Der Sklavenhandel wurde zu einer Domäne der Portugiesen und Spanier. Nicht selten wurde eine Entdeckungsfahrt durch organisierten Menschenraub finanziert. 1441–1448 wurden von Río de Oro und Guinea etwa 1000 bis 2000 Afrikaner abtransportiert, zwischen 1450 und 1505 sollen es 140 000 gewesen sein.

In Amerika wurden afrikanische Sklaven in erster Linie für die harte Arbeit auf den Zuckerrohr-, Mais- und Baumwollplantagen gebraucht. Es gab aber auch den Verkauf von Indianersklaven nach Europa. Dieser wurde von Spanien allerdings im Jahr 1542 gesetzlich verboten.

Welche anderen Kolonialmächte gab es?

An erster Stelle sind England, Frankreich und die Niederlande zu nennen. Sie wollten nicht hinnehmen, dass Portugiesen und Spanier die Welt quasi unter sich aufteilten. Sie gründeten im 16. und 17. Jahrhundert große Handelskompanien, die ein Gegengewicht zur spanischen und portugiesischen Macht bilden sollten. Die Niederländer schufen ein Kolonialreich in Fernost, machten das 1621 gegründete Batavia, das heutige Jakarta auf der indonesischen Insel Java, zur Drehscheibe ihres Orientgeschäfts, kontrollierten den Sklavenstützpunkt Guinea und gründeten 1624 an der Mündung des Hudson in Nordamerika Neu-Amsterdam, das später von England beherrschte New York.

England und Frankreich setzten einen Schwerpunkt in der Neuen Welt: 1587 gründete Sir Walter Raleigh (um 1554–1618) dort eine Siedlungskolonie, die er Virginia nannte. Englische Auswanderer ließen sich 1620 an der amerikanischen Ostküste nieder. Der englische Einflussbereich dehnte sich im 17. Jahrhundert weiter nach Westen aus. Samuel de Champlain (um 1565–1635) gründete im frühen 17. Jahrhundert die Siedlung Neu-Frankreich im späteren Kanada. Eine Pflanzungskolonie entstand in Louisiana, wo Zuckerrohr und Tabak angebaut wurden.

Wussten Sie, dass …

im Überseehandel neben Waren auch epidemische Krankheiten ausgetauscht wurden? Die Europäer brachten Pocken und Typhus nach Amerika – und die Syphilis wieder mit zurück.

Warum verlagerte sich der Handel?

Den Ausgangspunkt für die Verlagerung des Handels von Nord- und Ostsee sowie Mittelmeer zum Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean bildete die Monopolisierung des fast gesamten Orienthandels durch die Osmanen. Nach dem Fall Konstantinopels (1453) war den kontinentaleuropäischen Handelshäusern der freie Zugang zu Gewürzen aus Asien, aber auch zu Luxusgütern wie Elfenbein, Edelhölzern und Duftstoffen verwehrt, weil nunmehr der Landweg zu den begehrten Gütern durch osmanisches Gebiet führte. Es galt also im 15. Jahrhundert, einen Seeweg nach Indien zu finden, wo neben den bekannten Handelsprodukten auch große Goldvorkommen und andere wertvolle Rohstoffe vermutet wurden.

Wussten Sie, dass …

schon im 15. Jahrhundert der Handel mit Sklaven blühte? Die meist italienischen Sklavenhändler fanden ihre Opfer damals auf dem Balkan. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) ergab sich aber ein Engpass, man wich nach Amerika aus.

die Sklaverei damals mit einer christlich-theologischen Begründung gerechtfertigt wurde? Weil es sich bei den Gefangenen um Ungläubige und Heiden handelte, sollte die Versklavung genutzt werden, um Menschen zu Christus zu bekehren und so ihre Seelen vor göttlicher Verdammnis zu retten.

Was waren Jesuitenstaaten?

Diese kleinen »unabhängigen Republiken« wurden von der katholischen Ordensgemeinschaft der Jesuiten errichtet. Ende des 16. Jahrhunderts kamen sie ins heutige Paraguay. Im Süden, nahe des Rio Paraná, errichteten sie Ansiedlungen, in denen sie mit der Urbevölkerung nach christlichen Idealen leben wollten. Das Land in den etwa 30 so genannten Reduktionen wurde gemeinschaftlich bearbeitet, die Indios vor Übergriffen der spanischen Kolonisatoren wie vor Überfällen brasilianischer Sklavenhändler geschützt. Die Jesuiten wurden 1767 auf Druck der weißen Oberschicht des Landes verwiesen. Misswirtschaft und Ausbeutung besiegelten schnell das Ende der Reduktionen. Die UNESCO erklärte 1993 zwei der größten zum Weltkulturerbe: Jesús del Tavarangue und Trinidad del Paraná.

Wussten Sie, dass …

der Vorläufer der Seefahrer des 15. und 16. Jahrhunderts Marco Polo (1254–1324) war? Der Sohn eines venezianischen Kaufmanns reiste auf der legendären Seidenstraße bis nach Peking und gelangte auf seiner Heimreise unter anderem nach Sumatra, Vorderindien, Persien, Armenien und Trapezunt. Seine Erlebnisse schilderte er 1298 in einem Reisebericht, der Kaufleuten, Abenteurern und Missionaren als Informationsquelle über den Fernen Osten diente.

Das Zeitalter der Reformation: Glaubensstreit und Kriege

Wodurch war die Einheit der Kirche bedroht?

Die Geschichte des Christentums war stets auch eine Geschichte von Geisteskämpfen und Spaltungen. Gestritten wurde um das generelle Glaubensbekenntnis, um Sakramente wie Taufe und Eucharistie (Abendmahl), Lehrmeinungen und allgemein verbindliche Glaubenssätze. Lange konnte die römisch-katholische Kirche mit dem Papst in Rom an ihrer Spitze eine klare Führungsposition im Abendland einnehmen. Dann aber führten humanistisches Gedankengut, Individualisierung und Verinnerlichung des Glaubens, Zweifel am Geltungsanspruch des Papsttums und Kritik an der Verweltlichung der Kirche zum Ende der Glaubenseinheit.

Was ist der Kerngedanke von Luthers Theologie?

Martin Luther (1483–1546), unter dem die Erneuerung (Lateinisch: reformatio) der Kirche ihre weitreichendste Form erreichte, beschäftigte sich mit der kirchlichen Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott. Aus dem Studium der Schriften des Kirchenvaters Augustinus (354–430) und der Briefe des Apostels Paulus († um 64) gewann er die Erkenntnis, dass der Mensch allein im Glauben an die in Christus geoffenbarte Gnade Gottes gerecht werden könne. Die katholische Kirche bekräftigte dagegen noch im Konzil von Trient (1545–1563), dass es möglich sei, mit guten Werken und mithilfe der kirchlichen Sakramente etwas zum eigenen Heil beizutragen. Gott belohne gute Taten.

Zum öffentlichen Bekenntnis in Form der »95 Thesen« (1517) fühlte sich Luther aufgrund des marktschreierisch auftretenden dominikanischen Ablasspredigers Johann Tetzel (1465–1519) veranlasst, der mit Sprüchen wie »Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt« warb. Die Idee, dass man Beichte oder Bußstrafen durch Geld abgelten, also quasi sein Seelenheil erkaufen könne, widersprach Luthers Überzeugung von der Notwendigkeit eines demütigen Lebens.

Wie reagierte die Kirche?

Nach der deutschlandweiten Verbreitung und begeisterten Aufnahme der »Thesen« versuchte Papst Leo X. (Papst 1513–1521), Luther 1518 zum Widerruf zu bewegen, und strengte nach dessen Absage einen Ketzerprozess gegen ihn an. Im Folgejahr weitete Luther seinen Kampf mit der Kurie aus, indem er die biblische Begründung des päpstlichen Führungsanspruchs und die Unfehlbarkeit der Konzilien bestritt. Als einzige Richtschnur für den Glauben ließ er die Bibel gelten. Geistliche konnten für ihn generell keine Sonderstellung vor Gott beanspruchen. Für ihn galt ein »allgemeines Priestertum der Gläubigen«.

Welche Sprengkraft hatte die Lehre Luthers?

Luthers reformatorische Ideen erwiesen sich als enormer sozialer Sprengstoff. Nachdem der Papst 1521 den Bann und der Wormser Reichstag die Reichsacht über den streitbaren Reformator verhängt hatte, wodurch Luther »vogelfrei« wurde, also sämtliche Rechte einbüßte, kam es in einigen Städten zu Ausschreitungen: In Erfurt wurden zum Beispiel geistliche Stiftungen geplündert, in Wittenberg kam es zu einem »Bildersturm«, bei dem Gegner jeglichen Schmucks in der Kirche die Gotteshäuser stürmten. Luther gab seine Zuflucht auf, die er 1521/22 dank Kurfürst Friedrich III. (der Weise, Reg. 1486 bis 1525) von Sachsen auf der Wartburg (als »Junker Jörg«) gefunden hatte, und stellte durch Predigten die Ordnung wieder her.

Warum kam es zu den Bauernkriegen?

Luthers Lehre von der Gleichheit der Christen vor Gott und Schriften wie »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (1520) wurden von den Bauern als Kampfaufruf für soziale Gerechtigkeit aufgefasst. Der Aufstand begann in Schwaben und dehnte sich über das Elsass, Franken und Thüringen bis zum Harz aus. Reichsritter und Reichsstädte schlossen sich an, der Prediger Thomas Müntzer (um 1490 bis 1525) lieferte die theologische Rechtfertigung. Die Übermacht der Fürstenheere machte den Aufständen ein schnelles Ende. Luther verurteilte im Mai 1525 die Aufständischen in seiner Schrift »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern«.

Welche anderen Reformatoren gab es?

