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Hör, was du willst!

Fast scheint es, als ob unsere Ohren ihr Recht einfordern, nur noch das zu hören, was sie hören wollen. Dem täglichen Konzert aus Klingeltönen, Handygesprächen und penetrant plingenden Popups kann man sich immer schwerer verweigern.

von Ariane Greiner

Vielleicht ist es kein Zufall, dass seit einigen Jahren gerade diejenigen Unterhaltungsmedien immer beliebter werden, die vor der aus allen Richtungen auf uns einströmenden Dauerberieselung schützen und unsere ganze Aufmerksamkeit fordern: die Rede ist von Hörbüchern und Hörspielen.

 

Auf Macher-Seite hat sich in den letzten Jahren viel getan – nicht zuletzt bedingt durch neue Technologien, die das eigenständige Produzieren eines Hörspiels einfacher und billiger gemacht haben. Vergleichbar etwa dem Produzieren elektronischer Musik am heimischen Computer, haben sich die Grenzen zwischen Laie und Profi auch bei den Hörspielmachern verwischt. Bernhard Hermann, der Hörfunkdirektor des Südwestrundfunks, spricht von einer „neuen Hörspielgeneration“, die sehr spontan und experimentierfreudig mit den Möglichkeiten der Technik umgehe. Die Bandbreite reicht von experimentellen Soundcollagen bis hin zum ‚klassischen’ Erzählen kurzer Geschichten.

 

Für das Stück „Akustische Stadtpläne“ beispielsweise haben vier Musiker die Alltagsgeräusche zweier Hafenstädte gesammelt, Rostock und Quebec City, und alles zu einer musikalischen Städtewanderung verwoben. Ganz anders das Stück des Musikwissenschaftlers und -lehrers Clemens von Reussner: In seinem satirischen Stück "Endlich die Wahrheit über Beethovens V." nimmt er mit der Figur des verstaubt dozierenden Professor Brotich die eigene Zunft aufs Korn und erklärt, dass das berühmte Kopfmotiv der Sinfonie in Wirklichkeit gar nicht des Meisters Idee war, sondern der Manipulation seines gewinnsüchtigen Verlegers zu verdanken ist.

 

Die Vielfalt, Originalität und Experimentierfreude der neuen Hörspielmacher spricht vor allem jüngere Hörer und die Studenten-Szene an, wie man auf Veranstaltungen wie dem Leipziger Hörspielsommer, dem PLOPP! Wettbewerb oder bei Hörspiel-Lesungen in größeren Städten immer wieder beobachten kann.

 

Die Bandbreite der Szene hat allerdings neben dem großen kreativen Potenzial auch einen profaneren Grund: Ein großer Teil der etwa 300 freien Hörspiel-Produzenten arbeitet „nur“ aus Leidenschaft, soll heißen: ohne Bezahlung. Das ist die traurige Kehrseite der künstlerischen Selbstbestimmtheit, das heißt der Weigerung, sich einem Massengeschmack zu unterwerfen. Es ist das alte Lied von Klasse vs. Masse.

 

Umso wichtiger, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den jungen Talenten ein Forum bieten, etwa durch Wettbewerbe wie die ARD-Hörspieltage, auf denen sie einem breiten Publikum zeigen können, wie Hörspiel auch sein kann: anarchisch, mutig – und unbedingt selbstbestimmt.

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