Die Reformationsbewegung blieb nicht auf Luther und auch nicht auf Deutschland beschränkt. Besonders einflussreich waren in Zürich Huldrych (Ulrich) Zwingli (1484 bis 1531), ein Schüler des Erasmus von Rotterdam, sowie in Genf Johannes Calvin (1509 bis 1564). Zwingli, seit 1518 Pfarrer in Zürich, forderte eine strikte Lebensführung nach den Geboten Gottes. Er schaffte die alte Messliturgie und den Zölibat ab und verbannte jeglichen Bilderschmuck (auch Kruzifixe) aus den Kirchen. Im Gegensatz zu Luther, mit dem er sich 1529 in Marburg auf ein gemeinsames Kirchenverständnis einigen wollte, überließ er die Gestaltung des privaten und öffentlichen Lebens, des Alltags nicht der Staatsobrigkeit.

Johannes Calvin errichtete ab 1541 in Genf eine Kirchenrepublik in Form einer straff organisierten »echten Gemeinde Gottes«, die auf vier Ämtern (Prediger, Lehrer, Älteste, Diakone) sowie strenger »Kirchenzucht« durch ein Konsistorium beruhte. In Deutschland wurden die Anhänger des Kalvinismus ab 1580 als Reformierte bezeichnet. In Holland bildete sich ab 1604 unter dem Leidener Professor Jakob Arminius (1560–1609) die kalvinistische Sonderkirche der Arminianer oder Remonstranten, die dort erst ab 1630 geduldet wurde. Seinen bekanntesten Anhänger fand er in dem Theologen und Rechtsgelehrten Hugo Grotius (1583–1645), der als Begründer des modernen Völkerrechts gilt. In England knüpften ab ca. 1570 die Puritaner (Nonkonformisten, englisch »Dissenters«) an den Kalvinismus an.

Wer waren die Täufer?

Im Zuge der Reformation entstanden auch radikale religiöse Gruppen, darunter die so genannten Täufer oder Wiedertäufer. Sie forderten statt der Kinds- die Erwachsenentaufe. Überzeugt von der eigenen prophetischen Erleuchtung, entwickelten sie endzeitliche Visionen, die sie mit Gewalt umzusetzen bereit waren. Die Täuferbewegung setzte 1525 in der Schweiz ein, wurde dort verboten und gelangte 1530 bis nach Ostfriesland und Holland. Auch in den Niederlanden verfolgt, radikalisierte sich die Gruppe und errichtete 1534 im westfälischen Münster das »Königreich Zion«. Ihre Schreckensherrschaft endete nach 16 Monaten mit der Erstürmung der Stadt.

Wie wollte Karl V. die Glaubenseinheit retten?

Kaiser Karl V. (Reg. 1519–1556) verfocht in Deutschland die kirchliche Einheit – als katholisches Land. Doch unter dem Druck der doppelten Bedrohung des Reichs durch die Osmanen und die Franzosen kam es 1526 auf dem Reichstag zu Speyer zur Außerkraftsetzung des Wormser Edikts von 1521, durch das Luther und seine Anhänger geächtet worden waren. Als die Evangelischen jedoch 1530 auf dem Reichstag von Augsburg die »Augsburger Konfession« als ihre Bekenntnisschrift vorstellten, erneuerte Karl V. das Wormser Edikt. Daraufhin schlossen sich 1531 Kursachsen, Hessen, Lüneburg und einige Grafen und Städte zum Schmalkaldischen Bund gegen die kaiserliche Politik zusammen. In der Folgezeit kam es zu einer Art Religionsfrieden in Deutschland, der 1546/47 durch den Schmalkaldischen Krieg von Karl V. gebrochen wurde.

Was legte der Augsburger Religionsfrieden fest?

Der auf dem Augsburger Reichstag 1555 von den Reichsständen geschlossene Frieden besiegelte die rechtliche Gleichstellung von Protestanten »Augsburgischen Bekenntnisses« (ohne Kalvinisten, Täufer usw.) und Katholiken, die Freiheit der Glaubenswahl für die Reichsstände (wobei Untertanen dem Bekenntnis ihres Landesherrn zu folgen hatten, »cuius regio, eius religio«) und die Glaubensfreiheit in gemischtkonfessionellen Reichsstädten. Der Beschlusskatalog wurde im Namen des Kaisers verkündet, von diesem aber nicht gebilligt – Karl V. war mit seiner Mission gescheitert.

Wie entstand die Anglikanische Kirche?

In England leitete König Heinrich VIII. (Reg. 1509–1547) 1527 die Trennung von der römisch-katholischen Kirche ein, um sich von seiner Frau Katharina von Aragón trennen und Anne Boleyn heiraten zu können. 1533 wurde die Bindung der englischen Kirche an Rom juristisch aufgehoben (»Act of Appeals«) und 1534 durch die Suprematsakte der König zum Haupt der Kirche von England (Anglikanische Kirche) erklärt. Geistliche und Beamte, die seine volle kirchliche Oberhoheit nicht anerkannten, wurden hingerichtet, darunter der Lordkanzler Thomas Morus (1478–1535). Als Gegenpole in der Anglikanischen Kirche formierten sich die Hochkirche (High Church) unter dem Erzbischof von Canterbury, William Land, und die Puritaner, nach deren Ansicht es noch zu viele katholische Elemente in der Anglikanischen Kirche gab.

War Luther der erste Reformator?

Nein, um eine Erneuerung der Kirche bemühte sich vor Martin Luther unter anderem John Wiclif (um 1320/1330–1384) in England, der dem Papst jeglichen politischen Machtanspruch bestritt, den Güterbesitz der Kirche ablehnte, die Bibel zur alleinigen Grundlage des Glaubens erklärte. In Prag fand er einen Verbündeten im Reformator Jan Hus (1370 bis 1415), der den Gleichheitsgedanken zugleich als Rechtfertigung für den Kampf der tschechischen Bevölkerung gegen die Übermacht der Deutschen in Böhmen benutzte.

Wussten Sie, dass …

der Streit um die Rechtfertigungslehre erst am Reformationstag (31.10.) 1999 in Augsburg durch die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre« von Lutherischem Weltbund und Vatikan beendet wurde? Man einigte sich darauf, dass gute Taten des Menschen keine Vorbedingung, sondern Früchte der Gnade Gottes seien.

Wie setzte Martin Luther die Reformation in Gang?

Der am 10.11.1483 in Eisleben geborene Sohn eines Bergmanns trat 1505 ins Kloster der Augustinereremiten in Erfurt ein und promovierte 1512 in Wittenberg zum Doktor der Theologie. Seine »95 Thesen« über den Ablass lösten 1517 die Reformation aus. Auf dem Reichstag zu Augsburg verweigerte er 1518 den Widerruf seiner Lehre. Luther forderte eine Kirche als Gemeinschaft von gleichgestellten und freien Gläubigen. 1521 trat Luther, nachdem der Papst den Bann über ihn verhängt hatte, auf dem Reichstag zu Worms Karl V. gegenüber. Dieser verhängte die Reichsacht über ihn. Luther fand Zuflucht auf der Wartburg, wo er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. 1525 heiratete er die Nonne Katharina von Bora. Luther starb am 18.2.1546 in Eisleben.

Wie wurde Johannes Calvin zum Begründer des Calvinismus?

Johannes Calvin, als Jean Cauvin am 10.7.1509 im französischen Noyon in der Picardie geboren, kam 1533 in Paris, wo er Rechtslehre studierte, mit den Ideen Luthers in Kontakt. Er musste aus Frankreich fliehen, weil er sich zum Protestantismus bekannte, und gelangte über Basel 1536 nach Genf, wo er eine straff organisierte Kirchenrepublik errichtete, in der Andersdenkende verfolgt wurden.

Von Luther unterschied sich Calvin wesentlich durch die so genannte Prädestinationslehre: Nach seiner Überzeugung hat Gott von Anfang an jeden zur Gnade oder zur Verdammnis vorherbestimmt. Die Kirche ist die Gemeinde der Erwählten, mit der Gott einen Bund schließt, um sein Reich im Kampf mit dem Satan zum Triumph zu führen. Calvin starb am 27.5.1564 in Genf.

Wussten Sie, dass …

in den Niederlanden, der Schweiz und Nordwestdeutschland gemäßigte Täuferbewegungen durch Menno Simons (1496–1561, Mennoniten) und durch Giesbrecht van der Kodde (Kollegianten) entstanden? An die Täuferbewegung knüpften auch die Baptisten (General bzw. Particular Baptists) in England an.

Der Dreißigjährige Krieg: Eskalation eines Glaubenskonflikts

Welche Vorgeschichte hat der Dreißigjährige Krieg?

Die ersten kriegerischen Konflikte zwischen Religionsparteien traten in den 1560er Jahren in Frankreich und den unter spanischer Herrschaft stehenden Niederlanden auf. Die auf konfessionelle Freiheit bedachten niederländischen Stände wehrten sich gegen den nur den katholischen Glauben zulassenden spanischen König Philipp II. (Reg. 1556 bis 1598). 1566 kam es in Flandern zu einem Bildersturm in katholischen Gotteshäusern, worauf Herzog Fernando von Alba 1567–1573 als Statthalter der Niederlande in die aufrührerischen Provinzen entsandt wurde. Er regierte mit harter Hand und verhängte zahlreiche Todesurteile. Die aufständischen kalvinistischen Nordprovinzen, seit 1578 durch England unterstützt, schlossen sich 1579 unter Wilhelm I. von Oranien (1533–1584) zur Utrechter Union zusammen und erklärten 1581 als Vereinigte Niederlande ihre Unabhängigkeit vom südlichen Provinzverband. Der Krieg ging weiter – vorerst bis zu dem auf zwölf Jahre befristeten Waffenstillstand im Jahre 1609.

Was versteht man unter den Hugenottenkriegen?

In Frankreich begann 1562 mit dem Blutbad von Vassy ein Bürgerkrieg, bei dem die katholische Partei unter Führung des Adelsgeschlechts der Guisen die unter Gaspard de Coligny (1519–1572) organisierten französischen Kalvinisten (Hugenotten) bekämpfte. Königinmutter Katharina von Medici (1519–1589) veranlasste 1572 die Bartholomäusnacht, bei der in Paris mehrere tausend Hugenotten, darunter ihre Führer, niedergemetzelt wurden. In der Folge verbündeten sich die nun vom jungen König Heinrich IV. von Navarra (Reg. 1572–1610) angeführten Hugenotten mit den Niederländern, während die Katholiken als Heilige Liga mit Spanien paktierten, wodurch es zu einer Verflechtung mit dem niederländischen Glaubenskrieg kam.

Was war der Auslöser des Dreißigjährigen Krieges?

Der so genannte Prager Fenstersturz: Am 23. Mai 1618 gab es eine gezielte Provokation gegen den katholischen habsburgischen Herrscher Ferdinand II. als König von Böhmen: Protestantische böhmische Adelige drangen in die Prager Burg ein und warfen zwei kaiserliche Statthalter aus dem Fenster. Die böhmischen Kalvinisten, durch den Majestätsbrief (1609) von Kaiser Rudolf II. mit voller Religionsfreiheit und ständischen Privilegien ausgestattet, hatten sich seit 1617 durch die Einsetzung des streng katholischen Erzherzogs Ferdinand (1578–1637) als König von Böhmen und ab 1618 als König von Ungarn immer stärkeren Beschränkungen und Reglementierungen ausgesetzt gesehen.

Wie kam es zum Böhmisch-Pfälzischen Krieg?

Nach dem Prager Fenstersturz bildeten die Aufständischen in Böhmen eine provisorische Regierung. Diese setzte 1619 den Katholiken Ferdinand II. ab und betraute das Oberhaupt der protestantischen Union, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (Reg. 1610–1632, 1619/20 als Friedrich I. König von Böhmen), mit der Regierung. Als daraufhin Ferdinand zum deutschen Kaiser gewählt wurde (Reg. 1619–1637) und das Heer von Herzog Maximilian I. von Bayern anforderte, wurde aus dem regionalen Konflikt ein Kampf Böhmens gegen den Kaiser und der protestantischen Union gegen die katholische Liga.

Im November 1620 kam es bei Prag mit der Schlacht am Weißen Berg zum großen Gefecht. Das böhmische Heer wurde geschlagen, Friedrich floh und wurde aufgrund seiner kurzen Herrschaft spöttisch »Winterkönig« genannt. Böhmen und ganz Westdeutschland bis an die Grenzen des Niedersächsischen Reichskreises, der Norddeutschland zwischen Weser und Elbe sowie Mecklenburg und Magdeburg umfasste, gerieten in die Hand der Liga und wurden gewaltsam rekatholisiert.

Wie wehrten sich die Protestanten?

Um dem militärischen Vordringen der katholischen Heere nach Norddeutschland entgegenzutreten, verbündete sich König Christian IV. von Dänemark (Reg. 1588–1648) 1625 mit England und den Vereinigten Niederlanden (Haager Allianz). Zwar konnte er mit seinem Heer im selben Jahr noch bis ins nördliche Westfalen vorstoßen, sah sich dann aber zwei Armeen gegenüber: dem Ligaheer unter dem bereits in der Schlacht am Weißen Berg erfolgreichen Johann Tserclaes Graf von Tilly (1559–1632) und den neu aufgestellten kaiserlichen Truppen unter dem böhmischen Adligen Albrecht von Wallenstein (1583 bis 1634). Bis Ende 1628 auf mehreren Schlachtfeldern geschlagen, ließ sich Christian IV. im Friedensvertrag von Lübeck (1629) auf einen Kompromissfrieden ein: Er behielt die Kernlande seines Reichs, musste sich im Gegenzug aber dazu verpflichten, künftig nicht mehr in den Krieg einzugreifen.

Das von Ferdinand II. im Jahr 1629 verfügte Restitutionsedikt, das die Rückgabe aller seit 1552 in protestantische Hand geratenen Kirchengüter vorsah, wendete das Blatt zu Ungunsten des Kaisers: Nun stellten sich auch katholische Fürsten gegen ihn.

Warum griffen Frankreich und Schweden ein?

Weltliche Machtinteressen veranlassten das katholische Frankreich unter König Ludwig XIII. (Reg. 1610–1643) und dessen leitendem Minister Kardinal Richelieu zu Bündnissen mit Feinden seiner katholischen Widersacher: gegen Spanien mit den Vereinigten Niederlanden, gegen den österreichischen Habsburger Ferdinand II. mit dem lutherischen Schweden. Der schwedische König Gustav II. Adolf (Reg. 1611–1632) verpflichtete sich zum Unterhalt einer Armee auf deutschem Boden gegen den Kaiser. Frankreich finanzierte das Unternehmen wesentlich. Die Zerstörung Magdeburgs durch kaiserliche Truppen im Mai 1631 bewog dann das zuvor kaisertreue Kursachsen sowie Kurbrandenburg zur Allianz mit Gustav II. Adolf.

Die verbündeten schwedischen und sächsischen Heere errangen im September 1631 vor Leipzig in der Schlacht bei Breitenfeld gegen die kaiserlichen Truppen unter Tilly den ersten großen Sieg für die Protestanten. Kriegsentscheidend wurde die Schlacht bei Lützen (1632): Der Schwedenkönig fiel und hinterließ eine machtpolitische Lücke. In den Folgejahren wütete in Deutschland mehr und mehr ein reiner Raub- und Plünderungskrieg.

Was legte der Westfälische Frieden fest?

In diesem umfassenden Dokument schloss 1648 nicht nur der Kaiser Frieden mit den Reichsständen, mit Frankreich und Schweden, der Westfälische Friede revidierte auch den Religionsfrieden und die Reichsverfassung. Vor allem verzichteten die europäischen Staaten auf die Einheit der Christenheit in Glauben und Lehre und erkannten die gegenseitige religiöse Duldung (Toleranz) an. Frankreich wurden die 1552 eingenommenen Bistümer Metz, Toul und Verdun zugesprochen, durch den Gewinn der österreichisch-habsburgischen Gebiete und Hoheitsrechte im Elsass sowie der rechtsrheinischen Stadt Breisach konnte es sich nach Osten ausdehnen. Die Weser-, Elbe- und Odermündungen wurden schwedisch. Die Schweiz und die Vereinigten Niederlande schieden endgültig aus dem Reichsverband aus.

Was schrieb die neue Reichsverfassung fest?

Allen Reichsständen wurde die volle Landeshoheit für ihre Territorien und das Mitspracherecht in allen Reichsangelegenheiten zuerkannt, weit gehende Selbständigkeit erlangten Fürstenhäuser mit größerem Landbesitz. Als gleichberechtigt wurden das katholische, das lutherische und (neu) das reformierte (kalvinistische) Bekenntnis anerkannt. Über die endgültige Aufteilung der Kirchengüter sollten die Besitzverhältnisse von 1624 entscheiden.

Übrigens: Ebenfalls 1648 beendete ein Friedensschluss den 80 Jahre währenden Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Niederlanden, in dem den Niederländern völkerrechtliche Unabhängigkeit sowie der Erhalt der Kolonien in Mittel- und Südamerika und im Indischen Ozean zugesprochen wurde. Der Pyrenäenfrieden zum Abschluss des französisch-spanischen Krieges kam erst 1659 zustande.

Wussten Sie, dass …

der Dreißigjährige Krieg nicht nur unzähligen Soldaten das Leben, kostete, sondern auch unvorstellbares Leiden für die Bevölkerung mit sich brachte? Auch Hunger und Seuchen forderten viele Opfer. Zwischen 1632 und 1640 zogen zwei größere Seuchenwellen über das Land und verbreiteten Pest, Pocken und Blattern. In manchen Orten raffte die Pest bis zur Hälfte der Einwohnerschaft dahin.

Welche Rolle spielte Gustav II. Adolf im Dreißigjährigen Krieg?

Der am 19.12.1594 in Stockholm geborene schwedische König Gustav II. Adolf führte als Streiter der Protestanten zunächst siegreiche Kriege gegen Dänemark (1612/13), Russland (1614–1617) und Polen (1621–1629). 1630 trat er in den Dreißigjährigen Krieg ein, um eine Ausbreitung der kaiserlich-katholischen Macht an der Ostsee zu verhindern. 1631 schloss er mit dem französischen König Ludwig XIII. einen Allianzvertrag gegen Habsburg und errang in der Schlacht bei Breitenfeld/Leipzig den ersten Sieg der Protestanten. Auf seinem Feldzug nach Süddeutschland besiegte er 1632 in Rain am Lech das Heer der katholischen Liga, dessen Anführer, Graf Johann Tserclaes von Tilly, tödlich verwundet wurde. Er selbst fand am 16.11.1632 auf dem Schlachtfeld bei Lützen den Tod.

Wussten Sie, dass …

Richelieu, der Kunst und Wissenschaft eine besondere Bedeutung für das Prestige des Staates beimaß, 1635 die Académie française gründete?

der erste große Roman der deutschen Literatur im Dreißigjährigen Krieg spielt? Im »Abenteuerlichen Simplicissimus« schildert der Autor Grimmelshausen eindrucksvoll die Wirren und Schrecken des Krieges.

Welche Politik betrieb Richelieu?

Der am 9.9.1585 in Paris geborene Armand Jean du Plessis, Herzog von Richelieu, begann seinen politischen Aufstieg 1616, als ihn Maria de Medici als Staatssekretär für Kriegswesen und Außenpolitik in den Königlichen Rat berief. 1622 zum Kardinal ernannt, wurde er 1624 Erster Minister von König Ludwig XIII. Seine Hauptaufgaben sah er in der Festigung der königlichen Autorität im Innern und in der Sicherung der französischen Vorherrschaft in Europa. Dazu vereitelte er 1629 die Selbständigkeitsbestrebungen der französischen Protestanten (Hugenotten) und fädelte als Anti-Habsburger Bündnisse mit den protestantischen Vereinigten Niederlanden und mit Schweden ein. 1635 erklärte er Spanien den Krieg. Richelieu starb am 4.12.1642 in Paris.

Frankreich im Zeitalter des Absolutismus: Alle Macht dem König

Wie konnte Frankreich seine Position stärken?

Vor allem Frankreich profitierte davon, dass die Habsburger im Dreißigjährigen Krieg mit ihrem Bemühen um die europäische Gesamtherrschaft gescheitert waren. Der mit Spanien geschlossene Pyrenäenfrieden (1659) brachte weitere Territorial- und Machtgewinne. Nach dem Tod von Ludwig XIII. (1643) übernahm erst dessen Frau Anna (1601–1666), dann aber zunehmend ihr Leitender Minister Kardinal Jules Mazarin (1602–1661) die Regentschaft für den noch unmündigen König Ludwig XIV. (geboren 1638, König seit 1643). Mazarin gelang es, den 1648–1653 gegen die Einschränkung seiner Vorrechte rebellierenden Hochadel (Fronde) zu überwinden und so die uneingeschränkte (absolute) Macht für das Königshaus zu sichern.

Wie regierte Ludwig XIV.?

Ludwig XIV. (persönliche Reg. 1661 bis 1715) war getreu seinem Motto »L'État c'est moi« (»Der Staat bin ich«) der Mittelpunkt des Staates, ein »Sonnenkönig«, um den sich alles zu drehen hatte. Von seinen Untertanen verlangte er unbedingten Gehorsam, dem Adel nahm er jeglichen politischen Einfluss und band ihn als Hofstaat an sich. Nur Gott verantwortlich und an die Gesetze gebunden, entschied er über Politik und Wirtschaft, aber auch über Künste, Wissenschaften und Kirche. Sein Generalkontrolleur der Finanzen, Jean-Baptiste Colbert (1619 bis 1683), schuf eine zentral gelenkte Wirtschaft, deren oberstes Ziel es war, möglichst alle Güter im eigenen Land herzustellen und mehr Waren aus- als einzuführen (Merkantilismus). Der Stärkung der zentralen Staatsmacht diente auch die Verfolgung der Hugenotten: 1685 wurde den Protestanten mit der Aufhebung des Edikts von Nantes (1598) die Religionsausübung untersagt.

Welche Außenpolitik betrieb der Sonnenkönig?

Wichtigstes Machtmittel Ludwigs XIV. nach außen wurde das zur bestorganisierten und zahlenstärksten Armee Europas ausgebaute stehende Heer. Knapp 20 Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges begann der er seinen ersten von insgesamt drei Angriffskriegen, mit denen er die Vormachtstellung in Europa zu gewinnen suchte. Begründet wurden die meisten dieser Militäraktionen mit angeblichen Erbansprüchen nach dem so genannten Devolutionsrecht. Beim Devolutionskrieg (1667/68) strebte Ludwig XIV. die Eroberung der Spanischen Niederlande an, musste sich aber mit niederländischen Grenzfestungen begnügen. Nach dem Niederländischen Krieg (1672–1678) wurden ihm weitere Teile Westflanderns und die Franche-Comté zugesprochen. Die folgende Annexion von Städten und Dörfern an der Rheingrenze, im Elsass und in Lothringen wurden als »Wiedervereinigungen« (Réunionen) ehemals französischer Gebiete mit dem Mutterland begründet. Rechtlich unhaltbare Erbansprüche auf die Pfalz über Elisabeth Charlotte (Liselotte von der Pfalz), eine Schwägerin Ludwigs XIV., führten zum Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697).

Wer stoppte den französischen Expansionsdrang?

Ein Staatenbündnis aus den Vereinigten Niederlanden, England, Österreich, Spanien, Schweden und Savoyen unter Beteiligung deutscher Reichsfürsten stellte sich Ludwig XIV. entgegen: Frankreich büßte alle Réunionen außerhalb des Elsass' sowie die rechtsrheinischen Städte ein und gab seine pfälzischen Erbansprüche auf. Der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1713/14) stellte dann endgültig das Gleichgewicht der Mächte in Europa wieder her: Zwar bestätigte der Friede von Utrecht (1713) das Recht des Herzogs von Anjou, einem Enkel Ludwigs XIV., als Philipp V. auf den spanischen Thron, doch wurde die Vereinigung von Spanien und Frankreich untersagt, und Österreich konnte durch den Zugewinn der Spanischen Niederlande und spanischer Besitzungen in Italien einen starken Gegenpol zu Frankreich bilden.

Welches Erbe musste Ludwig XV. antreten?

König Ludwig XV. (Reg. 1715–1774, bis 1723 unter Vormundschaft des Herzogs Philipp II. von Orléans), ein Urenkel Ludwigs XIV., übernahm ein nach außen hin geschwächtes und vor dem Staatsbankrott stehendes Land. Die Krise des Absolutismus konnte er nicht abwenden. Im Polnischen Thronfolgekrieg (1733–1735) gewann er das von Ludwig XIV. besetzte Lothringen zurück, dagegen gelang es ihm im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) nicht, das Thronfolgerecht von Erzherzogin Maria Theresia (Reg. 1740–1780) als Erbtochter des letzten österreichischen Habsburgers, Kaiser Karls VI., zu vereiteln. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) büßte der König gegen die Briten den Großteil der französischen Kolonien (Indien, Nordamerika) ein.

Welche philosophischen Gegenströmungen gab es?

Die Denker des frühen 18. Jahrhunderts stellten sich gegen den Absolutismus und befürworteten wie etwa Montesquieu die Begrenzung staatlicher Gewalt als Voraussetzung für politische Freiheit. Rousseau ging sogar weiter und formulierte in seiner »Idee des Gesellschaftsvertrags« als Grundlage eines Staatswesens ein Demokratiemodell auf Basis einer naturrechtlichen Volkssouveränität. Allen gemeinsam war diesen Aufklärern die Betonung des auf der Vernunft aufbauenden rationalen Denkens.

Wussten Sie, dass …?

die Hofhaltung Ludwig XIV. auch deshalb so kostspielig war, weil der »Sonnenkönig« neben den beiden Architekten des Repräsentationsschlosses von Versailles, Louis Le Vau (1612–1670) und Jules Hardouin Mansart (1646–1708), auch noch Dramatiker wie Molière (1622–1673) und Komponisten wie Jean-Baptiste Lully (1632–1687) beschäftigte?

Wer waren die großen französischen Denker der Zeit?

Jean Bodin (1530 bis 1596)

René Descartes (1596 bis 1650)

Charles de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (1689 bis 1755)

Voltaire, eigentlich François-Marie Arouet (1694–1778)

Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)

Denis Diderot (1713 bis 1784)

Absolutismus: Idee, Anspruch und Wirklichkeit

Welche staatstheoretischen Ansätze gab es?

Die politische Philosophie der frühen Neuzeit ging vom Gedankenexperiment des Naturzustands aus, einem vorstaatlichen Zustand, in dem alle Menschen gleich sind, über unbeschränkte Freiheit verfügen und wesentlich vom Selbsterhaltungstrieb beherrscht werden. Um dem Egoismus des Einzelnen Einhalt zu gebieten und ihn nicht zu einer Gefahr für alle werden zu lassen, wird als neutrale, Frieden garantierende Gewalt ein Staat gegründet. Der Einzelne verzichtet auf gewisse Freiheiten, um dadurch die Freiheit aller zu garantieren. Je nachdem, wie nun das Wesen des Menschen eingeschätzt wurde, fiel auch die Konzeption des Staates aus. Die pessimistische Anthropologie geht davon aus, dass die Menschen aggressiv sind, und fordert darum einen starken, autoritären Staat, dem sich der Einzelne zu unterwerfen hat. Die optimistische Anthropologie dagegen betrachtet die Menschen eher als gesellige, untereinander schnell einig werdende Wesen, die nur ein Minimum an staatlichem Regulativ benötigen, etwa in Form eines Staates, der viele Freiheiten und Mitsprachemöglichkeiten bietet.

Wer lieferte das Fundament des Absolutismus?

Der französische Philosoph Jean Bodin (1530–1596) forderte an der Spitze des Staates einen »Souverän« mit »ausschließlicher, unteilbarer, von den Gesetzen, nicht aber vom Recht gelöster Machtvollkommenheit«. Sein Konzept der »Staatsräson« (Raison d' État) degradiert die Bürger zu Erfüllungsgehilfen des Staates. Als Theoretiker des französischen Absolutismus folgte Jacques Bénigne Bossuet (1627–1704) nach, Hofprediger Ludwigs XIV. und Erzieher des Thronfolgers, der die monarchische als älteste, natürlichste, dauerhafteste und stärkste Staatsform bezeichnete.

Ein Anhänger der pessimistischen Anthropologie in England war der Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679): Im Naturzustand herrsche ein ungezügelter Selbsterhaltungstrieb, der alles menschliche Handeln steuere, ein Kampf aller gegen alle (Homo homini lupus, »der Mensch ist des Menschen Wolf«). Zur Überwindung dieser Situation bedürfe es eines Staates mit absolutem Herrscher.

Welcher Denker trat für einen Verfassungsstaat ein?

Hobbes fand seinen Widerpart in dem Philosophen John Locke (1632–1704). Er ging von gesitteten Menschen aus und gelangte deshalb zum Ideal des humanen Verfassungsstaates. Dieser beruht auf der wechselseitigen Rücksicht aller gegen alle. Gleichheit, Freiheit und Rechte bleiben den in den Vertrag Eintretenden erhalten. Um einen einheitlichen Willen zu vertreten, ist der Staat verpflichtet, der Entscheidung der Mehrheit zu gehorchen. Zu diesem Zwecke werden gesetzgebende Gewalt (Legislative) und ausführende Gewalt (Exekutive) voneinander getrennt und erstere als höchste Gewalt im Staat über letztere gestellt. Als staatskritischer Aufklärer forderte auch der Franzose Charles de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (1689–1755) die Gewaltenteilung im Staat als Voraussetzung für politische Freiheit.

Was ist aufgeklärter Absolutismus?

Hier regiert der Monarch nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit, der Aufklärung und des Gemeinwohls. Eigentum und wirtschaftliche Freiheit der Bürger werden von ihm anerkannt. Er wurde seit den 1760er Jahren in der französischen Staatslehre statt der absoluten Monarchie zunehmend als perfekte Regierungsweise favorisiert. Le Mercier de la Rivière sprach in seinem Grundlagenwerk »Ordre naturel et essentiel des sociétés politiques« (1767) in diesem Zusammenhang vom »väterlichen und legalen Despoten«.

Wer galt als Inbegriff des Absolutismus?

Vorbild für die europäischen Monarchen war der französische König Ludwig XIV. (persönliche Reg. 1661–1715). Dieser errichtete eine im Verständnis der Zeit »perfekte Monarchie«, in der Staat und Gesellschaft auf rationale Weise vollkommen organisiert und zentralistisch auf seine Person hin ausgerichtet waren. »Ein Glaube, ein Gesetz, ein König« lautete die Devise. Das Bild eines Theaters drängt sich auf, wenn man an sein Auftreten als »Sonnenkönig« oder an den Regierungssitz Versailles als Symbol königlicher Macht denkt: ein Gesamtkunstwerk mit einer Haus- und Gartenarchitektur, die Sinnbild für den Triumph über die Natur, für die Beherrschung von Technik und Idealen, Ein- und Unterordnung des Menschen ist.

Am Ende der Regierung Ludwigs XIV. aber hatten Macht- und Prachtentfaltung sowie der Unterhalt des großen Heeres die Staatsfinanzen ruiniert. Und in Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft fehlten die Hugenotten, die in großer Zahl ins Ausland geflohen waren. Zum größten Problem wurden die Missstände im Steuersystem. So entfielen auf die Bürger und Bauern die meisten Steuerlasten, während die nach wie vor privilegierten Stände von Adel und hoher Geistlichkeit, die zu den Großverdienern zählten, von Einkommens- und Grundsteuer (Taille) befreit blieben – ein Nährboden für Aufstände und Revolten.

Welchen politischen Sonderweg beschritt England?

England entwickelte sich im 17. Jahrhundert, nicht zuletzt infolge zweier sozial und religiös motivierter Revolutionen, von einer absolutistischen zu einer parlamentarischen Monarchie. Eine Schlüsselrolle spielte dabei das Parlament, das seit dem späten 13. Jahrhundert aufgrund seines Steuerbewilligungsrechts ein Gegengewicht zum Königshaus bildete.

Der Versuch von König Karl I. (Reg. 1625–1649), ab 1629 unter Ausschaltung des Parlaments absolutistisch zu regieren, scheiterte. Als er 1637 den Schotten die anglikanische Kirche aufzwingen wollte und sich daraufhin schottische Geistliche empörten, brauchte er höhere Einkünfte, um den Aufstand bekämpfen zu können – und war auf die Zustimmung des Parlaments angewiesen. Dieses verweigerte Karl I. nicht nur das Geld, es ließ auch die beiden mit der Ausführung des Edikts betrauten Politiker hinrichten. Ferner führten die Parlamentarier regelmäßige Tagungsabschnitte (= Unabhängigkeit von Einberufungen durch den König) ein und nahmen sich das Recht, Militärbefehlshaber zu ernennen.

Warum kam es zur Puritanischen Revolution?

Der Versuch Karls I., die Macht wieder an sich zu reißen, mündete 1642 in einen Bürgerkrieg (Puritanische Revolution), bei dem die Truppen des mit den Schotten verbündeten Parlaments unter Führung des puritanischen Landedelmanns Oliver Cromwell (1599 bis 1658) die königliche Armee 1644 und 1645 besiegten. Cromwell ließ Karl I. 1649 hinrichten und begründete eine elfjährige Militärdiktatur, der sich das Parlament beugen musste. Nach seinem Tod kehrte mit der Rückberufung des Adelsgeschlechts der Stuarts durch das Parlament die Monarchie zurück. König wurde Karl II. (Reg. 1660–1685). Sein größtes Verdienst wurde 1679 die Zustimmung zu der vom Parlament eingebrachten Habeas-corpus-Akte (lateinisch für »Du mögest die Person haben [um sie vor Gericht zu bringen]«), die den Bürgern Schutz vor willkürlichen Rechtsverletzungen sicherte. Verhaftungen bedurften von nun an immer eines gerichtlichen Befehls.

Was war die Glorious Revolution?

Die zweite Revolution (Glorious Revolution) führte 1688 dazu, dass der franzosenfreundliche, zum Katholizismus übergetretene König Jakob II. (Reg. 1685–1688) abgesetzt wurde. Neuer Monarch wurde der vom Parlament ins Land geholte Generalstatthalter der Vereinigten Niederlande, Wilhelm III. von Oranien (Reg. 1689–1702), der Schwiegersohn Jakobs II. Zuvor musste er die Rechte des Parlaments (neben dem Recht auf Steuerbewilligung vor allem das Recht auf Gesetzgebung) anerkennen.

Wie funktionierte die absolutistische Wirtschaft?

Der so genannte Merkantilismus betrieb die staatliche Lenkung der Wirtschaft mit dem Ziel, Geldüberschüsse zur Tilgung der steigenden staatlichen Ausgaben zu erzielen. Dazu war es nötig, eine aktive Handelsbilanz zu erzielen, also mehr Waren aus- als einzuführen. Um möglichst alle Güter im Land herstellen zu können, förderte Jean-Baptiste Colbert (1619–1683) in Frankreich durch Steuerbegünstigungen die Anlage großer Manufakturen, um so Güter in arbeitsteiliger Produktion und in größeren Mengen herstellen zu können. Gegen den Merkantilismus traten in Frankreich die so genannten Physiokraten an, die den Reichtum eines Staates mit seiner Landwirtschaft erklärten, so der Begründer dieser Lehre, François Quesnay (1694–1774), und vor allem Anne Robert Jacques Baron de l'Aulne Turgot (1727–1781).

Oliver Cromwell gelang es, mit der 1651 erlassenen Navigationsakte die englische Wirtschaft erheblich zu stärken: Waren durften nur noch auf englischen oder aus den Erzeugerländern der Waren stammenden Schiffen nach England oder zu seinen Kolonien gebracht werden. Der zuvor fast konkurrenzlose holländische Zwischenhandel wurde dadurch ausgeschaltet. England stieg bis etwa 1700 zur größten See- und Handelsmacht auf.

Welche Ausprägung hatte die Kultur im Barock?

Kunst und Musik des Barock, die an den Fürstenhöfen gepflegt wurden, spiegelten deren Repräsentationsdrang und Prachtentfaltung wider. Die Kunst zeigte eine Vorliebe für leidenschaftliche Szenen mit scharfen Licht- und Schattenkontrasten, leuchtender Farbgebung und bewegter Gebärdensprache. Der Spanier El Greco (1541–1614), der römische Baumeister Gian Lorenzo Bernini (1598 bis 1680) und der flämische Maler Peter Paul Rubens (1577–1640) wirkten hier exemplarisch.

In der Musik wurde die Oper zur dominierenden höfischen Gattung. Ausgehend von Claudio Monteverdi (1567–1643) fand sie europaweit Verbreitung. Neben dem gebürtigen Italiener Jean-Baptiste Lully (1632–1687) am französischen Königshof sind hier Georg Friedrich Händel (1685–1759) als Leiter der vom englischen König subventionierten Opernakademie in London zu nennen. Den Gegenpol bildete Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), der Ruhm als Organist und Schöpfer kunstvoller Werke für die Kirche (Fugen, Kantaten, Passionen) erwarb.

Die Literatur des Barock zeichnete sich in Deutschland durch die Tendenz zur Gelehrtheit und Schwülstigkeit aus. Die französische Literatur brachte durch Orientierung an den Formgesetzen der klassischen Antike Tragödien vor allem von Pierre Corneille (1606 bis 1684) und Jean Racine (1639–1699), aber auch geistvolle Lustspiele von Molière (1622 bis 1673) und die Fabeln von Jean de La Fontaine (1621–1695) hervor.

Wann gab es die meisten Hexenverfolgungen?

Die meisten Todesurteile gegen Zauberer und Hexen wurden nicht im Mittelalter, sondern zwischen 1580 und 1650 vollstreckt. Zur Zeit des Absolutismus unterlag die Verfolgung nicht mehr geistlicher (Inquisition), sondern weltlicher Gerichtsbarkeit. Den zur Massenhysterie gesteigerten Verfolgungswahn begründete der Hexenhammer (»Malleus maleficarum«, 1486) der beiden Dominikanermönche Heinrich Institoris und Jakob Sprenger. In Frankreich wurde die Hexenverfolgung von keinem Geringeren als dem königlichen Staatsrechtler Jean Bodin (1530–1596) befürwortet, für den Hexerei das schlimmste Verbrechen überhaupt darstellte. Rationalismus und Aufklärung führten zur Entkriminalisierung des so genannten Hexenverbrechens. Kaiser Joseph II. strich 1787 den Artikel über Zauberei aus dem Strafrecht, in Frankreich wurde die Hexereigesetzgebung 1791 aufgehoben.

Wussten Sie, dass …

der kostspielige Unterhalt eines stehenden Heeres nach französischem Vorbild nicht selten durch Vermietung der Truppen mitbestritten wurde? So nahmen deutsche Soldaten zum Beispiel am Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) im Dienst des englischen Königs Georg III. teil.

die Soldaten vielfach zwangsweise zum Dienst im Ausland verpflichtet wurden? Friedrich Schiller sprach die Zwangsrekrutierungen des württembergischen Landesherren Carl Eugen unter anderem in seinem bürgerlichen Trauerspiel »Kabale und Liebe« (1784) an.

Die Aufklärung: Das Zeitalter der Vernunft

Wann begann das Zeitalter der Aufklärung?

Als Beginn der Aufklärung werden für England, Frankreich und Deutschland drei Ereignisse von unterschiedlicher politischer Tragweite genannt: 1. die Glorious Revolution (1688), die in England 150 Jahre Religions- und Bürgerkriege beendete und die parlamentarische Monarchie festigte; 2. die Aufhebung des Edikts von Nantes (1685), welche die Hugenotten vertrieb und Frankreich zum katholisch-absolutistischen Staat machte, und 3. die Einführung der deutschen (statt der lateinischen) Sprache an der Universität Leipzig (1687), wodurch in Deutschland nicht nur eine Universitätsreform, sondern auch eine allgemeine Kultur- und Gesellschaftsreform ausgelöst wurde.

Wer schuf die wissenschaftlichen Voraussetzungen?

Die Voraussetzungen für die Aufklärung wurden schon seit dem späten 16. Jahrhundert durch die neu entstehenden modernen Naturwissenschaften gelegt. So suchten der englische Mathematiker, Physiker und Astronom Sir Isaac Newton (1643–1727) und der deutsche Mathematiker Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646–1716) nach theologie- und philosophiefreier Erkenntnis und gelangten durch methodischen Vernunftgebrauch zu Gravitationsgesetz und Differentialrechnung als den neuen Grundlagen der Wissenschaften, mit denen sich die Geheimnisse der Natur enträtseln ließen.

Welche unterschiedliche Strömungen gab es?

Die Aufklärung als eine große einheitliche Bewegung gab es nicht. Mit dem die Erfahrung betonenden englischen Empirismus und dem die Vernunft betonenden französischen Rationalismus standen sich zwei erkenntnistheoretische Positionen gegenüber.

Der unter anderem von Thomas Hobbes (1588–1679), John Locke (1632–1704) und David Hume (1711–1776) geprägte Empirismus stellte die Behauptung auf, dass jedes Wissen von der begriffsfreien Erfahrung abhänge und ihrer Kontrolle unterliege. John Locke etwa verfocht in seinem »Essay Concerning Human Understanding« (1690) die Theorie, dass der menschliche Geist anfangs nur eine Art weißes Papier ist, auf dem sich aufgrund äußerer und innerer Erfahrung einfache und zusammengesetzte Vorstellungen abbilden.

Der Rationalismus hingegen, dem u. a. René Descartes (1596–1650) Baruch de Spinoza (1632–1677), Pierre Bayle (1647–1706), Voltaire und die französischen Enzyklopädisten anhingen, ging nicht nur von der logisch-gesetzmäßigen Beschaffenheit der Welt aus, sondern auch von der Existenz allgemeiner, von der empirischen Erfahrung unabhängigen Vernunftwahrheiten.

In welchem Licht betrachtete die Aufklärung die Religion?

Auf theologischem Gebiet entwickelten die Aufklärer das Konstrukt einer natürlichen Religion, die der wahren Vernunft entsprechen sollte. Ihre Religionsauffassung des so genannten Deismus ging von einem Gott aus, der nur in der Natur erfahrbar ist, weil er nach der Schöpfung weder persönlich noch durch Wunder oder Ähnliches in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Der Verstandesreligion stellte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau eine Gefühlsreligion gegenüber, die vor allem im deutschen Pietismus Spuren hinterließ.

Welche Rechts- und Staatslehre vertraten die Aufklärer?

Das aufklärerische Denken stellte folgende Rechtsprinzipien auf: 1. Jeder Mensch ist frei geboren. 2. Um Herrschaftsverhältnisse herzustellen, bedarf es eines Konsenses aller Betroffenen. 3. Der Staat beruht auf einem Gesellschaftsvertrag. 4. Der Staat muss die angeborenen Menschenrechte wie Recht auf Leben, Freiheit, Eigentum, Streben nach Glück schützen. 5. Aus den Rechten des Einzelnen ergeben sich die Grenzen der Staatsgewalt und der Gedanke der Gewaltenteilung. 6. Der Staat wird zu religiöser Toleranz (einschließlich Abschaffung von Hexenprozessen) und zu humanerem Strafvollzug (insgesamt mildere Strafen, Abschaffung der Folter, Infragestellung der Todesstrafe) verpflichtet.

Was passierte im Bildungsbereich?

Das Erziehungswesens wurde reformiert, in Deutschland etwa durch Christian Thomasius (1655–1728) und Joachim Heinrich Campe (1746–1818). Hier sollten – von der Vernunft bestimmte – sittliche Lebensweisen als Vorbild genommen, wissenschaftliche Verfahrensweisen angewendet, die praktische Ausbildung einbezogen und die Erziehung auf alle Volksschichten ausgedehnt werden. Auch Angebote der Erwachsenenbildung wurden gefordert. John Locke in England betrachtete die Privaterziehung als sein Ideal, die einen Gentleman zu einem selbständigen und sozialen Individuum heranbildet.

Was veränderte sich in der Literatur?

Der aufklärerischen belletristischen Literatur ging es wesentlich um die Verbreitung von verstandesmäßigem und tugendhaftem Handeln. Wichtige Gattungen wurden das bürgerliche Trauerspiel (Gotthold Ephraim Lessing) und der bürgerliche Roman (Daniel Defoe), dazu kleinere lehrhafte Formen wie Lehrgedicht (Alexander Pope, Albrecht von Haller), Fabel und Satire (Jonathan Swift). So genannte Moralische Wochenschriften brachten philosophisches Gedankengut auf allgemein verständliche Weise unters Volk. Der Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781) verfasste mit seiner Ringparabel in »Nathan der Weise« (1779) ein Plädoyer für Toleranz und Humanität.

Wie wurden Musik und Kunst beeinflusst?

Auch hier lassen sich im 18. Jahrhundert aufklärerische Tendenzen nachweisen: So ist der empfindsame, galante frühklassische Musikstil mit seinem deutschen Hauptvertreter Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788) geprägt von der Forderung nach Vernunft, Natürlichkeit und gutem Geschmack. Die gesellschaftskritische und zugleich satirische Kunst des englischen Malers und Kupferstechers William Hogarth (1697–1764) entstand aus aufklärerischen Zielen.

Was war das zentrale Werk der Aufklärung?

Das Hauptwerk der französischen Aufklärung ist das 35-bändige Lexikon aller Wissenschaften, Künste und Berufe, das zwischen 1751 und 1780 unter dem Titel »Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers par une société de gens de lettres« erschien. Als Übersetzung der zweibändigen englischen Enzyklopädie von Ephraim Chambers (1728) geplant, wurde daraus unter der Leitung von Jean Le Rond d'Alembert (1717–1783) und Denis Diderot (1713–1784) ein eigenständiges Werk, an dem fast 200 Autoren mitwirkten. Wie brisant die Texte der »Enzyklopädie« damals waren, zeigt, dass Diderot wegen freigeistiger Äußerungen für einige Monate im Gefängnis saß.

Wer griff die Ideen der Aufklärung auf?

Die Kritik am Bestehenden und der Wille zu Reformen fand beim Bürgertum großen Anklang. Die Begriffe »Vernunft« und »Freiheit« wurden zu Waffen gegen die herrschenden geistlichen und adeligen Mächte. Mitte des 18. Jahrhunderts politisierten und radikalisierten sich in Frankreich die aufklärerischen Ideen. Weil die Aufklärer hier in grundsätzlicher Opposition zum gesellschaftlichen, religiösen und politischen System standen, lebten sie oft ein Doppelleben: nach außen angepasst, in ihrer privaten Überzeugung revolutionär. Das Spektrum reichte bis zu Skeptizismus, Atheismus und Materialismus.

Wie war das Verhältnis zum Absolutismus?

Absolutistische Herrscher waren eine Art Negativfolie der Aufklärung: Wo die Aufklärer Vernunft, Freiheit und Tugend predigten, lebten die Monarchen ihren Untertanen Unvernunft, Unfreiheit und Unmoral vor. Die meisten Philosophen der Aufklärung versuchten, den Absolutismus im eigenen Sinne zu verbessern – als aufgeklärten Reformabsolutismus. Berühmtestes Beispiel war Voltaire, der sich 1750–1753 auf Einladung König Friedrichs II. als Gast auf Schloss Sanssouci in Potsdam aufhielt. Nur wenige, wie etwa Jean Meslier (1664–1733) in seinem politischen Testament »Mémoire des pensées et des sentiments de Jean Meslier«, wählten die radikalere Methode, die absolute Monarchie als Despotismus oder Tyrannei zu verdammen, um für einen generellen Umsturz zu kämpfen.

Welche politischen Auswirkungen gab es?

Die Ideen der Aufklärung führten in letzter Konsequenz zum Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) und zur Französischen Revolution (1789) und bedingten den Liberalismus des 19. Jahrhunderts. Die Französische Revolution war gleichzeitig Höhe- und Endpunkt der Aufklärung. Zwar entsprach die Verkündung der Menschenrechte den Forderungen der Aufklärung, doch ließen sich im weiteren Verlauf der Revolution blutiger Terror und französisches Vormachtstreben nicht mehr mit ihr vereinbaren.

Wussten Sie, dass …

Jean-Jacques Rousseau wegen der Verbreitung einer Natur- und und Gefühlsreligion im »Émile« (1762) jahrelang politisch verfolgt wurde? »Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts« (ebenfalls 1762) wurde ebenfalls verboten.

Rousseaus »Julie oder Die neue Héloïse« (1761) eine ganze Reihe von Briefromanen in Europa nach sich zog? Der bekannteste deutsche Vertreter ist Goethes »Die Leiden des jungen Werther«.

Wussten Sie, dass …

die Strömung des Materialismus das gesamte Weltgeschehen als Wirkung des Stoffs und seiner Bewegung erklärte? Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) etwa beschrieb den Menschen in seinem Hauptwerk »L'homme machine« (1747) als einen Mechanismus ohne eigenständige Seele und ohne Freiheit.

Was hatte Jean-Jacques Rousseau Voltaire voraus?

Der am 28.6.1712 in Genf geborene Rousseau wirkte nicht nur als aufklärerischer Philosoph und Schriftsteller, sondern auch als Komponist und Musiktheoretiker (Musikbeiträge für die »Encyclopédie«). Der Sohn eines kalvinistischen Uhrmachers kam früh nach Frankreich, konvertierte zum Katholizismus (1754 Rückkehr zum Kalvinismus) und wurde 1750 schlagartig bekannt mit einer »Abhandlung über die Wissenschaften und Künste«, in der er deren positiven Einfluss auf die Moral verneinte. Seine Hauptwerke entstanden Anfang der 1760er Jahre in Paris: der Briefroman »Julie oder Die neue Héloïse« (1761), »Émile oder Über die Erziehung« und »Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts« (beide 1762). Rousseau starb am 2.7.1778 in Ermenonville/Senlis.

Wussten Sie, dass …

Immanuel Kant (1724 bis 1804) die Aufklärung auf eine griffige Formel brachte? »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.«

Wie wurde Voltaire zum bekanntesten französischen Aufklärer?

Voltaire wurde am 21.11.1694 als François-Marie Arouet in eine Pariser Juristenfamilie geboren, lernte 1726–1729 in England Isaac Newtons Mechanik und John Lockes Empirismus kennen, wurde 1746 Mitglied der Académie française und lebte 1750–1753 auf Einladung Friedrichs II. auf Schloss Sanssouci in Potsdam. In seinen philosophischen Vorstellungen, die u. a. in seine Artikel für die französische »Encyclopédie« eingeflossen sind und wesentlich von der englischen Aufklärung geprägt sind, trieb er in Frankreich den Prozess der aufklärerischen Bewusstseinsbildung wie kein zweiter voran und wurde nach seinem Tod am 30.5.1778 in Paris als Held der Französischen Revolution ins Panthéon überführt. Bekannt ist auch sein satirischer Roman »Candide oder Der Optimismus« (1759).

Preußen und Österreich: Der Deutsche Dualismus

Warum war die Machtverteilung in Europa instabil?

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) hatte sich Frankreich als Führungsmacht etabliert und sein Territorium bis zum Rhein ausgedehnt. Das Haus Habsburg aber, der mächtige Widerpart, seit 1556 in eine spanische und eine österreichische Linie zerfallen, war in männlicher Thronfolge 1740 ganz ausgestorben. Maria Theresia musste um die Rechtmäßigkeit der Thronfolge in den habsburgischen Ländern den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) führen.

Im nördlichen Mitteleuropa herrschte somit ein Machtvakuum: Der Einfluss Österreichs endete mit den katholischen Konfessionsgrenzen, Polen und Schweden (mit seinem Landbesitz in Norddeutschland) zeigten eine zunehmende politische Schwäche. Das Geschlecht der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen nutzte diese Chance. Es entwickelte sich der so genannte Deutsche Dualismus: der Gegensatz der beiden deutschen Mächte Preußen und Österreich.

Welche Gebiete besaßen die Hohenzollern?

Die brandenburgische Linie des Geschlechts der Hohenzollern verfügte im 17. Jahrhundert über weit verstreute Territorien: Kurbrandenburg in Mitteldeutschland mit den Zentren Berlin und Potsdam, die kleinen Grafschaften Kleve, Mark und Ravensberg am Unterrhein, Hinterpommern sowie das außerhalb des Heiligen Römischen Reichs gelegene Herzogtum Preußen am nordöstlichen Rand des deutschen Sprachgebiets.

Wann begann Preußens Aufstieg zur Großmacht?

Es begann mit einem symbolischen Akt: Am 18. Januar 1701 krönte sich der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. (Reg. 1688 bis 1713) eigenhändig zum »König in Preußen« (als Friedrich I.). Sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I. (Reg. 1713 bis 1740) machte das Königtum zur absoluten Monarchie mit militärischer Ausrichtung, was ihm den Beinamen »Soldatenkönig« einbrachte. Um die weit auseinander liegenden Gebiete sichern zu können, wurde aufgerüstet: 1740 nahm Preußen hinsichtlich seiner Fläche zwar nur den zehnten Platz ein, aber mit seinem straff organisierten stehenden Heer aus 76 000 Soldaten stand es an vierter Stelle in Europa.

Wie groß war das Herrschaftsgebiet Österreichs?

Das Haus Österreich, eine Union der habsburgischen Länder mit dem Kaiser zu Wien als Oberhaupt, umfasste neben den deutschen Erblanden mit dem Erzherzogtum Österreich und den Herzogtümern Steiermark, Kärnten, Krain und der Grafschaft Tirol auch das Königreich Böhmen mit der Markgrafschaft Mähren, das Herzogtum Schlesien und das Königreich Ungarn – ein großes, zusammenhängendes Gebiet. Hinzu kamen seit 1708 das Herzogtum Mantua und seit 1714 das Herzogtum Mailand sowie die Spanischen Niederlande. Allerdings geriet Österreich im Gegensatz zu Preußen, das ein rigides und einträgliches Steuersystem eingeführt hatte, in die Staatsverschuldung.

Warum war die Erbfolge Österreichs strittig?

Nachdem Karl VI. durch Wahl seinem Bruder Joseph I. (Reg. 1705–1711) als Kaiser nachgefolgt war, verkündete er zwar 1713 die Pragmatische Sanktion, ein Gesetz, in dem er seinen Töchtern bei der Erbfolge Vorrang vor den Töchtern seines Bruders einräumte und die Unteilbarkeit der habsburgischen Länder festlegte. Bei Einholung einer Reichsgarantie für die Pragmatische Sanktion auf dem Regensburger Reichstag 1731/32 stimmten die Reichsstände aus Bayern und Sachsen aber nicht zu. Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (Reg. 1726–1742, danach 1742–1745 als römisch-deutscher Kaiser Karl VII.) erhob eigene Erbansprüche.

Wie verwickelte Preußen die Habsburger in Kriege?

Auslöser für den Österreichischen Erbfolgekrieg (bis 1748) wurde der Einmarsch des Preußenkönigs Friedrich II. (Reg. 1740 bis 1786) im Dezember 1740 in die reiche österreichische Provinz Schlesien – kaum zwei Monate nach dem Tod des römisch-deutschen Kaisers Karl VI. In der Folge führte Preußen in dichter Folge drei Kriege (1740–1742, 1744/45 und 1756–1763), die das Land in eine schwere Bedrängnis brachten. Im Ersten Schlesischen Krieg konnte sich Preußen mit Frankreich verbünden und Ober- und Niederschlesien sowie die Grafschaft Glatz gewinnen. Parallel dazu verbündeten sich im Erbfolgekrieg Österreich und Großbritannien gegen eine Allianz aus Bayern und Franzosen. Auch den Zweiten Schlesischen Krieg löste Friedrich II. aus, diesmal 1744 durch Einmarsch in Böhmen. Nach Siegen gegen Österreich wurde ihm im Frieden von Dresden der Besitz Schlesiens bestätigt. Dafür erkannte er den Gemahl Maria Theresias, Franz Stephan von Lothringen, als Kaiser an. Der Österreichische Erbfolgekrieg weitete sich 1746 zum internationalen Konflikt zwischen Großbritannien und Frankreich um ihre kolonialen Besitzungen aus. Im Friede von Aachen (1748) erreichte Österreich allerdings endgültig die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion.

Wer bekämpfte sich im Siebenjährigen Krieg?

Im Dritten Schlesischen oder Siebenjährigen Krieg (1756–1763) trat Friedrich II. gegen eine Koalition aus Österreich, Russland, Frankreich, Schweden und den meisten (auch protestantischen) Reichsfürsten an. Auf der Seite Preußens stand nur Großbritannien, dessen Könige seit 1714 aus dem welfischen Haus Hannover stammten. Zum Hauptkriegsschauplatz sollten die Weltmeere und der Hauptantrieb der Kampf um die Kolonialreiche in Amerika und Asien werden. Es handelte sich beim Siebenjährigen Krieg eigentlich um den ersten Weltkrieg der Geschichte.

Welche Kriegsziele verfolgte Österreich?

Österreich wollte in dem Kontinentalkrieg unter Führung seines als Außenminister tätigen Staatskanzlers Wenzel Anton Graf von Kaunitz (1711–1794) gegen Preußen die alte Stellung im Reich zurückgewinnen. Als wichtigster Verbündeter dazu wurde Russland hinzugezogen, mit dem seit 1746 ein Pakt bestand. Zarin Elisabeth (Reg. 1741–1762) war eine erbitterte Feindin des Preußenkönigs und zwecks Beherrschung der Ostsee interessiert an Ostpreußen. Der größte Coup gelang Kaunitz allerdings, indem er Frankreich, den alten Todfeind der Habsburger, aufgrund des preußisch-britischen Bündnisses auf seine Seite zog. Preußen, nunmehr von allen Seiten umstellt (im Norden kamen noch die Schweden dazu), schien eine leichte Beute zu sein.

Wer blieb im Siebenjährigen Krieg Sieger?

Das kleine Preußen konnte diesen Krieg weit gehend für sich entscheiden. Hauptgründe dafür waren der eiserne Willen und das Feldherrengenie Friedrichs II., mit dem er sein auf 154 000 Mann gesteigertes, hart diszipliniertes und ausgezeichnet bewaffnetes Heer befehligte: Er setzte zunächst auf angriffsweise Verteidigung sowie schnelle, vernichtende Schläge gegen Österreich. Er griff an ohne vorherige Kriegserklärung und ohne das Aufrüsten der Gegner abzuwarten. Ende August 1756 rückte er in Sachsen ein. Ab 1759 geriet er zwar in die Defensive, doch hielten sich die Landverluste in Grenzen. Am Ende kam Friedrich noch das Kriegsglück entgegen: Zarin Elisabeth starb und ihr Nachfolger Peter III. (Reg. 1762) schloss sofort Frieden.

Noch überzeugender als Preußen im Kontinentalkrieg setzte sich Großbritannien im gleichzeitig geführten See- und Kolonialkrieg durch. Im Frieden von Paris (1763) musste Frankreich auf sein gesamtes amerikanisches Kolonialreich verzichten: Kanada und das Land östlich des Mississippi gingen an die britische Krone, das Land westlich davon an Spanien. Großbritannien wurde zur wichtigsten Kolonialmacht und zur Beherrscherin der Weltmeere.

Was passierte in den drei Polnischen Teilungen?

Preußen, Österreich und zusätzlich Russland teilten zwischen 1772 und 1795 das Königreich Polen unter sich auf. Dazu verstrickten sie die zerstrittenen polnischen Adelsparteien in einen Bürgerkrieg. Bei der ersten Polnischen Teilung gelang Preußen die territoriale Verbindung zwischen Brandenburg und Hinterpommern im Westen und dem Herzogtum Preußen im Osten: Es gewann Westpreußen, Netzedistrikt sowie Kulmerland und Ermland hinzu. Österreich nahm sich das Königreich Galizien und Lodomerien (Rotrussland), Russland annektierte das Gebiet östlich der Flüsse Düna und Dnjepr.

Unter Kaiser Leopold II. (Reg. 1790 bis 1792) erklärte Österreich seinen Verzicht auf die Gebietserwerbungen aus dem Türkenkrieg (1787–1792), Preußen im Gegenzug auf Expansionspläne auf polnischem Gebiet. Doch nach dem Tod des Kaisers kam es 1792 zur zweiten Polnischen Teilung, die Preußen Südpreußen einbrachte. Bei der dritten Teilung (1795) geriet auch der Rest Polens unter Fremdherrschaft: Während sich Russland den Rest des östlichen Teils sicherte, schlossen nun Preußen und Österreich durch den Zugewinn von Neu-Ostpreußen und West-Galizien unmittelbar aneinander an.

Was waren die wichtigsten Daten in Maria Theresias Regierungszeit?

Von ihrem Vater Kaiser Karl VI. nach dessen Tod 1740 als Erbin des Hauses Österreich eingesetzt, begründete die am 13.5.1717 in Wien geborene Maria Theresia durch Heirat mit Herzog Franz Stephan von Lothringen 1736 die Linie Habsburg-Lothringen. Die Kaiserwürde für ihren Gemahl (ab 1745 als Franz I.) bewirkte, dass sie selbst in der Folge als Kaiserin bezeichnet wurde. Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) behauptete sie ihre Thronrechte, in den Schlesischen Kriegen (1740–1742, 1744/45) und im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) verlor sie Schlesien an Preußen. Mit der Außenpolitik betraute sie Wenzel Anton Graf von Kaunitz, der 1772 gegen ihren Willen die Landgewinne aus der ersten Polnischen Teilung einstrich. Sie setzte bedeutende Reformen in Heer, Verwaltung und Finanzen durch, milderte die Lasten für die Bauern und schaffte die Folter ab. Maria Theresia starb am 29.11.1780 in Wien.

Wussten Sie, dass …

der »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm I. (Reg. 1713–1740) das Volk mit aller Härte in die Pflicht nahm? Er legte den Grundstein für den preußischen Obrigkeitsstaat: »Man muss mir mit Leib und Seele, mit Hab und Gut, mit Ehr und Gewissen dienen und alles daran setzen als die Seligkeit; die ist vor Gott«, lautete seine Forderung.

Wussten Sie, dass …

Zar Peter III., ein Bewunderer Friedrichs II., wenige Wochen nach seinem Friedensschluss 1762 mit dem Preußenkönig auf Betreiben seiner Gemahlin Katharina II. (die Große, Reg. 1762 bis 1796) gestürzt und ermordet wurde? Russland blieb dennoch in der Folgezeit dem Krieg fern.

der wichtigste englische Mann im Kolonialkrieg während des Siebenjährigen Krieges der britische Premierminister William Pitt d. Ä. (Reg. 1756–1761 und 1766 bis 1768) war? Von ihm ist der Ausspruch überliefert, dass Kanada in Deutschland erobert worden sei. Da Frankreich, auch auf dem Festland gefordert war, fehlten die Kapazitäten zur Verteidigung der Kolonien.

Wie festigte Friedrich II. die Großmachtstellung Preußens?

Der am 24.1.1712 in Berlin geborene Friedrich wurde von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. arg gedrillt, versuchte 1730 zu fliehen und wurde vor ein Kriegsgericht gestellt. Nach Aussöhnung mit dem Vater erhielt er 1732 eine selbständige Hofhaltung in Rheinsberg. Obwohl er zuvor die humanitären Ideen der Aufklärung als moralische Richtschnur für den Fürsten dargestellt hatte, begann er nach seinem Regierungsantritt 1740 den ersten von drei Eroberungskriegen um das österreichische Schlesien. Innenpolitisch festigte er den durch seinen Vater geschaffenen Militär- und Verwaltungsstaat mit seinem merkantilistischen Wirtschaftssystem. Er verstand sich als »erster Diener des Staates« und verpflichtete den Beamtenstand zu unbedingtem Gehorsam. Friedrich starb am 17.8.1786 in Potsdam.

Unabhängigkeit der USA: Befreiung aus der Kolonialherrschaft

Warum wurden die Kolonien in Amerika gegründet?

Mit der Gründung von Jamestown (Virginia) im Jahr 1607 begann die Geschichte der Kolonien englischer Auswanderer an der Atlantikküste von Nordamerika, die bis 1700 rund 350 000 Neusiedler zählten. Geflohen waren die Briten aus ihrer Heimat vor allem aus religiösen Gründen. In England als Puritaner verfolgt, erhofften sie sich Freiheit für ihre Glaubensausübung. In Massachusetts errichteten sie ein Staatswesen, in dem sie nur ihre eigene Konfession gelten ließen. Nichtpuritanische Gebiete wie Maryland, Pennsylvania, Rhode Island und Connecticut übten hingegen religiöse Toleranz.

Was führte zum Konflikt mit dem Mutterland?

Die englische Krone versuchte, die anfänglich garantierte Selbstverwaltung aufzuheben, um die Kolonien zur Abtragung eigener Schulden als Rohstofflieferanten und Handelspartner auszubeuten. Die Spannungen eskalierten, als das britische Parlament immer neue Zölle und Stapelrechte einführte. Die Auseinandersetzungen erreichten 1765 mit der Einführung der Stempelsteuer für Urkunden, Zeitungen und Bücher einen ersten Höhepunkt. Der Stempelsteuerkongress lehnte die Steuer als ungesetzlich ab, da die Kolonien keine Stimme im britischen Parlament hatten. Daraufhin wurde die Steuer zwar aufgehoben, aber durch neue Zölle ersetzt. Unruhen und der Boykott englischer Waren folgten. Die Briten nahmen alle Zölle bis auf den Teezoll zurück. Zum offenen Aufruhr aller Kolonien kam es nach der Boston Tea Party 1773, als Kolonisten eine Schiffsladung ostindischen Tees im Meer versenkten.

Wann begann der Unabhängigkeitskrieg?

Der eigentliche Unabhängigkeitskrieg der britischen Kolonien von ihrem Mutterland brach im April 1775 mit dem Überfall kolonialer Milizen auf königliche Truppen bei Lexington (Massachusetts) aus. George Washington (1732–1799) hatte als Oberbefehlshaber nicht nur gegen die um Söldner verstärkten Truppen König Georgs III. (Reg. 1760–1820), sondern auch gegen eine starke Opposition loyaler Anhänger der britischen Krone in den Kolonien selbst zu kämpfen. Nach Vertreibung der Briten vom amerikanischen Boden beschlossen die Kolonien 1776 die zuvor vor allem von dem Publizisten Thomas Paine (1737–1809) propagierte Unabhängigkeit.

Welche Verbündeten hatte Amerika?

Frankreich, das 1778 als erstes Land die amerikanische Unabhängigkeit anerkannte, unterstützte ab 1780 deren Durchsetzung durch Material, Truppen (unter La Fayette) und Schiffe. Dem folgenden Kaperkrieg der Briten gegen die Franzosen stellte sich ein Bündnis aus Russland, Preußen, den Niederlanden, Spanien, Portugal, Österreich und den skandinavischen Staaten entgegen. Im Herbst 1781 konnten amerikanisch-französische Streitkräfte die Briten bei Yorktown (Virginia) zur Kapitulation zwingen. Die Franzosen vermittelten dann den Frieden von 1783.

Wie wurde die Unabhängigkeit erreicht?

Ihre Unabhängigkeit erklärten die Kolonien 1776 in Philadelphia eigenmächtig und gegen den Widerstand von Georg III. 1778 fanden sie Zustimmung bei Frankreich, der sich Spanien und die Niederlande anschlossen. Doch erst mit dem Frieden von Paris von 1783 zwischen Großbritannien und den USA beugte sich auch England der Loslösung seiner Kolonien. Es behielt nur Kanada.

Wie begründeten die Kolonisten ihre Unabhängigkeit?

Am 4.7.1776 verkündeten Vertreter von zwölf britischen Kolonien auf dem amerikanischen Festland in Philadelphia ihre Unabhängigkeit (New York, die 13. Kolonie, unterzeichnete die Erklärung nachträglich). In dem Dokument stellten sie, ausgehend von den Menschenrechten, einen Katalog von Rechtsvergehen auf, durch welche die britische Regierung ihren Herrschaftsanspruch über die Kolonien verwirkt habe. Alleinige Quelle rechtmäßiger Regierungsgewalt sei das Volk als Souverän.

Wussten Sie, dass …

der Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der 4. Juli, Nationalfeiertag der USA ist? In New York zum Beispiel wird der »Fourth of July« jedes Jahr mit einer großen Konfettiparade gefeiert.

die amerikanische Unabhängigkeitserklärung den Bürgern das Recht auf »das Streben nach Glück« garantiert? Dieses Recht wurde auch in die Verfassung aufgenommen.

Wie wurde George Washington zum ersten Präsidenten der USA?

Der amerikanischer General und Politiker George Washington spielte eine herausragende Rolle im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und empfahl sich dadurch für politische Ämter. Geboren wurde er am 22.2.1732 in Wakefield (Virginia). Der Spross einer begüterten Pflanzerfamilie führte bereits 1754 Kolonialtruppen aus Virginia gegen die Franzosen und wurde 1775 auf dem zweiten Kontinentalkongress zum Oberbefehlshaber der vereinigten Kolonialmilizen ernannt, die mit französischer Unterstützung den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gewannen. 1787 Vorsitzender des Verfassungskonvents, wurde Washington 1789 zum ersten Präsidenten der USA gewählt. Das Amt gab er nach acht Jahren (1797) freiwillig ab. Washington starb am 14.12.1799 in Mount Vernon (Virginia).

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